Die Identitären - Strohfeuer oder neue Jugendbewegung?

Mit wenigen öffentlichkeitswirksamen Aktionen und einem guten viralen Marketing hat es die identitäre Bewegung geschafft, europaweit auf sich aufmerksam zu machen und für die Überlegungen des Ethnopluralismus zu werben. Die Frage, die Gegner wie Unterstützer gleichermaßen umtreibt: Handelt es sich um ein Strohfeuer oder sind die Identitären in der Lage, entscheidend Einfluss auf das öffentliche Meinungsbild zu nehmen?

Donnerstag, 29. November 2012
Robert Scholz
Die Identitären - Strohfeuer oder neue Jugendbewegung?
Mit der Besetzung einer Moschee im französischen Poitiers nahm das europaweite öffentliche Interesse an den Identitären seinen Anfang, Mitstreiter oder Nachahmer setzten auf eigene mehr oder weniger gelungene öffentlichkeitswirksame Aktionen und nicht weniger wichtig: Zahlreiche Unterstützer sammelten sich in den Onlinegemeinden. Binnen kürzester Zeit hatte allein der deutsche Facebook-Ableger der Gruppe deutlich mehr als 3.000 Fans gewonnen. Grund genug für die autochthone neurechte Bewegung auf eine Zeitenwende zu hoffen. Mit großem Interesse verfolgt auch Götz Kubitschek den französischen Exportschlager.

Das verwundert nicht, bemühte Kubitschek sich vor wenigen Jahren noch selbst um die angesprochene Zielgruppe. Unter dem weit weniger schmissigen Namen „konservativ-subversive Aktion“ (ksa) gelang zumindest mit der Störung einer Lesung von Günther Grass ein Mediencoup. Nachhaltig konnte sich die Aktionsform nicht durchsetzen. Das lag vor allem an dem schwierigen Spagat zwischen konservativ-elitärem Selbstverständnis einerseits und den den oberflächlichen Reflexen des Medienbetriebes gehorchenden Aktionen andererseits. Die ksa fand schließlich ihr Ende, weil zum einen keine öffentliche Wirkung erzielt wurde und damit auch keine neuen Anhänger gewonnen wurden und zum anderen, weil es zusehends misslang, politische Botschaften, die über die reine Störung von Veranstaltungen hinausgingen, zu vermitteln.

Die Neue Rechte zog sich wieder zurück in ihren Elfenbeinturm. Mit durchaus klugen Publikationen wendet man sich so weiterhin an das immergleiche Publikum ohne recht voranzukommen. Auf der einen Seite die NS-Nostalgiker rund um die NPD oder die platten Islamophobiker rund um die PRO-Bewegung, mit denen man partout nichts zu tun haben will, auf der anderen Seite eine Mehrheitsgesellschaft, in die es nicht gelingt, mit den eigenen Positionen vorzudringen. Eine wenig komfortable Situation für die Neue Rechte in Deutschland.

Wenn dann eine weitgehend unbekannte Gruppe binnen weniger Wochen eine Wirkung erzielt, die die eigene über viele Jahre aufgebaute um ein Vielfaches übersteigt, muss man natürlich nach den Gründen des Erfolges fragen - oder ihnen nachspüren. Kubitschek machte sich daher zusammen mit Martin Lichtmesz, Autor der „Jungen Freiheit“ und der „Sezession“, auf den Weg zu den Identitären. Sie besuchten einen Kongress des „bloc identitaire“ im französischen Orange.

Mit einer Gesamtbewertung des „bloc identitaire“ tun sich die beiden allerdings schwer. Auf der einen Seite steht der sichtbare Mobilisierungserfolg. Mit Flashmobs, griffigen Slogans (100 % identitär, 0 % rassistisch) und einem Markenzeichen (Lambda) mit hohem Wiedererkennungswert scheinen die Identitären den Nerv zumindest eines nicht unerheblichen Teils der Jugend getroffen zu haben. Auf der anderen Seite ist vor allem Kubitschek skeptisch, was den inhaltlichen Unterbau der Bewegung betrifft.

Zwar gibt es eine Art Programm, das sehr stark von den Ideen der französischen Nouvelle Droite und deren Vordenker Alain de Benoist inspiriert ist. Seine Aufsatzsammlung „Aufstand der Kulturen - Europäisches Manifest für das 21. Jahrhundert“ liest sich wie eine Blaupause des Programms der Identitären: Sie schreiben sich den Ethnopluralismus und ein Europa der Regionen auf die Fahne, treten ein gegen den Einfluss des Islam in Europa und distanzieren sich in aller Deutlichkeit von jedwedem Totalitarismus. Das alles in sehr konzentrierter und plakativer Form, ohne tiefschürfende theoretische Aufsätze. Im Mittelpunkt steht immer die Aktion.

