von Robert Scholz
   

Die „Nouvelle Droite" in Frankreich - die „Mutter" der deutschen „Neuen Rechten“

Im Nachkriegs-Frankreich gab es – ähnlich wie in Deutschland nach 1945 – keine homogene Rechte, Sammlungsbemühungen und Ausdifferenzierungsprozesse lösten einander ab. Parteipolitisch bekam die Rechte auch dadurch am Anfang kein Bein auf den Boden. Und so entwickelte sich ein metapolitisches Projekt, das in erster Linie mit dem Namen Alain de Benoist verbunden ist.

Erst 1962 brachte die Unabhängigkeit Algeriens der französischen Rechten ein Thema, das helfen sollte, ihre Spaltung zu überwinden. Zur Präsidentschaftswahl 1965 sammelte sich schließlich ein Bündnis aus Rechtsextremisten und antigaullistischer Rechter hinter dem Präsidentschaftskandidaten Jean-Louis Tixier-Vignancourt, dessen Wahlkampf von Jean Marie Le Pen geleitet wurde. Mit 5,3 Prozent blieb das Ergebnis aber hinter den Erwartungen zurück, was in der Folge eine erneute Spaltung in drei Lager nach sich zog: „Der Kreis um Tixier-Vignancourt selbt bemühte sich fortan um ein betont gemäßigtes Erscheinungsbild. Im Gegensatz dazu setzten jüngere, in Gruppierungen wie ‚Occident’ oder ‚Ordre Nouveau’ organisierte Aktivisten nunmehr auf verstärkte Militanz. Andere Kräfte schließlich hielten weder Parteiengagement noch Straßenaktivismus für eine Erfolg versprechende Option und plädierten stattdessen für langfristig angelegte Theoriearbeit. Dieser Ansatz mündete in der Gründung der GRECE.“ (Matthias Weber)

In Frankreich führte demzufolge eine Wahlniederlage zur „langfristig angelegten Theoriearbeit“ der später als „Neue Rechte“ bezeichneten Strömung, die personell und ideologisch zwar im traditionellen Rechtsextremismus wurzelte, als Ergebnis eines internen Differenzierungsprozesses aber versuchte, aus ihrem originären Strategieansatz auszubrechen. Interessanterweise sammelten sich die Modernisierer in einer Organisation, der GRECE, um dort die Kräfte zu bündeln.

In ihm engagierten sich in erster Linie die Aktivisten zweier Zeitschriftenprojekte – „Cahiers universitaires“ und „Europe Action“. Aus dem Umfeld der beiden Zeitschriften ging im Vorfeld der Parlamentswahlen 1967 die Partei „Mouvement national du progrès“ hervor, „um mit modernisiertem programmatischem Anstrich […] nochmals den elektoralen Erfolg zu suchen“. Doch auch diesem Versuch sollte kein Erfolg beschieden sein und so entschloss sich eine Gruppe von 40 Personen (u.a. Alain de Benoist, Pierre Vial, Dominique Venner, Jean Mabire), die zuvor mehrfach in den beiden Zeitschriften veröffentlichte und überwiegend aus Akademikern bestand, zukünftig auf kurzfristige Politikprojekte zu verzichten und den Intellektuellen- und Theoriezirkel „GRECE“ zu gründen. Solche Zirkel hatten in Frankreich seit der Revolution von 1789 Tradition und bilden eine „spezifisch französische Organisationsform für neue Ideen und Bewegungen in der Politik“ (Minkenberg).

Mit der Gründung der GRECE, Anfang 1968, verabschiedeten sich diese rechten Intellektuellen von der parteipolitischen Bühne und arbeiteten fortan metapolitisch an der Etablierung (neu)rechten Denkens. Inwieweit die Mai-Unruhen von 1968 eine Rolle bei der Gründung spielten, bleibt in der Literatur umstritten. Armin Pfahl-Traughber versteht die Gründung als „Antwort auf die kulturrevolutionären Impulse des Pariser Mai 1968“, während Weber diese Interpretation vehement ablehnt. Auch Alain de Benoist bezeichnet diese Behauptung als „bemerkenswerte Dummheit“ und verweist ebenfalls auf den Zeitpunkt der Gründung: Januar 1968. Unumstritten ist allerdings, dass eine Wechselbeziehung zwischen GRECE und Mai-Unruhen bestand. So führten die Ausschreitungen zu einem Rechtsruck bei antikommunistischen Akademikern und Studenten, der sie in die Arme der GRECE führte. Belegen lässt sich dies indes nur schwer, da sich die Organisation mit Angaben zu Mitgliederzahlen zurückhält. 1983 sprach Alain de Benoist von 3.000 Mitgliedern, zwei Jahre später sollen es 5.000 gewesen sein. Wegen dieser Schwierigkeiten, die GRECE und ihre Wirkungsweise empirisch zu fassen, wird diese in der französischen Publizistik bisweilen als „une nébuleuse“ bezeichnet.

