Es geht um die Hegemonie in der Stadionkurve

Eine neue Broschüre der Amadeu Antonio-Stiftung befasst sich mit Rassismus und rechtsextremen Ideologien rund um das Thema Fußball.

Dienstag, 22. September 2015
Horst Freires

Fairplay statt Hass“ heißt die jüngste Broschüre der Amadeu Antonio-Stiftung und des Portals Fußball-gegen-Nazis.de, die die Thematik von Rassismus, Sexismus, Homophobie rund um den Fußball in den Fokus nimmt. Dabei geht es nur selten um den Blick auf die aktiven Kicker oder Spielerinnen, Trainer, Funktionäre oder Schiedsrichter, sondern in der Hauptsache um die Fans und die Geschehnisse auf den Zuschauerrängen. Auf dem Rasen steht der Kampf um den Ball im Blickpunkt, unter Tribünendächern und auf den Stehplätzen geht es in den höchsten Spielklassen, aber auch in unteren Amateurligen um die kulturelle und nicht selten gesellschaftspolitische Hoheit und geradezu hegemoniale Macht. Auch wenn es viele der Sportbegeisterten nicht wahr haben wollen, einer der Autoren der Broschüre, Jan Tölva, beschreibt es korrekt: Fußball kann nicht unpolitisch sein!

Das Phänomen der Einflussnahme von neonazistischer Seite auf Fans, ja gar das Rekrutieren von Mitstreitern aus dem Fanmilieu ist seit den 90er Jahren zurückgedrängt worden, und das nicht zuletzt dank engagierter und geförderter Fanprojekte. Ob eine Renaissance solcher Bemühungen der rechten Szene wieder Fuß fasst, liegt nach Auffassung von Experten auch am Umgang damit durch die Vereine und deren Verantwortlichen. Ausführlichere Beispiele über vorbildliche Vereinssatzungen oder Stadionordnungen hätten dem 48-seitigen Werk hier gut getan. Erkennbare Auswüchse rechter Aktivitäten wie in Bremen oder Dortmund blicken durchaus auf jahrelange Kontinuität zurück. Im Fall von Siegfried Borchardt (Spitzname „SS-Siggi“) und der „Borussenfront“ wird dies auch erwähnt.

Als neue Entwicklung weist die Broschüre auf das gemeinsame Auftreten von Hooligans mit rechtspopulistischen und rassistischen Bürgerprotesten wie die Pegida-Bewegung hin. Die Hooligans suchen sich inzwischen allerdings über örtliche Vereinspräferenzen hinweg trotz manch einer Rivalität in der Vergangenheit eigene Zusammenschlüsse wie gemeinsame Feindbilder und agieren damit. Dies hat sich beispielsweise bei dem enthemmten und gewaltbereiten HoGeSa-Marsch durch Köln im Oktober 2014 gezeigt, ein Vorgang, der in kleinerer Dimension bereits Monate vorher in Mönchengladbach bei Protesten gegen Salafisten seinen Anfang nahm.

„Fußball als Brennglas der Gesellschaft“

Verschiedene Autoren liefern Definitionen, Informationen, Interviews, Ideen, Kontakte und erfolgreiche, nachahmenswerte Beispiele gegen Ausgrenzung und Diskriminierung, etwa die offene Art, gegnerische Fans zu empfangen, wie es der FC Augsburg praktiziert, oder die Aktion „Show Racism The Red Card“. Detailliert geht es um die Schwierigkeiten ausgelebter weiblicher Fankultur, die Diskussion um Homosexualität oder nach wie vor existierende antisemitische Entgleisungen auf dem Spielfeld oder unter Besuchern.

Es lässt sich trefflich darüber streiten, ob die erwähnten Vorkommnisse nur Randerscheinungen der „schönsten Nebensache der Welt“ sind oder doch vielfach stillschweigend aber fälschlich geduldet werden. Eigentlich sollten ein Eintreten für Vielfalt und ein demokratisches Klima sowie der Schutz vor Beleidigungen, Mobbing, Spott und Verächtlichmachung doch eine Selbstverständlichkeit sein! Der Fanforscher Gerd Dembowski wird in diesem Kontext zitiert, sprach er doch vom „Fußball als Brennglas der Gesellschaft“. Einen vergleichsweise kleinen Teil nimmt die Thematik von Integrationsarbeit mit Flüchtlingen ein. Schließlich wird im Hinblick auf die Fußball-WM in Russland mit einem Beitrag noch ein kleiner Exkurs auf die dortigen rechtsradikalen und rassistischen Verhältnisse vollzogen.

Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.),  „Fairplay statt Hass – was wir gegen menschenverachtende Ideologie im Thema Fußball machen können“, Berlin 2015, 48 Seiten; ISBN: 978-3-940878-21-2.


Kostenlose Bestellung unter: info@amadeu-antonio-stiftung.de

Download der Broschüre hier

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