Einigendes Feindbild

Zu einem islamfeindlichen Kongress in Paris haben sich Neonazis, Fußballhooligans, Kabylen, Antisemiten, rechtsorienierte Juden, eine frühere Wegbegleiterin von Simone de Beauvoir, Vertreter der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei sowie der deutschen „Freiheit“ zusammengefunden.

Mittwoch, 22. Dezember 2010
Bernhard Schmid

Es geht doch nichts über einen guten gemeinsamen Feind, um unter Leuten, die sonst vermutlich nicht sehr viel miteinander gemeinsam hätten, etwas „Verbindendes“ zu stiften. Oder was sonst hätten eine historische Feministin, einzelne Kabylen – nordafrikanische Berber, stolz darauf, dass sie nur ja keine Araber seien – und rechtsorientierte Juden, rechtsradikale Fuβballhooligans mit Schals vom Pariser Club PSG sowie ein neonazistischer Präsidentschaftskandidat miteinander zu tun?

Die Bestimmung des gemeinsamen Feindes führt zu unerwarteten Annäherungen. Die Definition ist klar. Sie lautet: Die Moslems sind es, diese Bösen, die uns überfremden, „besetzen“, überschwemmen, die Arbeitsplätze wegnehmen, an Kriminalität schuldig sind – und überhaupt.

Schweineschinken-Sandwichs und Rotwein

Vertreter unter anderem der verschiedenen genannten Gruppen saßen vor wenigen Tagen gemeinsam in einem Saal im 12. Stadtbezirk von Paris. Rund 1000 Personen aus Europa – zuzüglich den USA – hatte der ganztägige „Kongress gegen die Islamisierung unserer Länder“ angezogen. Verpflegt wurden die Anwesenden, die dafür 15 Euro berappt hatten, mit Schweineschinken-Sandwichs und Rotwein von der Vereinigung „Solidarité des Français“ (SDF), einer Satellitenstruktur des neonazistischen „Bloc identitaire“, der mit seinem „Präsidentschaftskandidaten“, Arnaud Gouillon, und seinem Chef Fabrice Robert als Redner vertreten war.

Eine frühere Wegbegleiterin der Schriftstellerin Simone de Beauvoir sprach die rechtsextreme Politikerin Marine Le Pen mit Vornamen an, um ihr zu attestieren, ihre Sprüche hätten „nichts Schockierendes“. So hörte man es an diesem Samstag aus dem Munde von Anne Zelensky, die sich auf die viel diskutierten Äuβerungen der Tochter von Jean-Marie Le Pen vom 10. Dezember bezog.

Besatzung des Territoriums durch Muslime

Am Abend des 10. Dezember hatte die mutmaßliche künftige Chefin des Front National (FN) einen Auftritt in Lyon vor rund 300 Anhängern ihrer Partei. Am Mikrophon schrieb sie jenen, die „dauernd vom Zweiten Weltkrieg“ und der Besatzung durch Nazideutschland reden wollten, ins Stammbuch, heute gebe es eine aktuelle Besatzung, um die sie sich stattdessen lieber einmal kümmern sollten. Und zwar jene Besatzung „von Teilen unseres Territoriums“, die von Muslimen ausgehe, die tatsächlich oder angeblich unter freiem Himmel auf den Straβen beteten.

Solche Szenarien kommen an islamischen Feiertagen ausnahmsweise in einzelnen Straßenzügen im 18. Pariser Bezirk vor, weil – aufgrund der dortigen starken räumlichen Konzentration der Einwanderer auf engem Raum – die Moscheen des Stadtteils viel zu klein sind. Alle Einwandererfeinde in Frankreich haben in den letzten Monaten ihre Aufmerksamkeit auf diese Szenen gerichtet, die auf spezialisierten Webseiten akribisch dokumentiert werden.

Lob für SVP-Politiker durch Le Pen

Marine Le Pen selbst nahm an dem Pariser Kongress am 18. Dezember, der von konkurrierenden Kräften innerhalb des rassistischen Spektrums ausgerichtet worden war, nicht teil. Sie erklärte jedoch bei einem Fernsehinterview am Sonntag, sie habe nur deswegen nicht kommen wollen, weil sie vollauf durch den innerparteilichen Wahlkampf im Ringen um den Parteivorsitz beschäftigt sei.

„Oskar Freysinger hat eine bemerkenswerte Rede dort gehalten“, lobte Marine Le Pen jedoch einen anderen Politiker. Freysinger, Abgeordneter der Schweizerischen Volkspartei (SVP), war der wichtigste Stargast des Kongresses am 18. Dezember. Von Freysinger wurde das eidgenössische Referendum vom November 2009 zum Minarett-Verbot und jenes vom November dieses Jahres – zur automatischen Abschiebung ausländischer Krimineller oder auch „Sozialleistungs-Missbraucher“ – maßgeblich initiiert.

