von Mathias Brodkorb
   

„Deutschlands Neue Rechte“ – Über Sarrazin als Elite-Anhänger

Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ hat ein wahres buchhändlerisches Erdbeben ausgelöst. Profitiert hat davon nicht nur der Multimillionär Sarrazin selbst, sondern eine stets größer werdende Zahl von Analytikern und Kommentatoren. Zu ihnen zählt auch Volker Weiß, der in einem neuen Buch gar eine geistesgeschichtliche Brücke von Oswald Spengler bis zum Ex-Bundesbanker schlägt.

Schon der Titel von Weiß’ Buch macht skeptisch: „Deutschlands Neue Rechte. Angriff der Eliten – Von Spengler bis Sarrazin“. Daran ist mehrerlei fragwürdig: 1. Welchen Sinn macht es, eine „Neue Rechte“ von Spengler (gestorben 1936!) bis Sarrazin zu postulieren und diese ernsthaft „neu“ zu nennen? 2. Man möchte Sarrazin ja wirklich nicht zu nahe treten, aber ist es nicht gar etwas bemüht, ihn ernsthaft in eine Reihe mit Oswald Spengler, Edgar Julius Jung, Friedrich Sieburg, Ortega y Gasset, Arnold Gehlen, Botho Strauß, Hans-Jürgen Syberberg, Peter Sloterdijk und Carl Schmitt zu stellen? Allerdings tut Weiß genau das. Seine Kernthese lautet, dass Sarrazins Text als Ausdruck einer elitären „Endzeitliteratur“ (11) verstanden werden müsse, die es im bürgerlichen Zeitalter von rechts bereits unzählige Male gegeben habe. Um diese These zu beweisen, geht er auf knapp 100 Seiten zahlreiche Texte genannter Autoren nach Zentralbegriffen wie Elite, Masse, Kulturverfall, demographische Krise, Dekadenz etc. durch und sucht letztlich nach inhaltlichen Übereinstimmungen mit Sarrazin. Keinesfalls eine wie auch immer geartete „Neue Rechte“ steht also letztlich im Fokus der Analyse, sondern einzig und allein Thilo Sarrazin selbst. Und so wird man den Verdacht nicht los, dass nach einem besonders originellen Zugriff auf das Thema Sarrazin gesucht wurde, um noch rechtzeitig auf den publizistischen Zug aufspringen zu können.

Ein besonders deutliches Beispiel für eine zu diesem Zweck zurechtgebogene Interpretation ist Weiß’ Auseinandersetzung mit dem Dichter Botho Strauß. Dieser hatte im Jahr 1994 für große Aufregung mit seinem Text „Anschwellender Bocksgesang“ gesorgt. Man muss sich heute noch einmal daran erinnern: Anfang der 1990er Jahren schlugen die politischen Wellen hoch. Zahlreiche Anschläge auf Asylbewerberheime waren Ausdruck einer zunehmend gewalttätiger werdenden rechtsextremen Szene, die ihrerseits auf Unterstützung durch nicht geringe Teile der Bevölkerung zählen konnte. In den zeitlichen Nachklang dieser aufgebrachten öffentlichen Stimmung platzierte Strauß seinen Text, der auch über die gewaltsamen Ausschreitungen reflektierte. Weiß, der darin mit Recht ein „Bekenntnis des Autors zur politischen Rechten“ (49) entdeckte, zitiert ihn mit den Worten: „Der Fremde, der Vorübergehende wird ergriffen und gesteinigt, wenn die Stadt in Aufruhr ist. Der Sündenbock als Opfer der Gründungsgewalt ist jedoch niemals lediglich ein Objekt des Hasses, sondern ebenso ein Geschöpf der Verehrung: Er sammelt den einmütigen Haß aller in sich auf, um die Gemeinschaft davon zu befreien.“ Weiß kommentiert diese Passage mit den Worten: „Das Deutungsangebot, den tobenden Mob als eine Art säkulares Ersatzritual zur nationalen Selbstbestätigung zu sehen, hatte mehr [!, M. B.] als nur affirmativen Beigeschmack. [...] Im barbarischen Akt des Opfers, vollzogen am gelynchten Fremden (und in Strauß’ Augen an der eigenen Jugend in Gestalt der verurteilten Neonazis), versuche sie [die moderne Gesellschaft, M. B.] nun, den Verlust des [nationalen, M. B.] Mythos wieder aufzuholen.“ (49f) Weiß’ simple Logik geht also ungefähr so:

     

  1. Prämisse: Strauß ist ein Rechter.
  2. Prämisse: Rechte sind für die Verteidigung nationaler Identität.
  3. Prämisse: Einwanderer stellen die nationale Identität in Frage.
  4.  

Konklusion: Also muss es Strauß zumindest gut finden, wenn gegen Einwanderer gewaltsam vorgegangen wird. Was sonst soll es heißen, dass Strauß’ Worte „mehr als nur affirmativen Beigeschmack“ gehabt hätten?

Weiß verschweigt damit allerdings die Tatsache, dass die bei Strauß zitierte Stelle lediglich eine Paraphrase des Denkens René Girards darstellt, worüber Strauß seinerseits niemanden im Unklaren gelassen hat. Bei Girard wird allerdings diejenige Gruppe, die sich einen Sündenbock sucht, um sich an diesem abzureagieren und so in der eigenen Gruppe Ordnung und Sinn zu stiften, alles andere als verteidigt. Ihm geht es ja gerade umgekehrt um die Rehabilitation der „zu Unrecht verurteilten Sündenböcke“ (Girard), um das rationale Durchbrechen des säkularisierten Opfermechanismus. Wenn man die Passage Strauß’ vor diesem Hintergrund noch einmal liest, wird der zuerst zitierte Satz zum wichtigsten, obwohl Weiß ihn in seiner Argumentation komplett ignoriert: „Der Fremde, der Vorübergehende wird ergriffen und gesteinigt, wenn die Stadt in Aufruhr ist.“ Mit anderen Worten: Strauß geht es gar nicht um den Fremden, sondern um die Stadt, um die Masse eben. Nur wenn diese in Aufruhr ist, gerät der Fremde überhaupt in Schwierigkeiten. Die Quelle der gewaltsamen Auseinandersetzung ist also ganz ausdrücklich auch bei Strauß nicht der Fremde, sondern die Stadt, sind also die Autochthonen selbst. Nur wenn diese nicht mehr im Gleichgewicht, in innerer Ordnung befindlich sind, müssen die Fremden vor ihnen auf der Hut sein. Dies alles bedenkend und die zitierte Passage noch einmal lesend, gerät Strauß’ Text in Wahrheit zu einer Anklage gegen den Durchschnittsdeutschen. Kein Wunder daher, dass Strauß seine Kritik keinesfalls auf rechte Ersatzhandler beschränkt, sondern sie auch auf den „linke[n] Terrorismus“ ausweitet. So wie Nazis in „Fremden“ ihre Sündenböcke suchen, sich an ihnen abreagieren und Einheit in der eigenen Gruppe stiften, so richte der linke Terrorismus seinen „Haß ausschließlich gegen die Herrschenden“. Der Mechanismus bleibt nach Strauß und Girard in beiden Fällen derselbe.

