Die Autonomen Nationalisten

Sie kleiden sich wie Linksautonome. Sie tragen Baseballkappen, Sonnenbrillen und Palästinensertücher. Sie üben sich in antikapitalistischer Phraseologie, treten bei Demonstrationen als „schwarzer Block“ auf und zeigen eine ostentative Bereitschaft zur Militanz gegen Polizei und dem politischen Gegner: die so genannten Autonomen Nationalisten (AN). Jürgen Peters und Christoph Schulze nehmen sie und ihre Praktiken in einem Sammelband aufs Korn.

Freitag, 20. November 2009
Anton Maegerle

Zuletzt lieferten Autonome Nationalisten bundesweite Schlagzeilen bei einem militanten Übergriff auf eine DGB-Demonstration am 1. Mai 2009 in Dortmund. Rund 300 Neonazis stürzten sich mit Holzstangen und Steine bewaffnet mit Hassgeschrei ,,auf die friedliche Kundgebung der Gewerkschafter.

Etwa seit 2003 treten in der militanten Neonazi-Szene Autonome Nationalisten auf. Eine Strömung, die sich diverser Ästhetik, Codes, Rituale, Symbole und Sprachformen bedient, welche bisher in der Linken verortet waren. Die Bewegung umfasst derzeit bundesweit etwa 1000 Personen. Das Altersspektrum liegt zwischen 16 und 26 Jahren. Hochburgen finden sich im Ruhrgebiet, im Rheinland und im Raum Berlin. Von Berlin stammt auch die Innovation des „schwarzen Blocks“, eines Mittels der politischen Selbstinszenierung als einer identitären und symbolischen Kampfgemeinschaft. Erfinder dieses Konzepts war die 2005 durch den Berliner Innensenator verbotene „Kameradschaft Tor“ um ihren Führer Björn Wild.

Alter Wein in neuen Schläuchen

Die Entstehungsgeschichte der Autonomen Nationalisten, ihre Ideologie, politische Praxis, ihr Habitus und Selbstverständnis werden in dem von Jürgen Peters und Christoph Schulte herausgegebenen Sammelband „Autonome Nationalisten. Kenntnis- und detailreich nehmen die Autoren die Modernisierung neofaschistischer Jugendkultur“ unter die Lupe und beleuchten ihr Verhältnis zu anderen Organisationen der extremen Rechten.

Die Unterschiede zu anderen Rechtsextremisten, so die Autoren, liegen weniger im ideologischen Bereich, sondern im Erscheinungsbild und in den Agitationsformen, vor allem in Äußerlichkeiten. Der mit dem Skinheadoutfit der 90er Jahre verbundenen Selbststigmatisierung entfliehen die Autonomen Nationalisten. Viele Stilelemente der Bekleidung und Symbolik der Autonomen Nationalisten wurden der autonomen Antifa entlehnt. Dieses Outfit ermöglicht mehr Bewegungsfreiheit.

Aufmarschiert wird gegen Globalisierung, Imperialismus und Kapitalismus. Hinter den pseudo-revolutionären Phrasen verbirgt sich jedoch alter Wein in neuen Schläuchen - eine völkisch inspirierte Überlegenheitsideologie und Antisemitismus. Auch geht es tatsächlich weniger um die große Weltpolitik als eher um die Konfrontation mit „der Antifa“ vor Ort. Dies ist der Kitt für den inneren Zusammenhalt.

Rituale und Symbole des politischen Gegners

Die Übernahme von Ritualen und Symbolen beim politischen Gegner hat ihre Vorbilder. So bedienten sich die italienischen „Schwarzhemden“ der sozialen Kommunikationsformen der sozialistischen Arbeiterbewegung. Die Nazis texteten populäre Lieder der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung um. Trotz des Hangs zur Konspiration und Vermummung ist bei den Autonomen Nationalisten der Drang zur Selbstdarstellung ausgeprägt.

Deren Hauptmedium, so die Autoren, ist das Internet. Nach jeder Demonstration werden Aktionsvideos veröffentlicht, deren inhaltliche Botschaft jedoch kaum über die Wiedergabe von Parolen hinausgeht, da die Form zugleich den Inhalt der politischen Botschaft darstellt. Zu sehen und zu hören sind Parolen in englischer Sprache wie „Fight the system - fuck the law“. In der rechtsextremen Szene, in der Anglizismen verhasst sind, stoßen die Autonomen Nationalisten deshalb nicht nur auf Zuspruch. Diese seien, so die NPD Schwaben, „Chaoten“ und „menschlicher Abfall“. Andererseits ist bei den Autonomen Nationalisten die vermeintliche Bürgerlichkeit der NPD verhasst.

Autonome Nationalisten sind eine strategisch-aktionistische Neuerung im Rechtsextremismus. Ihr Ziel ist es, neonationalsozialistischen Politikideologemen außerhalb der bisherigen Grenzen Gehör zu verschaffen. Die AN stellen, so die Verfasser des sehr lesenswerten Sammelbandes, „eine moderne Variante eines faschistischen Vergemeinschaftsangebotes dar, dessen habituelle und aktionistische Praxis dem historischen Vorbild des NS nicht unähnlich ist.“ Den Autoren ist deshalb zuzustimmen, dass Autonome Nationalisten nicht nur eine „politische Herausforderung für eine emanzipatorische Jugendarbeit“ sind, sondern im Hinblick auf die eigene Wirkungsmacht eine ästhetisch-kommunikative.“

Jürgen Peters / Christoph Schulze (Hg.): „Autonome Nationalisten“. Die Modernisierung neofaschistischer Jugendkultur“, Unrast Verlag, Münster 2009, 72 Seiten 7,80 Euro, ISBN 978-3-89771-101-3

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