"Die Gedanken sind frei" – Sophie Scholl und der Kirchenvater Augustinus

Während Sophie Scholl im allgemeinen Gedächtnis als Widerstandskämpferin aus dem Kreis der Weißen Rose gegenwärtig ist, zeigt besonders die jüngere Scholl-Forschung, dass Sophie in ihrem kurzen Leben eine vollständige Wandlung in ihrer Einstellung zu Hitler und dem Nationalsozialismus durchgemacht hat (vgl. Barbara Beuys, Sophie Scholl, München 2010).

Montag, 15. November 2010
PD Dr. Friedemann Drews
"Die Gedanken sind frei" – Sophie Scholl und der Kirchenvater Augustinus
Obwohl ihre Eltern Lina und Robert Scholl Hitler von Anfang an – schon vor seiner Machtergreifung – als Gefahr und einen Blender bzw. Verblendeten durchschauen, folgt Sophie zunächst ihren drei älteren Geschwistern – darunter Hans Scholl – und engagiert sich in dem nationalsozialistischen 'Jugendprogramm', wird schließlich sogar 'Jungmädelscharführerin'. Zu erklären ist dies wohl vor allem dadurch, dass einereits die Gemeinschaft Gleichaltriger an sich anziehend auf Jugendliche und so eben auch auf die Scholls wirkte und es andererseits die Begeisterung des mainstream 'normal' erscheinen ließ, in diesen Organisationen 'mitzumachen'. Da die Eltern Scholl indes keineswegs unentschlossen oder im Zweifel über ihre Einstellung zum Demagogen Hitler sind, kommt es zwischen ihnen und den älteren Geschwistern Inge und Hans zu Auseinandersetzungen, wenn z.B. die Kinder zu Hause nationalsozialistische Lieder singen (vgl. Beuys, S. 85). Kaum vorstellbar die Herausforderung, mit eigenen Augen und Ohren wahrnehmen zu müssen, dass die Kinder einen Einschlag nehmen, den die Eltern selbst zutiefst ablehnen und als Irrweg empfinden. Zugleich verhalten sich Robert und Lina Scholl in ihrem Entschluss offenbar weise, den Kindern einerseits ihre Sympathie für die nationalsozialistischen Jugendstrukturen nicht einfach kategorisch zu verbieten, sondern statt dessen immer wieder in Diskussionen die sachliche Auseinandersetzung über dieses existentiell wichtige Thema mit ihren Kindern zu suchen und sie andererseits durch praktische Erziehung zu formen: Nur so ist es zu erklären, dass die Familie Scholl als Hausnachbarn jüdische Familien haben, mit denen sie selbstverständlich dieselbe gute und normale Nachbarschaft pflegen wie mit allen anderen Nachbarn auch. Die nachdenkliche Sophie wundert es, wieso einer jüdischen Freundin die Teilnahme an der nationalsozialistischen Jugendorganisation verwehrt wird – ein deutlicher Hinweis darauf, dass weniger die Ideologie als die Gemeinschaft an sich für Sophie der Magnet dieser Versammlungen gewesen sein dürfte. Wurzeln der geistigen Wende Wir können hier nicht im Einzelnen die – keineswegs plötzliche – geistige Wende im Denken der Geschwister Scholl nachzeichnen, wie es die historische Forschung in umfangreichen Werken leistet. Kurz gesagt müssen solche Erfahrungen, in denen das Demagogische Hitlers und seiner Propaganda sich selbst immer mehr demaskierte, sowie das plötzliche Auftauchen der Gestapo im Hause Scholl und das 'In-Gewahrsam-Nehmen' mehrerer Scholl-Geschwister zu Zweifeln an den angeblich 'hehren Zielen' geführt haben: Die Euphorie der Scholls über Hitler erhielt zumindest deutliche Dämpfer. Im Zuge dieses Erkenntnisprozesses hielten die Scholl-Geschwister