Aber nicht nur die Interpretation der Schriften Strauß’ vor dem Hintergrund der Theorien Girards hätte Weiß vor einem massiven Fehlurteil bewahren können, sondern bereits das Ernstnehmen der eigenen Kernthese. Denn Strauß ist nicht nur elitär, sondern sogar über-elitär. Wie man aus einer solchen Perspektive heraus Sympathien mit der enthemmten Masse empfinden können soll, bleibt rätselhaft. Anhaltspunkte für diesen einfachen Zusammenhang bietet nicht zuletzt Strauß in dem erwähnten Text selbst. Nur ein Beispiel von mehreren:

„Rechts zu sein [...] von ganzem Wesen, das ist, die Übermacht einer Erinnerung zu erleben; die den ganzen Menschen ergreift, weniger den Staatsbürger [...]. Anders als die linke, Heilsgeschichte parodierende Phantasie malt sich die rechte kein künftiges Weltreich aus, bedarf keiner Utopie, sondern sucht den Wiederanschluß an die lange Zeit [...]. Der Rechte in solchem Sinn ist vom Neonazi so weit entfernt wie der Fußballfreund vom Hooligan [...].“

Zugegeben: Die Interpretation von Strauß’ zwischen Literatur und politischer Publizistik changierendem Text ist alles andere als einfach. Anstatt dies jedoch als Gelegenheit zur hermeneutischen Vorsicht und Zurückhaltung zu nehmen, will Weiß hieraus umgekehrt die Berechtigung für voreilige Schlussfolgerungen gewinnen: „Doch ist das Manöver Strauß’, der Aussage des Textes durch eine im Dunkeln gelassene Autorenposition die Brisanz zu nehmen, durchschaubar.“ (50) Das Dunkle ist also durchschaubar! Da wäre sie wieder einmal, die allseits bekannte und beliebte Superentschlüsselungsmaschine aus dem erfolgreichen und berühmten deutschen Industrieunternehmen „Mimikry“.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Weiß ist ein belesener, gut schreibender, analytisch potenter Autor. Seine Kernthese, dass in Sachen Sarrazin-Debatte der Eliten-Diskurs in den Vordergrund gestellt werden muss, ist bisher kaum formuliert worden und dennoch überzeugend. Man kann ja einmal mit folgender Frage die Probe auf’s Exempel machen: Mit wem würde Sarrazin abends wohl lieber in einem Restaurant essen gehen, mit einer deutschen „Hartz IV-Familie“ oder einem wirtschaftlich erfolgreichen Akademiker-Ehepaar mit Migrationshintergrund? Darüber, was Sarrazin hierauf zu antworten hätte, bestehen wohl nur wenige Zweifel. Aber genau diese Frage macht deutlich, worum es Sarrazin eigentlich geht. Er ist ein produktivistischer, leistungsbesessener Protestant. Und Weiß arbeitet dies im letzten Kapitel seines Buches in aller Deutlichkeit heraus: „Auf den ersten Blick ist Deutschland schafft sich ab eine protestantische Moralpredigt zur Mehrung von Gemeinwohl und Lebensglück durch Tüchtigkeit, Sparsamkeit und Ehrlichkeit – und damit tief sozialdemokratisch. Vor allem an jenen Stellen des Buches, an denen Sarrazin konkrete Schritte vorschlägt, steht er deutlich in der Tradition sozialdemokratischer Politik. [...] Die von ihm propagierten familien-, bildungs- und sozialpolitischen Maßnahmen unter ausgeprägt laizistischen Vorzeichen bedeuten sogar einen vollständigen Zugriff des Staates, speziell auf die Kinder. Vor allem für die Unterschicht sieht Sarrazin besondere Maßnahmen der institutionellen Abfederung pädagogischer Schwierigkeiten vor. Diese laufen letztendlich auf eine Übertragung der Erziehungsaufgaben auf den Staat hinaus, da er die Eltern eher als schädlichen Einfluss sieht. [...] An diesem Punkt befindet sich Sarrazin in offenem Widerspruch mit seinen [rechten, M. B.] Bewunderern [...].“ (110f) Allein schon wegen dieses analytisch scharfen letzten Kapitels lohnt sich die Lektüre des Buches.

Und dennoch leidet auch der Schluss des Textes unter dem Problem einer vorgefassten Meinung, die sich vor allem dem eigenen politischen Standpunkt beugt, denn Weiß beschränkt sich keinesfalls darauf, Sarrazin als leistungsbesessenen und elitären Zeitgenossen zu analysieren, sondern amalgamiert diese produktive These unnötigerweise mit den seinerseits unbewiesenen Vorwürfen des Rassismus, der Eugenik und des Sozialdarwinismus. Überflüssig darauf hinzuweisen, dass Weiß – wie die meisten anderen Sarrazin-Kritiker auch – kein wirkliches Wort darüber verliert, was das eigentlich ist, Eugenik, Rassismus und Sozialdarwinismus. Allerdings kommt es einem Kampf gegen Windmühlen gleich, sich in einem Prozess verteidigen zu wollen, in dem nicht einmal die Anklageschrift verlesen wurde.

Man wünscht sich also abschließend, ein neues Buch von Weiß zu lesen, bei dem das einleitende Kapitel eine bearbeitete Fassung des letzten Kapitels von „Deutschlands Neue Rechte“ ist:

     

  • Ein Buch, das mehr verstehen als entlarven will. In Sarrazins Buch findet sich gleich in der Einleitung der Satz: „Dieser Grundoptimismus [der Sarrazins, M. B.] und die Jahrzehnte des fast ungetrübten Erfolgs haben aber die Sehschärfe der Deutschen getrübt für die Gefährdungen und Fäulnisprozesse im Innern der Gesellschaft.“ Weiß wirft daraufhin Sarrazin einen „Rückfall in die unseligen sozialeugenischen Traditionen“ sowie ein „biologistisches Weltbild“ (118) vor. Muss man einem promovierten Literaturwissenschaftler wirklich erklären, was ein metaphorischer Gebrauch von Sprache ist? Glaubt Weiß wirklich, Sarrazin wäre ernsthaft der Meinung, die „Deutschen“ würden reihenweise auf den Straßen weggammeln?