Linke in einer Front mit den Muslimen

In seiner Rede in Paris führte der SVP-Politiker aus: „Islam und Kommunismus“ hätten miteinander gemeinsam, dass sie „kollektivistische Totalitarismen“ darstellten, und deswegen stünden die Linken in einer Front mit den Muslimen. In Wirklichkeit sei aber das Hauptproblem, dass die moslemischen Einwanderer in Europa auf eine „geistige und spirituelle Wüste“ treffen würden, weil „wir“ uns „unserer eigenen Identität“ nicht mehr sicher seien.

Eine Rede hielt auf dem Kongress auch das ehemalige CDU-Mitglied René Stadkewitz von der Partei „Die Freiheit“ aus Berlin. Er wetterte über „verordneten Kulturverfall“ und gegen „etablierte Politiker“, die nur an ihren eigenen Vorteil dächten – was er selbst natürlich nicht tut.

Überlegenheit der abendländischen Kultur

Der Name der abwesenden Marine Le Pen wurde mehrfach mit Applaus bedacht, unter anderem anlässlich der Ausführungen von Anne Zelensky. Zelensky rechtfertigte die Allianz mit den Rechtsextremen: Die Linke habe den Laizismus nach ihrem Geschmack verraten, und zudem habe die Rechte erkannt, dass „nicht alle Kulturen denselben Wert haben“, sondern die abendländische aufgrund der Stellung der Frau überlegen sei.

Als einzige Rednerin wurde die historische Feministin gegen 17.00 Uhr allerdings vom Publikum ausgepfiffen, als sie erwähnte, wie sie im Jahr 1970 am Kampf um die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen teilnahm. Denn ganz so eng sehen viele der Anwesenden die Sache mit dem Laizismus nicht, der für einen Gutteil von ihnen vor allem einen bequemen Vorwand darstellen dürfte, um auf die Moslems im Besonderen und Einwanderer im Allgemeinen einzuprügeln.

UMP-Führung verbietet Teilnahme

Als „Stargast“ war – vorab durchgesickerten Informationen von „Le Monde“ zufolge – Xavier Lemoine, der Bürgermeister der Pariser Vorstadt Montfermeil, vorgesehen. Der ist zwar ein fanatischer Kreuzzügler gegen den Islam und für das Abendland, aber wahrlich kein Verfechter des Laizismus. Ganz im Gegenteil. Der Rechtskatholik, der am Rande der konservativen Einheitspartei UMP steht, ist vor allem Abtreibungsgegner. Letztendlich kam Lemoine jedoch nicht zum Kongress. Die Parteiführung der UMP habe die Schraube angezogen und ihren Abgeordneten ein Erscheinen dort verboten, greinten die Veranstalter.

Juden zu viele Minderheitenrechte gewidmet

Anwesend war auf dem Kongress unter anderem Jean Robin, Autor bei der Internetpublikation Riposte Laïque, wo er unter anderem mehrere Artikel zu Themen wie dem „antiweiβen Rassismus“ (etwa seinen Beitrag „Die Presse und die Bleichgesichter“) sowie dem „kolonialen Schuldkomplex“ absonderte. Robin hat aber auch Bücher über die „Judéomanie“ (2006 und 2008) verfasst, ein Begriff, den er erfunden hat und der ungefähr – stark vergröbert übersetzt – „Judenwahn“ oder „Juden-Rummel“ bedeutet. Robin vertritt in seinen Schriften die Grundthese, den Juden würden zu viel Aufmerksamkeit und zu viele Minderheitenrechte gewidmet.

In einem Interview im Jahr 2008 für eine Webseite des Nationalrevolutionärs Philippe Randa erklärte Robin, die „Judéomanie“ sei nur die Blaupause für andere „Minderheiten-Rummel“. Robin wörtlich: „Die Judéomanie führt zur Islamomanie, zur Negromanie, zur Homomanie usw., kurz, zum Kommunutarismus.“

„Plan zum Bevölkerungsaustausch“

Ansonsten ging es vor allem um die „Kosten der Einwanderung“, die der Unternehmensberater und Thatcherist Jean-Paul Gourevitch in Zahlenkolonnen vorstellte – angeblich kosten die Zuwanderer den Franzosen „38 Milliarden Euro“ pro Jahr, eine Zahl, die er freilich durch nichts rechtfertigte.

Applaus erhielt auch der Schriftsteller Renaud Camus, von dessen Büchern eines im April 2000 durch den Verleger Fayard aufgrund antisemitischer Passagen zurückgezogen werden musste. An dem Samstag in Paris führte Camus aus, die Präsenz von Zuwanderern in Frankreich sei Teil eines „großen Plans zum Bevölkerungsaustausch“ durch die Herrschenden. Im Übrigen habe man es bei Straftätern migrantischer Herkunft „nicht mit Ganoven zu tun, sondern mit Soldaten“. Sei doch die „unerträgliche Unsicherheit“ Teil einer Kriegsführung, die auf Vertreibung der weiβen „Eingeborenen“ abziele.

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