Ausschau nach einer sozusagen 'alternativen' geistigen Orientierung. Dabei ist zu bedenken, dass es für die Jugendlichen alles andere als einfach gewesen sein dürfte, eine totale Kehrtwende von den eben noch bejubelten 'Idolen' zu vollziehen, zumal wenn eine gesamte Gesellschaft in eine solche Richtung abdriftet. Erwähnt sei hier vor allem Otl Aicher, Schulfreund des jüngsten Bruders von Sophie, Werner Scholl: Aicher, obwohl um einiges jünger als etwa Hans oder Sophie Scholl, vermochte durch seinen charismatischen bis missionarischen Impetus die älteren Geschwister seines Freundes Werner mit seinem Interesse für die Kirchenväter (Augustinus, Thomas von Aquin), Platon und Aristoteles anzustecken. Aicher stammte aus katholischem Hause, während die Scholls protestantisch-lutherisch aufwuchsen: Ihre Mutter Lina war vor ihrer Ehe zunächst Diakonissin gewesen (während sich Vater Robert eher agnostisch zeigte), so dass die mütterlicherseits bereits grundgelegte, allgemeine religiöse Erziehung nun durch den philosophisch-theologisch versierten Otl Aicher gleichsam eine intellektuelle Befruchtung erfuhr. Dass der Widerstand der Weißen Rose und insbesondere der letztlich engste Widerstandskreis um Hans und Sophie Scholl, Willi Graf und Alexander Schmorell sich aus den verschiedenen christlichen Konfessionen (evangelisch, katholisch, orthodox) speiste, darf en passant als bemerkenswertes und im besten Sinne 'ökumenisches' Phänomen notiert werden: Nicht die Grenzen traditioneller Konfessionen, sondern die gemeinsame Suche nach philosophischer Orientierung und theologischer Wahrheit waren die entscheidenden Beweggründe; nicht zuletzt der in den Diskussionen im Hause Scholl angeregte Impuls zum sachorientierten Diskurs kam hier zur Geltung. Sophie Scholls Augustinuslektüre Im Hinblick auf die Bedeutung Augustins für Sophie Scholl verdienen die Umstände, unter denen sie sich in den Kirchenvater hineinlas, besondere Erwähnung. Während man sich als heutiger Forscher in eine ruhige Bibliothek zurückziehen möchte, um sich der weder besonders eingängigen noch einfachen Lektüre der augustinischen Werke zu widmen, sieht das 'Ambiente', in dem wir uns die Augustinus-Leserin Sophie Scholl vorstellen dürfen, wie folgt aus: Sophie wird (trotz ihres mit der Ausbildung zur Kindergärtnerin geleisteten Ersatzdienstes) zum Reichsarbeitsdienst (RAD) verpflichtet. Ihre älteste Schwester Inge, die auf Empfehlung Otl Aichers gerade das von Erich Przywara (S.J.) zusammengestellte Buch "Augustinus. Die Gestalt als Gefüge (Leipzig 1934)" mit Auszügen aus dem Gesamtwerk des Kirchenvaters gelesen hatte, gibt Sophie dieses Buch für den RAD mit. Im RAD-Lager angekommen, teilt sie "mit zehn jungen Frauen ein Zimmer, konnte in den ersten Wochen vor Kälte nicht einschlafen, es gab keine Heizung. Immerhin war sie froh, in einem der oberen Betten zu schlafen – wegen der vielen Mäuse" (Beuys, S. 275). Unter der Bettdecke nun – denn offiziell ist es verboten, Bücher dabei zu haben (schon gar nicht philosophisch-theologische) – liest Sophie "abends, wenn die andere Witze machen" (Tagebuch 10.4. 