  • Ein Buch, das selbstkritisch ist. So scheint für Weiß nicht nur klar, dass Sarrazin dem Elitismus huldigt, sondern auch, dass die politische Linke vehemente Gegnerin des Elitediskurses sein muss, weil andernfalls die „Fähigkeit aller Menschen zur Selbstbestimmung“ (14) in Frage gestellt wird. Was aber genau meint Weiß dann, wenn er selbst ausführt, dass die erfolgreiche Arbeiterbewegung „standpunktlose Massen“ erzeugt habe, die „zunehmend dem Rechtspopulismus anheim fallen“ (109)? Was meint er, wenn er selbst vor dem „Beifall des Mobs“ (128) warnt? Kann man vom „Mob“ schreiben, ohne selbst elitär zu sein?
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  • Ein Buch, das Begriffe wie Rassismus, Sozialdarwinismus und Eugenik definiert und sauber analysiert, bevor sie als politische Waffen zum Einsatz kommen. Ist denn schon jeder Versuch, das biologische Potenzial von Menschen positiv zu beeinflussen, eine kritikwürdige Anleihe an den Nationalsozialismus? Falls ja, werden künftig zahlreiche Schwangere damit leben müssen, als Nazi-Frauen tituliert zu werden, wenn sie vor der Geburt ihres Kindes auf den Konsum von Tabak und Alkohol verzichten, um organische Schädigungen ihres Kindes zu vermeiden. Diese groteske Konsequenz zeigt, wie wichtig es ist, eine präzise Klärung der Begriffe an den Beginn einer jedweden Debatte zu stellen. Sie ist zugleich die unabdingbare Voraussetzung für einen ernsthaften Diskurs über Geltungsfragen.
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  • Ein Buch, das eine solche notwendige Begriffsklärung ebenso für den Elite-Begriff vornimmt. Auch in dieser Frage lässt Weiß jede begriffliche Bestimmung vermissen. Nach der Lektüre seines Buches beschleicht einen lediglich das Gefühl, dass Elitenanhänger nach seiner Ansicht wohl politisch rechts verortet sind, weshalb dann offenbar Linke Elite-Diskurse völlig ablehnen müssen. Ob einem ein solcher Standpunkt plausibel vorkommt oder nicht, kann allerdings erst erwogen werden, sobald man weiß, was Weiß denn eigentlich unter „Elite“ genau versteht. Fasst man eine Elite als eine Gruppe von Menschen auf, die im Hinblick auf einige relevante Merkmale anderen Gruppen von Menschen überlegen sind und hieraus einen besonderen gesellschaftlichen Status beziehen, so wäre nicht recht einsichtig, was dagegen eigentlich von links gesagt werden könnte. Professorinnen und Professoren erwiesen sich dann z. B. gegenüber ihren Studierenden als eine „Elite“ – verbunden mit der gesellschaftlichen Erwartung, dass Letztere von Ersteren in der Regel im Hinblick auf den eigentlichen Lerngegenstand mehr lernen können als umgekehrt. Gegen eine solche Elitenbildung, die sich allein auf Leistung und sachhaltige Kriterien stützt, kann auch die politische Linke kaum etwas Sinnvolles einwenden. Die Arbeiterbewegung hat sich schließlich nicht gegründet, um „Eliten“ abzuschaffen, sondern um den Zugang zu diesen demokratisch zu öffnen und allein von individueller Leistung abhängig werden zu lassen – eben ganz im Gegensatz zum leistungslosen Einkommen eines Rentiers. Die Forderung nach Abschaffung des Erbrechts im "Manifest der Kommunistischen Paretei" (Marx/Engels) aus dem Jahre 1848 hat genau diesen Hintergrund.
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Allein aus diesen wenigen Überlegungen sollte deutlich geworden sein, dass eine Verknüpfung der Thesen Sarrazins mit einem angeblich rechtslastigen Elite-Diskurs, in dem die Brücke von Spengler bis zum Ex-Bundesbanker geschlagen wird, analytisch zu kurz greift. Vielleicht ergeben Sarrazins sozialdemokratisch geerdete, vor allem auf Bildungsreformen abzielende Politikvorschläge und sein auf Leistung gestütztes Elitenbewusstsein ja am Ende sogar ein kohärentes Gesamtbild.

Foto: Nina Gerlach nach Creative Commons-Lizenz


volker-weiss-sarrazinVolker Weiß
Deutschlands Neue Rechte
Angriff der Eliten - Von Spengler bis Sarrazin
141 Seiten, 2011
Preis: 16,90 Euro
ISBN: 978-3-506-77111-7

 

Kommentare(47)

Orontes Sonntag, 19.Juni 2011, 09:53 Uhr:
Zur Kritik von Herr Brodkorb möchte ich ergänzen, dass das, was allgemein als "Neue Rechte" definiert wird, im Buch weitgehend nicht vorkommt. Die Differenzen zwischen der Neuen Rechten und Sarrazin sind doch recht groß, was sofort ersichtlich geworden wäre, wenn man die entsprechenden Positionen gegenübergestellt hätte.

Die auf Integration durch Bildung zielenden Forderungen Sarrazins werden z.B. durch die Neue Rechte grundsätzlich kritisch gesehen, wo man eher davon ausgeht, dass ethnische und kulturelle Unterschiede bei den Problemgruppen so tiefgehend sind, dass Integration nicht gelingen kann. "Ethnopluralistische" Positionen der Neuen Rechten lehnen ja sogar das Konzept von Integration grundsätzlich ab.

Umgekehrt gab es in der Neuen Rechten aber auch Autoren, die schon in den 80ern Teilen von Sarrazins demographischer Argumentation vorausgriffen, etwa die Autoren des "Heidelberger Manifests", das ebenfalls nicht erwähnt wird.

Ich hatte bei der Lektüre insgesamt aber den Eindruck, dass es dem Autor eher darum ging, Sarrazin aus der eigenen heilen sozialdemokratischen Welt herauszudefinieren anstatt eventuelle neurechte Bezüge in seinem Denken zu analysieren.
 
Xberg Sonntag, 19.Juni 2011, 11:09 Uhr:
"Die von ihm propagierten familien-, bildungs- und sozialpolitischen Maßnahmen unter ausgeprägt laizistischen Vorzeichen bedeuten sogar einen vollständigen Zugriff des Staates, speziell auf die Kinder."

Genau das wird kritisiert in dem Sezession-Sonderheft "Sarrazin lesen", (was auch Weiß offenbar weiß). Die Frage ist allerdings nicht so einfach zu beantworten: Unterschichten- wie Wohlstandsverwahrlosung wie Bildungsverfall sind ernstzunehmende Phänomene, die in einer Massengesellschaft kaum in den Griff zu kriegen sind. Wo ein tradiertes Ethos im Schwund ist, steht offenbar nur mehr die Erziehung "von oben herab" zur Alternative, die dann aber eher den Charakter einer bloßen Programmierung oder Indoktrinierung nach Planquadrat hat. Da dräut schon der Schatten der DDR herauf. Aber wer erzieht die Erzieher, wer bewacht die Wächter, wer programmiert die Programmierer? Wer hat heute noch Vertrauen in die "Eliten" des Staates, die solche flächendeckenden Erziehungs-Leistungen erbringen und ersinnen könnten? Es ist heute schon so, daß viele Eltern kaum wissen, wie ihre Kinder vor dem Einfluß ideologisch beflissener Lehrer zu schützen.

