Die Aussteigerin – Autobiographie einer ehemaligen Rechtsextremistin (2001)

Unter die Autoren gegangen ist die frühere Rechts-terroristin Christine Hewicker. Sie veröffentlichte nun im Igel-Verlag das Buch "Die Aussteigerin", das den Untertitel "Autobiographie einer ehemaligen Rechtsextremistin" trägt. Auf 200 Seiten beschreibt die mittlerweile 43-Jährige ihren politischen Werdegang. Der führte sie in die Fänge der rechtsextremen NPD, später zu gewalttätigen Neonazis und dann für einige Jahre ins Gefängnis.

Freitag, 12. August 2005
Thomas Klaus
Unter rechtsextremen Einfluss geriet Christine Hewicker bereits mit 14 Jahren. Ein ehemaliger Mitschüler ihres ältesten Bruders war aus Berlin in das 2000-Seelen-Dorf in Niedersachsen zurück gekehrt, in dem Christine lebte. Er machte Propaganda für die NPD und zog neben vielen Jugendlichen ihre Brüder und in deren Gefolge Christine in seinen Bann. Als Aktivistin der Jungen Nationaldemokraten (JN) betrieb Hewicker Straßenagitation in einigen norddeutschen Städten. Meistens machte sie mit einem "Kameraden" gemeinsame Sache, der rhetorisch gut geschult war. "Wie wichtig kam ich mir vor", schreibt Hewicker, "wenn ich etwas ‘Intelligentes’ mit einwerfen konnte. Ja, ich war Wer!"Durch persönliche Kontakte aus dem NPD- und JN-Spektrum geriet die junge Frau immer stärker in ein militantes Fahrwasser. Schon bald freundete sie sich mit den Neonazi-Führern Michael Kühnen und Christian Worch an. Von ihnen zeigte sie schwer beeindruckt. Der Grund: "Sie waren zielstrebig und wussten, was sie wollten. Sie waren nicht so spießig und ängstlich wie die meisten in der NPD, und sie nahmen mich gerne in die Gruppe auf, die sie jetzt mit anderen Freunden bildeten." 1977 lernte sie ihren späteren Ehemann Klaus-Dieter kennen, der damals noch als NPD-Kreisvorsitzender in Wolfsburg fungierte. Zugleich näherte sich Hewicker stärker der Aktionsfront Nationaler Sozialisten von Kühnen und Worch an.In ihrer ideologischen Entwicklung stark beeinflusst wurde sie von Kurt Wolfgram. Er hatte, so behauptet es zumindest die Autorin, "eigentlich ständig Judenwitze oder antisemitische Sprüche auf Lager. Wenn man fast tagtäglich davon hört, wie niederträchtig die geldgierigen Juden mit dem deutschen Volk umgehen, glaubt man irgendwann auch an die Richtigkeit der Darstellungen." Kurt Wolfgram war einer von zwei Rechtsterroristen, die am 20. Oktober 1981 nach einem Schusswechsel mit der Polizei getötet wurden. In Begleitung mehrerer Gesinnungsgenossen war er auf dem Weg zu einem Banküberfall. Sie hatten sich ein Kreditinstitut ausgesucht, das bereits zuvor ihr Ziel gewesen war, damals erfolgreich. Verwickelt in diesen Banküberfall: Christine Hewicker, die 1983 zu einer sechsjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Hinzu kamen noch 17 Monate aus anderen Verfahren. Allerdings wurde die zweijährige Untersuchungshaft angerechnet. Bereits im Oktober 1985 wurde sie wieder aus der Haft entlassen.Dieser Gang hinter Gefängnismauern war nicht ihr erster Kontakt mit der Justiz. Wegen Sprühaktionen hatte sie 1979 eine neunmonatige Jugendstrafe bekommen, die zur Bewährung ausgesetzt worden war. Kurze Zeit später stand sie wegen ganz anderer "Kaliber" vor Gericht. Gemeinsam mit Paul Otte, Christian Worch, Volker Heidel und anderen wurde sie angeklagt. Der Vorwurf lautete auf "Bildung einer terroristischen Vereinigung". Unter anderem soll die so genannte Otte-Gruppe versucht haben, den damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg mit einem Sprengkörper zu ermorden. Das Verfahren gegen Hewicker sollte abgetrennt werden, doch durch die Flucht nach Frankreich im August 1981 kam es nicht mehr dazu. Lange konnte sie ihrer Bestrafung nicht entgehen. Noch im gleichen Jahr wurde Christine Hewicker – damals 23 Jahre alt – in Belgien verhaftet und nach Deutschland ausgeliefert. Während der mehrjährigen Haft wurde sie zunächst in ihrem Hass auf das "System" bestärkt, schaffte aber bald darauf die Umkehr – auch aufgrund ihres wachsenden religiösen Bewusstseins.Dass Hewicker in dem Endspurt ihres Buches ein flammendes Plädoyer gegen rechtsextremistische Tendenzen hält und zum gesellschaftlichen Widerstand gegen diesen Ungeist aufruft, ist begrüßenswert. Ihre braune Karriere liegt zwar schon viele Jahre zurück, dennoch ist sie eine wichtige "Kronzeugin" für Nazi-Gegner. Der Verlag hätte allerdings gut daran getan, die 200 Seiten kritischer zu redigieren und lesbarer zu gestalten. Auch ein Personen- und Sachregister sowie ein kurzer chronologischer Abriss fehlen.
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