von Mathias Brodkorb
   

Dicke Luft und dünne Kleider

Ich mag Rostock und seine stillen Winkel wie diesen Imbiss im Stadtteil Gehlsdorf oder die Kohlrabibar. Allerdings gibt es ein Problem, die - zumindest zur Zeit - wohl bekanntesten gewerblich genutzten Räume Rostocks. Richtig, es handelt sich nicht um die Zentrale einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft oder eines der bekannten Etablissements mit Verbindungen zur Unterwelt, sondern schlicht um den so genannten "Nazi-Laden", offizieller Titel: East-Coast-Corner. 

Um die größtmöglichen Kalauer gleich vorwegzunehmen: In einem Nazi-Laden kann man keine Nazis kaufen und der Standort in der Nähe der Budapester Straße ist kein Symbol für die Anlehnung des Bekleidungssortiments an habsburgische Trachtenmode.
Wohl aber geht es tatsächlich um Bekleidung. Hemden, Hosen, Socken, die auch dann warm halten, wenn die umgebende völkische Gemeinschaft mal wieder zu viel Wind durchlässt. Viel mehr weiß zumindest ich nicht sicher, denn ich war noch nie im Laden. Obwohl ich es weiß Gott versucht habe. Als die NPD-Landtagsfraktion einen Ortstermin machte war der Andrang so groß, dass ich mich als Angehöriger des einfachen Volkes gleich aufs neidvolle Staunen aus der Ferne verlegen musste. Die Herren Politiker eben... Und auch später blieben mir und den vielen anderen Neugierigen jeweils nur der Blick auf die herabgelassenen Rollläden. Zu. Schade.
Aber nicht nur, dass ich mich wegen der Nazi-Boutique auf meinem Heimweg gestört fühle. Die ganze Stadt ist so gebannt von dem Schauspiel um diese East-Coast-Corner dass der eigentliche Textilknüller des Jahres fast unbemerkt blieb: Hansa spielt in der nächsten Saison für den Billigfummelmarkt KiK!

Das ist der eigentliche Skandal, die größte Selbstdemütigung, die dieser Fußballverein seit langem auf sich genommen hat. Und die ganze Region wird mit in den moralischen Abgrund gezerrt. Eben noch das Selbstbewusstseinskonto durch den Aufstieg aus den roten Zahlen geführt und jetzt gleich wieder mit einem weit ausholenden, wuchtigen Hammerschlag auf das Maß der SPD-Ergebnisse in Sachsen heruntergerammt.

Freunde von mir haben es ausprobiert: Im Kik kann man sich für 5 Euro von der Unterwäsche bis zum Hemd komplett einkleiden - oder jemanden, den man nicht mag. Und der sieht danach genau so aus, wie sich ein Stuttgarter Mittelfeldspieler den typischen Ost-Hanseaten vorstellt - eben so, als hätte er grad seinen Rausch auf einer Parkbank ausgeschlafen und würde jetzt biertrinkend auf dem Mittelsteifen der Stadtautobahn auf den Bus warten. Am besten noch mit Tüte in der Hand. Kik-Plaste natürlich.
Wer sich in der Bundesliga auskennt, runzelt jetzt vielleicht die Stirn. Klar, KiK war z.B. auch schon bei Teams wie Werder Bremen Sponsor und ist es in der laufenden Saison gegenwärtig auch bei den Bochumer Kollegen. Also warum die ganze Aufregung?

Weil Bochum eine halbe Million mehr für den Vertrag bekommen hat? Weil die Bayern ca. 18 Millionen mehr von T-Com kriegen? Nein, es ist deswegen schlimm, weil Kleidung bei uns ein wirklich sensibles Thema ist. Gerade in den hierzulande zahlenmäßig doch deutlich stärkeren unteren Einkommensgruppen spielen für Jugendliche Marken und Namen - eben Image - doch eine größere Rolle als sie es anderswo tun. Daher besteht die offenkundige Gefahr, dass der FC Hansa seine Funktion als Identifikationspunkt verliert. Und wem sollte sich die Jugend dann anvertrauen? Dem Amateurclub Rostocker FC vielleicht? Der spielt in der Verbandsliga und hat eine Tordifferenz von -15. Besser als der vorletzte SV Pastow mit -50, aber ein Vorbild? Ganz hinten steht übrigens der Verein Rostock Hafen mit -100 Treffern. Das ist bitter. Was liegt da näher, als dass sich künftig einfach wieder auf die Qualität der Bekleidung zu besinnen und dem Fußball ganz abzuschwören. Man muss eben grundsätzlicher denken.

Womit wir wieder bei unseren braunen Freunden aus der Doberaner Straße wären. Die von ihnen vertriebene Thor-Steinar-Kollektion ist bekanntlich sehr robust und kleidsam und vermittelt - neumodischen Ethnopluralismus und Neue Rechte hin oder her - dem Träger z.B. mit der Hose "Stahlheim erde" (sic!) für 79,90 schon ein Gefühl von völkisch-modischer Überlegenheit. Oder der Trägerin: Vielleicht mit den "Hotpants Astryd" für 29,90?

Abstieg undenkbar. Man darf gar nicht darüber nachdenken, welch nachdrückliche Wirkung die Verbindung von kleidsamem völkischem Bewusstsein mit einer guten Präsentation hätte.
Zumindest bis jetzt gibt es aber keinerlei Hinweise dafür, dass Hansa irgendwann mit dem Steinar-Logo auflaufen könnte. Dafür fehlt letztlich auf Seiten des potenziellen Sponsors auch schlicht die Infrastruktur. Während sich im Güstrower Nazi-Laden beim Rosengarten "Thor-Steinar-Head-Shop" wenigstens ein breites Sortiment von Utensilien zur fachmännischen Einnahme von weichen Drogen sogar im Schaufenster öffentlich ausgestellt findet, bleiben in Rostock selbst während der Öffnungszeiten die Schotten praktisch dicht. Mangelnde Transparenz? Diese Leute - wie man hört, sind sie aus Hamburg hierher gekommen - haben ein Kommunikationsproblem. Während in Güstrow eben jedem besorgt am Laden vorbeidefilierenden Zivilgesellschafter signalisiert wird, dass die jungen Kameraden ihren braunen Eifer bei Bedarf durch den Konsum von Cannabis dämpfen werden - sozusagen eine klassische Friedenspfeife im Repertoire haben - fehlen in Rostock solche Signale. Das mit der Friedenspfeife ist übrigens wirklich eine schöne Sache, nur dass die Kameraden sie aus Mangel an versöhnungswilligen Gegnern halt alleine einnehmen. Experten ist dieses Konzept als Fortsetzung der Autarkiepolitik des Dritten Reichs mit anderen Mitteln bekannt.

Ein langer Weg nach Hause. Noch zwei Mal den Ausweis gezeigt, und schon bin ich daheim. Und sehne mich schon wieder nach der sommerlichen Idylle der Kohlrabibar. Wie ich im Radio höre, hat Hansa im DFB-Pokal 8:0 gegen den SV Hasborn gewonnen. Dessen Sponsor heißt übrigens Unimed und macht Honorarabrechnungen für Chefärzte. Aber Rostock ist eben nicht Hasborn. Zum Glück.

 


Robert Patejdl, Quelle: www.horizonte-magazin.de


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