1941), abwechselnd Augustinus und Thomas Manns Zauberberg. Ein ruhiges Umfeld zum Lesen und Nachdenken sieht anders aus. Trotzdem ist die Rolle, die Augustinus in dieser Situation für Sophie Scholl spielt, nicht zu unterschätzen: Isoliert von den Freunden, die einen emotionalen und intellektuellen Austausch ermöglicht hätten, bilden die Lektüre und das Tagebuchschreiben zusammen mit einer kalten Dusche am Abend einen Rahmen, in dem Sophie jedenfalls ein Stück weit sie selbst sein und sich dem Drill des Lageralltags entziehen kann. Besonders in den Abschnitten aus Augustins Bekenntnissen findet sie sich selbst wieder: Wenn es dort in den berühmten Worten des ersten Kapitels heißt: Denn du hast uns zu dir hin geschaffen und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, dann fühlt sich Sophie auf ihre eigene Unruhe verwiesen. So schreibt sie in ihr Tagebuch: "Da verliert sich das Herz in dieser kleinen Unruhe und vergißt seinen großen Heimweg." Sophie gibt sich keinem Selbstmitleid hin – im Gegenteil, sie übt radikale Kritik an sich selbst, weil sie meint, ihrem Glauben an Gott in ihrem Leben nicht genügend Raum zu geben. Immer wieder klagt Sophie über Heimweh. Es ist nicht nur das Verlangen nach dem gewohnten Zuhause; ihr Heimweh geht weiter und ist eine tiefe Sehnsucht nach Gott. Eben diesen – für sie wichtigsten – Heimweg, der die Richtung des Heimwehs beschreibt, darf sie nicht vergessen, sondern will ihn immer vor Augen haben. Und selbst dann, wenn sie ihren eigenen Willen nicht mehr kontrollieren kann, bittet sie den allmächtigen Gott, ihren Willen zu überstimmen: "Reiß mich los, gegen meinen Willen!" Auch Augustinus erkennt in sich verschiedene, einander widerstreitende Willen (Plural!, voluntates): So hoch er das Gut der menschlichen Willensfreiheit einschätzt, so sehr weiß er darum, dass er durch den freien Willen noch nicht frei ist. In Adam ist der Mensch in Sünde gefallen; von der paradiesischen Freiheit ist ein mangelhafter Wille geblieben. Dieser ist erlösungsbedürftig durch den Schöpfer, der sich seiner von ihm abgefallenen Schöpfung zuwendet, indem er selbst Mensch wird. Speziell der christliche Kern im Denken Augustins spricht Sophie an: Das aus Kinderzeit vermeintlich Alt-Bekannte wird neu entdeckt. Ähnlich geht es Hans, der nach seiner Begegnung mit dem katholischen Publizisten Prof. Carl Muth diesem in einem Brief kurz vor Weihnachten 1941 schreibt: "Eines Tages ist dann von irgendwoher die Lösung gefallen. Ich hörte den Namen des Herrn und vernahm ihn. In diese Zeit fällt meine erste Begegnung mit Ihnen. Dann ist es von Tag zu Tag heller geworden. Dann ist es wie Schuppen von meinen Augen gefallen. Ich bete. Ich spüre einen sicheren Hintergrund und ich sehe ein sicheres Ziel. Mir ist in diesem Jahre Christus neu geboren." "Die Gedanken sind frei" Vielleicht kann man dies als Frömmelei abtun – nicht jedoch die aus ihr resultierende Ernsthaftigkeit des Denkens als Grundlage für den Widerstand: Denn es ist kein Zufall, dass der christlichen Tradition allgemein und besonders Augustinus die menschliche Willensfreiheit als integraler Bestandteil der geistigen Natur (ratio – intellectus) des Menschen-Seins gilt; eben diese geistige Natur ist es, die für den Kirchenvater das Abbild Gottes enthält, zu "dessen Bilde" der Mensch geschaffen ist (1 Mose 1, 27). Mit anderen Worten: Die Wirklichkeit des Denkens, der geistigen Inhalte, die "Welt des Geistes", an der Sophie zufolge wir Menschen im Unterschied zu den Tieren "teilnehmen" (Brief an ihren Freund Fritz Hartnagel, 28.10. 