Fretterode-Prozess

„Es gibt immer wieder Versuche, mich anzugreifen“

Vor acht Jahren wurden Journalisten im thüringischen Eichsfeld von Neonazis aus dem nächsten Umfeld des „Die Heimat“-Bundesvizes Thorsten Heise schwer verletzt. Bei der Neuauflage des sogenannten Fretterode-Prozesses in Mühlhausen berichtete einer der beiden Angegriffenen von der Tat – und von dem neuerlichen Angriff auf Kollegen am selben Ort. Diesmal wird auch gegen Heise selbst ermittelt. Es ist nicht das einzige Verfahren, das dem strafrechtlich seit Jahren bemerkenswert unbehelligten Neonazi-Führer droht.

Freitag, 03. April 2026
Joachim F. Tornau
Zwei Personen haben sich vor dem Landgericht in Mühlhausen mit den beiden angegriffenen Journalisten solidarisiert, Foto: Joachim F. Tornau
Zwei Personen haben sich vor dem Landgericht in Mühlhausen mit den beiden angegriffenen Journalisten solidarisiert, Foto: Joachim F. Tornau

Es war weder das erste noch das letzte Mal, dass er als Journalist Gewalt erlebt hat. „Im Rahmen meiner Tätigkeit wird mir immer wieder in die Kamera gegriffen“, berichtet der 33-Jährige, der seit vielen Jahren extrem rechte Aktivitäten fotografisch dokumentiert, als Zeuge im Landgericht Mühlhausen. „Ich werde geschlagen und beworfen. Es gibt immer wieder Versuche, mich anzugreifen.“ Der dramatischste Vorfall aber liegt mittlerweile acht Jahre zurück – und er beschäftigt den Göttinger Fotojournalisten immer noch, nicht nur mental, auch als Zeuge und Nebenkläger vor Gericht.

Im April 2018 wurden er und ein Kollege von zwei Neonazis aus dem nächsten Umfeld des Neonazi-Führers, Vizevorsitzenden der NPD-Nachfolgepartei „Die Heimat“ und Szene-Unternehmers Thorsten Heise brutal attackiert, weil sie ein Treffen von Rechtsextremen auf Heises Anwesen im thüringischen Fretterode beobachten wollten. Gianluca K. (32) und Nordulf H. (26) jagten die beiden Journalisten erst über die Straßen rund um das kleine Dorf im Eichsfeld, dann stürzten sie sich auf sie, bewaffnet mit einem gewaltigen Traktorschraubenschlüssel, einem Baseballschläger, einem Messer und Reizgas.

Journalist muss erneut aussagen

Der 33-Jährige erlitt einen Stich ins Bein, sein Kollege einen Schädelbruch. Auch die Kamera sollen ihnen die Neonazis geraubt haben. Die äußerst milden und von erstaunlichem Verständnis für die Angeklagten getragenen Strafen, die das Landgericht Mühlhausen 2022 dafür verhängte, wurden vom Bundesgerichtshof kassiert. Seit Dezember verhandelt deshalb eine andere Strafkammer des thüringischen Gerichts erneut über den Fall. Und auch der Göttinger Journalist muss wieder aussagen.

Er erzählt, wie Heise-Sohn Nordulf immer wieder versucht habe, durchs Autofenster auf ihn einzustechen. Und wie er versucht habe, ihm das Messer aus der Hand  zu treten. „Damals erschien mir das schlau, heute nicht mehr so“, sagt er. Er berichtet von seinem blutüberströmten Kollegen. Spricht von Ängsten und Unsicherheitsgefühlen, die ihn selbst seit jenem Tag begleiten, von „ähnlichen Symptomen“ wie bei einer PTBS, einer posttraumatischen Belastungsstörung also.

LKA ermittelt gegen Heises

Doch auch als ihn die Verteidigung mit haarkleinen Nachfragen verunsichern möchte, bleibt er gelassen. Auf Aufforderung von Szene-Anwältin Nicole Schneiders spielt er sogar nach, wie er während der Verfolgungsjagd die Speicherkarte seiner Kamera wechselte und den Chip mit Beweisfotos in seinem Kniestrumpf versteckte. Dabei sind die Erinnerungen an den Tattag in der vergangenen Woche schmerzlich aktualisiert worden.