Zu dem wohl wichtigsten von MB vorgebrachten Punkt: Der unsinnige Affekt gegen den "Eliten"-Begriff an sich ist eines der schlimmmsten Übel der heutigen Linken. Da steht man offenbar im irrationalen Bann radikal egalitärer Axiome, die nicht weiter begründet werden müssen und sich mit der Wirklichkeit nicht in Einklang bringen lassen. Die Folge ist, daß die Linke in ihren Vorstellungen zwischen absolutem "Laissez faire"(wie die radikalen Hochschullinken: zwar Parole "Bildung für alle", als wäre das Freibier, aber Leistungs- und Elitedenken sind natürlich böse) oder absolutem Erziehungswahn hin- und herbewegt, und beides ist nur die Kehrseite davon, daß man sich nicht von der Vorstellung verabschieden kann, daß Differenzen zwischen den Menschen immer bestehen werden, und Eliten- wie Schichtenbildung überhaupt so unvermeidlich sind wie die Schwerkraft. Statt dieser Tatsache Rechnung zu tragen, wird ihre bloße Wahrnehmung zum ethischen Defekt erklärt.

Das führt natürlich zu einer immensen Heuchelei, einem Kitsch des "Unterprivilegierten", was analog ist zum Kitsch des "Volkes" bei den braunen Kameraden.

Und wenn von Heuchelei die Rede ist:
"Mit wem würde Sarrazin abends wohl lieber in einem Restaurant essen gehen, mit einer deutschen „Hartz IV-Familie“ oder einem wirtschaftlich erfolgreichen Akademiker-Ehepaar mit
Migrationshintergrund?" Diese Frage würde auch die Mehrheit der Rechtskonservativen eindeutig beantworten, und ich gehe nun jede Wette ein, daß auch Volker Weiß, diese Frage zugunsten seiner eigen Schicht beantworten würde, auch wenn man sie umdreht: Abendessen mit einer traditionellen islamischen Werten verhafteten Neuköllner-türkischen, von Sozialhilfe lebenden Großfamilie mit zwei vorbestraften jugendlichen Söhnen oder mit einem deutschen, linksgerichteten, wirtschaftlich erfolgreichen Akademiker-Ehepaar ohne "Migrationshintergrund"?
 
Karl_Murx Sonntag, 19.Juni 2011, 16:05 Uhr:
@M.B.:
"1. Welchen Sinn macht es, eine „Neue Rechte“ von Spengler (gestorben 1936!) bis Sarrazin zu postulieren und diese ernsthaft „neu“ zu nennen?"

Diese Frage ist doch recht leicht zu beantworten. Cui bono: Wem nützt es, die im Buch des Sozialdemokraten und ehemaligen Finanzsenators der Stadt Berlin Sarrazin enthaltenen Thesen und Analysen in die rechte Ecke zu stellen, was gemäß der eingeschliffenen Assoziationskette in der öffentlichen Berichterstattung gleichbedeutend ist mit rechtsextrem, sozialdarwinistisch und eugenisch, mit anderen Worten das mediale Todesurteil für dessen bürgerliche und politische Existenz?

@M.B.:
"2. Man möchte Sarrazin ja wirklich nicht zu nahe treten, aber ist es nicht gar etwas bemüht, ihn ernsthaft in eine Reihe mit Oswald Spengler, Edgar Julius Jung, Friedrich Sieburg, Ortega y Gasset, Arnold Gehlen, Botho Strauß, Hans-Jürgen Syberberg, Peter Sloterdijk und Carl Schmitt zu stellen?"

Ich halte es für unangebracht, das Buch Sarrazins, daß im Kern eine volkswirtschaftliche Untersuchung darstellt, mit den Essays und Büchern oben erwähnter Literaten und Philosphen auf eine Stufe zu stellen. Über den Schreib- und Sprachstil Sarrazins kann man ja diskutieren. Aber sein Buch erhebt ja gar nicht den Anspruch, ein literarisches und geisteswissenschaftliches Kunstprodukt zu sein. Es enthält vielmehr, auf einigen wenigen Seiten übrigens, die aber den Angriffspunkt seiner Kritiker darstellen, einige praktische Vorschläge hinsichtlich der Änderung der Einwanderungs- und Ausländerpolitik mit dem Ziel, die enormen Integrationsdefizite und die sich abzeichnenden Parallelgesellschaft in deutschen Großstädten zu beseitigen.

@M.B.:
"Keinesfalls eine wie auch immer geartete „Neue Rechte“ steht also letztlich im Fokus der Analyse, sondern einzig und allein Thilo Sarrazin selbst. Und so wird man den Verdacht nicht los, dass nach einem besonders originellen Zugriff auf das Thema Sarrazin gesucht wurde, um noch rechtzeitig auf den publizistischen Zug aufspringen zu können."

Ist Ihnen bei der Lektüre von Weiß nicht ebenfalls aufgefallen, daß dieser, wie ausnahmslos alle, die Sarrazin Rassismus, Sozialdarwinismus und Eugenik vorwerfen, sich hüten, auf dessen konkrete Ausführungen und Vorschläge einzugehen und vor der argumentativen Auseinandersetzung mit dessen Thesen zurückschrecken wie der Teufel vorm Weihwasser? Weiß analysiert nicht etwa den Inhalt des Buches, sondern sucht krampfhaft nach irgendwelchen ähnlichlautenden Textstellen mit den Werken der von Ihnen genannten Autoren, um sie gegen Sarrazin verwenden zu können.


@M.B.:
"Man muss sich heute noch einmal daran erinnern: Anfang der 1990er Jahren schlugen die politischen Wellen hoch. Zahlreiche Anschläge auf Asylbewerberheime waren Ausdruck einer zunehmend gewalttätiger werdenden rechtsextremen Szene, die ihrerseits auf Unterstützung durch nicht geringere Teile der Bevölkerung zählen konnte."

