von Redaktion
   

„Erinnern und Mahnen“: 25 Jahre Rostock-Lichtenhagen

Im August 1992 erlebte Deutschland die schlimmsten ausländerfeindlichen Ausschreitungen der Nachkriegsgeschichte: Vier Nächte lang versuchte eine Meute von Randalierern in Rostock-Lichtenhagen, die damalige Aufnahmestelle für Asylbewerber sowie Wohnungen von vietnamesischen Vertragsarbeitern zu stürmen. In diesem Jahr wird in Rostock zum 25. Mal der Pogrome gedacht.

Das "Sonnenblumenhaus" in Rostock Lichtenhagen. | Foto von mc005 nach CC-Lizenz 3.0

Schon seit Monaten bieten einzelne Initiativen und Vereine verschiedene Veranstaltungen an, um über die Erinnerung an die Ereignisse 1992 wach zu halten und über ihre heutige Bedeutung zu sprechen. So fand bspw. im Mai im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Rostock-Lichtenhagen 1992 -2017“ der Arbeitsstelle Politische Bildung der Universität Rostock ein Generationendialog in Kooperation mit parteinahen Stiftungen statt. Die Lage der Sinti und Roma wurde analysiert, ebenso die Frage, wie Integration in der Kommune besser gelingen könne. Ein Bürgerbündnis zeigte die Ausstellung „Die verordnete Solidarität“ über Rechtsextremismus in der DDR, es folgen eine Filmvorführung „The Truth lies in Rostock“ und die Ausstellung „Vietnamesische Rostocker. Ehemalige Vertragsarbeiter erzählen“ des Vereins „Diên Hông – gemeinsam unter einem Dach e.V."

„Dezentrale Kunstwerke“

Ab dem 22. August, dem ersten Tag der Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen zwischen dem 22. und 26. August 1992, starten dann die zentralen Gedenkveranstaltungen „Vielfalt.Miteinander.Leben. 25 Jahre Rostock-Lichtenhagen `Erinnern und Mahnen´“. Den Kern bilden die Enthüllung von fünf „dezentralen Kunstwerken“ der Künstlergruppe „Schaum“ aus Rostock und der „Tag der Vielfalt in Rostock“ am 26. August.

Die Gruppe „Schaum“ besteht aus der Bildhauerin Alexandra Lotz und dem Fotografen Tim Kellner, die 2016 an dem Wettbewerb der Stadt Rostock zur künstlerischen Aufarbeitung der Lichtenhagen-Pogrome teilgenommen hatten. Aus rund 90 Vorschlägen und elf Finalisten wählte eine breit besetzte Jury die fünf Stelen aus weißem Marmor aus, die an zentralen Orten der Ereignisse vom 1992 aufgestellt werden.

Die Stele „Politik“, ein Quader mit einer Vertiefung in Form eines Gesichts, wird am 22.8. vor dem Rathaus aufgestellt und erinnert an das damalige Versagen von Stadtverwaltung und Politik in Kommune, Land und Bund. Hinzu kommt die Stele „Medien“ am 23.8. vor der Ostsee-Zeitung inkl. einer Podiumsdiskussionen zu »25 Jahre Lichtenhagen: Die Verantwortung der Medien« und »25 Jahre Lichtenhagen: Die Rolle der Polizei« im Saal des Medienhauses.

Es folgen „Gesellschaft“ am 24.8. am ehemaligen Standort des Jugendzentrums „JAZ“ sowie „Staatsgewalt“ am 25.8. an der Polizeiinspektion Ulmenstraße und schließlich „Selbstjustiz“ (26.8.) am Sonnenblumenhaus in Lichtenhagen, wo die Ausschreitungen thematisiert und an die Untätigkeit der Schaulistigen erinnert wird. Während vier Kunstobjekte an Verfehlungen erinnern, widmet sich die Stele am JAZ ausdrücklich der Zivilcourage, die es auch 1992 gab.

Diskussion und Film

Auf Einladung des Migrantenrats Rostock, Bunt statt Braun e.V. und dem Waldemarhof e.V. diskutieren u. a. Dr. Dorothee Haßkamp (Themengruppe Antirassismus von Amnesty International), Phuong Kollath (angefragt, Interkulturelle Beraterin und Zeitzeugin), Maxime Sanvi Sodji (Ökohaus Rostock) und Franz Zobel (Thüringer Beratungsprojekt ezra) die Frage „Nichts gelernt? – Wie Behörden mit Betroffenen von Rassismus umgehen“.

Ebenfalls am 25. August wird in einem Open Air Kino auf der Wiese nördlich des „Sonnenblumenhauses“ der Film „Wir sind jung. Wir sind stark“ gezeigt. In einem Auftaktgespräch mit Regisseur Burhan Qurbani sowie den Zeitzeugen Nguyen Do Thinh (angefragt) und Dr. Wolfgang Richter wird über die gesellschaftliche Lage 1992 gesprochen.

Tag der Vielfalt in Rostock

Der „Tag der Vielfalt“ am 26. August startet um 10 Uhr sodann mit einer Fahrrad-Demo, die alle Standorte der zuvor enthüllten Kunstwerke abfährt und die Teilnehmer zum Sonnenblumenhaus nach Lichtenhagen führt. Dort befinden sich ab dem Nachmittag Stände und Aktionen von Vereinen und Initiativen, wie z. B. Diên Hông e.V., dem Migrantenrat und „Bunt statt braun“. Gezeigt werden zudem die „Wandernde Wand gegen Rassismus“ und Bestände des Archives „Lichtenhagen im Gedächtnis“.

Auf einer eigens aufgebauten Bühne wird nach Botschaften der Stadtpolitik und der Religionsgemeinschaften ab 16:30 Uhr ein Kulturprogramm geboten. Mit dabei Alex Diehl, Isolation Berlin, Sookee und Odeville. Alle Veranstaltungen finden sich hier als Überblick und als Programmflyer zum Tag der Vielfalt.

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