von Christoph Weckenbrock
   

Die Totalitarismustheorie – Anmerkungen zu Geschichte, Renaissance und Potenzial eines kontroversen Forschungsansatzes – Teil 2

Nachdem Christoph Weckenbrock im ersten Teil seines Beitrages zur Totalitarismustheorie auf unterschiedliche Konzeptionen und klassische Vertreter des Konzeptes eingegangen ist, befasst er sich im zweiten und letzten Teil mit der Rezeption der Theorie während des Kalten Krieges und danach, bevor er die Frage nach ihrem Nutzen in der heutigen Zeit zu klären versucht.

Rezeption der Totalitarismustheorie bis zum Ende des Kalten Krieges

Hinsichtlich der Konjunkturgeschichte der Theorie vom Ende der 1950er Jahre bis zum Zerfall des Sowjetkommunismus kann durchaus eine auffällige Abhängigkeit von der politischen Entwicklung festgestellt werden. So fiel die erste Phase selbstkritischer Reflexion mit der Entstalinisierung in der Ära Chrustschow, vor allem nach dem 20. Parteitag der KPdSU, zusammen. Vor dem Hintergrund der in Ansätzen deutlich werdenden Wandlungsfähigkeit der Sowjetunion kam es zu ersten Reformbemühungen zur Totalitarismustheorie, so unter anderem durch Otto Stammer, Richard Löwenthal, Hans Joachim Lieber und vor allem Martin Drath, die eine empirische Überprüfung ihrer maßgeblichen Elemente einforderten und auch durchführten. Diese Phase der zwar kritischen aber meist konstruktiven Beschäftigung mit der Theorie verlor zunehmend an Intensität, als Ende der 1960er die Entspannungspolitik zwischen den Blöcken einsetzte. Der schon immer von den Gegnern der Theorie gemachte Vorwurf, sie werde für politische Zwecke operationalisiert, wurde nun immer lauter. Gerade in der Bundesrepublik war eine Beschäftigung mit der Theorie vor dem Hintergrund der „neuen Ostpolitik“ der Regierung Brandt/Scheel unerwünscht. Mit dem wachsenden Einfluss der 68er-Bewegung und dem damit einhergehenden Generationswechsel im akademischen Bereich kam es zu einer Renaissance des marxistischen Denkens an den Universitäten, welche die Totalitarismustheorie ablehnte und sich verstärkt auf die marxistische Faschismusforschung konzentrierte. Es wurde zunehmend ruhiger um die Totalitarismustheorie. Der Übergang von der Totalitarismus- zur Faschismusforschung vollzog sich dann bis in die 1970er Jahre im wissenschaftlichen „Mainstream“ nahezu vollständig, der Begriff an sich war zu einem politischen Kampfbegriff des Westens degradiert worden und galt als überholt. Der Vergleich von Stalinismus und Faschismus wurde im linken Spektrum gar als „Sakrileg“ empfunden.

Einige Wissenschaftler wie Karl Dietrich Bracher traten trotzdem weiterhin für die Totalitarismustheorie im Sinne einer „Wissenschaft für die Demokratie“ ein. Bracher, für den das 20. Jahrhundert ein „Jahrhundert des Totalitarismus“ darstellte, sah in den totalitären Regimen ein unmittelbares Produkt der Krisen des Ersten Weltkriegs. Den daraus folgenden „Krieg der Ideologien“ versuchte er mittels der Totalitarismustheorie aus der Perspektive eines unaufhebbaren Gegensatzes von „Demokratie und Diktatur“ (politikgeschichtlich-normativer Ansatz) zu deuten. Die Beständigkeit in Brachers Denken sollte sich als richtig erweisen. So deutete sich bereits Anfang der 1980er eine Neubelebung der Theorie an. Da sich die Regime des Ostblocks offenkundig als nicht wirklich reformfähig erwiesen und auch kommunistische Dissidenten wie Leszek Kolakowski und Milovan Djilas den Totalitarismusbegriff wieder aufgriffen, zeichnete sich – beschleunigt durch das „Orwell-Jahr“ 1984 – eine Wiederbelebung der Theorie ab, die mit dem Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“ eine ganz neue Qualität erreichte.