Hier klarer Widerspruch: Zur Behauptung zum einen, daß es "zahlreiche Anschläge" einer "rechtsextremen Szene" waren und zum anderen, daß diese Szene auf eine nicht geringe Unterstützung der Bevölkerung zählen konnte. Auch auf die Gefahr hin, mich jetzt des hier üblicherweise reflexartig vorgebrachten Vorwurfs des Revisionismus auszusetzen: Die zahlenmäßig nicht sehr häufigen Brandanschläge auf Asylbewerberheime, von denen nur ein Teil tatsächlich als rechtsextrem motiviert klassifiziert werden konnte, können keinesfalls als eine weit verbreitete gewaltsame rechtsextreme Szene bzw. einer großen Unterstützung der deutschen Bevölkerung gewertet werden. Es ist zwar inzwischen ein eingeschliffener Topos in der links dominierten Medienberichterstattung, die Anschläge als Beweis eines tiefsitzenden deutschen Rassismus und einer Fremdenfeindlichkeit gegen die eigene Bevölkerung zu verwenden. Wenn es aber um Realität und Historizität geht, gebe ich gern den Ketzer und löcke wider den Stachel eingeschliffener Argumentationsmuster. Angesichts der Asylbewerberzahlen, von denen in den Spitzenzeiten der 90er Jahre bis zu 500.000 in das Land kamen und die für jeden erkennbar mehrheitlich keiner politischen Verfolgung ausgesetzt, sondern Wirtschaftsflüchtlinge waren (warum liegt wohl die Anerkennungsquote regelmäßig bei ca. 1 %) und der wenigen, aber zwanghaftig immer wieder zitierten Fälle wie Solingen oder Rostock ist eine böswillige Unterstellung, daraus einen deutschen Rassismus konstruieren zu wollen. Im Fall Rostock-Lichtenhagen übrigens, für Sie als Mecklenburger sicherlich interessant, waren es auch nicht rechtsextreme Organisationen, die es auf vietnamesische Gastarbeiter abgesehen hatten, sondern das Ziel der Ausschreitungen von Teilen der Lichtenhagener Stadtbevölkerung waren rumänische Zigeunerfamilien, die man im gleichen Block untergebracht hatte. Diese erregten seit längerem den Unmut der Einwohner, weil sie durch aggressives, kriminelles Verhalten auffielen, eine nahegelegene Kaufhalle wie auch die Lichtenhagener mit Diebstählen überzogen und durch, mit Verlaub, unkonventionelles hygienisches Verhalten hinsichtlich der Darmentleerungsfunktionen die Straßen und Plätze verunreinigten. Proteste der Einwohner blieben ungehört; die Stadtverwaltung wie auch die Polizei wollte sich, damals wie heute, nicht als Rassist von den Medien durch die Straßen treiben lassen. Da nahm man es lieber in Kauf, den Bürger mit diesen Mißständen allein im Regen stehenzulassen, als hätte man vor, die Grenzen deren Leidensfähigkeit auszutesten. Als das, wie erwarten, schief ging, die Lage eskalierte und die Einwohner auf die Straßen gingen, konnte sich ein gewalttätiger Mob an die Spitze setzen, was dann zu den Anschlägen auf das Wohnheim führte. Die durch die Unruhen aufgeschreckte Stadtverwaltung hatte derweil in aller Stille die Zigeuner von der Polizei aus dem Wohnblock woandershin schaffen lassen, ohne die Bevölkerung und vor allem ohne die dort verbleibenden Vietnamesen zu informieren. Die wurde demzufolge auch das Beinahe-Opfer des Brandanschlages des Mobs.

Jämmlich, traurig und schandbar, die gesamte Geschichte. Aber auch kein Beweis für Rechtsextremismus und Rassismus der Deutschen, sondern für das eklatante Versagen von Politik und Verwaltung aus reiner Angst, sich derlei drängenen, aber ideologisch extrem tabubeladenen Themen anzunehmen.
 
Daniel D Sonntag, 19.Juni 2011, 20:57 Uhr:
@ Mathias Brodkorb

Zugegeben: Ich bin noch nicht dazu gekommen, dass Buch von Weiß zu lesen. Allerdings erscheinen mir einige Punkte ihrer Rezension fragwürdig.
Seit wann steht die "Stadt" für die "Massen"? Die Stadt ist doch zunächst ein Zivilisationssymbol. In Bezugnahme auf die griechische Antike kann sie auch die Polis meinen, in der unter den Herrschenden relative Gleichheit besteht. Diese Stadt ist von einer Mauer geschützt, die auch die Zivilisationsgrenze markiert, hinter der sich Wildnis und Barbarei erstrecken. Die Steinigung der Fremden, die die Stadt in Aufruhr versetzt haben und als Sündenböcke eine gemeinschaftsstiftende Funktion besitzen, ist kein Problem der Massen sondern ein Elitendiskurs.
Insofern verfehlen sie den Punkt den Botho Strauß macht. Er schreibt:

"Intellektuelle sind freundlich zum Fremden, nicht um des Fremden willen, sondern weil sie grimmig sind gegen das Unsere und alles begrüßen, was es zerstört - wo solche Gemütsverkehrung ruchbar wird, und in Latenz geschieht dies vielerorts, scheint sie geradezu bereit und begierig, einzurasten mit einer rechten Perversion, der brutalen Affirmation."

Strauß kritisiert hier die Intellektuellen, also einen Teil der Elite, den das ursprüngliche Wissen um die Notwendigkeit von Feinbildern abhanden gekommen wäre und die Fremden nur aus Selbsthass schätzen, nicht aber weil ihre Tötung im Ausnahmezustand eine gemeinschaftsbildende Kraft hat. Zugleich wird unmissverständlich klargemacht, dass jene Fremden eine zerstörerische Wirkung auf unser Gemeinwesen haben. Der Absatz bedient sich zwei beliebter Motive der Rechten. Das ist zum einen der Dekadenzvorwurf, der in diesem Zusammenhang Verlust von (Herrschafts-)Wissen bedeutet und zum anderen die Behauptung, Xenophilie würde die Verbreitung des Rassismus befördern. Natürlich neigt Strauß dazu in seinem elitären Dünkel, sich von den "Durchschnittsdeutschen", dem "deformierten, vergnügungslärmigen Landsmann" abzugrenzen. Diese Aussagen werden jedoch ständig relativiert bzw. unterminiert. So schreibt Strauß:

"Der Rechte in solchem Sinn ist vom Neonazi so weit entfernt wie der Fußballfreund vom Hooligan, ja mehr noch: Der Zerstörer innerhalb seiner Interessensphäre wird ihm zum ärgsten, erbittertsten Feind. (Freilich: Dürfen von uns verwahrloste Kinder zu unseren Feinden werden?)"

Der Neonazismus wird hier auf das Problem der Verwahrlosung der Jugend reduziert, also letztendlich seiner politischen Dimension beraubt. Dies ist wiederum eine typische Argumentationsfigur der Rechten, die Militanz und Radikalität in ihren Reihen als Ausdruck eines Generationskonflikts zu erklären versucht.
Strauß schreibt schließlich:

"Bei der rechten Gewalt, die vom "feigen Mord" mit elektronischer Fernsteuerung zurückgeht zum Lynchmord, der Zerreißung unter dem Lärmgott, besteht die Gefahr, daß sie nicht einmal die negative Einmütigkeit stiftet in der Ablehnung der Greuel und daß aus dem Weh kein Wohl entspringt."

Seine Kritik zielt also nicht auf die Steinigung der Fremden an sich, der er im antiken Kontext ausdrücklich eine gemeinschaftsstiftende Funktion zu spricht. Diese Lynchmorde wären nur pervertierte Abarten, Symptome einer dekadenten Zeit.
Letztendlich steht der Text von Strauß für den in rechten Kreisen populären Versuch, die gesellschaftlichen Ursachen rassistischer Gewalt und des Neonazismus zu verdecken und die verschärfte Asylpraxis des wiedervereinigten Deutschland im Zuge dieser Gewalt, intellektuell zu rechtfertigen.
 
MaRo Sonntag, 19.Juni 2011, 22:50 Uhr:
@ Daniel D:

"Strauß kritisiert hier die Intellektuellen, also einen Teil der Elite, den das ursprüngliche Wissen um die Notwendigkeit von Feinbildern abhanden gekommen wäre und die Fremden nur aus Selbsthass schätzen"

Und wo soll das bei Botho Strauß bitte stehen?
Strauß geht an doch an keiner Stelle dieses Textes von einer vermeintlichen "Notwendigkeit von Feindbildern", noch von einem vermeintlichen "ursprünglichen Wissen" darüber aus. Dementsprechend kritisiert er das auch nirgends in dem Text. Beides ist schlicht Ihre Erfindung, für die es im Text überhaupt keinen Beleg gibt.

