„Ein falsches Signal“
Neonazi-Kneipe "Zum Henker". Foto: Oliver Cruzcampo
Mit freundlicher Genehmigung des "blick nach rechts" übernommen.
Es war ein Vorfall, der in der Medienberichterstattung mit Überschriften wie „Dönerspieß stoppt Angreifer aus Neonazi-Treff“ oder „Mit Dönerspieß gegen Nazi-Schläger“ vergleichsweise große mediale Beachtung fand: Im September 2012 griffen im Berliner Stadtteil Schöneweide drei betrunkene Neonazis, die aus dem überregional bekannten Szene-Treffpunkt „Zum Henker“ kamen, einen jungen Mann mit Schlägen und Tritten an und jagten ihn durch die Brückenstraße. Der Betroffene flüchtete sich in einen Imbiss und wurde von den Angestellten, die sich schützend vor ihn stellten, mit einem Dönerspieß verteidigt. Schließlich nahmen zufällig anwesende Zivilpolizisten die Neonazis fest, die mittlerweile die Imbissbetreiber rassistisch beschimpften.
Im Nachhinein wurden die Angestellten als „Helden vom Grill“ in den Boulevard-Medien gefeiert. Der Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick Oliver Igel besuchte kurz darauf das Grillhaus, übergab eine Urkunde, Blumen und bezeichnete die Angestellten als „ein gutes Beispiel für Mut und Zivilcourage“. Auch Berlins Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) dankte bei einem Besuch im Kiez den Mitarbeitern. Für seinen mutigen Einsatz wurde der Imbissbetreiber in diesem Jahr sogar mit dem Preis für Zivilcourage des Bezirks ausgezeichnet.
Bezirksbürgermeister findet Entscheidung enttäuschend
Bei den drei Angreifern handelt es sich um einschlägig bekannte Neonazis, die von Szene-Kennern der Gruppe „Weiße Wölfe Terrorcrew / Nationalkollektiv Hamburg“ zugerechnet werden. Am 24. Oktober sollten die Verhandlung gegen zwei der Täter, dem 31-jährigen Heiko W. aus Hamburg und dem 23-jährigem Torsten O. aus Wittstock wegen gefährlicher Körperverletzung und Beleidigung beginnen. Doch die Richterin stellte das Verfahren gegen die von Szene-Anwalt Wolfram Nahrath verteidigten Neonazis mit der Auflage, jeweils 150 Euro an den Geschädigten zu zahlen, ein. Der 18-jährige Haupttäter Maximilian F. kam ebenfalls straffrei davon. Sein Verfahren wurde eingestellt, weil er bereits eine Haftstrafe von 18 Monaten in der Jugendarrestanstalt Neumünster absitzen muss. Bei lokalen Engagierten in Berlin-Schöneweide stößt dieser Verfahrensausgang auf Unverständnis. Das bezirkliche „Bündnis für Demokratie und Toleranz“ spricht von einem Skandal: „Das ist keine angemessene Strafe für einen gewalttätigen politisch motivierten Überfall, zumal im Angstraum Brückenstraße.“ Sie sehen darin vor allem ein falsches Signal für Engagement gegen Neonazis im Bezirk: „Es ist eine Farce, wenn sich Bezirk und die Zivilgesellschaft gegen rechte Gewalt und für Zivilcourage engagieren, die Justiz aber solche Dinge nicht konsequent verfolgt und ahndet.“ Auch Bezirksbürgermeister Igel findet die Entscheidung enttäuschend: „In der Gegend um die Brückenstraße, wo viele Neonazis Angst verbreiten, haben mutige Menschen eingegriffen. Wenn am Ende das Verfahren gegen die Täter so billig endet, ist das ein Signal, dass dies alles Bagatellen sind“, sagte er gegenüber der „Berliner Zeitung“.Kategorien