von Christoph Weckenbrock
   

Die Totalitarismustheorie – Anmerkungen zu Geschichte, Renaissance und Potenzial eines kontroversen Forschungsansatzes – Teil 1

Der Begriff des „Totalitarismus“ gilt als ähnlich umstritten wie der Begriff des „Extremismus“. Dabei kann ersterer auf eine noch  längere Tradition zurückblicken. Der Politikwissenschaftler Christoph Weckenbrock stellt in diesem ersten Teil einen kurzen Abriss der Geschichte des Begriffes dar. Im zweiten Teil wird er sich mit der Rezeption befassen.

„Die Diskussion über Idee und Begriff des Totalitarismus hat bis zum heutigen Tag nichts von der politischen Aktualität und wissenschaftlichen Bedeutung verloren, mit der sie seit über einem halben Jahrhundert geführt wird. […] Not tut mithin sowohl die kritische Bestandsaufnahme der historisch-politischen Diskussion wie die wissenschaftstheoretische Klärung der Möglichkeiten systematisch vergleichender Analyse und Begriffsbildung. Dabei handelt es sich um eine fortdauernde Problematik, die unmittelbare Bedeutung auch für die gegenwärtige Auseinandersetzung um die Maßstäbe politischer Bildung besitzt.“ Diese Zeilen, die der Bonner Politikwissenschaftler Karl Dietrich Bracher bereits 1973 verfasste, können ohne Zweifel auch heute noch Geltung beanspruchen. In diesem Sinne sollen nachfolgend Ursprünge und Grundlagen der Totalitarismustheorie dargeboten, die Rezeptionsgeschichte dieses Forschungsansatzes beleuchtet sowie seine Chancen als Analyseinstrument erörtert werden.

Genese des Totalitarismusbegriffs

Der Begriff „Totalitarismus“ hat eine doppelte Natur, er ist zum einen ein wissenschaftlich-herrschaftstheoretischer Terminus und zum anderen ein politischer Kampfbegriff. Erstmals wurde er – nachdem schon der deutsche Journalist Alfons Paquet 1919 mit Blick auf Sowjetrussland von einem „Totalismus“ gesprochen hatte – von den italienischen Linksliberalen Giovanni Amendola und Piero Gobetti im Jahr 1923 benutzt. Sie beschrieben die sich konsolidierende faschistische Diktatur als „sistema totalitario“. Benito Mussolini selbst griff den Ausdruck zwei Jahre später auf, um so die Machtvollkommenheit des faschistischen Staates zu unterstreichen. Er bezeichnete, nun positiv konnotiert, das neue Italien als „stato totalitario“. Während einige deutsche US-Emigranten den Begriff „totalitär“ schon Mitte der 1930er Jahre auch für das NS-System gebrauchten, fand die erste Konferenz von Wissenschaftlern zum „Totalitarismus“ erst Ende 1939 unter dem Eindruck des Hitler-Stalin-Paktes statt. Das „Symposium on the Totalitarian State“ in den USA beschäftigte sich ausgiebig mit dem Begriff, erarbeitete erste Grundlagen einer Theorie und gab ihr so wissenschaftliche Konturen. In der Folgezeit waren es vor allem „Renegaten“ des Kommunismus wie Franz Borkenau, die noch vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion Schriften veröffentlichten, die sich gegen „The Totalitarian Enemy“ als dem Gegenbild zum liberalen Staat richteten. Nachdem die Beschäftigung mit der Totalitarismustheorie im Westen durch den Zusammenschluss der Anti-Hitler-Koalition und den Wandel in den Beziehungen zur Sowjetunion Stalins fast völlig zum Erliegen kam, erlebte sie nach dem Beginn des Kalten Krieg eine Hoch-Zeit, die bis zum Ende der 1950er Jahre andauerte. Die Gegenüberstellung von Totalitarismus und Freiheit wurde mit der analogisierenden Totalitarismusforschung zunächst zum „Credo der westlichen Welt“ (Klaus Hildebrand). Der Begriff hatte sich in der Sozial- und Politikwissenschaft festgesetzt und wurde von Gelehrten wie Franz L. Neumann, Ernst Fraenkel, Sigmund Neumann, Raymond Aron, Hannah Arendt oder Carl Joachim Friedrich – um nur einige frühe Theoretiker zu nennen – ausgiebig behandelt und weiter ausgearbeitet.