Ich weiß, dass es eine beliebte These der postmodernen "Neuen Linken" im Anschluß an den Poststrukturalismus à la Foucualt und Derrida ist, dass kulturelle Identitäten sich nur via negationis konstituieren könnten, d.h. theoretisch durch Negation des Anderen und praktisch durch seine Ausgrenzung.

Der ganze Text von Botho Strauß gibt aber keinerlei Hinweis darauf, dass er dieses Credo der poststrukturalistischen "Neuen Linken" teilen würde (ich halte sie, nebenbei bemerkt, auch für einen riesigen Unsinn, der durch ständiges Nachrechen nicht richtiger wird: Bestimmtheit kann nicht durch Negation von anderes Bestimmtheit entstehen, weil das nicht erklären könnte wie diejenige Bestimmtheit entstanden ist, die negiert wurde).

Die Rede von der gemeinschaftsstiftenden Kraft des Sündenbocks hat einen ganz anderen theoretischen Hintergrund, auf den Matthias Brodkorb bereits richtig hingewiesen hat, nämlich René Girards religionsphilosophische Arbeiten.
 
Daniel D. Montag, 20.Juni 2011, 09:30 Uhr:
@ Mathias Brodkorb

Der entscheidende Satz, den sie in ihrer Interpretation des Strauß-Textes herausgelassen haben, lautet:

"Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind "gefallene" Kultleidenschaften, die ursprünglich einen sakralen, ordnungsstiftenden Sinn hatten."

Hier macht Strauß deutlich, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit Verfallserscheinungen eines Konzeptes sind, dass in einem vormodernen Kontext durchaus gesellschaftliche Legitimität hatte.
Meine Ausführungen zur Stadt bezogen sich auf ihre Behauptung, Masse und Stadt wären gleichzusetzen. Das ist im Bezug auf die vormoderne Stadt, schlicht und einfach falsch.
Um es auf den Punkt zu bringen: Für Strauß sollte die Steinigung der Fremden kein Problem der Massen sein, sondern nur ein Elitendiskurs, dh. nicht der Mob hat sich den Fremden anzunehmen, sondern die Eliten, in unserem Fall der Gesetzgeber, der das Asylrecht verschärft.
 
Mathias Brodkorb Montag, 20.Juni 2011, 10:20 Uhr:
@ Daniel D.: Ich verstehe nicht, was Sie von mir wollen, zumal Ihre Argumentation eher meine Kritik an Weiß stützt. Daher noch einmal von vorne:

1. Weiß behauptet, Strauß würde die Pogrome gegen "Fremde" unterstützen, gutheißen ("mehr als affirmativer Beitrag").
2. Ich behaupte, dass die Stelle, auf die Weiß sich bezieht, eine Paraphrase der Werke Girards darstellt (das trifft übrigens auch auf den von Ihnen erwähnten Satz zu) und ohne diese nicht verstanden werden kann.
3. Girard (und ich behaupte auch Strauß) geht es gerade darum, dass es KEINE Sündenböcke gibt, dass sie NICHT gewählt werden.
4. Daher schließe ich, dass Strauß Pogrome nicht unterstützen kann (siehe These unter 1.). Wenn Sie wollen, liefere ich dazu noch ein paar Beispiele aus dem Text, die das erhellen.

Frage: Was genau wollen Sie beweisen? Dass Weiß recht hat mit seiner Behauptung, Strauß würde Pogrome letztlich gutheißen?
 
Daniel D. Montag, 20.Juni 2011, 11:20 Uhr:
@ Mathias Brodkorb

Ich habe das Buch von Weiß, wie erwähnt nicht gelesen. Daher kann ich nicht einschätzen, ob ihre Kritik stimmig ist.
Es ging mir darum, ihre Interpretation des Strauß-Textes zu hinterfragen, insbesondere diese Passage:

"Strauß geht es gar nicht um den Fremden, sondern um die Stadt, um die Masse eben. Nur wenn diese in Aufruhr ist, gerät der Fremde überhaupt in Schwierigkeiten. Die Quelle der gewaltsamen Auseinandersetzung ist also ganz ausdrücklich auch bei Strauß nicht der Fremde, sondern die Stadt, sind also die Autochthonen selbst. Nur wenn diese nicht mehr im Gleichgewicht, in innerer Ordnung befindlich sind, müssen die Fremden vor ihnen auf der Hut sein. Dies alles bedenkend und die zitierte Passage noch einmal lesend, gerät Strauß’ Text in Wahrheit zu einer Anklage gegen den Durchschnittsdeutschen."

Das Problem ist, dass ihre Gleichsetzung von Stadt und Masse nicht aus dem Strauss Text ableitbar ist, aber den Kern ihrer Interpretation bildet. Strauß Kritik zielt eben nicht nur auf die Masse der "Durchschnittsdeutschen", sondern auch auf Teile der Eliten, die Strauss als "Linke" und "Intellektuelle" markiert und ihnen vorwirft, in ihren xenophililen Wahn, Teil des Problems zu sein, d.h. den Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit zu befördern. Diese Argumentation läuft auf Delegitimation jeglichen zivilgesellschaftlichen Engagements gegen Neonazis hinaus.
Des Weiteren ist Strauss weit davon entfernt, die Fremden gegenüber der fehlenden "inneren Ordnung" der Stadt in Schutz zu nehmen. Immerhin behauptet er, von ihnen würde eine zerstörerische Wirkung auf das Gemeinwesen ausgehen.
Strauss fordert von den Eliten, in ihren eigenen Reihen den Ausschluss der Fremden durchzusetzen, um so den Nährboden für den Hass des Mobs auszutrocknen.
 
Daniel D. Montag, 20.Juni 2011, 12:53 Uhr:
@ Mathias Brodkorb
Es ist im Übrigen unerheblich, ob Girard und mit ihm Strauß, "es ja gerade umgekehrt um die Rehabilitation der „zu Unrecht verurteilten Sündenböcke“ (Girard), um das rationale Durchbrechen des säkularisierten Opfermechanismus", geht. Der Punkt ist, dass Strauß dies durch den Ausschluss der Fremden erreichen möchte, die er für gemeingefährlich hält.
 
Atze Montag, 20.Juni 2011, 12:57 Uhr:
Hallo Mathias,

eine gute Rezension ist dir eigentlich nicht gelungen. Von der erwarte ich einen informierenden Überblick über den Inhalt des Buches und die Positionen des Autors. War wohl auch nicht die Absicht.
Für eine kritische Auseinandersetzung mit Positionen von Weiß scheinen mir wiederum die Anlässe teils zu vage, teils zu konstruiert zu sein.
Geradezu abenteuerlich wird es, wenn du schreibst: "Weiß beschränkt sich keinesfalls darauf, Sarrazin als leistungsbesessenen und elitären Zeitgenossen zu analysieren, sondern amalgamiert diese produktive These unnötigerweise mit den seinerseits unbewiesenen Vorwürfen des Rassismus, der Eugenik und des Sozialdarwinismus."