Renaissance der Totalitarismustheorie nach 1989

Nach dem Kollaps der kommunistischen Staaten in Mittel- und Osteuropa erlebten Begriffe wie „Totalitarismus“ oder „totalitär“ eine Wiederkehr, die von unverhoffter Seite her befördert wurde. Es waren nun politisch hochrangige Vertreter des Sowjetkommunismus, die diesen Terminus nutzten, um das soeben überwundene System zu beschreiben. So sprach ausgerechnet der letzte Generalsekretär der KPdSU, Michael Gorbatschow, in seiner Abschiedsrede im Jahr 1991 folgende Worte: „Das totalitäre System, das unserem Land über lange Zeit die Möglichkeit geraubt hat, aufzublühen und zu gedeihen, ist vernichtet worden.“ Auch der frühere sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse ließ 1992 verlauten, man wolle nun „jenen Menschen helfen, die sich vom Joch des Totalitarismus befreit haben.“ Das noch in den 1980er Jahren völlig Undenkbare, die Verwendung eines über Jahrzehnte hinweg als „antikommunistische Kampfformel“ bezeichneten Begriffs durch die Vertreter des Sowjetkommunismus selbst, war geschehen. Auch in vielen wissenschaftlichen Schriften tauchte das Wort „totalitär“ vermehrt auf, ohne jedoch genau definiert zu werden. So wurde Anfang der 1990er Jahre schon früh der „stille Sieg eines Begriffs“ (Jürgen Braun) konstatiert, dem manche seine Existenzberechtigung schon in Gänze abgesprochen hatten. Über eine Wiederentdeckung der Totalitarismustheorie sagte das Wiederaufkommen des Begriffs an sich zunächst jedoch wenig aus.

Denn der spürbare Paradigmenwechsel in der öffentlichen Meinung schlug sich bis 1994 tatsächlich nicht in größeren Studien zum Thema nieder. Dabei waren die Voraussetzungen nach dem Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“, zum ersten Mal ein empirisch zuverlässiges Bild vom Funktionieren des kommunistischen Herrschaftsapparates zu gewinnen, besser als jemals zuvor. Durch die (teilweise) Öffnung der Archive in den postkommunistischen Staaten lagen nun „Berge von Akten“ bereit, die erforscht und ausgewertet werden konnten. Durch eine auf Quellenfunden begründete „Historisierung des Sozialismus“ konnte nun damit begonnen werden, die den meisten klassischen Ansätzen der Totalitarismusforschung innewohnende „theoretische Schlagseite“ zu überwinden. Die neuen Voraussetzungen für eine Auseinandersetzung mit der Totalitarismustheorie nach den Wendejahren wusste Norbert Kapferer pointiert zusammenzufassen: „Das Ende einer Reihe von politischen Gebilden Osteuropas, die unter dem Verdacht des Totalitarismus standen und stehen, bietet die Chance, mit Blick auf den Aufstieg und Fall dieses Herrschaftstypus bestimmte Annahmen zu prüfen, Theorien über die Stabilität des Totalitarismus zu falsifizieren und Indikatoren für seinen Zusammenbruch ausfindig zu machen. Warum also gerade jetzt – in einer vergleichsweise privilegierten historischen Situation – den Totalitarismusbegriff über Bord werfen?“ Erleichternd kam hinzu, dass durch den Zusammenbruch des Sowjetkommunismus vor allem in Deutschland und Frankreich die Gefahr einer politischen Instrumentalisierung der Theorie geringer geworden war – der „Kurswert des propagandistischen Totalitarismusbegriffs“ – so Wolfgang Kraushaar zutreffend – war nach dem Ende des Kalten Krieges „ins Bodenlose gesunken“.

Dem Grundsatz entsprechend, dass das Ende der totalitären Bewegungen nicht von der Pflicht entbindet, diese zu analysieren, kam es zunächst in Frankreich mit den Veröffentlichungen François Furets (Das Ende der Illusion, 1995) und wenig später Stéphane Courtois‘ (Das Schwarzbuch des Kommunismus, 1997), zwei entschiedenen Verfechtern der Totalitarismustheorie, zu ersten Versuchen einer Bilanzierung des nun historischen Kommunismus. War das Echo auf Furets Werk in Deutschland schon recht stark gewesen, so setzte die Studie Courtois‘ bei Erscheinen in der Bundesrepublik eine äußerst lebhafte Debatte über die Frage der Vergleichbarkeit der nationalsozialistischen und kommunistischen Verbrechen in Gang. Die mit neuem Archiv-Material untermauerten Ausführungen zu Ausmaß und Hergang der im Namen des Kommunismus begangenen Verbrechen, die im „Schwarzbuch“ als „gnadenloser Klassenkampf“ mit „Zügen eines Genozids“ (vor allem im Stalinismus) betrachtet werden, führten zu einem erneuten leidenschaftlichen Streit um die Singularität der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Von den Kritikern der Werke Courtois‘ und Furets, die in der Mehrheit auch der Totalitarismustheorie ablehnend gegenüberstanden, wurde der Einspruch erhoben, mit dem „Schwarzbuch“ sollten die sozialen Ideen des Kommunismus „kriminalisiert“ werden. An solchen Vorwürfen ließ sich erkennen, dass es nun darauf ankam, die von Frankreich aus in Gang gebrachte Diskussion über die Verbrechen des sowjetkommunistischen Terrorsystems konstruktiv weiterzuführen und sie nicht erneut zu tabuisieren.

