„Echte deutsche Weihnacht“ – Nazis und christliche Tradition

Wie feiern eigentlich Nazis Weihnachten? Das Fest des Friedens und der Nächstenliebe passt so gar nicht zu den Parolen von Rassismus und Ausgrenzung. Jesus Christus war „Jude“ und die Mehrheit der westlichen Welt feiert an seinem Geburtstag. Der GAU für jeden Nazi! Doch ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Not macht erfinderisch.

Montag, 24. Dezember 2012
Redaktion
„Echte deutsche Weihnacht“ – Nazis und christliche Tradition
Berlin, 24. Dezember 1938. Über 400 Kinder von Holz- und Waldarbeiterfamilien waren mit ihren Eltern von Generalfeldmarschall Hermann Göring und seiner Gattin eingeladen worden, an einer Weihnachtsbescherung teilzunehmen. An langen Tischen warteten die Kinder auf die Geschenke. Doch zunächst erhob sich Göring und wandte sich mit viel Pathos an die Gäste: „Zum Teil seit ihr schon in dem Alter, meine lieben Kinder“, sagte der Generalfeldmarschall, „um zu verstehen, was um euch vor geht. Später, als Erwachsene, werdet ihr gerade an diese Weihnacht 1938 zurückdenken, die wir feiern konnten in den Segnungen eines Friedens in dem glücklichen Bewusstsein, ein starkes Vaterland zu besitzen. Wir haben in diesem Jahre vom Führer ein herrliches Geschenk erhalten: deutsche Menschen, aus dem gleichen Blute wie wir brauchen nicht mehr mit sehnenden Augen zu uns herüberzublicken, auch sie dürfen als freie Menschen deutsche Weihnacht feiern […]“. Zum Abschluss ermahnte er die Kinder, „später einmal echte deutsche Männer und Frauen zu werden“. Dann kam Knecht Ruprecht. Göring hatte dafür den damals bekannten Schauspieler Albert Florath engagiert. Für die Kleinen gab es Kleidung, Spielsachen und Süßigkeiten, für die Eltern „einen reich gefüllten Korb mit Lebensmitteln“. Für den Journalisten des Niederdeutschen Beobachter war es eine „echte deutsche Weihnacht in ihrer schönsten Gestaltung“.

Irgendwie erinnert die Szene an ein Kabarett, das den Nationalsozialismus parodiert. Man beginnt in einer alltäglichen Situation und benutzt das Adjektiv „deutsch“ in möglichst vielen überflüssigen Kombinationen: „deutsche Menschen“, „echte deutsche Kinder“ und natürlich die „echte deutsche Weihnacht“. Solche Realsatire findet man auch heute auf Weihnachtsmärkten. Dort sind gelegentlich Neonazis im Nikolauskostüm mit Süßigkeiten und subtiler Propaganda unterwegs, wie Endstation Rechts berichtete. Kundige Leser des Portals wiesen amüsiert darauf hin, dass der Weihnachtsmann alles andere als „deutsch“ und in seiner heutigen Gestalt eine Erfindung von Coca Cola – einer Ikone des von Nazis oft verteufelten US-Kapitalismus – sei.

Auch Hermann Göring wusste, dass Weihnachten kein „deutsches“ Fest war, sonst hätte er nicht ständig über das „Deutsche“ gesprochen. Weihnachten als christliches Fest erinnerte auch 1938 viele Menschen an die Geburt von Jesus Christus und der war Jude. Zugleich war gerade dieses Fest tief in der sozialen Praxis verankert. Die Konstellation stellte die nationalsozialistischen Ideologen vor ernste Probleme.

Folglich musste Weihnachten aus dem Kalender verbannt oder zumindest nationalsozialistisch erklärt werden. In Konkurrenz zum christlichen Festkalender, schufen die Nationalsozialisten eine ganze Reihe von Feiertagen, die den Jahresrhythmus der Volksgenossen bestimmen sollten: der 3. Januar als „Tag der Machtübernahme“, der 1. Mai als „Feiertag des deutschen Volkes“, der letzte Sonntag im September als „Erntedankfest“ und der 9. November als „Gedenktag für die Gefallen der Bewegung“. Später kam noch der „Führergeburtstag“ am 20. April dazu. Die christlichen Rituale und Traditionen blieben aber im Leben der Menschen verankert und die Nationalsozialisten suchten durch Umdeutung, die traditionellen Feste zu integrieren, meist durch Rückgriff auf germanisch-pagane Riten – oder vielmehr durch die Erfindung solcher. Denn das Wissen über die kulturellen Praktiken der Germanen ist heute noch ziemlich fragmentarisch und interpretationsfähig. So kamen die Nationalsozialisten auf die Idee, Ostern als Fest zu Ehren der altgermanischen Fruchtbarkeitsgöttin „Ostara“ zu deuten. Dass die Germanen vermutlich gar keine solche Fruchtbarkeitsgöttin kannten, tat nichts zu Sache.

