von Elmar Vieregge
   

Eskalation in der Fanszene des MSV Duisburg – Eine Schlägerei weist auf Rechts-Links-Auseinandersetzungen im deutschen Fußball hin

Am 19. Oktober ereignete sich nach dem Heimspiel des Fußballdrittligisten MSV Duisburg gegen den 1. FC Saarbrücken eine Schlägerei innerhalb der Duisburger Fanszene. Dabei wurde die Ultra-Gruppierung „Kohorte“ angegriffen, nachdem diese sich zuvor mit antifaschistischen Ultras aus Braunschweig solidarisiert hatte. Den Gewaltausbruch werteten die Medien als Ausfluss rechtsextremistischer Aktivitäten. Er weist aber auch auf eine bei mehreren Vereinen bestehende Politisierung kleinerer Fankreise sowie damit einhergehende Konflikte und sogar Rechts-Links-Auseinandersetzungen im deutschen Fußball hin.

Foto: Kohorte Duisburg

1. Was ist passiert?

Nach Darstellung der Printmedien haben rechtsextremistische Hooligans der „Division Duisburg“ mit anderen Personen, darunter Dortmunder Neonazis, die linksorientierten Angehörigen der Ultra-Gruppe „Kohorte“ vor dem Stadion angegriffen. Der „MSV Duisburg“ reagierte darauf mit einer Erklärung, in der sich der Verein gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit positionierte, sein Entsetzen über die Schlägerei äußerte und jegliche Gewaltanwendung verurteilte. Darüber hinaus bekundete der Club seinen Willen, den Vorfall in Zusammenarbeit mit der Polizei „lückenlos aufzuklären“.

2. Was erschwert die Bewertung?

Bei der Einschätzung derartiger Auseinandersetzungen ergeben sich jedoch die Schwierigkeiten, dass die Beteiligten häufig die Öffentlichkeit scheuen, sich nach Eskalationen nicht zum eigenen Anteil bekennen und stattdessen ihre Gegner als Alleinverantwortliche darstellen. Dabei entspricht die Scheu vor der Öffentlichkeit einerseits dem üblichen Verhalten der an sich nicht politisch radikalisierten Ultraszene, die sich durch eine zuweilen undifferenzierte Medienberichterstattung diffamiert sieht. Andererseits vermeiden gewalttätige und/oder rechtsextremistische Fans eine zu offene Agitation aus Sorge vor Repressionen, während antifaschistische Gruppen eine über den Kampf gegen Rassismus und Intoleranz hinausgehende Zielrichtung verbergen. Dementsprechend gestaltet sich die Informationslage – wie im aktuellen Fall – häufig unübersichtlich.

3. Der engere Hintergrund - Duisburg

Zunächst veröffentlichten die vom Angriff betroffenen „Kohorte Ultras“ auf ihrer Internetpräsenz eine Stellungnahme und schilderten den Hintergrund des Konflikts innerhalb der heimischen Fanszene aus ihrer Sicht. Darin gaben sie an, sich gegen Rassismus und Diskriminierung einzusetzen, weswegen sie bereits in der jüngeren Vergangenheit bedroht wurden. Unter diesem Eindruck und eines für sie ungünstigen Kräfteverhältnisses erklärten die „Kohorte Ultras“ vor einiger Zeit, auf politische Aktivitäten in der Kurve zu verzichten. Während des Heimspiels gegen Saarbrücken präsentierten sie jedoch ein Spruchband mit der Aufschrift „Täter-Opfer-Rolle vertauscht? Schäm dich Eintracht Braunschweig“. Damit bezogen sie sich auf die „Ultras Braunschweig“, da diese nach „tätlichen Angriffen durch andere Eintracht-Fans durch den Verein verboten“ worden seien. Den Angriff auf ihre Gruppe bewerteten sie als Reaktion auf dieses Spruchband. Als Angreifer beschuldigten sie „Mitglieder der Gruppen ‚Division Duisburg’ und ‚Proud Generation Duisburg’ … unter Hinzuziehung von Mitgliedern des ‚Nationalen Widerstand Duisburg’ und Führungspersonen des mittlerweile verbotenen ‚Nationalen Widerstand Dortmund’.“

Auf diese Anschuldigung reagierte die „Proud Generation Duisburg“ mit der Erklärung, dass sich ihre vor dem Stadion anwesenden Mitglieder nicht an den Gewalttätigkeiten beteiligt haben. Zudem verwies sie darauf, dass die „Kohorte Ultras“ die Ebene der gemeinsamen Unterstützung des Vereins zugunsten eigener Ambitionen verlassen und sich dadurch isoliert haben sollen. Darüber hinaus bekundete sie, Rassismus abzulehnen, bestritt eine rechtsextremistische Ausrichtung und warf den „Kohorte Ultras“ vor, sich des Rechtsextremismusvorwurfs zu bedienen, um sie durch einen „medialen Druck als Täter darzustellen.“

Die „Division Duisburg“ hingegen erklärte sich nicht. Sie hätte jedoch, falls der Vorwurf eines rechtsextremistischen Hintergrundes nicht zuträfe, ein Interesse an einer ausführlichen Gegendarstellung haben müssen. In ihrer Internetpräsenz präsentierte sie sich hingegen in einer für Hooligans typischen Weise durch ein Gruppenfoto mit unkenntlich gemachten Gesichtern, geschlossenen Fäusten und angespannten Muskeln. Zudem schmückte sie ihr Logo mit einem Eisernen Kreuz.