Diese "Amalgamierung" ist nicht unnötig, sondern schlichte Tatsache und insofern unvermeidlich...!?! Insofern überrascht mich ein ums andere Mal, wie du dich immer mal wieder zu weit dabei aus dem fenster lehnst, wenn du den Rächer der Enterbten, der vermeintlich missverstandenen Rechten, gibst.

Mag ja sein, dass Weiß bei seiner Kritik an Botho Strauß ein wenig überzogen hat. Aber nachdem ich mit zunehmendem Widerwillen mir dessen geschwollenen Bock(mist)sgesang angetan habe, stehen für mich 3 Dinge fest:

1. Botho ist ein Idiot.
2. Botho ist ein Irrlicht im Bermudadreieck von Rechtsextremismus, Salonfaschismus und Rechtspopulismus.
3. Genial ist er allenfalls als ein früher Vorwegnehmer des klassischen Credos jedes rechten Internetbloggers: "Links ist Scheiße, rechts war, ist und bleibt gut. Warum? Weil es so ist."

"Was genau wollen Sie beweisen?", fragst du Daniel. Bei dir wiederum frage ich mich das auch mitunter (die Tage mal ausführlicher in der Nolte-Debatte). Es mag ja sein, dass Weiß an der einen Stelle mit seiner Strauß-Kritik überzogen haben mag. Du erweckst allerdings den Eindruck, dieser "Nacheis" (kann ich nicht beurteilen, kenne die Texte nicht, finde dieses rechte Gejaule auch zunehmend anödend) im Detail "entlaste" Strauss im allemgeinen davon, als Rechter geziehen zu werden. Natürlich wäre das Blödsinn, weil eine unzulässige Verallgemeinerung, aber diesen Eindruck erweckst du (des öfteren).
 
Alexander Geisler Montag, 20.Juni 2011, 19:54 Uhr:
Das Thema mag mich - aus verschiedenen Gründen - weniger fesseln als vormals. Dennoch scheint es mir, als ob auf ER (vgl. die jüngste Nolte-Debatte) an die Kritiker der so genannten "Neuen Rechten" weitaus strengere argumentaive Maßstäbe angelegt würden, als an die eher rhetorisch orientierten Fans vornazistischen Nischenkünstler.

Falls meine Sichtweise hier erwogen werden sollte: Warum genau wird das eigentlich so gehandhabt? Teilt man seitens der Reaktion den Glauben an einen vermeintlich linken "Mainstream", der auch die Wissenschaft prägt und von ihrem erkentnisorientierten Ziel abbringt? Glaubt man evtl. deshalb dagegen halten zu müssen?

In Strauß Aufsatz gibt es nach meiner Lesart so viel mehr "Affirmatives", das hinterfragt werden kann (und - aus liberaldemo
kratischer Sicht - muss!).

Und: Wird die von Herrn Weiß geäußerte Kritik vor diesem Hintergund hier wirklich umfassend und neutral dargelegt?

Was die neurechten Claquere angeht:
Cui bono, Herr Murx? (Gruß an alle Verschwörungstheortetiker!)
 
B.C. Montag, 20.Juni 2011, 19:59 Uhr:
@brodkorb
"Ein Buch, das Begriffe wie Rassismus, Sozialdarwinismus und Eugenik definiert und sauber analysiert, bevor sie als politische Waffen zum Einsatz kommen."

ist das bei den geisteswissenschaftler wirklich so ueblich, dass man begriffe wie rassismus und eugenik erstmal definieren muss, bevor man sie verwendet? fallen solche begriffe nicht unter allgemeingut und ist es nicht legitim, solange man sich an den allgemein ueblichen gebrauch haelt, diese ohne explizite definition zu verwenden?

"sondern amalgamiert diese produktive These unnötigerweise mit den seinerseits unbewiesenen Vorwürfen des Rassismus, der Eugenik und des Sozialdarwinismus."

sind diese vorwuerfe unbewiesen oder weigern sie sich nur, diese anzuerkennen?
in "deutschland schafft sich ab" finden sich folgende aussagen (wikipedia):

"Es ist bekannt, dass der Anteil der angeborenen Behinderungen unter den türkischen und kurdischen Migranten weit überdurchschnittlich ist. Aber das Thema wird gern totgeschwiegen. Man könnte ja auf die Idee kommen, dass auch Erbfaktoren für das Versagen von Teilen der türkischen Bevölkerung im deutschen Schulsystem verantwortlich sind."

oder

"„beispielsweise bei abgeschlossenem Studium für jedes Kind, das vor Vollendung des 30. Lebensjahres der Mutter geboren wird, eine staatliche Prämie von 50.000 Euro ausgesetzt werden. […] Die Prämie – und das wird die politische Klippe sein – dürfte allerdings nur selektiv eingesetzt werden, nämlich für jene Gruppen, bei denen eine höhere Fruchtbarkeit zur Verbesserung der sozioökonomischen Qualität der Geburtenstruktur besonders erwünscht ist.“"
 
B.C. Montag, 20.Juni 2011, 20:10 Uhr:
@murx
"Diese erregten seit längerem den Unmut der Einwohner, weil sie durch aggressives, kriminelles Verhalten auffielen, eine nahegelegene Kaufhalle wie auch die Lichtenhagener mit Diebstählen überzogen und durch, mit Verlaub, unkonventionelles hygienisches Verhalten hinsichtlich der Darmentleerungsfunktionen die Straßen und Plätze verunreinigten."
woher sie das aggressive kriminelle verhalten nehmen werden sie evtl. wissen, oder auch nicht.
dass die leute auf der strasse ihre notdurft verrichteten, ist ihnen nicht anzulasten gewesen, denn die asylbewerber lebten auf der strasse. der andrang war so gross, dass die aufnahmestelle einen grossteil nicht beherbergen konnte.
unter diesen umstaenden haetten wahrscheinlich auch sie ihre familienmitglieder unbuerokratisch aus der naechstbesten kaufhalle versorgt?
ich will keine lanze fuer die einen oder gegen die anderen seite brechen, aber der boden fuer fremdenhass war anfang der 90er definitiv fruchtbar und laesst sich auch an vorfaellen wie lichtenhagen und hoyerswerda zeigen. wie anders wollen sie erklaeren, dass es ende der 90er keine solcher vorfaelle gab?
 
Karl_Murx Montag, 20.Juni 2011, 20:58 Uhr:
@Xberg:
"Die Frage ist allerdings nicht so einfach zu beantworten: Unterschichten- wie Wohlstandsverwahrlosung wie Bildungsverfall sind ernstzunehmende Phänomene, die in einer Massengesellschaft kaum in den Griff zu kriegen sind. Wo ein tradiertes Ethos im Schwund ist, steht offenbar nur mehr die Erziehung "von oben herab" zur Alternative, die dann aber eher den Charakter einer bloßen Programmierung oder Indoktrinierung nach Planquadrat hat."