Für Weihnachten gingen die deutschen Faschisten ähnlich vor. Auch hier sollte der christliche Ritus durch die Erfindung einer neuen Tradition, die sie germanisch inszenierten, verdrängt werden. Dabei gab es zwei widerstreitende Ansätze unter den NS-Ideologen. Der Reichsführer-SS Heinrich Himmler wollte Weihnachten und das Fest der Wintersonnenwende, welches auch auf römische Traditionen verweist, zu einem germanischen Julfest vereinigen. Dabei sollte vor allem den Ahnen und der Vergangenheit gedacht werden. Es gab zwar bei den Germanen ein Julfest, allerdings ist Inhalt und Zeitpunkt der Feier bis heute umstritten. Zudem erforderte der Verweis auf die Wintersonnenwende eine Verlegung der tief verwurzelten Rituale des Schenkens oder gemeinsamen Singens vom 24. auf den 21. Dezember. Wohl auch deshalb konnte sich Himmler mit seinen Ideen nicht durchsetzen. Begriffe wie „Julleuchter“ (für einen etwas klobig aussehenden Kerzenständer vermeintlich keltischen Ursprungs) oder „Jultanne“ (für den Weihnachtsbaum) fanden allerdings Eingang in den Sprachgebrauch. Heute erklären Artikel auf einschlägigen Websites, Weinachten müsse eigentlich Julfest heißen, habe „nichts mit dem Geburtstag eines ominösen Herrn Christus (Lattengustel) in Betlehem zutun, sondern geh[e] zurück auf den archaischen Sonnenkult der Urvölker.“

Der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hingegen dachte etwas pragmatischer und suchte Weihnachten als von seinen christlichen Wurzeln entkleidete Feier dem nationalsozialistischen Festkalender hinzuzufügen. Dieser Ansatz war weit erfolgreicher. Weihnachten wurde, so wie es Göring 1938 tat, auch offiziell am 24. Dezember als Weihnachtsfest begangen. Zugleich waren christliche Inhalte in allen offiziellen Darstellungen durch nationalsozialistische Propaganda substituiert worden. Man verzichtet einfach auf eine präzise historische Begründung der Tradition. Ob es damit gelang, auch die privaten Gewohnheiten der Menschen tiefgreifend zu verändern, darf bezweifelt werden.

Ständige Neuerfindung von Traditionen

Die Um- und Neudeutung von Traditionen ist nichts spezifisch nationalsozialistisches, vielmehr es ist alltäglich. Viele Menschen feiern in diesen Tagen Weihnachten ohne dabei der Geburt von Jesus Christus zu gedenken. Auch zu Ostern ist das nicht anders. In Australien beispielsweise verbinden die Menschen mit dem Karfreitag nicht die Kreuzigung, sondern das an diesem Tag an allen Straßenkreuzungen übliche Spendensammeln zu Gunsten wohltätiger Organisationen. Feste und Bräuche verändern sich über die Zeit, sie werden in gewisser Weise ständig neuerfunden. Tradition ist nichts aus der Vergangenheit monolithisch Überliefertes, sondern dass, was die heutige Gesellschaften aus der Überlieferung konstruieren. Allerdings sind die Konstruktionen in demokratischen Gesellschaften nicht beliebig. Zudem gibt es dort immer verschiedene, konkurrierende und akzeptierte Deutungen.
Im Dritten Reich hingegen war die Neuinterpretation des Weihnachtsfests mit einer spezifischen Agenda von Rassismus und Ausgrenzung verknüpft. Eine „echte deutsche Weihnacht“ hieß auch, dass die „Nicht-Deutschen“ außen vor blieben. Der Nationalsozialismus suchte damit zugleich die Deutungsmacht über bisher von den christlichen Kirchen gehaltene Bereiche zu erlangen. Man nutzte die Gelegenheit eines Feiertags, um eigene Propaganda zu treiben, wie es 1938 Göring bei den Kindern tat oder wie es die Neonazis heute auf Weihnachtsmärkten versuchen.

Kriegsweihnachten

Die Kinder und Eltern, die Göring versammelt hatte, sollten tatsächlich an diese Weihnacht 1938 zurückdenken. Es war die letzte Weihnacht vor dem Ausbruch des Krieges. Nur ein dreiviertel Jahr später, noch vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges, wurden Fleisch, Fett, Zucker, Marmelade und andere Konsumgüter durch Bezugsscheine rationiert. Im Verlaufe der nationalsozialistischen Herrschaft kamen aber noch ganz andere Zumutungen auf die Menschen zu. 1943 rief Hitler kurz vor dem Weihnachtsfest dazu auf, warme Kleidung für die Soldaten an der Ostfront zu sammeln. Statt Geschenke zu verteilen, versuchten Hitler und seine Gefolgsleute nun das Letzte für den totalen Krieg aus dem Volk herauszuholen – eine echt nationalsozialistische Kriegsweihnacht.
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