von Marc Brandstetter
   

„Es war einfach Wahnsinn“: Der Polizistenmörder und Szene-Märtyer Kay Diesner steigt aus

Er galt in Szenekreisen als Märtyrer, der sich für seine Ideale aufopferte. Reden waren nicht das Geschäft von Kay Diesner, sondern die Tat. 1997 verletzte der Neonazi bei einem Überfall einen Buchhändler schwer, auf der Flucht erschoss er einen Polizisten. Nun hat sich Diesner offenbar von der braunen Ideologie abgewandt und ist aus der Neonazi-Szene ausgestiegen.

2012 war das Jahr der Aussteiger. Den Anfang machte der als „Hitler von Köln“ bekannte Neonazi Axel Reitz, der zuvor im Rahmen der Ermittlungen gegen das „Aktionsbüro Mittelrhein“ verhaftet worden war. Angeblich soll der Führungsaktivist der wenig später verbotenen Kameradschaft „Walter Spangenberg“ in den Verhören „gesungen“ haben, was ihm den Zorn seiner ehemaligen „Kameraden“ einbrachte. Ihm folgte mit Andreas Molau einer der einstigen Vordenker der Szene. Molau war mit seinem Versuch, die NPD ideologisch in „moderne“ Fahrwasser zu steuern, gescheitert. Anschließend heuerte er bei der DVU an und landete schließlich bei der „Pro-Bewegung“ in Nordrhein-Westfalen, bevor er unter großem Interesse der Medien der rechtsextremistischen Weltanschauung abschwor.

„Taten statt Worte“. So lautete das Motto der rechtsterrorischen Zelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU), der zehn Morde aus rassistischen Beweggründen, mehrere Banküberfälle und ein Sprengstoffanschlag zur Last gelegt werden. Lange bevor der NSU aktiv wurde, zogen braune Terroristen eine blutige Spur durch die Bundesrepublik. Einer dieser fanatischen Rechtsextremisten war Kay Diesner.

Der Neonazi, der bereits unmittelbar nach der Wende im Umfeld der neonationalsozialistischen Splittergruppe „Nationalen Alternative“ (NA) aktiv war, überfiel in Berlin einen Buchhändler. Ohne zu zögern schoss er mit einer Pumpgun auf den 63-Jähigen, dessen Laden sich im Erdgeschoss des Hauses befand, in dem der bekannte PDS-Politiker Gregor Gysi Büroräume angemietet hatte. Sein schwer verletztes Opfer ließ der damals 24-Jährige blutend zurück. Das Motiv lautete dem Focus zufolge: Hass auf die „deutschfeindliche Partei PDS“ und Rache für eine Auseinandersetzung zwischen linken Jugendlichen und Anhängern der NPD-Parteijugend Junge Nationaldemokraten.

Seine Flucht führte Dienser kreuz und quer durch Norddeutschland. Vier Tage später, am 23. Februar 1997, wollten zwei Polizisten das Auto des jungen Berliners auf einem Autobahnparkplatz in Schleswig-Holstein kontrollieren: Das Nummernschild kam ihnen verdächtig vor. Das Todesurteil für den 34-jährigen Polizeiobermeister Stefan Grage, den der Neonazi bei einem Schusswechsel tödlich verletzte. Grages Kollege Stefan Kussauer überlebte schwerverletzt. In der Gerichtsverhandlung berief sich Diesner auf ein angebliches „Notwehrrecht gegenüber dem Staat“.

Das ist jetzt 16 Jahre her. Das Landgericht Lübeck verurteilte den Neonazi wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Außerdem stellte die Kammer die besondere Schwere der Schuld fest, wodurch eine vorzeitige Haftentlassung ausgeschlossen ist. Nach Meinung der Richter habe Diesner „aus hemmungsloser Rachsucht und überheblicher Menschenverachtung“ gehandelt. Seit dem sitzt er in der JVA Lübeck ein.

