Erinnerungen und Abrechnungen, Texte und Briefe

"Die Aktion", eine Berliner Wochenschrift mit dem Untertitel „Zeitschrift für freiheitliche Politik und Literatur“, erschien zum ersten Mal am 20. Februar 1911. Sie tritt, so die programmatische Note am Endes ersten Heftes, deren Urheberschaft später Kurt Hiller für sich in Anspruch genommen hat, "für die Idee der Großen Deutschen Linken ein ... will den imposanten Gedanken einer ‘Organisierung der Intelligenz’ fördern und dem lange verpönten Wort ‘Kulturkampf’...wieder zu seinem alten Glanz verhelfen...’Die Aktion’ hat den Ehrgeiz, ein Organ des ehrlichen Radikalismus zu sein."

Donnerstag, 06. Mai 2004
Theo Meier
Dass dieser hochgemute Anspruch eingelöst werden konnte, wenigstens fürdie ersten Jahre, ist das Verdienst des Herausgebers Franz Pfemfert,der mit Spürsinn für das Neue und einem untrüglichen Sinn für Qualitätzahlreiche Beiträger um sich zu scharen wusste und die Zeitschrift, diesein Lebenswerk wurde, mit ihrer damals neuartigen Verbindung vonPolitik, Literatur und Graphik von Anbeginn an zu einem Sammelpunkt derpolitisch-literarischen Aufbruchsbewegung des Expressionismus machte.Nach 1918 verlor „Die Aktion“ rasch ihre literarische Funktion; dieveröffentlichten politischen Beiträge belegen den Weg ihresHerausgebers vom Anhänger des Spartakusbundes und Verehrers RosaLuxemburgs und Karl Liebknechts über die linkskommunistische KAPD zursyndikalistischen AAUD.Die letzte Ausgabe der „Aktion“ erschien im August 1932. FranzPfemfert, der von Thea Sternheim 1923 das Photographieren erlernte -damit bestritt er seinen Lebensunterhalt -, emigrierte mit seiner Frau,der Trotzki-Übersetzerin Alexandra Ramm, nach der Machtergreifung derNazis über Karlsbad, Paris, Lissabon, New York nach Mexiko City. Dortstarb er am 26. Mai 1954. „Nichts“, so Manfred George in seinem Nachruf„Ein Berliner in Mexiko“,„musste diesem Berliner Menschen fremder seinals die heiße, farbige, katholisch-spanisch-indianische Umwelt“, dieihn dort umgab.Im Gefolge der Wiederentdeckung des Expressionismus, die 1960 von PaulRaabes Ausstellung im Nationalmuseum in Marbach ihren Ausgang nahm,schlug auch die Stunde Franz Pfemferts von Neuem. „Die Aktion“ liegtseit über zwanzig Jahren vollständig im Reprint vor, einigeAuswahlbände sind erschienen und mehrere Dissertationen, die, demdamaligen Zeitgeist entsprechend, vornehmlich Pfemferts verwickeltenpolitisch-ideologischen Weg nachzeichnen. Seine „riesigewissenschaftliche und literarische Bibliothek“ und ein „unschätzbares,in Jahrzehnten gesammeltes Archiv“ wurden, wie seine Schwägerin alsAugenzeugin berichtet hat, im März 1933 von den Nazis lastwagenweiseverschleppt; beides ist bisher nicht wieder aufgetaucht. Der für 1951angekündigte Band „Meine Erinnerungen und Abrechnungen“, führt zwar ineinigen Nachschlagewerken ein Schattendasein, ist aber in Wahrheit nieerschienen.Deshalb, und angesichts dieser Vorgeschichte, kommt es einer Sensationgleich, wenn jetzt, unter eben diesem Titel, auf insgesamt 681 Seiteneine Auswahl von Texten und Briefen publiziert wurde, die zumallergrößten Teil bisher unbekannt oder doch unveröffentlicht sind. Diebeiden Herausgeber, Lisbeth Exner und Herbert Kapfer, haben von EllenOtten, der Witwe des mit Franz Pfemfert befreundetenexpressionistischen Dichters Karl Otten, dessen Korrespondenz mitPfemfert aus den Jahren 1949 bis 1953 zur Veröffentlichung erhalten,dazu 22 Erinnerungstexte, in ihrer Mehrzahl bisher ebenfallsunveröffentlicht, die für die rezeptionsgeschichtlich bedeutsame, vonRoland H. Wiegenstein zusammengestellte und am 25. Februar 1961 ausAnlass des fünfzigjährigen Jubiläums der Gründung der Zeitschriftausgestrahlte WDR-Sendung „Die Aktion, Stimmen der Freunde“ bestimmtwaren. Weitere Recherchen ergaben, dass darüber hinaus in europäischenund amerikanischen Archiven eine umfängliche Korrespondenz erhaltengeblieben ist, darunter der Briefwechsel zwischen Leo Trotzki, FranzPfemfert und Alexandra Ramm, der über 560 Briefe umfasst.In chronologischer Folge abgedruckt werden 220 Briefe und Postkartenvon Franz Pfemfert, 25 Briefe, die Alexandra Ramm allein oder mit ihremMann schrieb sowie 16 Briefe an Pfemfert (unter anderem von Johannes R.Becher, Georg Friedrich Nicolai, Ruth Fischer und Karl Otten; darunterBrief von Emma Goldman zur Charakterisierung Lenins). Die Korrespondenzdes Anfangs zeigt den rastlosen Publizisten, der trotz seines Erfolgsimmer wieder die finanzielle Hilfe von Erna Kröner, der Tochter desVerlegers Alfred Kröner, die mit dem Lyriker Wilhelm Klemm verheiratetwar, benötigte. Rat und Hilfe kamen ebenso von dem unorthodoxenSchweizer Kommunisten Fritz Brupbacher, mit dem die Pfemfertsbefreundet waren.An Fritz Brupbacher in Zürich ist auch der telegraphische Hilferuf,abgesandt am 16. März 1933 in Karlsbad, der ersten Station des Exils,gerichtet: „wohnung zertruemmert letzte groschen geraubt nur leben mitanja hierher gerettet helft uns telegraphisch adresse: hotel paradies.