Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrussland 1941 – 1944

Deutsche Ordnungshüter haben massiv an der Deportation und Ermordung von mehr als zwei Millionen Juden in der Sowjetunion mitgewirkt.

Donnerstag, 03. August 2006
Volker Stahl

Das Ausmaß und die Durchführung des Massenmords von SS und Einsatzgruppen an den europäischen Juden gelten heutzutage als weitgehend erfasst und dokumentiert. Dass auch die deutsche Ordnungspolizei erheblich an dem größten Menschheitsverbrechen beteiligt war, ist dagegen bisher wenig bekannt. Erst seit Ende der 1980er Jahre beackern Historiker und Rechtswissenschaftler dieses Forschungsgebiet intensiv. Nach Heiner Lichtenstein („Himmlers grüne Helfer“), Christopher Browning („Ganz normale Männer“) und Wolfgang Kopitzsch, der mehrere Beiträge über die Polizei im Dritten Reich veröffentlicht hat, legt nun der Rechtsanwalt und ehemalige Hamburger Justiz-Senator Wolfgang Curilla (SPD) eine umfangreiche Studie über die Rolle der deutschen Ordnungspolizei bei der Judenvernichtung im Baltikum und in Weißrussland vor.
Curilla präsentiert nicht nur eine erschütternde Rechnung: Deutsche Polizisten haben an der Deportation und Ermordung von mindestens der Hälfte der mehr als zwei Millionen jüdischen Opfer in der Sowjetunion mitgewirkt. Er stellt auch die Grundlagen und Voraussetzungen für die Verbrechen ausführlich dar – von der systematischen Entrechtung der Juden durch den NS-Staat, der Verflechtung von Polizei und SS durch die Ernennung von Heinrich Himmler zum Chef der Deutschen Polizei bis zum dezidierten Auftrag zum Massenmord an die Einsatzgruppen und die Ordnungspolizei. Anhand von Zeitzeugendokumenten (Kriegstagebücher von Angehörigen der am Holocaust beteiligten Polizeibataillone), Urteilen (Einstellungs- und Nichteröffnungsbeschlüsse der Gerichte) und mit Hilfe von Aussagen in den Ermittlungsverfahren für die Prozesse gegen NS-Verbrecher in der Nachkriegszeit analysiert und bewertet der Rechtswissenschaftler auch ausgiebig die Taten. Dabei beleuchtet er die Geschichte einzelner Polizeieinheiten – beispielsweise die Einsätze der Reiterabteilung I oder der Reserve-Polizeikompanie Nürnberg.

Neben den Verbrechen, die der systematischen Vernichtung der osteuropäischen Juden dienten, berücksichtigt der ehemalige Senator auch den Kampf gegen Partisanen und die so genannten Enterdungsaktionen. Schon 1942 gab es Überlegungen zur Beseitigung der Spuren der Massenmorde an den Juden. Als Moskau der Weltöffentlichkeit nach der Niederlage der 6. Armee in Stalingrad die Entdeckung gigantischer Massengräber bei Rostow bekannt gegeben hatte, kam die Anweisung aus dem Reichssicherheitshauptamt, die Spuren der Judenvernichtung sollten so gut wie möglich verwischt werden. Damit der Roten Armee keine Beweise in die Hände fallen konnten, wurde SS-Standartenführer Paul Blobel damit beauftragt, die Massengräber öffnen und die Leichen verbrennen zu lassen.

Die Drecksarbeit der deutschen Mörderbanden mussten Juden und einheimische Zwangsarbeiter erledigen. Aber auch Züge von Schutzpolizisten aus der Ordnungspolizei haben an der Durchführung der „Geheimen Reichssache“ der drei „Sonderkommandos 1005“ mitgewirkt.

Im dritten Hauptteil seiner Abhandlung beschäftigt sich Curilla mit den Tätern – ohne dabei die subjektive Seite und die Tatsache zu vernachlässigen, dass es in einigen Fällen auch Verweigerungen von Mordbefehlen gab. Nicht wenige Polizisten gerieten in Gewissensnöte, erlitten nach der Erschießungen von Juden Nervenzusammenbrüche oder flüchteten sich in den Alkoholismus.

Ein Großteil der hauptverantwortlichen NS-Täter wurde zwar schwer bestraft. Aber vielfach sah die Justiz von einer Verurteilung „des kleinen Polizeibeamten“ ab – oder er kam mit einem sehr geringen Strafmaß davon. Man könne darüber streiten, ob die Urteile eine „angemessene Sühne darstellten“, resümiert Curilla, „denn die Ordnungspolizisten gehörten nicht zur Seite der Opfer, sondern waren Täter.“

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