Die Bornsteins. Eine deutsch-jüdische Familiengeschichte

Alltag und Leid einer deutsch-jüdischen Familie.

Donnerstag, 30. März 2006
Helmut Lölhöffel

Wie kann einer nur so gelassen, so bedächtig über das Schrecklichste sprechen? Ralf Bachmann kann es. Der Journalist, Autor und bnr-Kommentator las im Jüdischen Kulturverein Berlin aus seinem jüngsten Buch und manchmal breitete sich besinnliche Heiterkeit aus. Niemand nimmt es Bachmann übel, wenn er schmunzelnd über Gebräuche in einer jüdischen Familien plaudert oder hintergründig die Eigenarten seiner vom Tod bedrohten Tanten schildert. Es ist keine Garnierung und kein schriftstellerischer Trick, sondern die von ihm erlebte und erinnerte Wirklichkeit. Die Grausamkeit der Nazi-Diktatur ist trotzdem allgegenwärtig.
1938 hat sich die Familie zum letzten Mal gesehen. Einer der beiden noch Lebenden, der 76-jährige Ralf Bachmann, hält die Erinnerung an die Ermordeten und an die in alle Welt Verstreuten wach. Auch an seine Tante Frieda, die sich umbrachte, als der Bürgermeister ihr sagte, sie sei „als Jüdin nur noch Gast in Deutschland“. Der seit mehr als 50 Jahren in Berlin lebende Bachmann, der 1995 eine lesenswerte Autobiographie über sein Leben in der DDR („Ich bin der Herr. Und wer bist du?“) veröffentlicht hatte, erzählt in Anekdoten, Episoden und Reportagen seine deutsch-jüdische Familiengeschichte aus Falkenstein im Vogtland. Sie ist vielleicht typisch für den „jüdisch gebliebenen, jedoch recht angepassten kleinstädtischen Mittelstand“, dessen Schicksal sonst kaum beachtet wird. „Wer Glück und Geld hatte, reiste, wer Pech hatte und arm war, wurde transportiert“, umschreibt Bachmann die Varianten der Verfolgung.

Dass er sich bei aller Trauer und Dramatik auch mit Heiterkeit und Humor erinnern kann, zeichnet ihn aus. Bachmann hat feinfühlig konkrete Geschichte von unten geschrieben. Über den Alltag der Bedrohung und des Leids während der Nazizeit, aber auch über kindliche und familiäre Freuden, über schöne Reisen und berufliche Erfolge. Sein Büchlein, das zahlreiche Bilder und Dokumente enthält, ist ein wertvoller Beitrag zum Erinnern und zum Verstehen. Gerade weil es nicht nur bedrückend ist, sondern auch Optimismus ausstrahlt.

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