Durchnässter Neonazi-Aufmarsch

Zu einer lang angekündigten Demonstration eines rechtsextremen norddeutschen Bündnisses konnten die Organisatoren am Samstag in Neumünster nur 43 Teilnehmer mobilisieren.

Montag, 24. Oktober 2016
Julian Feldmann

Kurz nach 12.00 Uhr standen gerade einmal zehn Rechtsextremisten auf dem Konrad-Adenauer-Platz vor dem Bahnhof im schleswig-holsteinischen Neumünster. Dann kam der Neonazi Thomas „Steiner“ Wulff mit dem Lautsprecherwagen. Marian Herzfeld, ebenfalls aus Hamburg, befestigte die Lautersprecheranlage auf dem Fahrzeug. Schon im Januar hatte Wulff eine Demo des rechtsextremen Aktionsbündnisses „Neumünster wehrt sich“ tatkräftig unterstützt.

„Volkswillen umsetzen!“, lautete das Motto des Aufmarsches, den der Neumünsteraner NPD-Stadtrat Mark Michael Proch angemeldet hatte. Die Demo war bereits die dritte des NPD-nahen Bündnisses „Gemeinsam für Deutschland“ innerhalb dieses Jahres. Nach einer Demo im holsteinischen Bad Oldesloe und einer in Stade zum Abschluss des Kommunalwahlkampfes in Niedersachsen folgten dieses Mal deutlich weniger Aktivisten dem Aufruf. Die Teilnehmer kamen überwiegend aus Schleswig-Holstein, Hamburg und vereinzelt aus Niedersachsen.

Lautsprecherwagen fällt aus

An der Demo-Spitze formierte sich ein „Schwarzer Block“, umgeben von drei Transparenten und mit schwarzen Regenschirmen, auf denen „Fuck BRD“, „Fuck Antifa“ und „Antikapitalismus“ zu lesen war. Doch erst einmal mussten die „Autonomen Nationalisten“ im strömenden Regen, umringt von einer Hundertschaft Polizisten warten. Weil Gegendemonstranten sich auf die geplante Route gesetzt hatten, suchten die Beamten einen anderen Weg durch Neumünsters Straßen.

Wegen eines platten Reifens fiel das zum Lautsprecherwagen umgebaute Auto dann auch aus. Wulff fuhr davon und wurde danach nicht mehr auf der Kundgebung gesehen. Unter „Hier marschiert der nationale Widerstand“-Rufen ging es für die 42 verbleibenden Teilnehmer dann verspätet los, auf eine verkürzte Runde durch die Stadt. Am örtlichen Jugendzentrum angelangt, ergriff kurz der stellvertretende NPD-Landesvorsitzende Jörn Lemke das Megafon. Auch Anmelder Proch wetterte hier gegen das Jugendzentrum, ein Hort linksextremer Gewalt, wie er sagt: „Und das alles bezahlt der Bürger!“, so der NPD-Ratsherr.

Etwa zehn Demonstranten komplett vermummt

„TTIP nein danke“ und „Anti EU“ stand auf mitgebrachten Schildern. „Todesstrafe für Volksverräter“, „Merkel muss weg“ und die üblichen Neonazi-Parolen wie „Wir wollen keine Asylantenheim“ skandierten sie. Den angereisten Rechtsextremisten ging es dabei nicht um die Vermittlung von Inhalten. Das Pöbeln gegen die zahlreichen Anti-Nazi-Protestler am Rande schien für sie wichtiger zu sein. Etwa zehn Teilnehmer waren über die gesamte Zeit über komplett vermummt. Der Hamburger NPD-Aktivist Lennart Schwarzbach begleitete die Demonstration am Rande, fotografierte fleißig seine Kameraden.

Zurück am Bahnhof ergriff der ehemalige NPD-Landesvorsitzende Jens Lütke das Wort. Die Rede eines anderen Neonazis hatte es dann ideologisch in sich. Zwar war sie aufgrund des Protestes am Rande kaum über den eigenen Kameradenkreis hinaus hörbar, zeichnete sich jedoch durch antisemitische Verschwörungstheorien aus, nah an der Grenze zur Volksverhetzung. Der Glatzkopf, der mit anderen aus Kiel angereist war, sprach von einem „System der so genannten One-World-Regierung“, das „alle Völker vernichten“ wolle.

„Umvolkung seit Jahrzehnten im Gange“

Die deutsche Regierung wolle „eine Mischrasse für die Neue Weltordnung“ erschaffen und schleuse deshalb unzählige Fremde ins Land, so der Kieler Neonazi. In der „One World“ solle diese „Mischrasse“ dann eine „Sklavenrasse“ darstellen. „Die Umvolkung ist schon seit Jahrzehnten im Gange.“ Die Beweisführung gewohnt absurd: „Oder was glaubt ihr, warum unsere Bundeskanzlerin immer ihre Hände nach dem Freimaurer-Symbol faltet?", fragte der Neonazi. Noch absurder wurde es, als der Redner dann ankündigte, Bert Brecht zu zitieren, wobei das angebliche Brecht-Zitat wohl eher aus der Feder eines Nationalsozialisten stammte.

Drei vermummte Plöner Rechtsextremisten schienen selbst diese Ausführungen gar nicht zu interessieren. Anstatt der Rede ihres Kieler Kameraden zu lauschen pöbelten sie am Rande lieber Pressefotografen an, drohten ihnen Gewalt an. Proch musste sie zur Räson rufen. Lediglich einen Kameramann der staatlichen russischen Nachrichtenagentur „Ruptly“ ließen die Neonazis unbehelligt.

Drohung an demokratische Kommunalpolitiker

Gleichzeitig zur Demonstration hatten offenbar Autonome das rechte Szenelokal „Titanic“ attackiert – bereits zum dritten Mal in diesem Jahr. Die Attacke zeige laut Demo-Veranstalter Proch, dass die Politik linke Randalierer unterstütze. „Uns mit Gewalt zu terrorisieren“, sei von den Stadtvertretern gewollt. Seinen Kameraden riet der NPD-Mann: „Ich kann jedem nur raten, bei passender Gelegenheit von seinem Recht auf Notwehr Gebraucht zu machen – und das mit allen Konsequenzen!“

Den demokratischen Neumünsteraner Kommunalpolitikern drohte Proch direkt: „Eins sei gewiss: Der Tag wird kommen, an dem ihr euch für eure Taten verantworten müsst. Auf diesen Tag freuen sich alle Patrioten, alle Nationalisten. Jedes Unrecht wird irgendwann bestraft werden!“

Vom Regen durchnässt traten die 42 Neonazis dann verfrüht den Heimweg an. Zwar kündigte Proch weitere Demos des norddeutschen Bündnisses „Gemeinsam für Deutschland“ an, doch war die Veranstaltung auch für die regionale Szene ein Reinfall. Rund 250 Menschen demonstrierten friedlich gegen den Aufmarsch.

Kategorien
Tags