1942), gilt es für Sophie zu bewahren und nicht zu vergessen. Und ebenfalls ist es weder ein Zufall, dass Hitlers Propagandamaschinerie dabei war und zum Ziel hatte, genau diese Freiheit abzuschaffen, noch dass Scholl die Einschränkung der geistigen Freiheit als Hauptgrund für ihre Abkehr vom Nationalsozialismus beim Gestapo-Verhör angibt. Aber gerade weil durch die Beschäftigung mit Augustinus und vergleichbaren Autoren die Überzeugung gereift war, dass die Realität des freien Willens und die Wirklichkeit des Geistes zum Menschsein gehören und es wesensmäßig ausmachen, somit aber für Geist und Willen auch ein Realisierungsrahmen als Bedingung für ein gelingendes Menschsein gegeben sein muss, deshalb gelang es Sophie und ihren Mitstreitern, konsequent für das Gut der Freiheit einzutreten: Nicht von ungefähr spielt Sophie vor dem Gefängnis, hinter dessen Mauern ihr Vater einsitzen muss, auf der Flöte das Lied "Die Gedanken sind frei", nicht ohne Grund schreiben ihre Freunde bei Nacht und Nebel das Wort 'Freiheit' an Mauern sowie 'Nieder mit Hitler'. 'Gerade' und 'geradlinig' zu sein war immer ein wesentlicher Grundsatz Sophies – dies weist Barbara Beuys jetzt eindringlich nach; diese Haltung kann äußerlich nur 'durch-halten', wer eine gefestigte innere Haltung hat, und diese ist ohne theoretisches Fundament, ohne tief verwurzelte, auf Wissen gründende Überzeugung nicht zu bekommen. Bisher ist meiner Wahrnehmung nach noch nicht ausreichend herausgearbeitet worden, dass die Aktivitäten der Scholl-Gruppe nicht einfach als 'Widerstand an sich' gegen das Nazi-Regime zu würdigen sind – das unbestrittenerweise natürlich auch –, sondern dass dieser Widerstand sich aus einem intellektuellen Prozess ableitete und vor allem immer wieder in dieser geistigen Suche seine sachliche Legitimation fand: Es ging eben nicht einfach um den in der heutigen Erinnerungskultur bisweilen fast simplifiziert erscheinenden Negativbefund, dass der Nazi-Terror unmenschlich war und deshalb abzulehnen ist, sondern darum, ein positiv begründbares Alternativ-Fundament für das eigene Denken und Handeln zu gewinnen, welches trotz der dumpfen – aber gerade deshalb so verheerenden – Naziideologie und trotz des für die Scholls erst allmählich in den Ausmaßen erkennbar werdenden Grauens des Terrors eben genau dieser in die Verzweiflung treibenden Realität standhalten konnte. Dass die Beschäftigung Sophie Scholls mit dem Bischof aus Hippo auch über die praktische Dimension des Widerstands hinausging, kann hier nicht mehr erörtert werden. Wenigstens aber der Hinweis sei gegeben, dass vor allem die Theodizeefrage den Widerstandskreis nachhaltig beschäftigte. Und auch hier war es wieder Augustinus, dem Sophie ein Argument zur Lösung eines Problems entnahm, welches sich für Sophie aus Leibniz' Theodizee ergab. Die Auseinandersetzung mit den geistigen Grundlagen Sophie Scholls und daher mit Augustins Philosophie und Theologie lohnt sich, somit aber auch die Beschäftigung mit der lateinischen Sprache, in der er seine Werke verfasste, wie auch mit der griechischen, in der Augustins geistige Vorbilder schrieben – Platon, Plotin und nicht zuletzt die Autoren des Neuen Testaments.
Kategorien
Tags