Zu Beginn dieses Jahres erreichte den Tagesspiegel eine Email mit überraschenden Inhalt. Der Absender: Kay Diesner. „[Ich] habe längst mit allen rechtsextremistischen Ideologien und deren Szene gebrochen und will daher nicht weiterhin als Neonazi hingestellt, oder mit diesen in Zusammenhang gebracht werden“, schreibt der Häftling. Und weiter: „Bedauerlicherweise ist es so, dass ich auch von der neonazistischen Szene immer noch als ,Märtyrer’ instrumentalisiert werde, obgleich ich mich ganz klar von alledem abgewandt habe. Ich muss aber anmerken, dass die Art der bisherigen medialen Berichterstattung solche Denkweisen und Annahmen in den rechtsextremen Kreisen unterstützt, denn ich werde in aller Öffentlichkeit immer noch so dargestellt, als wäre ich Teil dieses Milieus.“  

Tatsächlich: Für viele Neonazis ist – oder besser war – Diesner bis zu seinem öffentlichen Bekenntnis ein „Held“. Vor Jahren verkauften Aktivisten „Solidaritäts-T-Hemden“ mit seinem Konterfei, um ihn zu unterstützen. Seinerzeit schrieb eine Kommentator auf der braunen Hetzseite „Altermedia“: „Die einzige Kritik meinerseits an Diesner besteht darin, dass er sich mit einem völllig unbedeutenden Buchhändler eindeutig das falsche Ziel ausgesucht hat. Gerade in Berlin hätte es dutzende, wenn nicht gar hunderte Zielpersonen gegeben, von denen jede einzelne nichts besseres verdient hat! Warum nicht irgend ein Berufsüberfremder, Multikultiprediger oder Rassenschänder? Laufen ja genug davon rum in Berlin?! Aber leider hat er sich einen harmlosen alten Buchhändler und einen Polizeibeamten ausgeguckt. Tragisch.“ Ein tiefer Blick in die Szene.

Mit all dem möchte der 40-Jährige heute nichts mehr zu tun haben. Er bereue seine Taten, versichert er dem Tagesspiegel am Telefon. Ausgestiegen sei er im letzten Jahr, nach Gesprächen mit einem Therapeuten. „Eines Tages habe ich gesagt, ist alles Scheiße“. Er könne nicht begreifen, dass er andere Leben zerstört habe. „Es war einfach Wahnsinn“. Gefängnisdirektor Peter Brandewiede hält Diesners Distanzierung und seine Reue für glaubhaft. Der wiederum möchte nach seiner Entlassung ein „normales Leben“ führen.

Kommentare(5)

Gorm der Alte Dienstag, 15.Januar 2013, 15:29 Uhr:
aha, Gespräch mit Therapeuthen, na das riecht doch nach günstiger Sozialprognose und Wiederaufnahmeverfahren um die besondere Schwere der Schuld in Frage zu stellen. Auch der Artikel im TS nähert sich m.E. dieser Vermutung an. Bin sehr gespannt wie das weitergeht.
 
Amtsträger Dienstag, 15.Januar 2013, 16:50 Uhr:
Die besondere Schwere der Schuld wird vom Gericht bei der Urteilsverkündung festgestellt.
Erlang das Urteil Rechtsgültigkeit, so ist auch die besondere Schwere der Schuld rechtsgültig und kann nachträglich nicht angefochten werden.

Die besondere Schwere der Schuld liegt z.B. vor, wenn ein Täter mehr als ein Mordmerkmal durch seine Tat erfüllt.

Mit Sozialprognosen etc. hat es absolut nichts zu tun...
 
Roichi Dienstag, 15.Januar 2013, 17:59 Uhr:
@ Gorm

"na das riecht doch nach günstiger Sozialprognose und Wiederaufnahmeverfahren um die besondere Schwere der Schuld in Frage zu stellen."

Wieso sollte das Verfahren wieder aufgenommen werden?
Die besondere Schwere der Schuld bleibt ja bestehen.
Aber du wirst das bestimmt gleich mit Belegen und Argumenten versehen erklären können.
Oder auch nicht.
 
WW Mittwoch, 16.Januar 2013, 19:49 Uhr:
"Reden waren nicht das Geschäft von Kay Diesner, sondern die Tat."

:-)))))))

Mit anderen Worten: Intellekt war seine Stärke nicht, darum waren seine Argumente die Fäuste.
 
WW Mittwoch, 16.Januar 2013, 19:56 Uhr:
Gorm...

"aha, Gespräch mit Therapeuthen"

Ja, verstehen Sie den Fingerzeig?
 

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