Düsteres Spektakel

Neonazis marschieren an ihrem „Tag der Ehre“ durch Halbe bis zum Friedhof.

Donnerstag, 16. März 2006
Andrea Röpke

Als die alte Frau die Trommeln näher kommen hört, rückt sie das Kissen auf dem Fensterbrett zurecht und hebt ihren kleinen Hund hoch, um dem Spektakel auf der Straße zuzuschauen. Etwa 500 Neonazis marschieren zum „zentralen Heldengedenken“ durch den kleinen brandenburgischen Ort Halbe. Seit den frühen Morgenstunden des 11. März harren Berliner Neonazis als so genanntes „Vorauskommando“ an einer zentralen Kreuzung des Ortes aus, damit diese nicht erneut – wie im vergangenen November geschehen – von Gegendemonstranten besetzt wird.
Es ist bitterkalt. Nur wenige Gewerkschafter, Politiker und Antifaschisten halten in Sichtweite der Rechtsextremisten in der Bahnhofstraße ihre Kundgebung ab. Christian Worch aus Hamburg wickelt dem Altnazi Otto Riehs fürsorglich seinen dicken Schal um den Hals. Riehs verkörpert für die Rechtsextremisten die Generation der Zeitzeugen, die ihre gefährliche Sichtweise vom heldenhaften deutschen Soldatentum noch teilen. Sein Konterfei ziert das große Transparent auf der improvisierten Bühne des angemieteten Europcar-LKWs. Darunter steht: „Die Vergangenheit strömt in hundert Wellen in uns fort“. Überall sind schwarz-weiß-rote Fahnen zu sehen, manche sogar mit dem Kreuz in der Mitte. Als Thomas Wulff erscheint, wird er sofort von Kameraden belagert und muss erklären, warum er sich aus dem „NPD-Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern heraushalten soll“, wie er sagt. Andere, wie NPDler in Ueckermünde, könnten 17 Prozent der Stimmen bei den Landtagswahlen im Herbst bekommen. Der mecklenburgische NPD-Landeschef Stefan Köster gibt sich zurückhaltend, er hat persönliche Sorgen, gegen ihn beginnt demnächst der Prozess wegen gewaltbereiter Ausschreitungen im Dezember 2004.

Die Auflagen der Behörden sind lasch, der Auftritt der Neonazis umso martialischer. Ein drei Meter langer mobiler Fahnenmast wird mitgeschleppt. Angeführt von den Ordnern des „Märkischen Heimatschutz’“ folgen Berliner Neonazis wie Sebastian Schmidke und Rene Bethage und Potsdamer Kameradschaftler. Aus der sächsischen Schweiz und Dresden waren jeweils etwa 30 Teilnehmer angereist. Den weitesten Weg hatte die „Kameradschaft Wunsiedel“. Dessauer Neonazis tragen ein Banner und die Magdeburger werden von Andreas Biere angeführt. Die alten Bundesländer vertreten Neonazis aus Hamm und Lüneburg. Rostocker organisieren die Suppenküche, unter ihnen Lars Jacobs und Martin Krause. Auch der Altenburger Thomas Gerlach soll sich die Anfahrt nicht nehmen lassen haben. Abgekapselt von seinen sächsischen Fraktionskollegen läuft Landtagsabgeordneter Klaus-Jürgen Menzel hinten im Zug unter jungen Kameraden mit.

Nur von dumpfen Trommelschlägen begleitet, zieht der düstere Aufzug den kurzen Weg zum Friedhof hinaus. Jetzt hat Ralph Tegethoff seinen großen Auftritt. Mit einstudierten Handbewegungen bringt er Fahnen- und Kranzträger in die richtige Position. Polizeibeamte ziehen sich zurück, überlassen den Neonazis das Feld. Sodann legt Wehrmachtsfanatiker Tegethoff los, erzählt von 1946, „vom sterbenden Reich, das der Feind zertrat“, und zitiert mit drohendem Unterton: „Wir können den Gefallenen hier in Halbe melden, wir leben beständig, kein Unglück ewig!“ Die Neonazis feiern ihren Erfolg, bis zum Friedhof marschieren zu können, Tegethoff spricht von „unsäglichen Elementen“, denen es im November gelungen sei, „mit kriminellen Methoden unser Gedenken zu verhindern“. Er wähnt sich im Kampf: „auch wenn wir nicht im Schützengraben liegen und nicht die Granaten neben uns einschlagen hören, so sind wir dennoch Soldaten wie in unserer 2000-jährigen deutsch-germanischen Geschichte.“ Dann wird die erste Strophe des Deutschlandliedes angestimmt und Kränze werden unter anderem von der „Kameradschaft 73 Celle“ niedergelegt.

Der 84-jährige Otto Riehs lässt sich von zwei jungen Frauen mit Zöpfen stützen. Die jungen Kameraden lauschen gespannt, als Riehs nach dem Trauermarsch auf die Bühne steigt. Brandenburgische Polizisten will er mit einem Aufruf zum Widerstand gegen ihren „Befehlsgeber“ Schönbohm anstacheln, denn so wenig Wehrmachtsoldaten sich Befehlen widersetzten, so wenig täten es Polizisten heute. Überhaupt, so Riehs, sei dieser Staat „nur ein Provisorium“ und wer hier etwas werden will, „muss kriminell sein!“

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