4. Der weitere Hintergrund - Braunschweig

Während ein sich bereits länger entwickelnder Konflikt im Duisburger Fanlager bestand, ergab sich durch den Bezug auf die in Braunschweig eskalierende Lage ein weiter gehender Hintergrund. Auf dessen Erläuterung verzichteten die „Kohorte Ultras“ jedoch in ihrer Stellungnahme. Stattdessen stellten sie die „Ultras Braunschweig“ lediglich als Opfer von Angriffen aus der Fanszene sowie von Sanktionen des Vereins „Eintracht Braunschweig“ dar. Allerdings hatte sich diese Gruppe aber innerhalb der eigenen Szene unter anderem durch eine nicht auf den Fußball begrenzte Agitation unbeliebt gemacht. So hatten deren auch als „Antifa Ultras“ aufgetretene Angehörige zu Protesten gegen nicht in einem Fußballzusammenhang stehende rechtsextremistische Demonstrationen aufgerufen oder Spruchbänder mit der Parole „Deutschland, nur ein kranker Gedanke“ präsentiert. Nachdem die durch ihr Verhalten innerhalb der eigenen Fanszene isolierten „Ultras Braunschweig“ Ziel mehrerer Attacken geworden waren und sich nicht an Anordnungen von „Eintracht Braunschweig“ gehalten hatten, untersagte der um die Sicherheit im Stadion besorgte Verein deren weiteres Auftreten als Gruppe.

5. Bewertung

Die „Kohorte Ultras“ haben mit ihrem Spruchband einen Bezug zu den „Ultras Braunschweig“ hergestellt. Damit haben sie sich nicht nur mit diesen solidarisiert, sondern den Konflikt einer anderen Fanszene in der eigenen Kurve thematisiert. Bei der Schlägerei vor dem Stadion handelt es sich zunächst um eine Auseinandersetzung innerhalb einer Duisburger Fanszene, bei der nach erstem Informationsstand auch Rechtsextremisten auf linksorientierte Ultras einschlugen. Darüber hinaus kann die Gewalttat mit ähnlich gelagerten Auseinandersetzungen in verschiedenen Fußballszenen verglichen werden. Diese entwickelten sich im Zusammenhang mit politischen Aktivitäten linker Ultra-Gruppierungen innerhalb ihrer Kurven und daraufhin erfolgten Angriffen von schwer einschätzbaren Personengruppen. Dies ereignete sich unter anderem innerhalb der Anhängerschaften von „Werder Bremen“, „Alemannia Aachen“ und „Eintracht Braunschweig“.

6. Ausblick

In der deutschen Fußballfanszene besteht bei einigen Vereinen ein Eskalationspotenzial durch die Vermischung rein vereinsbezogener Aspekte mit einem polarisierenden politischen Engagement. Darin können bedingungslos ihren Clubs verbundene Fußballfans eine Einflussnahme sowie eine Störung des Supports sehen und sich mit gewalttätigen Gegnern dieser Aktivitäten solidarisieren. Dabei besteht die Gefahr, dass es zu einem Zusammenwirken mit rechtsextremistischen Fans kommen kann, insbesondere wenn diese nicht primär als politische Aktivisten, sondern als lang bekannte Vereinsanhänger auftreten. Im Duisburger Fall bleibt abzuwarten, inwieweit es gelingt, die Gemengelage aus wechselseitigen Anschuldigungen sowie der Überlagerung von Fanleben und politischem Engagement aufzuklären.

Kommentare(1)

Roichi Dienstag, 05.November 2013, 11:21 Uhr:
Zur Ergänzung.
http://aktive-fans.de/
http://ronnyblaschke.de/
http://blog.fc-poppe.de/

Und vor allem um das Themengebiet asureichender zu beleuchten.
Mir fehlt im Artikel die Auseinandersetzung mit den "unpolitischen" aber eben dann doch immerwieder rechten Anhängern der Clubs, die den "Kurvenfrieden" anführen, aber eigentlich nur nicht gestört werden wollen in ihrem rechten Ansinnen. Auch fehlt mir die Auseinandersetzung mit der Frage, warum eine Fangruppe, die sich als Antirassistisch begreift sich selbst in der Szene isolieren soll.
Die Auseinandersetzungen in der Fanszene sind ja nun wirklich nicht neu ebenso wie die Hintergründe.
 

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