Klassische Ansätze der Totalitarismustheorie

Die Totalitarismustheorie zeichnet sich durch eine Vielzahl verschiedener Ansätze aus. Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über die wichtigsten „klassischen“ Theorien gegeben werden, der sich an Typologien Armin Pfahl-Traughbers und Eckhard Jesses orientiert. Begonnen wird mit einer kurzen Beschreibung der Ansätze von Eric Voegelin und Karl R. Popper, die in den meisten Werken über die Theorie zwar eher weniger Beachtung finden, jedoch vor allem heutige Totalitarismusforscher inspiriert haben und als frühe Theorieansätze nicht unterschlagen werden sollten. Anschließend wird der Blick exemplarisch auf die weit bekannteren Theorien Hannah Arendts und Carl Joachim Friedrichs gerichtet.

Obwohl sich in Eric Voegelins Studie „Die politischen Religionen“, die bereits 1938 publiziert wurde, Begriffe wie „totalitär“ oder „Totalitarismus“ nicht wiederfinden, kann sein Gedankenkonstrukt aus heutiger Perspektive als eines der ersten Totalitarismuskonzepte überhaupt betrachtet werden. Voegelin bezieht sich in seinem Werk direkt auf den Nationalsozialismus und indirekt auf den Stalinismus und versucht, deren Entstehungsgründe zu erforschen. Er fordert eine Begutachtung der religiösen Aspekte der Hitler-Bewegung und versucht ihr Aufkommen mit einer geistigen Krise der Welt und ihrer Bürger zu erklären, ausgelöst durch eine „Säkularisierung des Geistes“. Seine Hauptkritik richtet er gegen das säkulare Staatsverständnis der Aufklärung, mit dem der „Schöpfungsordnung das göttliche Haupt“ abgeschlagen und so der Staat zum essentiellen Bezugspunkt und einem gottesähnliches Geschöpf geworden sei. Durch diese „Dekapitierung Gottes“ sei die heutige Staatshierarchie in der Lage, sich mit jeder beliebigen legitimierenden Symbolik zu verbinden. Die NS-Bewegung nutze folglich sakrale Symbole und Rituale, um in ihrem Sinne den göttlichen und den menschlichen Bereich zu verbinden. Sie gilt Voegelin als „innerweltliche Religion“, die das Göttliche in Teilinhalten der Welt wiederfindet. Ihre Forderung nach spiritueller Konformität innerhalb eines Staates, indem das Gebot der Einheit über allem anderen stehe (Volksgemeinschaft), mache „die Person zum dienenden Glied, zum Instrument, zu einem Werkzeug des sakralen Weltinhaltes.“ Voegelin legte mit seinem Werk einen sozialreligiösen Ansatz vor, der häufig auch als Konzept „sui generis“ betrachtet wird, jedoch auf Grund mannigfaltiger Schnittmengen der Totalitarismustheorie zugeordnet werden kann. Zwar ist die unreflektierte Kritik an der Aufklärung in Voegelins Ausführungen äußerst problematisch, doch leistete sein Ansatz mit Bezug auf die religiösen Charakteristika totalitärer Bewegungen und deren Anziehungskraft durch innerweltliche Heilsversprechungen Pionierarbeit. Er wurde vor allem in den 1990er Jahren wieder verstärkt aufgegriffen.

Karl R. Popper verfolgt in seinen Werken „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ von 1945 sowie „Das Elend des Historizismus“ von 1957 das Ziel, die ideologischen Gemeinsamkeiten des Nationalsozialismus und des Stalinismus aufzuzeigen. Sein zuerst genanntes Werk ist eine harsche Kritik an politischen Denkern wie Platon, Hegel oder Marx, die ihm als Begründer des Gedankens einer „geschlossenen Gesellschaft“ gelten. In den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts sieht Popper eine moderne Ausprägung eben dieser „geschlossenen Gesellschaft“. Diese Gesellschaftsordnung bilde eine Einheit, deren Mitglieder „durch halbbiologische Bande, durch Verwandtschaft, Zusammenleben oder durch die Teilnahme an gemeinsamen Anstrengungen“ verbunden würden. Eine solche Gesellschaft legitimiere sich über ganz bestimmte ideologische Strukturmerkmale. Diese fünf Merkmale nach Popper sind: (1) Eine historizistische Lehre, die vorgibt, das Schicksal der Menschen voraussagen zu können wie die NS-Rassenlehre und die kommunistische Klassenlehre. (2) Ein Holismus mit dem Anspruch einer ganzheitlichen Steuerung der Gesellschaft, damit diese und der Staat verschmelzen können. (3) Ein Essentialismus mit dem Anspruch auf absolute Gültigkeit, mit dem die Abkehr vom Pluralismus hin zu einer „sozialen Homogenisierung“ verbunden ist. (4) Ein Kollektivismus in Verbindung mit der Unterordnung des Individuums, in dem Bindungseinheiten wie die Nation, der Staat oder eine Klasse über dem Einzelnen stehen. (5) Traditionalismus und Utopismus, die eine ideale Gesellschaft versprechen. Die Motive und Ursachen für die Akzeptanz totalitärer Bewegungen liegen für Popper in der geschichtlichen Übergangsphase von der „geschlossenen“ zur „offenen“ Gesellschaft begründet. Diese Phase habe zu Irritationen und Orientierungslosigkeit bei den Menschen geführt und diese für die moderne, totalitäre Form von „geschlossener Gesellschaft“ empfänglich gemacht. Poppers ideologiestruktureller Ansatz, der sich erst aus der systematischen Interpretation mehrerer Einzelbereiche zweier seiner Hauptwerke erschließt, vermag mit seiner begrifflichen Schärfe und dem in sich stimmigen Katalog von Ideologiemerkmalen zu überzeugen. Jedoch schenkt er in seiner Analyse den besonderen Herrschafts- und Repressionstechniken keinerlei Beachtung, was dem spezifisch modernen und neuen Charakter des Totalitarismus nicht genügend Rechnung tragen kann.

