von Tim Schulz
   

Eskalation bei Neonazi-Aufmarsch in Dresden

Am Samstag demonstrierte Gerhard Ittner erneut in Dresden. Der bekannte Rechtsextremist scheint seine Aufmärsche zur Bombardierung Dresdens längerfristig etablieren zu wollen. Einmal mehr versammelte Ittner dort eine skurrile Mischung aus Gleichgesinnten: Holocaustleugner, Reichsbürger, 9/11-Truther und Anhänger anderer, vornehmlich rechter Verschwörungstheorien. Und er machte seinem Ruf alle Ehre: Mutmaßlich volksverhetzende Aussagen einer Rednerin führten zum Abbruch der Versammlung und es kam zu Tumulten.

Die

Ittners letzte Demonstration in Dresden sorgte trotz der geringen Größe von nur ca. 150 Teilnehmern für Schlagzeilen: Während seiner Rede verherrlichte er den Nationalsozialismus und stellte laut Berichten des MDR die Frage, warum „der Holocaust die Wahrheit sein“ sollte. In diesem Zusammenhang sprach er zudem von der „größten Lüge der Weltgeschichte“. Anwesende Polizeibeamte verwarnten den vorbestraften Neonazi lediglich, seinen Redebeitrag durfte er fortsetzen. Ohne Nachspiel blieb Ittners Auftritt allerdings nicht: Im September 2017 wurde er wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe verurteilt.

Auch in diesem Jahr versammelte der bayerische Rechtsextremist wieder eine Vielzahl von Verschwörungstheoretikern, Geschichtsrevisionisten und Akteuren aus dem Reichsbürger-Umfeld. Prominente Gesichter der Szene wie „Multifunktionär“ Roland Wuttke, der deutsch-kanadische Holocaustleugner Alfred Schaefer oder Axel Schlimper von der mittlerweile aufgelösten „Europäischen Aktion“ waren als Redner angekündigt. Offensichtlich zog der Aufmarsch vorwiegend älteres Klientel an, viele die dem Pegida-Milieu zugeordnet werden können, sowie diverse Neonazis. Insgesamt folgten etwa 200-250 Rechte Ittners Aufruf.

Esoterik, Opfermythos und Geschichtsverdrehung

Schon zu Beginn der Kundgebung wurden Pressevertreter und Gegendemonstranten bedroht und bedrängt. So rief ein Teilnehmer der rechtsextremen Versammlung in Sicht- und Hörweite der Polizei: „Keine Angst, ihr werdet auch noch brennen!“. Währenddessen erläuterte einer der Redner, wirre, esoterisch anmutende Theorien, über negative Schwingungen und schlechte Energien, die beim Bombardement von Dresden entstanden wären und nun die Deutschen verfolgen würden.


Nikolai Nerling auf der Demo im Gespräch mit der Polizei, Foto: Henrik Merker

Zur Hauptattraktion an diesem Tag wurde allerdings der Auftritt von Nikolai Nerling, der unter dem Namen „Volkslehrer“ kürzlich für Schlagzeilen sorgte, als bekannt wurde, dass der Grundschullehrer im Internet Reichsbürger-Thesen verbreitet. Nerling mischte in seiner Rede gängige Motive wie die Relativierung deutscher Kriegsverbrechen, Phantasien vom politischen Umsturz oder den in der Szene allgegenwärtigen Opfermythos. Eine internationale Verschwörung, so der Internetaktivist, versuche „den Geist der Deutschen zu vernichten“. Berührungsängste gegenüber Rechtsextremen und Geschichtsrevisionisten scheint der selbsternannte „Volkslehrer“ nicht zu haben.

Da überrascht es kaum, dass er anschließend die Bühne mit Michèle Renouf teilte. Die britische Holocaustleugnerin propagierte in ihrer Rede nicht nur unverhohlen rassistische Forderungen nach mehr „white pride“, sondern versuchte ebenso die deutsche Kriegsschuld herabzumindern. Ihre anfangs verklausulierte Sprache und die Verwendung antisemitischer Codes erübrigten sich bald, als sie Beobachtern zufolge behauptete, es hätte einzig ein Holocaust gegen Deutschland und Japan stattgefunden.

