Eine „Gesellschaftsgeschichte“ des bundesdeutschen Rechtsterrorismus
Eine Gesamtgeschichte zum bundesdeutschen Rechtsterrorismus fehlte bislang. Die Historikerin Barbara Manthe legte sie mit „Terror von rechts. Die Geschichte einer andauernden Gefahr“ vor. Sie geht nicht nur auf konkrete Gewalthandlungen, sondern auch auf gesellschaftliche Kontexte ein.
Eine Gesamtgeschichte zum bundesdeutschen Rechtsterrorismus lag bislang noch nicht vor, was angesichts eines notwendigen vergleichenden Blicks auf die NSU-Mordserie mehr als nur verwundert. Jetzt gibt es von der Historikerin Barbara Manthe eine solche Monographie. Sie erschien mit „Terror von rechts. Die Geschichte einer andauernden Gefahr“ als Titel. Die letztgenannte Formulierung stellt darauf ab, dass das Gemeinte kontinuierlich präsent war. Dabei blickt die Autorin nicht auf die Weimarer Republik, wo einschlägige Anschläge und Attentate immer wieder auszumachen waren.
Ihre Darstellung beginnt Manthe mit der unmittelbaren Nachkriegszeit, erfolgte doch bereits 1946 ein Bombenanschlag auf eine Spruchkammer. Die Entwicklung derartiger rechtsterroristischer Gewalttaten ist anschließend ihr Thema. Dabei geht es der Autorin nicht nur um die Gewaltakte, sondern berücksichtigt ebenso den gesellschaftlichen Hintergrund und politische Kontroversen. Sie spricht hierbei angemessen und ausdrücklich von einer „Gesellschaftsgeschichte“.
Wider Fehldeutungen wie „primäres Jugendproblem“
Zum zentralen Arbeitsbegriff „Rechtsterrorismus“ heißt es dabei, es gehe um „schwere Gewalt mit Symbolcharakter gegen Personen oder Objekte durch konspirativ agierende Gruppen oder Einzelpersonen“. Davon wird „situative rechtsradikale Straßengewalt“ unterschieden, was bezogen auf Gewalttaten ab den 1990er Jahren nicht immer konsequent durchgehalten wird. Die Autorin belässt es auch bei der erwähnten Definition, wofür man noch mehr Differenzierungskritierien aus der Terrorismusforschung finden könnte.
Abstrahiert man von diesem Gesichtspunkt, so liest man mit viel Erkenntnisgewinn weiter. Die bundesdeutsche Geschichte wird von Manthe entsprechend der Thematik durchschritten. Dabei kommt den Beschreibungen gesellschaftlicher Entwicklungen ein hoher Stellenwert zu, bewegten sich doch die rechtsterroristischen Akteure nicht in einem kontextfreien Raum. Auch werden von der Autorin immer wieder Fehldeutungen thematisiert, etwa wenn nur von einem primären Jugendproblem die Rede war.
Erinnerung an heute vergessene Gruppen als NSU-Vorbilder
Die Darstellung ist dann historisch-chronologisch aufgebaut, beginnend mit den 1950er Jahren und dem damals aktiven „Technischen Dienst“. Nicht alle geschilderten Ereignisse passen indessen zum erwähnten Terrorismusverständnis, seien dies die Anschläge auf die Berliner Mauer oder die antisemitischen „Schmierwellen“. Gleichwohl wird eine ansteigende Gewaltbereitschaft in dem politischen Milieu deutlich, welche dann in rechtsterroristischer Form spätestens in den 1970er Jahren eskalierte.
Die Autorin erinnert dabei an heute vergessene Gruppen, die aber für den NSU zumindest indirekt ein Vorbild waren. Diese Dynamik in Kombination mit der Straßengewalt entfaltete hier Wirkung. All dies wird mit recherchiertem Archivmaterial und zeitgenössischen Medienberichten veranschaulicht. Manchmal geht es dabei auch mit den Begriffen durcheinander, etwa bei „Rechter Terror“, was nicht der fachlich richtige Terminus wäre. Dies minimiert aber weder den Erkenntnisgewinn noch die Forschungsleistung in Gänze.
Fehlschlüsse zum NSU bei Sicherheitsbehörden
Besondere Aufmerksamkeit verdient das lange Kapitel zum NSU. Dabei erörtert die Autorin auch kurz die Fehler der Sicherheitsbehörden, welche auf analytische Fehldeutungen hinsichtlich einer strukturellen Gleichsetzung mit der linksterroristischen RAF zurückgeführt werden. Die Auffassung von einer „Braunen Armee Fraktion“ war der falsche Schluss aus diesem Verständnis. Eigentlich hätten die strukturellen Änderungen bei terroristischen Organisationen viel früher auffallen müssen, der vergleichende Blick auf ideologisch anders ausgerichtete Gewaltgruppen gehörte hierzu.
Diese wichtige Einsicht findet sich nur auf einer halben Seite, steht aber für einen hohen Erkenntnisgewinn aus vergleichender Perspektive. Allein dieser scheinbar marginale Gesichtspunkt veranschaulicht die Relevanz einer solchen historischen Studie. Gleiches ließe sich noch für andere Gesichtspunkte vortragen. Die Arbeit ist darüber hinaus gut strukturiert und verständlich geschrieben, wobei auch eine bedrohliche Gegenwart nicht unterschlagen wird.
Barbara Manthe, Terror von rechts. Die Geschichte einer andauernden Gefahr, München 2026 (C. H. Beck), 383 Seiten, 29,90 Euro