Hannah Arendt stellt den Totalitarismus in ihrer Schrift über die „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ von 1951 als eine historisch neue Staatsform dar. Ähnlich wie schon Voegelin und Popper vor ihr führt sie das Aufkommen totalitärer Regime auf eine krisenhafte gesellschaftliche Umbruchphase zurück, in der die Atomisierung und Individualisierung des Einzelnen mit dem Verfall von Klassengesellschaften und Nationalstaaten einher geht und zu menschlichen Bindungsverlusten führt. Für Arendt besteht die soziale Basis des Totalitarismus somit aus inaktiven, vereinzelten Angehörigen der Massen, aus Bestandteilen des Mobs sowie aus Teilen der durch die Zersetzung der Gesellschaftsordnung heimatlos gewordenen Eliten. Bei den totalitären Herrschaftstechniken setzt die deutsch-jüdische Philosophin drei Schwerpunkte. Erstens sei die Propaganda für den Totalitarismus das wichtigste Instrument „im Verkehr mit der Außenwelt“. Sie versuche, nicht die Vergangenheit oder Gegenwart zu rechtfertigen, sondern die Zukunft im Sinne einer unfehlbaren Voraussage zu prophezeien. Zweitens unterstreicht sie die Bedeutung der Geheimpolizei und die Funktion von Konzentrationslagern für den Herrschaftsapparat. Die Geheimpolizei gilt Arendt als das eigentliche Machtzentrum des totalitären Systems, in der Staatsmacht und Parteiapparat zusammenfallen. Die Konzentrations- und Vernichtungslager dienten dem totalitären Regime als Laboratorien, in denen erforscht werde, ob Menschen total beherrschbar sind. Sie sind für Arendt die beispielhaftesten Institutionen totalitärer Herrschaft. Das zentrale, herausragende Merkmal des Totalitarismus ist für Arendt jedoch – drittens – der Terror. So schreibt sie, dass das Wesentliche in der „totalen Herrschaft“ nicht in der Begrenzung der Freiheit allein liege, „sondern einzig darin, daß sie die Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors schließt, dass der Raum des Handelns, und dies allein ist die Wirklichkeit der Freiheit, verschwindet.“ Im Totalitarismus komme es so zum Zusammenspiel von „Ideologie und Terror“, indem die Lehre einen „Anspruch auf totale Welterklärung“ erhebe, eben so, wie es das „Recht der Natur“ im Nationalsozialismus und das „Gesetz der Geschichte“ im Stalinismus getan hätten. Arendts geschichtsphilosophischer Ansatz betrachtet die Systeme des Nationalsozialismus und des Stalinismus nicht als Idealtypen, sondern als abweichende Realtypen des Totalitarismus. Mit dem Terror als dem herausragenden Merkmal setzt sie zweifellos eine hohe Hürde für den Begriff „totalitär“, den sie folglich auch nur Nazi-Deutschland ab 1937 sowie der Sowjetunion ab 1930 zuerkennt.