Nerling, der die Rede übersetzte, geriet ins Stocken und milderte ihre Formulierung ab. An der mutmaßlichen strafrechtlichen Relevanz der Originalaussagen änderte das allerdings nichts: Kurze Zeit später unterbrach die Polizei die Kundgebung, um den Sachverhalt zu prüfen und gab schließlich deren Auflösung bekannt. Die Demonstration endete, ohne sich einen Meter bewegt zu haben. Unter den Teilnehmern sorgte das für Unmut.

Spontandemo endet im Krawall

Ittner reagierte indes immer ungehaltener. Mehrfach lieferte er sich Wortgefechte mit der Einsatzleitung der Polizei und brüllte die Beamten an. Dass mit dem Ende der Versammlung auch das Redeverbot erlosch, das dem Wiederholungstäter Ittner im Vorfeld auferlegt wurde, nutze dieser für eine spontane Wutrede. Mitunter drohte er den anwesenden Polizisten und schwadronierte über einen vermeintlich „baldigen Umsturz der BRD“. Derweilen wurde auch die Stimmung unter den rechtsextremen Demonstranten immer aggressiver.

Mit der aufgewiegelten Menge versuchte Ittner schließlich eine Spontandemonstration durchzusetzen. Aufgrund dessen kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen Polizeibeamten und zwei bis drei Dutzend Anhängern des fränkischen Neonazis, die zwischenzeitlich festgesetzt wurden. Als die Gruppe um den Versammlungsleiter erneut versuchte, aus der Polizeieskorte auszubrechen, folgten Hetzjagden und ein drohender Zusammenstoß von Rechtsextremen und Gegendemonstranten. Nach kurzer Zeit waren die Reste von Ittners Truppe eingekesselt, wurden anschließend erkennungsdienstlich behandelt und der Innenstadt verwiesen. Auch mit dabei: Nikolai Nerling.

Eine Saalveranstaltung im Stadtgebiet, die im Anschluss stattfinden sollte, wurde kurzfristig durch den Vermieter verhindert. Ittner und seine Gefolgsleute wurden buchstäblich vor die Tür gesetzt und zerstreuten sich.

Lautstarker Gegenprotest

Gleich mehrere Bündnisse mobilisierten gegen das geschichtsrevisionistische Event. Neben „Dresden Nazifrei“ und „HOPE – fight racism“ riefen auch Gruppen der TU Dresden und die Jugendverbände von Grünen, Linken und SPD zum Protest auf. 300-400 Demonstranten schlossen sich ihnen an und sorgten für eine Dauerbeschallung der rechten Kundgebung. Blockaden waren derweil nicht nötig.


An den Gegenprotesten beteiligten sich mehr Personen als an der Neonazi-Demo; Foto: Henrik Merker

Trotzdem muss der Ausgang der Veranstaltung für Ittner nicht zwangsläufig eine Niederlage bedeuten. Im Gegensatz zur lokalen Szene gelingt es dem fränkischen Neonazi, trotz geringer Mobilisierung den medialen Fokus auf sich zu lenken. Und der Zuspruch zu seinem Aufmarsch ist im Vergleich zum letzten Jahr erneut gestiegen, wenn auch auf allgemein niedrigem Niveau. Dass der rechtsextreme Aktivist also auch in Zukunft bewusst die Eskalation suchen könnte, ist nicht abwegig. Zudem wird die Demonstration wohl nicht Ittners letzter Versuch gewesen sein, in Dresden Fuß zu fassen. Anmeldungen liegen bei der entsprechenden Behörde bis 2020 vor.

Kommentare(2)

Irmela Mensah-Schramm Sonntag, 18.Februar 2018, 14:30 Uhr:
Das diese Ekel-Demo nicht von vornherein verboten wurde in Dresden, entspricht schon den fragwürdigen Kriterien der Versammlungsbehörde vor Ort.
Richtig ist, dass - immerhin - diesmal die Polizisten so agierten, wie sie es in ähnlichen Situationen hätte ebenfalls tun müssen. Aber, man braucht ja mal
ein - mediales - Lob bei so viel Negativ-Nachrtichten aus der Region!
Zu jenem Nicolai, der 'Volkslehrer', jener rechte Internet- und Real-Pöbler frage ich mich ja schon, warum dieser als Grundschullehrer von der Berliner Bildungsbehörde sehr lange im Schuldienst geduldet wurde.
 
Roichi Sonntag, 18.Februar 2018, 14:43 Uhr:
Bei 0:49 ganz links am Rand sieht man einen Ordner eine Körperverletzung begehen.
Sehr ungeschickt von dem.
 

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