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Dokumentation: Kurzinterview mit Dr. Karlheinz Weißmann zum Begriff „politische Mimikry“

Soeben ist der 22. Jahrgang des "Jahrbuch Extremismus und Demokratie" (2010), hrsg. von Uwe Backes, Alexander Gallus und Eckhard Jesse erschienen. Darin findet sich auch Mathias Brodkorbs Aufsatz "Vom Verstehen zum Entlarven - Über 'neu-rechte' und 'jüdische Mimikry' unter den Bedingungen politisierter Wissenschaft".


Gegenstand des Textes ist der seit mehr als 20 Jahren erhobene Mimikry-Vorwurf gegen die "Neue Rechte". Brodkorb rekonstruiert in seinem Beitrag a) die Theorie der Mimikry, fragt b) nach der Rolle der so genannten "jüdischen Mimikry" in der antisemistischen Literatur und vergleicht dieses Askriptionsmuster c) analytisch mit dem wissenschaftlichen Diskurs über die "Mimikry" der Neuen Rechten. Auslöser der Debatte ist dabei ein Aufsatz des Leiters des "Institut für Staatspolitik" (IfS), Dr. Karlheinz Weißmann, aus dem Jahr 1986 in der Theoriezeitschrift "Criticón". Mathias Brodkorb befragte Weißmann am 4. August 2009 im Rahmen eines Kurzinterviews zu seinem Mimikry-Verständnis. Da dieses Interview als Material nicht Eingang in das "Jahrbuch Extremismus und Demokratie" (2010) fand, dokumentieren wir es an dieser Stelle:

Brodkorb: Haben Sie noch weitere Artikel/Aufsätze veröffentlicht als den „legendären“ Beitrag aus dem Jahre 1986, in dem Sie sich zum Thema "Mimikry" geäußert haben? Wenn ja, welche?

Weißmann: Nein, ich habe mich meines Wissens nicht mehr dazu geäußert; bin auf den Text auch erst Jahre später wieder aufmerksam geworden, wegen eines ersten Angriffs, der dann den Ton vorgab; ich glaube in dem Bändchen "Was die Rechten lesen".

Brodkorb: Welche theoretische und politische Bedeutung messen Sie dem Text "Neo-Konservatismus in der Bundesrepublik?" aus dem Jahre 1986 mit Blick auf Ihr publizistisches und politisches Schaffen damals und heute zu?

Weißmann: Wie in dem Abdruck angemerkt, handelte es sich um einen Vortrag, den ich vor Studenten gehalten habe, die an einer Veranstaltung teilnahmen, die von den Julis organisiert war. Was man sich heute gar nicht vorstellen kann, war, daß die meinten, man sollte über Konservatismus mit einem Konservativen diskutieren. Ich hatte deshalb auch noch einen "Reader" mit Schlüsseltexten erarbeitet, den wir im Lauf eines halben Tages durchgegangen sind. Das Ganze hatte also eine eher pädagogische, keine theoretische Intention und war sonst der Lage nach der gescheiterten "Geistig-moralischen Wende" geschuldet. Insofern würde ich den Text nicht "zu hoch hängen". Ich bin immer einmal wieder gefragt worden, ob ich nicht eine Geschichte des Nachkriegskonservatismus schreiben wolle. Aber dazu fehlt mir schlicht die Zeit, und ich kann darin vor allem keinen politischen Nutzen erkennen. Den einen oder anderen Aspekt werde ich vielleicht in einer kleinen Mohler-Biographie ausführen.

Brodkorb: Was verstehen Sie - in der Sache - unter "Mimikry"?

Weißmann: Unter Mimikry ist - was auch schon die Entgegensetzung zu "offener Angriff" und die Bezugnahme auf die "Lage" im Text andeuten - eine "Anpassung" zu verstehen, also eine Befolgung der elementaren politischen Klugheitsregel, daß nicht immer allen alles gesagt werden kann. So gehört es sich eben nicht, die Tischdame mit Ausführungen zu ideologischen Grundsatzfragen zu quälen, es wäre dumm, jemanden, der mit dem Begriff "konservativ" gar nichts anfangen kann, aber interessiert ist, subito die ganze Geschichte von Bewegung und Idee darzulegen, einem Nichtakademiker mit philosophischen Aspekten zu kommen und einem politischen Profi mit irgendwelchen Harmlosigkeiten. Das alles fällt noch unter die Weisung des Herren "Seid klug wie die Schlangen, aber ohne Falsch wie die Tauben."

Ich war aber schon bei Erscheinen des Textes - und bin es heute noch - davon überzeugt, daß die hier charakterisierte Grundeinsicht für jede politische wie metapolitische Aktivität beherzigt werden sollte.

Brodkorb. Für gewöhnlich wird Mimikry mit einem Akt der Täuschung in Verbindung gebracht. Unter welchen Umständen halten Sie denn bei den Konservative "politische Mimikry" für notwendig?

Weißmann: Von Täuschung habe ich nicht gesprochen, aber von Anpassung, selbstverständlich muß man mit Paulus "den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche" sein. Es ging ja in erster Linie darum, daß die Konservativen verstehen sollten, daß es nicht damit getan ist, eine Weltanschauung wie eine Fahne vor sich her zu tragen, ohne Bemühen um Vermittlung des Gemeinten.

 

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