Die NSU-Spätzle-Connection

Auch nach Baden-Württemberg haben die Mitglieder des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ früher Kontakte unterhalten, wie Photos aus einem Partykeller und vor dem Barockschloss in Ludwigsburg belegen. Die Terrorzelle soll 2003 ebenso  potenzielle Anschlagsziele in Stuttgart ausbaldowert haben.

Montag, 15. April 2013
Daniela Wolf

Vor dem Beginn des Prozesses gegen die NSU-Terrorzelle in München beschäftigt sich die Politik auch in Baden-Württemberg mit den Aktivitäten des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ in dem Bundesland. Der baden-württembergische Innenminister Reinhold Gall (SPD) erklärte am Freitag in einem Interview mit den „Stuttgarter Nachrichten“, dass „unsere Experten derzeit noch damit beschäftigt sind, dem Netzwerk der NSU-Terrorzelle in Baden-Württemberg nachzuspüren.“

Die Kontakte der drei mutmaßlichen Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) reichten in das gesamte Bundesgebiet. Das beim Abtauchen 1998 in der Garage in Gera hinterlassene Adressbuch von Uwe Mundlos weist Einträge aus der gesamten Republik nach. Drei der in dem Adressbuch aufgeführten Personen wohnten im baden-württembergischen Ludwigsburg. Darunter der vor zehn Jahren am 30. März 2003 im Alter von 28 Jahren verstorbene  Rechtsextremist Michael Ellinger. Er spielte zeitweilig Schlagzeug in der lokalen Skinband „Kettenhund“ und war ein Aktivposten der örtlichen rechtsextremen Szene.

Gründungsmitglied von „Kettenhund“

Gegründet wurde „Kettenhund“ in der schwäbischen Barockstadt Ludwigsburg Ende 1990. Zu den drei Gründungsmitgliedern gehörte der damals 16-jährige Skinhead Michael Ellinger. Anfang 1991 begann die Band mit Proben, wie der damalige „Kettenhund“-Sänger Michael H. in einem Interview mit dem Skinzine „Bulldog“, einem Magazin aus der Skinhead-Szene für die Skinhead-Szene, aus dem nahen Öhringen schilderte. „Da wir deutsch singen, wollten wir auch einen deutschen Namen, außerdem sollte er provokant sein“, so der Sänger in dem 1993 veröffentlichten „Bulldog“-Interview, „und da die Öffentlichkeit auf Begriffe einer ca. 50 Jahre zurückliegenden Zeit immer sehr heftig reagiert, haben wir uns für KETTENHUND (Hervorhebung im Original) entschieden. Die Feldpolizei trug im Jargon der Wehrmachts-Soldaten diesen Namen wegen der um den Hals getragenen Kette mit einer metallenen Plakette mit der Aufschrift Feldgendarmerie.  Besonders zum Ende des Krieges hin fielen den deutschen Feldgendarmen von Wehrmacht und Waffen-SS Zehntausende „Fahnenflüchtiger“ in die Hände und wurden exekutiert.

Gedenken an Ellinger bei Fanclub „Brigade schwarz-gelb“

Erstmals öffentlich aufgetreten waren „Kettenhund“ am 22. Februar 1992 als Vorgruppe von „Boots & Braces“, einer 1983 gegründeten schwäbischen Oi-Skin-Band, die auch regelmäßig vor Rechten Konzerte spielte.  Nicht mehr mit dabei war Schlagzeuger Ellinger, der wegen seiner anhaltenden Alkoholprobleme im vorhergehenden Herbst ausgetauscht worden war. Weitere Konzerte und mehrere CD-Veröffentlichungen („Alltag“, „Same“, „Mutter Erde“) folgten dem Magdeburger Live-Debüt von „Kettenhund“. Mitte der 90er-Jahre zerfiel die Band. Sänger und Gründer Michael H. galt in der rechten Szene als „kleiner Kiffer“, der kurzzeitig durch eine „echte Glatze“ ausgetauscht wurde. Ein Comeback-Versuch von „Kettenhund“ nach Jahren der Inaktivität im Jahr 2003 (vgl. bnr 22/2003) blieb ohne Resonanz.

Der Rechtsextremist Michael Ellinger trat auf lokaler Ebene auch als „aktiver Fan“ der Fußballmannschaft SpVgg Ludwigsburg 07 in Erscheinung. Bis zum 30. Januar dieses Jahres war auf der Homepage des Fanclubs „Brigade schwarz-gelb“ des seinem exzessiven Lebensstil zum Opfer gefallenen Ellinger gedacht worden. Die Hintergrund-Musik stammte von der rechten Kult-Band „Skrewdriver“, deren Sänger und Gitarrist Ian Stuart Donaldson auch Gründer von „Blood&Honour“ war. Dem internationalen neonazistischen Skin-Netzwerk „Blood&Honour“ gehörten zahlreiche Unterstützer des NSU, vor allem aus Sachsen, an. Fotos auf besagter Homepage zeigten Ellinger und andere Angehörige der rechten Szene in seinem Partykeller. „Dem Bundeskriminalamt (BKA)“, so schreibt die „Ludwigsburger Kreiszeitung“ in ihrer Ausgabe vom 31. Januar, „liegt ebenfalls eine Serie mit Fotos aus diesem Keller vor. Darauf sind unter anderem auch Uwe Mundlos und Beate Zschäpe zu sehen, die E. Anfang der 90er Jahren in Sachsen kennengelernt hat.“

Mehr als zwei Rechtsterroristen an der Mordtat beteiligt?

Seit dieser Zeit besuchten die Thüringer immer wieder die „Spätzles“, wie Uwe Mundlos sie nannte, in Ludwigsburg. Besonders beeindruckt war Mundlos, der TAZ vom 27. Januar zufolge, von den Waffen der Ludwigsburger Szene. Andere von den Ermittlern gefundene Fotos zeigen Beate Zschäpe vor dem Ludwigsburger Barockschloss vor dessen Umbau 2004.

Die NSU-Spätzle-Connection in den Raum Ludwigsburg-Heilbronn-Stuttgart hielt aber offenbar nicht nur bis zum frühen Tod von Michael Ellinger im Jahr 2003, sondern bestand darüber hinaus. So sollen die mutmaßlichen NSU-Terroristen Böhnhardt und Mundlos im Juni 2003 potenzielle Anschlagsziele in Stuttgart ausbaldowert haben. Die Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter fand auf der Heilbronner Theresienwiese am 25. April 2007 ihren gewaltsamen Tod mutmaßlich durch Böhnhardt und Mundlos. Verschiedene Zeugen wollen aber mehrere verdächtige Personen am Tatort gesehen haben. Kriminalisten des baden-württembergischen Landeskriminalamtes glauben deshalb, dass mehr als zwei Rechtsterroristen an der Mordtat vor sechs Jahren beteiligt waren.

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