Wichtiger als die Quantität der Mitglieder war ohnehin ihre „Qualität“, das heißt ihre Stellung in der Gesellschaft, da im Zentrum des Agierens die „intellektuellen Multiplikatoren“ stehen sollten. So formulierte die GRECE auch ihre strategische Zielvorstellung: „Wenn es gelingt, ein paar tausend Personen, die in Frankreich Macht (und das Sagen) haben, zu beeinflussen, zu formen, zu kontrollieren, birgt dies die Möglichkeit der Revolution.“ Diesem Ziel kam die „Nouvelle Droite“ zumindest nahe, denn die Mitglieder zählen überwiegend zum akademischen Mittelstand (Studenten, Lehrer). Das Wirken der GRECE beschränkte sich daher auch auf „geistige Arbeit“: Workshops, Seminare, Buchveröffentlichungen und Zeitschriften. Dabei bildet die Herausgabe der Zeitschriften „Nouvelle Ecole“ und „Eléments“ den Hauptschwerpunkt ihrer Arbeit. „Nouvelle Ecole“ erscheint jährlich mit einer geschätzten Auflage von 2.000 Exemplaren, sie wurde 1968 von Alain de Benoist gegründet, ist formal unabhängig und akademisch-wissenschaftlich orientiert. Offizielles Publikationsorgan des neurechten Think-Tanks ist hingegen „Eléments“. Diese Zeitschrift erscheint dreimal jährlich und ist stärker journalistisch ausgerichtet, daher dominiert in ihr politische Polemik.

Hauptautor in beiden Publikationen ist Alain de Benoist. Er gilt als spiritus rector der „Neuen Rechten“ in Frankreich, war Mitbegründer der GRECE und nahm von Beginn an Einfluss auf dessen publizistische Agenda und Entwicklung. Dabei versucht Benoist, „die Ideen ihn inspirierender Autoren zu verbreiten oder deren Werk selbst als Primärliteratur neu herauszugeben“. In französischer Sprache editierte er unter anderem Schriften Ernst Jüngers, Arthur Moeller van den Brucks, Oswald Spenglers oder Carl Schmitts – allesamt Vertreter der so genannten Konservative Revolution – und machte sie so der französischen Öffentlichkeit zugänglich. Bislang größter „Coup“ Benoists war 1978 die Mitwirkung in der neu gegründeten Beilage der Tageszeitung „Le Figaro“, die etwa zwei Millionen Leser erreichte. Benoist wurde Chef der Rubrik „Ideen“ und beteiligte einige GRECE-Aktivisten an prominenter Stelle im Blatt. Schon im Sommer 1979 führte diese exponierte Stellung Benoists zu einer heftigen Kontroverse um die „Nouvelle Droite“, die durch eine Serie von Artikeln in „Le Monde“, im „Le Nouvel Observateur“, in „Liberation“, „l´Express“ und weiteren Zeitschriften ausgelöst wurde. Benoist gelang es paradoxerweise mit Hilfe der linken Presse „die Mauer des Schweigens über die Rechte zu brechen und diese zum Gegenstand einer ‚débat d´idées‘ zu machen.“ (Kowalsky)

boehm-jf-benoistBenoist errang allerdings einen Pyrrhus-Sieg: Zwar entdeckten die Medien und damit auch ein breites Publikum die „Nouvelle Droite“, es führte aber auch zum Ende seiner redaktionellen Tätigkeit für „Le Figaro“: 1982 erschien der letzte Artikel Benoists. Aber der Wirbel um die mittlerweile als „Nouvelle Droite“ etikettierte Strömung brachte für kurze Zeit auch Auftrieb: Die Mitgliederzahlen stiegen und auch die Auflagenzahlen der Hausblätter zogen an, zudem kam es zu einem reinigenden Gewitter, viele Mitstreiter, „die im Grunde wohl immer noch an der Tagespolitik festgehalten hatten“, wandten sich von der GRECE ab und auch die „letzten Verbindungen zur klassischen und extremen Rechten“ wurden gekappt. „Die ‚Nouvelle Droite’“, schreibt Michael Böhm, „avancierte endgültig zu einem intellektuellen Milieu.“ Und Alain de Benoist versuchte über viele Jahre, teils mit Erfolg, dieses organisatorische und strategische Konzept in anderen Ländern zu verankern.

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