“Aus Karlsbad, wo er als Fotograf arbeitet, vertreiben ihn drei Jahrespäter massive und seine Existenz gefährdende kommunistische Proteste,die Folge eines „Offenen Briefes“ an Heinrich Mann, den Pfemfert zumProtest gegen die Moskauer Prozesse auffordert und dessen Antwort er„skandalös“ findet - ein überzeugendes Beispiel im Übrigen für seinpolitisches Urteilsvermögen.Pfemferts frühzeitiger publizistischer Kampf gegen die Stalinisierungwie sein syndikalistisches und trotzkistisches Engagement bedrohen undgefährden seine Existenz auch in den Folgejahren. In Frankreich, ausdem er nur mit Mühen entkommt, in den Vereinigten Staaten, wo er nichtbleiben darf - vor allem in Mexiko, einem Zentrum der deutschenkommunistischen Emigration, wo er ebenso einzelgängerisch wievereinsamt lebt. Und es sind dies nicht bloße Wahnvorstellungen,sondern Widerspiegelungen der damaligen politischen Lage. Stephen S.Kalmar, ein Flüchtling aus Wien, der die Kriegsjahre in Mexikoverbrachte, beschreibt sie in der Ausgabe 1/1998 der Wiener Zeitschrift„Mit der Ziehharmonika“, die dem Exil in Mexiko gewidmet ist, mitgroßer Eindringlichkeit: „Heute wird es sehr unterschätzt, was es in1939, 40, 41 bedeutete, Anti-Stalinist zu sein. Heute wird diewirkliche Situation verschleiert, indem man sozialistische,kommunistische, stalinistische, trotzkistische Einstellungen bloß alstheoretische Schattierungen linker Leute ansieht. Heute ist es schonfast vergessen, dass wo immer Stalinisten Einfluss hatten, es eineFrage von Leben und Tod war, Anti-Stalinist zu sein. Natürlich inRussland, aber ebenso in allen Ländern, wo Stalin Einfluss hatte, zumBeispiel. Spanien, aber durch seine Agenten ... auch in Mexiko...wo dieGewerkschaften unter stalinistischer Führung standen.“Liest man Pfemferts eindringliche Schilderungen seines armseligenLebens in Mexiko in den Briefen an Rudolf Rocker, Ruth Fischer und KarlOtten unter diesem Blickwinkel, so wird auch verständlich undnachvollziehbar, warum er „die beiden Neu-Antistalinisten“ MargareteBuber-Neumann und ihre Schwester Babette Gross - übrigens ohne Erfolg -mit Prozessenwegen Diebstahls seiner Urheberrechte überzieht, weil sie 1951/52 inFrankfurt die Monatsschrift „Aktion“ herausgaben: Dass sichausgerechnet vormalige Stalinisten seines Lebenswerkes bemächtigten,denn so musste es ihm erscheinen, konnte nur den wütendsten Protesthervorrufen, zumal er immer wieder von der Hoffnung schreibt, dieZeitschrift erneut herauszugeben und in ihr seine Abrechnung mit derZeit zu veröffentlichen.Als Engführung und Verdichtung seiner Verzweiflung erscheint derwahrhaft erschütternde Brief an Karl Otten vom 21. Mai 1953, in demPfemfert „die größte Tragödie, die uns seit 1933 traf“, schildert, denTod der Katze Katju, für den er den behandelnden Tierarztverantwortlich macht, der deshalb mit Hilfe einer internationalenBriefkampagne als Mörder gebrandmarkt werden soll. Die Briefe ausdiesem Umkreis gehören zu den bewegendsten Zeugnissen der deutschenExilliteratur. Man mag darin, wie Herbert Kapfer es tut, ein‘paranoides Konstrukt’ sehen, verfehlt damit jedoch, die dem Vorgangangemessene Interpretationsebene.Überhaupt kann man über manche Wertungen und Einschätzungen derHerausgeber anderer Meinung sein; das „Beziehungsmuster Abrechnung“ zumBeispiel, von dem Lisbeth Exner Pfemfert beherrscht sieht, ist eher einzeittypisches als nur in seiner Person liegendes: „Wir alle waren imVerwerfen stark, aber auch im Verehren“ schreibt Kurt Hiller in seinenErinnerungen „Leben gegen die Zeit“; dort ist auch vom Erlebnis des„Abfalls“, das sich mehrfach wiederholt habe, die Rede. Die damaligeZeit war eben entschieden polemischer als wir es gewohnt sind, und dieAuseinandersetzungen, die Kurt Hiller, Alfred Kerr, Karl Kraus undandere geführt haben, sind in ihrer Schärfe und Schroffheit heute kaummehr vorstellbar. Doch diese Anmerkungen mindern nicht die Freude andem mustergültig edierten, ausreichend kommentierten und mit einemRegister versehenen Band, der einen Autor, der schon fast in derSchublade verschwunden war, wieder in die Gegenwart, in die lebendigeliterarische und politische Auseinandersetzung mit seiner Zeit,zurückholt. Dass er außerdem ein hervorragender Photograph war, zeigendie vielen Porträts Prominenter und auch Unbekannter aus seinerWerkstatt, die der Ausgabe beigegeben wurden.
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