Während in Frankreich im Rahmen der Debatte um die Verbrechen des Kommunismus, um ihre Vergleichbarkeit mit den NS-Taten und damit auch zwangsläufig um die Totalitarismustheorie vor allem die politische Legitimität der Parti communiste français (PCF) und das Selbstverständnis der kommunistischen Intellektuellen im Vordergrund stand, waren im wiedervereinigten Deutschland der 1990er Jahre die Aufarbeitung der „zweiten deutschen Diktatur“ und ihre historische Einordnung prioritär, wie auch die Einsetzung der prominent besetzten Enquete-Kommission des Bundestages zur „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ indizierte. Das Ansinnen, die doppelte deutsche Diktaturerfahrung begreifbar zu machen, rückte zunehmend in den Mittelpunkt der Forschung, wobei ein Rückgriff auf die Totalitarismustheorie für viele als ein unverzichtbarer Schritt galt. Kritiker der Totalitarismustheorie, unter ihnen auch Wolfgang Wippermann, warnten erneut vor einem Vergleich – nun der beiden deutschen Diktaturen – da man Gefahr liefe, die DDR zu dämonisieren und den Nationalsozialismus zu relativieren. Trotzdem waren für die 1990erJahre Diktaturvergleiche zwischen dem SED-Regime und dem Nationalsozialismus in der Totalitarismusforschung bestimmend. Viele Wissenschaftler sahen zwar erhebliche Probleme in der empirischen Anwendung der Totalitarismustheorie auf die DDR und verwiesen auf die Notwendigkeit gravierender Modifikationen an dem Modell. Auf das Konzept sollte, so der Grundtenor, aber nicht gänzlich verzichtet werden, sei es als „komparative Epochenkategorie“ (Karsten Fischer) oder als „heuristischer Rahmen“ (Bernd Faulenbach) für die DDR-Forschung sowie die vergleichende Analyse von Diktaturen der Moderne. Zu den klarsten Befürwortern einer Verwendung der Totalitarismustheorie gehörten und gehören Eckhard Jesse (War die DDR totalitär?, 1994) Wolfgang-Uwe Friedrich (Die totalitäre Herrschaft der SED, 1998) oder Klaus Schroeder, zu den entschiedensten Gegnern zählten auch nach der Deutschen Einheit Klaus von Beyme, Gert-Joachim Glaeßner oder der bereits erwähnte Wolfgang Wippermann.

Modifikations- und Differenzierungsvorschläge

Im Zuge der vermehrten Auseinandersetzung mit der Totalitarismustheorie, die nötig geworden war, um die neuen Aufgaben der Kommunismusforschung zu bewältigen, kam es zu einer Reihe von Modellmodifikationen und Differenzierungsvorschlägen zur Theorie, wobei vor allem an den Strang der sozialreligiösen Konzepte angeknüpft wurde. Hans Maier z.B. schloss an die Überlegungen Eric Voegelins zu den politischen Religionen an. Das totalitäre Denken könne durch eine in Kategorien des Religiösen eingebundene Betrachtungsweise gut analysiert werden. Maier verweist auf die unübersehbaren Parallelen in der Gestaltung der totalitären Akklamations- und Propagandatechniken. So zeigten die politischen Umzüge der totalitären Massenbewegungen, die pompösen Inszenierungen von Parteitagen oder Paraden, Mystizismen wie Blut, Rasse, Erde oder Vorsehung sowie die Grußgestik die Analogien zwischen den totalitären Systemen. Auch das vorhanden sein einer reinen Lehrer (Ideologie) und damit der Herausbildung eines neuen „Ketzertums“ aus Dissidenten und Widerständlern sei den Totalitarismen gemein. Maier begreift die modernen Totalitarismen als Ersatz- bzw. als unechte Religionen, die als „pathologische Antworten“ auf das universelle Bedürfnis der Menschen nach schlüssigen Erklärungen für die Welt fungieren und sich erheblich von archaischen sowie vormodernen Tyranneien unterscheiden. Es herrscht heute in der Wissenschaft weitgehend Einigkeit darüber, dass der von Maier vertretene Ansatz der „politischen Religionen“ als integraler Bestandteil der Totalitarismusforschung durchaus fruchtbar ist. Die seit nunmehr 10 Jahren erscheinende Vierteljahresschrift „Totalitarian Movements and Political Religions“ konnte diese Einschätzung mit überzeugenden Forschungsleistungen bestätigen.

