Ein „Mann der Tat“

Unter dem Vorsitz von Marcel Guse arbeitet die NPD in Potsdam am Ausbau lokaler Neonazi-Strukturen – die ideologische Ausrichtung wird scheinbar nicht von allen Parteikameraden im Kreisverband gerne gesehen.

Dienstag, 22. Februar 2011
Maik Baumgärtner

Von einem jungen Mann mit kurzen Haaren und Brille, bekleidet mit einer dicken Winterjacke, wurde Ende November vergangenen Jahres der Parkplatz der Potsdamer Dart-Kneipe „Wiesenbaude“ bewacht. Er gehörte zum „Ordnungsdienst“, den Marcel Guse, Vorsitzender der NPD-Potsdam, an diesem Abend seinen Parteikameraden schon im Vorfeld ankündigte – „um Zwischenfälle zu vermeiden“.

Fußgänger verirren sich nur selten in die abgelegene Sackgasse, an deren Ende die „Wiesenbaude“ liegt und wo an diesem kalten Novemberabend zum wiederholten Male der monatliche Stammtisch der örtlichen NPD stattfand. Auf den von Guse organisierten Treffen traten bisher auch bundesweit bekannte Neonazi-Kader wie Ralph Tegethoff (bnr.de berichtete) auf.

Guse, der seine Einladungen mit „volkstreuen Grüßen“ quittiert, hat den Stammtisch innerhalb eines Jahres etabliert und begrüßt Monat für Monat rund 30 bis 40 Neonazis aus Potsdam und dem nahen Umland.

Als DVU-Mandatsträger zur NPD gewechselt

Nach Jahren organisatorischer Brache verfügt die NPD damit erstmals seit gut einem Jahr wieder über nennenswerte Strukturen in Potsdam. Den Grundstein dafür legte der ehemalige DVUler Marcel Guse, als er infolge der verpatzten Landtagswahl 2009 den Trümmern seiner Partei den Rücken kehrte und der NPD beitrat. Sein Mandat in der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung (SVV) blieb von seinem Parteiwechsel unberührt. Ein in solchen Fällen normalerweise vorprogrammierter parteiinterner Streit blieb aus, war Guse doch der einzige DVU-Mandatsträger und der Landesverband schon damals faktisch am Ende. Im Januar 2010 wurde unter dem Vorsitz Guses letztlich der NPD-Stadtverband Potsdam gegründet. Aufgrund fehlender Parteistrukturen, ist der Stadtverband seitdem organisatorisch an den NPD-Kreisverband Havel-Nuthe angebunden.

Im Rahmen seiner neuen Posten und Aufgaben legte Guse anfangs einen regen Aktionismus an den Tag. Seine vermeintlich bürgerliche Rolle als NPD-Kader und -Mandatsträger, spielte er, wie es das Drehbuch seiner Partei vorgibt: Regelmäßige Anwesenheit bei den Sitzungen der SVV-Potsdam und anschließende Berichterstattung und „Öffentlichkeitsarbeit“.

In Zweierreihen durchs Brandenburger Tor gelaufen

Seit kurzer Zeit soll sein Engagement als Stadtverordnetenvertreter allerdings stark nachgelassen haben. So nähme Guse sein Mandat faktisch kaum noch wahr. Und wenn, sei sein Auftreten geprägt durch Desinteresse und gelegentliche, gezielte Provokationen mittels rassistischer und antisemitischer Zwischenrufe.

Regelmäßig greift Guse auch für die Internetseite der NPD Havel-Nuthe in die Tastatur. Dabei bemüht der NPD-Kader nicht nur den neonazistischen Liedermacher Frank Rennicke. Aus „gegebenem Anlass“ gratulierte er auch schon Adolf Hitler zum Geburtstag. Welche Ziele Guse verfolgt, wird in einem Bericht über einen Ausflug Potsdamer Neonazis nach Berlin deutlich, als er beschreibt, wie sie in Zweierreihen durchs Brandenburger Tor gelaufen seien, „diesmal noch ohne Fackeln und dazugehörigem Fahnenmeer“.

Militantes Outifit am 1. Mai in Berlin

Es verwundert daher nicht, dass Guses Berichte immer wieder mit der unverblümten Forderung nach einem „Nationalen Sozialismus“ schließen. Die offene ideologische Flanke zum Nationalsozialismus wird scheinbar nicht von allen seiner Parteikameraden gern gesehen. So soll es intern Forderungen nach einer eigenen Internetseite für Guse oder dessen Stadtverband geben, angeblich, damit der Kreisverband nicht mehr diese Texte verantworten muss.

Öffentlich tritt der Stadtverordnete Guse als Redner sowie auch als Ordner auf Demonstrationen in Erscheinung. In seiner Ordnerrolle fällt er vor allem durch martialisches Auftreten auf. Er pflegt in diesem Zusammenhang enge und gute Kontakte zur gewaltbereiten Kameradschaftsszene in Potsdam. Darüber hinaus inszeniert er sich selbst gern als „Mann der Tat“. Am 1. Mai 2010 in Berlin etwa, war er in betont militantem Outfit in den ersten Reihen zu beobachten, wo er den Kontakt zu Gegendemonstranten zu suchen schien und in Auseinandersetzungen mit Journalisten und Polizisten verwickelt war, die scheinbar weniger der Demonstrationsabsicherung dienten.

Diesbezüglich befindet sich Guse in seinem Kreisverband in bester Gesellschaft. Mit Michel Müller wird dieser von einem verurteilten Gewalttäter geleitet, der bereits wegen politisch motivierter Gewalt auf der Anklagebank saß. Seit einiger Zeit hält sich Müller jedoch betont zurück und ist lediglich durch die Teilnahme an Demonstrationen in Erscheinung getreten.

Um bürgerliches Image bemüht

Der NPD-Kreisverband Havel-Nuthe verfügt über zwei Mandate im Kreistag Havelland. Dieter Brose und Maik Schneider zeigen sich durch ihr dortiges Auftreten sehr bemüht, der NPD ein bürgerliches Image zu geben. Doch auch Maik Schneider, der zudem in der Stadtverordnetenversammlung Nauen sitzt, gelingt dies nur bedingt. Auch er verfügt über gute Kontakte zur gewaltbereiten Kameradschaftsszene. So versuchte er erst Ende Januar dieses Jahres mit einer Gruppe von 30 Neonazis – ansonsten ausschließlich dem Spektrum der Autonomen Nationalisten zuzuordnen – in Berlin an einer Demonstration gegen „Gentechnik, Tierfabriken und Dumpingexporte“ teilzunehmen. Es kam jedoch zu Protesten von anderen Teilnehmenden und die Neonazis wurden letztlich von der Polizei abgedrängt (bnr.de berichtete). Am 13. Februar nahm Schneider zudem am so genannten „Trauermarsch“ in Dresden teil.

Während der Stadtverband Potsdam am Ausbau lokaler Neonazi-Strukturen arbeitet und deren Kader bemüht scheinen, ihren Aktivisten- und Mitgliederstamm zu festigen, arbeitet der Kreisverband Havel-Nuthe kontinuierlich an seiner kommunalen Verankerung. Fraglich ist, wie lange die Zusammenarbeit zwischen dem anscheinend parteiorientierten Flügel und Marcel Guse noch funktioniert. Vor einigen Tagen verschwanden ein Großteil von Guses Texten von der Seite des Kreisverbandes. Dass es sich dabei lediglich um ein technisches Problem handelt, ist unwahrscheinlich.

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