Mit einem Team von Spiegel TV waren er und ein Nebenklageanwalt nach Fretterode gefahren, um das damalige Geschehen nachzustellen. Aber nur den Teil, der auf der Dorfstraße spielte. Vor das Haus von Heise wagte sich der Göttinger zunächst nicht, das machte das Kamerateam ohne ihn – und soll dort von Thorsten Heise (56) und seinem jüngeren Sohn Thoralf (22), einem führenden Aktivisten der militant-neonazistischen „Eichsfeldrevolte“, angegriffen worden sein, mit Fäusten und Pfefferspray. „Hier geht es anders zu“, soll Heise senior dabei gebrüllt haben. Zwei der drei Spiegel-TV-Leute mussten danach im Krankenhaus behandelt werden. Das Heise’sche Gutshaus wurde durchsucht, das Landeskriminalamt ermittelt.

„Das zeigt, wie sicher sich Heise fühlt“

Er habe lange überlegt, ob er sich den Dreh mit Spiegel TV antun wolle, sagt der Göttinger Journalist am Rande der Verhandlung. „Das war aufrührend und aufregend.“ Nachdem er von den Übergriffen auf die Kollegen gehört habe, sei er aber gleich zurück nach Fretterode gefahren, mit seiner Kamera. „Ich bin so weit Profi und die Berichterstattung über die neonazistische Szene ist mir so wichtig, dass ich mich immer wieder überwinde – trotz des Risikos, dass es mir danach schlecht geht.“

Ein neuerlicher Angriff auf Journalisten, und das während des laufenden Prozesses: „Das zeigt“, meint der 33-Jährige, „wie sicher sich Heise fühlt.“ Und bislang hatte der neonazistische Multifunktionär trotz aller Umtriebigkeit auch allen Grund dafür. Seit mehr als 15 Jahren ist Heise nicht mehr verurteilt worden. Auch wenige Wochen vor dem Angriff von Gianluca K. und Nordulf H. am 29. April 2018 war wieder einmal ein Verfahren eingestellt worden.

Linke-Politikerin stellt Strafanzeige

Nur zwei Dörfer von Fretterode entfernt lebt der thüringische AfD-Chef Björn Höcke in Bornhagen, die Familien Heise und Höcke pflegen freundschaftliche Kontakte. Als das „Zentrum für politische Schönheit“ Ende 2017 neben Höckes Haus das Berliner Holocaust-Mahnmal nachgebaut hatte, wurden bei Autos des Kunstkollektivs die Reifen aufgestochen. Obwohl Heise nachweislich zur Tatzeit vor Ort war und es deutliche Hinweise auf ihn oder sein Umfeld gab, stellte die Staatsanwaltschaft Mühlhausen das Verfahren nach kurzer Zeit ein.

Jetzt aber droht dem prominenten Neonazi Ungemach, nicht nur wegen der Attacke auf das Team von Spiegel TV. Die linke Thüringer Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss hat Heise und seine Ehefrau unter anderem wegen Freiheitsberaubung und Betrug angezeigt. Hintergrund: Die antifaschistische Rechercheplattform Exif hatte wie zuvor bereits das schwedische Magazin Expo – hierzulande wohl vor allem bekannt durch seinen Gründer, den Krimi-Autor Stieg Larsson – über ein dubioses Millionenerbe berichtet, das sich die Heises mithilfe weiterer brauner Kameraden verschafft haben sollen. 

Demnach sollen die Eheleute 2022 eine mutmaßlich schwer demente 90-Jährige aus Schweden nach Fretterode geholt haben, ohne Wissen des Pflegeheims. Hier hätten sie sich von der überzeugten Nationalsozialistin, deren Testierfähigkeit gesundheitsbedingt jedoch erheblich eingeschränkt gewesen sein soll, zur Alleinerbin einsetzen lassen. Ein Jahr später soll die Greisin gestorben sein und Immobilien und Barvermögen im Wert von rund einer Million Euro hinterlassen haben. König-Preuss kommentiert: „Das Ausmaß der Neonazi-Clankriminalität um Thorsten Heise nimmt immer größere Dimensionen an.“

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