Eine andere Erinnerung, Frauen erählen von ihrem Leben im Dritten Reich

Wie haben Frauen die Jahre von 1933 bis 1945 erlebt? Wie haben sie in dieser Zeit gelebt und gehandelt? Dieser Frage geht die US-amerikanische Journalistin Alison Owings in den 21 Interviews ihres Buches "Eine andere Erinnerung" nach, das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist. Sie traf auf ihrer Suche auf die unterschiedlichsten Menschen, aber in keinem Fall auf die vermeintliche "Durchschnittfrau" des Dritten Reichs: die schweigende, apolitische, nicht zu besserem Wissen fähige Mitläuferin. Mit dieser Legende aufzuräumen - sowie die Nähe, die zu den Interviewten hergestellt wird und der daraus folgende Einblick - sind wohl das größte Verdienst des Buches. Darüber hinaus hat es einen hohen Wert für die feministische und Frauenforschung. Nachdem die These der friedfertigen besseren Hälfte verabschiedet worden ist, wird heute an Fragen nach weiblichem Autoritarismus, Rechtsextremismus oder ihrer Bereitschaft zur Täterschaft ingearbeitet. Bei der Beantwortung kann Owings\' Buch weiterhelfen.

Donnerstag, 06. Mai 2004
Redaktion
Verena Groth heißt nicht Verena Groth. Ihren richtigen Namen will sienicht sagen. Zu groß ist die Angst, ihre Nachbarn in dem kleinen Ortirgendwo in der Nähe von München, könnten erfahren, was sie auch in den90er Jahren immer noch nicht wissen sollen: Dass Verena Groth Jüdinist. "Das überlege ich mir Jahre, bevor ich da mal etwas sage. Freundehaben mal zu mir gesagt, ich müsse mal zum Psychiater, ich hätte einTrauma. Da habe ich gesagt: Jetzt bin ich mit dem Trauma 65 geworden,jetzt behalte ich das, bis ich sterbe."Auch Helga Frisch heißt nicht Helga Frisch. Helga Frisch sagt zum ThemaAntisemitismus: "Der ist nimmer da.... Aber es müssten endlich dieJuden mal gleich gemacht werden mit uns und nicht... Die wollen dochimmer nicht vergessen, die Juden; sie müssen doch auch mal vergessen."Vor 50 Jahren hat Helga Frisch Hitlers "Mein Kampf" gelesen. Darübersagt sie heute: "Das haben wir gelesen und haben gesagt: Es gibt soviele Menschen in Deutschland und wir sind auf so engem Raum. Diekönnten uns schon was abgeben, nicht?"Verena Groth und Helga Frisch sind nur zwei von 21 Frauen, die dieUS-amerikanische Journalistin Alison Owings für ihr Buch "Eine andereErinnerung", das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist, interviewt hat.Das Werk, das aus mehrstündigen und mehrfachen Interviews tiefgründigePorträts von Frauen im Dritten Reich und in der Zeit danachherausarbeitet, ist ein sensibles Dokument deutscher Alltagskultur, dasversucht, Realitäten zu ergründen statt Vorurteile zu manifestieren.Alison Owings traf bei der Suche nach der Rolle von Frauen in derDiktatur des Dritten Reichs auf die unterschiedlichsten Menschen: AufKZ-Aufseherinnen und KZ-Häftlinge; auf eine Christin, der von ihrenEltern der Kontakt zu ihrer großen Liebe, einem jüdischen Jungen,verboten wurde. Auf eine Flakwaffenhelferin, die mit einer Kanone auffeindliche Flugzeuge zielte, auf eine überzeugte Kommunistin, diespäter in der DDR Parteikarriere in der SED machte, auf eine Jüdin, die"auch als Jüdin sterben will". Sie traf Frauen voller Verachtung fürihre Geschlechtsgenossinnen und Frauen, die vergeben haben. Frauen, diebereuen und solche, die offenbar wenig dazugelernt haben.Wen sie aber nicht traf, war die vermeintliche "Durchschnittfrau" desDritten Reichs: die schweigende, apolitische, nicht zu besserem Wissenfähige Mitläuferin. Mit dieser Legende aufzuräumen - sowie die Nähe,die zu den Interviewten hergestellt wird und der daraus folgendeEinblick - sind wohl das größte Verdienst des Buches, das nach seinerVeröffentlichung in den USA wochenlang für Wirbel sorgte. Und es sindgerade die kleinen Notizen zwischen den Zeilen, die erschrecken: diebeiläufige Anmerkung, ja man hätte selbstverständlich gewusst, dassJuden vergast werden, sei aber nicht "persönlich daran beteiligt"gewesen. Der Hinweis, die Eltern seien arme Leute gewesen und hättenmit der Reichen-Leute-Welt der Juden nichts zu tun gehabt. Dieüberzeugte Mitteilung, dass die Gene eine enorme Rolle für dieEntwicklung eines Menschen spielen.Alison Owings, die fast ein ganzes Jahrzehnt an der Veröffentlichungdes Buches gearbeitet hat, zieht am Ende ein eher desillusioniertesResümee:"Als ich meine Sachen für die erste Reise nach Deutschlandpackte, hatte ich die Hoffnung im Gepäck, die deutschen Frauen könnteneine kollektive Reflexionsbereitschaft und Reue an den Tag legen undmich vielleicht davon überzeugen, dass sie Adolf Hitler doch nichtunterstützt haben. Schon kurz nach Beginn des ersten Interviews hattensich meine Hoffnungen in Nichts aufgelöst. Am Ende des zweitenInterviews waren meine Erwartungen an eine Homogenität verschwunden unddamit auch meine Ausgangsthesen erledigt. Als das dritte Interviewvorbei war, wusste ich, dass ich mein Vorhaben überdenken musste, undzwar ganz schnell."Außer dem zeitgeschichtlichen Wert und dem erfrischenden persönlichenund unwissenschaftlichen Ansatz, den Owings gewählt hat, gibt es abernoch eine dritte Besonderheit, die das Buch auszeichnet: Sein Wert fürdie feministische und Frauenforschung. Erst spät hat man dort begonnen,sich von der These der friedfertigen besseren Hälfte zu verabschiedenund Fragen nach weiblichem Autoritarismus, Rechtsextremismus,Täterschaft und wissendem Mitläufertum zu stellen. Oder auch derErforschung der Frage, warum auch Frauen dazu neigen, sich infrauenverachtenden Diktaturen zu engagieren. Mit Hilfe dieses Bucheskönnte man der ein oder anderen Antwort etwas näher kommen.
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