„Eine rote Hochburg erobern“

Münster – Wenn am kommenden Samstag Neonazis in Münster auf die Straße gehen, soll erstmals eine neue Sanitätertruppe namens „Kameradschaftsdienst“ mit von der Partie sein.
 

Mittwoch, 29. Februar 2012
Tomas Sager

Versuche eine solche, kontinuierlich arbeitende Gruppe aufzubauen, hat es einige gegeben. Mal firmierten die Neonazis, die sich um das Wohl ihrer „Kameraden“ bei Demonstrationen kümmern sollen, als „Braunes Kreuz“ (bis das DRK dies untersagte), mal als „Nationaler Sanitätsdienst“, mal als „Ersthelfer“, mal schlicht als Demo-Sanis. Der neue „Kameradschaftsdienst“, der am 3. März seine Premiere erleben soll, befindet sich offenbar noch im Aufbau. In einer Erklärung, die am Dienstag in einem Internetforum der Szene veröffentlicht wurde, bittet er um Spenden, „da wir das gesamte Material neu bereitstellen müssen“. Dabei gehe es um „Anschaffungen im geschätzten Wert von mehreren hundert Euro“. Spenden seien auch deshalb wichtig, „da wir keine ,Praxisgebühr' erheben wollen und auch nichts von den Verletzten oder den Anmeldern der Demos – die uns abberufen – nehmen wollen“.

Die Erklärung wurde unter anderem von einem einst in Ahlen und nun offenbar in Niedersachsen lebenden Neonazi unterzeichnet. In der Vergangenheit hatte jener Neu-Sanitäter wiederholt bewiesen, dass ihm die Gesundheit solcher Menschen, die nicht in sein Weltbild passten oder die ihm gerade im Wege standen, egal war. Bis in den vorigen Herbst hatte er drei Jahre eingesessen, weil er unter anderem einen Obdachlosen mit Schlägen und Kniestößen erheblich verletzt, auf zwei  Türsteher von Gaststätten mit einem Teleskopschlagstock beziehungsweise einem Stuhl eingeprügelt und einen Polizeibeamten mit Reizgas angegriffen hatte. Als der „bekennende Nationalsozialist“, wie ihn die „Kameradschaft Hamm titulierte, im Herbst 2011 wieder auf freien Fuß gekommen war, wandte er sich mit einer Erklärung an die „Kameraden“: „Der Kampf geht weiter, bis zum (End-)Sieg! Auf welchen Ebenen und mit welchen Mitteln, wird sich noch zeigen.“ Am Tag des „Aufstands des deutschen Volkes und somit des deutschen Reiches“ werde es keine Gnade geben.

„Kampf bis zum (End-)Sieg“

Bei der Demonstration in Münster werden zwischen 200 und 300 Neonazis erwartet. Als Veranstalter der Demo werden offiziell „Freie Kräfte aus der Region“ genannt. Gemeint sein dürfte vor allem die kleine lokale Neonazigruppe „Nationale Sozialisten Münster“, die insbesondere durch die „Kameradschaft Hamm“ und die „Autonomen Nationalisten Ahlen“ unterstützt wird. Als Redner sollen Christian Worch aus Mecklenburg-Vorpommern, Dieter Riefling aus Niedersachsen, Axel Reitz und Sven Skoda aus dem Rheinland sowie Vertreter regionaler Neonazigruppen auftreten. Sascha Krolzig, der Anführer der Hammer Kameradschaft, ist laut „Münsterscher Zeitung“ offenbar der Anmelder der Veranstaltung. Er tönte Ende Januar: „Diesmal geht es nicht darum, in Münster überhaupt mal irgendwas zu machen, diesmal geht es darum, eine rote Hochburg zu erobern.“

Die letzten beiden Demo-Versuche der Szene in Münster waren 2006 kein besonderer Erfolg. Mitte Februar jenes Jahres mussten die rund 170 erschienenen Neonazis nach nur 200 Metern wieder kehrtmachen, weil ihnen Gegendemonstranten den Weg versperrten. Bei der Folgeveranstaltung im Mai 2006 kamen lediglich 70 Teilnehmer, die nicht in der Innenstadt, sondern nur im Stadtteil Hiltrup auf die Straße gehen konnten. Und auch dort mussten sie wegen der Gegenaktivitäten mit einer verkürzten Demoroute vorlieb nehmen.

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