Aber auch die herrschaftsstrukturelle Schule der Totalitarismustheorie entwickelte eine Vielzahl von Differenzierungsmöglichkeiten, die vor allem den Vorwurf ihres statischen Charakters abmildern oder entkräften soll So wurde nicht selten eine stärkere Betonung des personalen Elements, vor allem hinsichtlich Parteiführungen und Formen der Machtergreifung, gefordert, um auch das abrupte Ende oder die Radikalisierung totalitärer Regime begreifen zu können. Ebenfalls wurde die zentrale Rolle der politischen Gewalt in der Kultur des Totalitarismus hervorgehoben, mithin auf eine totalitarismustypische Politik im Zustand der Mobilmachung hingewiesen. Im Mittelpunkt der Dynamisierungsbestrebungen innerhalb des herrschaftsstrukturellen Ansatzes stand zusätzlich eine Ausdifferenzierung der totalitären Herrschaftsformen. Hier sollte nach der Dauer und dem Repressionsgrad, den gesellschaftlichen Bedingungsfaktoren, dem Grad der totalitären Indoktrinierung der Gesellschaft, dem Ausmaß der kriminellen Energien, dem Erfolg ideologischer (pseudodemokratischer) Mobilisierung, den Charakteristika der Herrschaftsgefüge (polykratisch oder monokratisch) oder dem Expansionsdrang noch weiter unterschieden werden. Exemplarisch für diese Bemühungen steht der Ansatz Giovanni Sartoris, der sich vehement für eine Graduierung der Intensität des totalitären Charakters von Regimen im Zeitverlauf ausspricht und hierfür bereits überzeugende Modelle und Kriterienkataloge vorlegen konnte. Die hier erörterten Modifikations- und Differenzierungsvorschläge beschreiben ohne Zweifel einen seit 1989 anhaltenden Trend in der Totalitarismusforschung: Die Schwächen der klassischen Ansätze werden klar erkannt, ohne dabei die Theorie ganz aufgeben zu wollen. Dies zeigt auf, dass die Totalitarismustheorie gerade nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus als ein Mittel der Diktatur- bzw. Herrschaftsanalyse weiter einen gewichtigen Platz in der Wissenschaft einnehmen kann und wird.

Chancen und Nutzen der Totalitarismustheorie heute

Welche Chancen bietet die Totalitarismustheorie bzw. der Begriff heute? Nach Hubertus Buchstein sind es vornehmlich vier verschiedene Ebenen, auf denen der Totalitarismusbegriff nach seiner Renaissance wieder Verwendung findet: (1) normativ im Sinne einer moralisch-ethischen Kategorie, die die Abscheu vor bestimmten Formen politischer Herrschaft ausdrückt und die Notwendigkeit ihrer Bekämpfung unterstreicht; (2) als idealtypisches Konstrukt zur Beschreibung unterschiedlicher politischer Systeme, als Gegensatz zu Demokratie, Rechtstaat und Pluralismus; (3) als Mittel empirischer Politikanalyse, um totalitäre Systeme in ihren Wirkungszusammenhängen zu analysieren; (4) als kulturkritische Deutung (in Anlehnung an Marcuse), um die internen Selbstgefährdungen moderner Demokratien aufzuzeigen.