Nicht unbegründet scheint daher vor allem ein Punkt, den Kubitschek als „Hürde“ für eine dauerhafte identitäre Bewegung in Deutschland sieht: „eine knallharte, per se provokante ns-nahe Kameradschaftsszene, die mit ihren Strukturen absorbiere, was eigentlich identitär ansprechbar wäre“. Im Klartext: Setzt sich die rechtsextreme Szene mit auf den Zug, ist er für die Neue Rechte abgefahren.

Unbegründet sind diese Zweifel nicht, auch wenn die NPD sich zu einer inhaltlichen Bewertung oder gar Positionierung zu den Identitären bislang zurückhält, macht sie zumindest in den sozialen Netzwerken den Hype um die identitäre Bewegung mit. Und da sich die Medien schon jetzt eifrig darum bemühen, das Phänomen der rechtsextremen, ns-affinen Szene zuzuordnen, ist für die Neue Rechte Vorsicht geboten. Im Zweifel stünde der Eine für das Ganze. Eine Kameradschaft die namens der Identitären eine öffentlichkeitswirksame Aktion durchführe, würde alle Protagonisten stigmatisieren.

Da die Identitären kein Verein sind, Mitglieder mithin nicht aufgenommen werden, sondern einfach mitmachen, ist ihre Bewegung nur sehr schwer zu kontrollieren. Gerade in Deutschland dürfte die Spontaneität daher das größte Problem bei einer dauerhaften Etablierung als Jugendbewegung sein.

Kubitschek weiß das und formuliert betont distanziert, was aus seiner Sicht zu tun sei und „was ich tun würde, wenn ich jung wäre und DIESE Sache nun zu MEINER Sache machen würde“:

  • Kontakt aufnehmen zu allen Gruppen, Internetseiten, virtuellen Initiativen, die sich in irgendeiner Form als „identitär“ verstehen; prüfen, wer sich dahinter verbirgt.
  • Eine Organisationsgruppe bilden, die den virtuellen Raum und den „Maskentanzball“ verläßt.
  • Inhaltliche und formale Richtlinien festlegen, die für jeden Teilnehmer an einer Veranstaltung oder Aktion zwingend verpflichtend sind (hinein bis in Fragen der Kleidung, der Symbolik usf.).
  • (...)
  • Mit der Organisationsgruppe ein Großtreffen organisieren, das als eine Art Gründungsveranstaltung einer deutschen Identitären Bewegung ausgerufen wird. Inhalte: Grundsatzvortrag über die Notwendigkeit; Grundsatzvortrag über das inhaltliche und formale Konzept; Grundsatzvortrag über die Organisationsform; Erweiterung der Organisationsgruppe um einige brauchbare regionale Führungsköpfe. – Unmittelbar in kleinem Kreis: Planung einer ersten großen Aktion, abgestimmt auf die deutsche Situation, den richtigen Gegner, die eigenen Möglichkeiten, die verwertbaren Bilder.
  • (...)
  • Für einen extrem raschen Aufwuchs des eigenen Projekts und die damit verbundene Sog-Entwicklung sorgen, die es möglichen identitären Konkurrenten nahelegt, sich einzuordnen oder zu verschwinden. Dies bedeutet, die Zügel in die Hand zu nehmen, nicht auf basisdemokratische Führungsmodelle reinzufallen, sondern andersherum: unterhalb einer straffen Organisation regionale Kreativität zuzulassen und zu fördern, ohne sich in generelle Streitereien zu verwickeln und Runde Tische zu bilden.“

Dass der Bewegung mit solch starren Strukturen jede Dynamik genommen wird, sollte Kubitschek durch das Experiment mit der ksa eigentlich bewusst sein. Er bleibt daher bewusst im Konjunktiv. Wohl wissend, dass diese Sache nicht mehr seine Sache werden wird.

Anders sieht es aus bei der mittlerweile in die Jahre gekommenen Jugendgruppe der Neuen Rechten, der Truppe um das Schülermagazin „Blaue Narzisse“. Dort ist man voll auf den Zug aufgesprungen, hat sich in einem der vorderen Abteile platziert und bemüht sich den Lokführer beim Befeuern der Lok zu helfen. Konkret bedeutet das: Man hat Sticker und Badges produziert, die zum Selbstkostenpreis unter die potentiell Jugendbewegten gebracht werden sollen. In Theorieartikeln bemüht man sich, die Ideen der Identitären zu verbreiten und ihren Überlegungen so eine Plattform zu bieten. Von Felix Menzel, Senior-Chef des Jugendmagazins, ist am 30. November ein Vortrag unter dem Titel „Europa der Regionen“ angekündigt. Das wäre die zweite Aktion. Ein erste hatte Menzel mit zwei Mitstreitern am Volkstrauertag. Mit Straßenkreide an „Tatorten“ erinnerten die drei in Berlin an „Opfer von Migrantengewalt“ und zeigten damit deutlich, wie beliebig die identitäre Bewegung mit Inhalt zu füllen ist. Konservative dürften sich für solche Aktionen nur schwer begeistern lassen. 

Einer der Leitsprüche des Online-Magazins der Sezession lautet „Etiam si omnes, ego non“. Dabei wird es wohl bleiben...

Foto: Screenshot
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