Die Wehrmacht: Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden

Legende von der sauberen Wehrmacht

Donnerstag, 06. Mai 2004
Dietmar Adam
Es ist das Verdienst der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 – 1944“ und einer ganzen Reihe von Historikern des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Freiburg, dass Jahrzehnte nach dem Ende der NS-Zeit eine der letzten Legenden über dieses unrühmliche Kapitel deutscher Geschichte widerlegt worden ist, nämlich die Legende der sauberen Wehrmacht. Auch der 1940 geborene Wolfram Wette zählt zu diesen kritischen Wissenschaftlern, die in vielen Einzelstudien Mosaikstein um Mosaikstein zusammengetragen haben, um ein authentisches Bild der deutschen Wehrmacht und ihrer Haltung zur rassistischen Ideologie der Nazis zu zeichnen. Im vorliegenden Werk bietet er eine Gesamtsicht über die Voraussetzungen und Entwicklungslinien, die die Zusammenarbeit von Nationalsozialisten und Militärs kennzeichnen. Als ein Schlüsselereignis dieser Kooperation betrachtet der Autor die Geheimrede Hitlers am 30. März 1941 vor 250 Generälen, die er dazu nutzte, um die Offiziere auf die Besonderheiten des geplanten Angriffs auf die bis dahin verbündete Sowjetunion einzuschwören. Eindringlich wies er dabei darauf hin, dass es sich um einen „Weltanschauungskrieg“ handeln würde, genauer gesagt, um einen Rassen- und Vernichtungskrieg. Seitens der Generäle gab es keinerlei Protest. Wie sehr sie die ideologischen Vorgaben verinnerlicht hatten, beweist ein Befehl des Generalfeldmarschalls von Reichenau: „Das wesentlichste Ziel des Feldzuges gegen das jüdisch-bolschewistische System ist die völlige Zerschlagung der Machtmittel und die Ausrottung des asiatischen Einflusses im europäischen Kulturkreis. Hierdurch entstehen auch für die Truppe Aufgaben, die über das hergebrachte einseitige Soldatentum hinausgehen.“ Als „Träger einer unerbittlichen völkischen Idee“ war es dann für die Wehrmachtssoldaten nahe liegend, die Einsatzgruppen der SS bei ihrem mörderischen Treiben nicht nur gewähren zu lassen, sondern aktiv zu unterstützen. Oder gar wie in Serbien den Mord an Juden und Roma gleich selbst in die Hand zu nehmen. Dass diese Beteiligung am Massenmord alles andere als selbstverständlich war, zeigt die Haltung italienischer Offiziere, die sich immer wieder weigerten, Juden an deutsche Stellen auszuliefern. Ausführlich geht Wette auf den Mord an 90 jüdischen Kindern in der Ukraine ein, der sich genauso im Aktionsbereich der 6. Armee (deren schreckliches Ende in Stalingrad immer eigentümlich losgelöst von ihrer vorherigen Blutspur durch den Süden Russlands medial aufbereitet wird) ereignete, wie das Massaker von Babij Jar, dem über 30 000 Juden zum Opfer fielen. Das Kriegsgeschehen und die verübten Verbrechen machen nur einen Teil des Buches aus. Die Hauptintention des Verfassers liegt eher darin, begreiflich zu machen, wie diese Verstrickung des Militärs geschehen konnte. Schon ein Blick in ein deutsches Konversationslexikon aus dem Jahr 1866 offenbart tief sitzende rassistische Vorurteile über die Russen, denen neben einigen guten Eigenschaften auch „Gefräßigkeit, Grausamkeit, Arglist und Tücke“ sowie eine „Neigung zu Betrug und Diebstahl“ unterstellt wird. Bereits im preußischen Offizierskorps waren Antisemitismus und Rassismus die Norm, wusste man sich doch damit einig mit dem obersten Kriegsherrn Wilhelm II. Unhaltbare Vorwürfe über den mangelnden Einsatz jüdischer Soldaten im 1. Weltkrieg trugen nicht unwesentlich zur späteren Dolchstoßlegende bei. So verwundert auch nicht, dass es kaisertreue Offiziere waren, die zu Beginn der Weimarer Republik unter dem Beifall eines bürgerlichen Publikums Revolutionäre und jüdische Exponenten der Regierung ermordeten. Antidemokratisches und antisemitisches Denken war derart im Militär der Weimarer Zeit verankert, dass Hitlers Machtübernahme und die von ihm alsbald verfügten Richtlinien willig akzeptiert wurden. Ausführlich schildert Wette auch die Legendenbildung von der sauberen und zu Verbrechen missbrauchten Wehrmacht gleich nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Unter tätiger Mithilfe von Politikern wie Eisenhower und Adenauer, deren Intentionen eher vorwärtsgerichtet der Entwicklung des Kalten Kriegs und dem Aufbau der Bundeswehr galten, als der Abrechnung mit Verantwortlichen für Gräueltaten auf dem Gebiet des aktuellen Feindes, strickten etliche ungeschoren davon gekommene Wehrmachtsgrößen fleißig am Bild einer moralisch einwandfreien Truppe, das von einer Gesellschaft mit Schlussstrichmentalität nur allzu bereitwillig verinnerlicht wurde.
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