Die Hilflosigkeit der Mütter

Gespräche mit Eltern, deren Kinder in die rechtsextreme Szene abgleiten.

Montag, 04. Januar 2010
Tomas Unglaube

Mehr als 20 000 rechtsextreme Straftaten verzeichnet das Bundeskriminalamt für das Jahr 2009, darunter mehr als 1500 Fälle von Körperverletzung – Tendenz steigend. Ein Drittel der etwa 30 000 deutschen Rechtsextremisten gilt als gewaltbereit, wobei nach Beobachtungen des BKA das Selbstbewusstsein der Rechtsextremisten in letzter Zeit gestiegen und zugleich die Hemmschwelle für Gewaltakte deutlich gesunken ist. Gründe genug, sich mit den Ursachen des Rechtsextremismus zu befassen.

Einen nicht alltäglichen Zugang zu dem Thema Rechtsextremismus bietet Claudia Hempels Buch „Wenn Kinder rechtsextrem werden. Mütter erzählen“. Die Dresdener Journalistin und Filmemacherin dokumentiert hier Gespräche mit Eltern – überwiegend Müttern – von Jugendlichen, die sich rechtsextremen Gruppen angeschlossen haben. Auch wenn die Basis von zehn Gesprächen keine Verallgemeinerungen erlaubt, werden doch Tendenzen deutlich, die auch durch wissenschaftliche Forschungen zu diesem Thema bestätigt werden:

Es sind in erster Linie junge Männer, die sich rechtsextremen Gruppen anschließen. Das Fehlen positiver männlicher Vorbilder sowie ungewisse berufliche Perspektiven sind wichtige Faktoren. Wenn dann eine persönliche Krise in der Familie, im Freundeskreis oder in der Schule hinzukommt, so die Beobachtung der befragten Mütter, dann haben es Rechtsextremisten nicht schwer, die verunsicherten jungen Menschen in ihren Bann zu ziehen. Dies umso leichter, wenn vor Ort demokratische Jugendzentren fehlen. Dabei spielen die Musik und die Texte rechtsextremer Lieder als gemeinschaftsstiftendes Element eine zentrale Rolle.

Übereinstimmend stellen die von Claudia Hempel befragten Eltern fest, dass sie erst spät die fatalen Neigungen ihrer Kinder festgestellt hätten. Häufig hätten ihnen die entsprechenden Kenntnisse gefehlt, die Jugendlichen hätten sich mehr und mehr zurückgezogen, Schulen und Jugendämter erwiesen sich in der Regel als wenig hilfreich.

Anschaulich führen Hempels Interviews den Zwiespalt vor Augen, in dem Eltern rechtsextremer Jugendlicher leben: einerseits Grenzen zu setzen und die Ablehnung der menschenverachtenden Ideologie deutlich auszusprechen und andererseits den Kontakt zu den eigenen Kindern nicht völlig zu verlieren. Denn auch das zeigen die Gespräche in Übereinstimmung mit wissenschaftlichen Forschungen: Der Ausstieg aus rechtsextremen Gruppen gelingt jungen Menschen vor allem dann, wenn sie auf stabile soziale Bezüge außerhalb der Neonazi-Szene zurückgreifen können.

Claudia Hempels Buch bietet keine einfachen Lösungen. Es zeigt an Fallbeispielen, wie junge Menschen in rechtsextreme Gruppen hineingeraten, und macht Mut, diese Jugendlichen nicht vorschnell aufzugeben. Neben der Hilflosigkeit vieler Eltern führt es vor allem die Bedeutung von mobilen Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen vor Augen.

Ergänzt werden die Gesprächsaufzeichnung durch einen äußerst hilfreichen Anhang: Auf 26 Seiten hat Hempel nicht nur Adressen von Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen verzeichnet, sie gibt auch einen Überblick über die wichtigsten Symbole und Codes der Neonazis und erleichtert es so besorgten Eltern, Lehrern und Mitarbeitern von Jugendeinrichtungen, rechtsextreme Neigungen junger Menschen frühzeitig wahrzunehmen.

Claudia Hempel, Wenn Kinder rechtsextrem werden. Mütter erzählen, Springe 2008, zu Klampen! Verlag, 208 Seiten, 12,80 Euro.
 

 

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