Das als Gemeinschaftswerk von Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski veröffentlichte Buch „Totalitarian Dictatorship and Autocracy“ von 1956, bei dem de facto die Gedanken Friedrichs federführend gewesen sind, war die bis dato systematischste und umfassendste Arbeit zur Totalitarismustheorie. Den Ausgangspunkt für Friedrichs Theorie bildet die Annahme, dass es sich bei einer totalitären Diktatur um ein historisch einzigartiges, neues Phänomen „sui generis“ handele. Er stellt die These auf, dass die totalitären Diktaturen sich im Grunde ähnlich sind bzw. sich zumindest einander mehr gleichen als irgend einem anderen Regierungssystem. Dass die totalitären Regime was Struktur, Institutionen und Herrschaftsprozesse angeht gleichartig sind, versucht Friedrich anhand eines Sechs-Punkte-Katalogs aufzuzeigen, der allen Totalitarismen gemein sei: (1) Eine ausgearbeitete, verbindliche Ideologie, bestehend aus einem offiziellen Lehrgebäude, die alle lebenswichtigen Aspekte menschlicher Existenz umfasst und den Idealendzustand der Menschheit projizieren will. (2) Eine einzige Massenpartei, im typischen Fall von einem Diktator geführt und aus einem niedrigen Prozentsatz der Gesamtbevölkerung (bis zu 10%) bestehend, die der Ideologie ohne Vorbehalte anhängt und ihre Durchsetzung fördert. Sie ist hierarchisch und oligarchisch organisiert und mit der Staatsbürokratie verflochten oder ihr übergeordnet. (3) Ein Terrorsystem auf psychischer und/oder physischer Grundlage, das durch Partei- und Geheimpolizei-Kontrolle verwirklicht wird. Es richtet sich gegen Systemfeinde aber auch willkürlich gegen bestimmte Klassen oder Bevölkerungsschichten. Der Terror macht sich moderne Wissenschaften wie die Psychologie zu Nutze. (4) Ein technologisch bedingtes, nahezu vollständiges Monopol der Kontrolle aller Mittel wirksamer Massenkommunikation wie Presse, Funk und Film in den Händen von Partei und Staat. (5) Ein ebenfalls technologisch bedingtes, nahezu vollständiges Monopol der wirksamen Anwendung aller Kampfwaffen. (6) Eine zentrale Überwachung und Lenkung der gesamten Wirtschaft durch eine zentralisierte Bürokratie. Friedrich weist daraufhin, dass von den sechs Merkmalen vier technologisch bedingt sind. Das Verdienst von Friedrichs herrschaftsstrukturellem Ansatz muss vor allem in der Herausstellung des Einparteiensystems und der terroristischen Form der Herrschaft als grundlegenden Merkmalen des Totalitarismus gesehen werden. Die Schwachpunkte der Theorie liegen aber zuvorderst beim statischen Charakter des Ansatzes sowie den Merkmalen des „Waffenmonopols“ sowie des „Wirtschaftsmonopols des Staates“, die nicht tragfähig erscheinen. Auch legte Friedrich in seinem Werk keine gesonderte Begründung für die Verallgemeinbarkeit der Merkmale vor, was seine Theorie zu einer idealtypischen und nicht realtypischen Beschreibung des Totalitarismus werden lässt. Die ihm oft vorgeworfen Gleichsetzung der Systeme hat Friedrich dagegen nie propagiert. Trotz aller Kritik ist der Sechs-Punkte-Katalog der bis heute meist rezipierte Ansatz innerhalb der Totalitarismusforschung.

Fasst man die wichtigsten Aspekte der hier erläuterten (und auch die der meisten anderen, hier ausgesparten) Ansätze, also die „Essenz des Totalitären“, zusammen, so lassen sich – in Anlehnung an Juan J. Linz – im Sinne einer Aufteilung nach den Ebenen policy (Inhalte), polity (Struktur) und politics (Prozesse) zumindest folgende drei Kernelemente aller Totalitarismustheorien benennen: policy: Eine geschlossene Ideologie mit Absolutheitsanspruch, die keine Kritik duldet und keinen Pluralismus kennt. Polity: Ein einheitliches Machtzentrum (meist eine Partei) mit unbegrenztem Entscheidungspotenzial im Sinne eines „Maßnahmenstaates“ (Ernst Fraenkel). Politics: Die Unterwerfung und pseudodemokratische Mobilisierung der Bevölkerung, um Staat und Gesellschaft zur Kontrolle der Menschen zu verschmelzen. Auch die Grundvoraussetzung für die Entstehung totalitärer Systeme ist beim Gros der Ansätze mehr oder weniger identisch. Alle verweisen auf die Bindungsverluste und Orientierungslosigkeit, kurz: die zunehmende Individualisierung der Menschen in einer „Krise der Moderne“ als entscheidende Ursache.

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