Die drei erst genannten Verwendungsgebiete zeigen heute tatsächlich eine hohe Relevanz. Vor allem in den postkommunistischen Staaten in Mittel- und Osteuropas nimmt die Totalitarismustheorie im öffentlichen Diskurs um den richtigen Umgang mit der Vergangenheit einen zentralen Platz ein. Die meisten dieser Ländern haben sowohl Erfahrungen mit der nationalsozialistischen als auch der kommunistischen Ausprägung totalitärer Systeme bzw. der Okkupation durch eben diese gemacht. Die Totalitarismustheorie als Analyseinstrument wird herangezogen, um im Sinne einer „transnationalen Diktaturüberwindung“ die Legitimität einer Aufarbeitung der kommunistischen Verbrechen im ehemaligen Ostblock zu untermauern. Als Beispiel sei auf die momentane Situation in Rumänien verwiesen. Unter Berufung auf Hannah Arendt oder Stéphane Courtois lassen viele rumänische Wissenschaftler keinen Zweifel an der Vergleichbarkeit von Kommunismus und Nationalsozialismus aufkommen. In diesem Sinne werden die Gulag-Lager und der Holocaust als die sich „spiegelbildlich gegenüberstehenden Katastrophen des 20. Jahrhunderts“ (Julie Trappe) verstanden. Aus diesen (durchaus verschiedenen) Ausprägungen des totalitären Terrors wird auch die Forderung nach einer entsprechenden Aufarbeitung der Menschrechtsverletzungen in den Sattelitenstaaten des Ostblocks abgeleitet. Dass der Rückgriff auf die Totalitarismustheorie im Sinne einer „transnationalen Diktaturüberwindung“ durchaus auch geschichtspolitische Früchte tragen kann, hat sich unter anderem durch die im Jahr 2006 verabschiedete Resolution des Europarates zur „Notwendigkeit der Verurteilung der Verbrechen totalitärer kommunistischer Regime“ gezeigt.

Für die Aufarbeitung der deutschen Diktaturerfahrungen zeigt sich die Bedeutung der Totalitarismustheorie sowohl als normative, ethisch-moralische Kategorie als auch als Mittel empirischer Diktaturanalyse. Gerade die heute vielfach anzutreffende Verklärung der DDR und ihrer Lebensbedingungen muss durch eine In-Bezug-Setzung und damit durch die Herausarbeitung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden der beiden deutschen Unrechtsstaaten ein Ende gesetzt werden. Erste Anstöße, dies auch durch eine stärkere Betonung der religionsähnlichen Züge im Marxismus-Leninismus der DDR, also mittels eines sozialreligiösen Ansatzes zu tun, hat es in der jüngsten Zeit bereits gegeben. Eine auch von Kritikern der Totalitarismustheorie immer wieder positiv hervorgehobene Eigenschaft fast aller ihrer Ansätze ist zudem, dass sie die Rolle des Individuums im Unterdrückungssystem in den Mittelpunkt stellen und thematisieren. Die durch diese Art der Betrachtung von Herrschaftspraxis und Terror also bewusst stärker ausgeleuchtete Opferperspektive kann dazu beitragen, die Menschen für das in der DDR begangene Unrecht und die Gewalt zu sensibilisieren. So ist gerade für das Selbstverständnis eines demokratischen Verfassungsstaates wie der Bundesrepublik Deutschland und seine politische Bildungsarbeit ein Festhalten an einer modifizierten Theorie totalitärer Herrschaft wünschenswert.

Abschließend sei noch kurz auf das neueste Forschungsfeld der Totalitarismustheorie, den (politisierten) islamischen Fundamentalismus, eingegangen. Hierbei geht es auf Grund des mangelnden Staatscharakters dieser politischen Bewegung vor allen Dingen um eine Untersuchung des totalitären politischen Denkens. Es war Bassam Tibi, der in seinem 2004 erschienenen Buch „Der neue Totalitarismus. ‚Heiliger Krieg’ und westliche Sicherheit“ die These vertrat, dass es heute der Islamismus sei, der die Nachfolge des Faschismus und des Kommunismus angetreten habe und somit die neueste Spielart des Totalitarismus im 21. Jahrhundert darstelle. Tatsächlich zeigen die fundamentalistischen Religionsdeutungen des Islamismus strukturelle Gemeinsamkeiten mit den totalitären Ideologien. Am radikalen Islamismus eines Sayyid Qutbs (sein Werk „Wegzeichen“ gilt als Manifest des militanten Islamismus) kann dies exemplarisch gezeigt werden. Erste Untersuchungen des islamischen Fundamentalismus hinsichtlich seiner Ideologie, die mit einem ideologiestrukturellen Ansatz der Totalitarismustheorie korrespondieren, zeigen deutliche Analogien zwischen ihm und den Ideologien der vergangenen Totalitarismen auf und lassen eine weitere Beschäftigung mit dem Untersuchungsfeld unter diesen Vorzeichen lohnenswert erscheinen.

Schlussbemerkungen

Die Totalitarismustheorie hat – und dies ist in den vorangegangenen Ausführungen deutlich geworden –eine sehr bewegte Rezeptionsgeschichte hinter sich. Nachdem eine Vielzahl von Ansätzen bis in die 1960er Jahre entstanden war, verschwand sie zunächst wieder aus dem wissenschaftlichen Mainstream, erlebte eine Phase der langsamen Reaktivierung erst Mitte der 1980er. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa kam es dann ohne jeden Zweifel zu einer breiten Renaissance der Totalitarismustheorie, vor allem, um die neue Quellenlage und die Fülle an Erfahrungsberichten aus dem Gebiet des „real existierenden Sozialismus“ be- bzw. verarbeiten zu können. In diesem Forschungsrahmen mussten und müssen totalitarismustheoretische Ansätze in wichtigen Bereichen modifiziert und dynamisiert werden, wobei stets Systemdifferenzierungen synchroner und diachroner Art angebracht sind. Die Theorie kann so durchaus genügend Erklärungskraft entfalten, um die verschiedenen Ausformungen totalitärer Herrschaft im 20. Jahrhundert zu analysieren. Zudem darf nicht darüber hinweggesehen werden, dass sich die Totalitarismustheorie zwar hauptsächlich mit vergangenen politischen Systemen beschäftigt, andererseits aber auch aktuelle oder zukünftige Tendenzen ins Auge fassen kann. „Insofern“, so Uwe Backes und Eckhard Jesse, „beinhaltet Totalitarismusforschung auch Demokratieforschung.“ Die gerechtfertigte Kritik an den Schwachpunkten der Totalitarismustheorie sollte daher auch künftig in eine konstruktive Diskussion über ihr vorhandenes Potenzial überleiten – eine unreflektierte und reflexartige Verwerfung der Theorie in Gänze erscheint heute mehr denn je verfehlt.


Literatur zur Einführung:

Bracher, Karl Dietrich: Zeitgeschichtliche Kontroversen. Um Faschismus, Totalitarismus, Demokratie, 5. Aufl., München 1984.
Becker, Manuel: Religionsähnliche Züge im Marxismus-Leninismus der DDR. Anmerkungen zu einem Forschungsdesiderat, in: Deutschland Archiv 1 (2010), S. 127-133.
Jesse, Eckhard (Hrsg.): Totalitarismus im 20.Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung, 2. Aufl., Bonn 1999.
Kailitz, Steffen: Der Streit um den Totalitarismusbegriff. Ein Spiegelbild der politischen Entwicklung, in: Jesse, Eckhard/Ders.: Prägekräfte des 20. Jahrhunderts: Demokratie, Extremismus, Totalitarismus, München 1997, S. 219-250.
Miliopoulos, Lazaros: Der Totalitarismusansatz nach 1990 – Bestandsaufnahme, Tendenzen, Forschungsperspektiven, in: Backes, Uwe/Jesse, Eckhard (Hrsg.): Jahrbuch Extremismus & Demokratie (E & D): 21. Jahrgang 2009, Baden-Baden 2010, S. 32-52.
Pfahl-Traughber, Armin: Klassische Totalitarismuskonzepte auf dem Prüfstand – Darstellung und Kritik der Ansätze von Arendt, Friedrich, Popper und Voegelin, in: Backes, Uwe/Jesse, Eckhard (Hrsg.): Jahrbuch Extremismus & Demokratie (E & D) 16. Jahrgang 2004, Baden-Baden 2004, S. 31-58.
Schmeitzner, Mike (Hrsg.): Totalitarismuskritik von links: Deutsche Diskurse im 20. Jahrhundert, Göttingen 2007.
Siegel, Achim (Hrsg.): Totalitarismustheorien nach dem Ende des Kommunismus, Köln 1998.
Wippermann, Wolfgang: Totalitarismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute, Darmstadt 1997.

Klassische Schriften:

Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft: Antisemitismus. Imperialismus. Totale Herrschaft, Neuaufl., München 2005.
Friedrich, Carl J.: Totalitäre Diktatur, Stuttgart 1957.
Linz, Juan J.: Totalitäre und autoritäre Regime, 3. Aufl., Potsdam 2009.
Popper, Karl R.: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band I: Der Zauber Platons. Band II: Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen. 2 Bände., 8. Aufl., Tübingen 2003; Gesammelte Werke: Das Elend des Historizismus. Studienausgabe: BD 4, 7. Aufl., Tübingen 2004.
Voegelin, Eric: Die politischen Religionen, 3. Aufl., München 2007.

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