Und wie lautet Ihre praktische Konsequenz? Wir legen die Hände in den Schoß und lassen es schleifen, weil wir ohnehin nichts tun können? Mir scheint, diese Anschauung ist hier in einer Art selbsterfüllender Prophezeiung ein Teil des Problems, welches seiner Lösung im Wege steht. Man muß sich das nur lange genug fest einreden, daß die Umstände oder die politische Lage oder das Grundgesetz oder wer auch immer eine Behebung des Problems verhindern, beim besten eigenen subjektiven Willen natürlich, und es unterbleiben alle Maßnahmen, die dieses Problem seiner Lösung entgegenführen.

Sie scheinen leider in der Beziehung schon so abgestumpft und an die Existenz dieser allgemeinen Unterschichten- wie auch der Wohlstandsverwahrlosung gewöhnt, daß Sie sich eine Änderung gar nicht vorstellen können, geschweige denn diese anzustreben.

"Da dräut schon der Schatten der DDR herauf."

Hier meldet sich, ob Sie das wahrhaben wollen oder nicht, der alte durch das 68er Establishment andressierte ideologische Horror vor den Begriffen "Erziehung", "Regeln", "Disziplin", "Autorität" und "Ordnung". Dabei sind das elementare Dinge, um die Eltern nicht umhinkönnen, wollen sie ihren Sprößlingen wenigstens eine irgendwie geartete Form von Erziehung angedeihen lassen. Dieses von der hiesigen Bildungsbürokratie postulierte ideologische Konstrukt von "Dialog auf Augenhöhe" von Eltern und Kindern respektive Lehrer und Schülern entpuppt sich bei der praktischen Erziehung als das eigentliche Hindernis, welches, wird es tatsächlich befolgt, das genaue Gegenteil von dem bewirkt, was es eigentlich erreichen soll: Hat sich die Gewalttätigkeit von Kindern und Jugendlichen vermindert bzw. die Qualität des Unterrichts verbessert, ist es zu einem vertrauensvolleren Verhältnis zwischen Erziehern und Erzogenen gekommen, beobachten wir ein allgemeines Klima der Toleranz und des partnerschaftlichen Umgangs miteinander?

Das genaue Gegenteil ist zu beobachten, trotz oder gerade wegen der versuchten "antiautoritären Erziehung". Im Kern der Erziehung von Kindern steht die Vermittlung von Normen und Regeln, die dem Kind die Eingliederung in die Gesellschaft und das eigenständige Leben erleichtern sollen. Kern des Unterrichts in Schule, Lehre und Hochschule ist nicht der zusätzliche Lustgewinn durch Dauerbespaßung von Lehrern als Entertainern oder der "angstfreie Diskurs", eine weitere Absonderung dieses überkommenen Miefs der letzten vierzig Jahre, sondern Wissensvermittlung. Alles keine neuen Erkenntnisse, aber in der alten Bundesrepublik seit vierzig und in den neuen Ländern seit zwanzig Jahren systematisch ignoriert.

"Aber wer erzieht die Erzieher, wer bewacht die Wächter, wer programmiert die Programmierer? Wer hat heute noch Vertrauen in die "Eliten" des Staates, die solche flächendeckenden Erziehungs-Leistungen erbringen und ersinnen könnten?"

Wenn es die Eltern nicht mehr können oder nicht mehr wollen, wird es der gute alte Staat sein, der auf die Einhaltung seiner Regeln pocht und diese auch mit staatlichen Zwangsmitteln durchsetzt. Ich habe eher das Gefühl, die derzeitigen Eliten sind deswegen bei der Bevölkerung unten durch, weil den sich konservativ gebenden Parteien keiner mehr zutraut, der eigenen Rhetorik auch Taten folgen zu lassen, und bei den sich links gebenden Gruppierungen ohnehin solche Dinge wie staatliche Autorität unter ideologischem Generalverdacht der Nazinähe stehen.

Des weiteren wird man, auch wenn sich hier gleich einige in Krämpfen winden werden, das Sozial- und Steuersystem derart umgestalten müssen, daß die Unterschichten nicht mehr durch die dort gesetzten Fehlanreize zu viel Nachwuchs und den Mittelschichten die Lust am Kinderkriegen nicht mehr verleidet wird. Das wird von Sarrazin explizit so gefordert. Es ist weder Eugenik noch Rassismus, wenn man degenerativen Prozessen einen Riegel vorschiebt. Das politisch-korrekte Neusprech hat zwar den Begriff "Degenerierung" auf den Index gesetzt. Aber reale Prozesse beseitigt man nicht, indem man deren Benennung verbietet, um deren Existenz zu verschleiern. Die Zahlen und Statistiken sprechen in der Beziehung eine eindeutige Sprache.

http://www.faz.net/artikel/C31853/gastbeitrag-zu-hartz-iv-sozialhilfe-auf-fuenf-jahre-begrenzen-30074840.html

Die Protagonisten dieser neuen "autoritären Strömung", die interessanterweise auch von dem Interimsdirektor der Berliner Rütli-Schule befürwortet wird, werden dann vermutlich ältere Leute sein, die noch in den Zeiten aufgewachsen und sozialisiert wurden, als Regeln und Normen noch galten und größtenteils akzeptiert wurden."

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-49767391.html

Und ein Hinweis: In der pöhsen DDR, die niemand, auch ich nicht zurückhaben will, weil sie ideologisch und autoritär bis diktatorisch war, war das durchaus der Fall, auch bei Leuten, die dem SED-Regime durchaus nicht freundlich gesinnt waren.

"Es ist heute schon so, daß viele Eltern kaum wissen, wie ihre Kinder vor dem Einfluß ideologisch beflissener Lehrer zu schützen."

Diesen antiautoritären Mief aus den tiefsten siebziger Jahren, der sich inzwischen mehr als untauglich erwiesen hat, wird man vorher gründlich entsorgen müssen.

"Der unsinnige Affekt gegen den "Eliten"-Begriff an sich ist eines der schlimmmsten Übel der heutigen Linken. Da steht man offenbar im irrationalen Bann radikal egalitärer Axiome, die nicht weiter begründet werden müssen und sich mit der Wirklichkeit nicht in Einklang bringen lassen. Die Folge ist, daß die Linke in ihren Vorstellungen zwischen absolutem "Laissez faire"(wie die radikalen Hochschullinken: zwar Parole "Bildung für alle", als wäre das Freibier, aber Leistungs- und Elitedenken sind natürlich böse) oder absolutem Erziehungswahn hin- und herbewegt, und beides ist nur die Kehrseite davon, daß man sich nicht von der Vorstellung verabschieden kann, daß Differenzen zwischen den Menschen immer bestehen werden, und Eliten- wie Schichtenbildung überhaupt so unvermeidlich sind wie die Schwerkraft. Statt dieser Tatsache Rechnung zu tragen, wird ihre bloße Wahrnehmung zum ethischen Defekt erklärt."

Und das in einer angeblich kapitalistischen, marktorientierten Gesellschaft, die sich im harten Konkurrentkampf um Wohlstand und Märkte mit anderen aufstrebenden Nationen und Mächten befindet. Interessant ist, daß ma sich hier im Westen einen derartigen marxistischen Narrensaum zu leisten glaubt, im Unterschicht zu DDR-Zeiten, ich wiederhole mich in der Beziehung gern, wo man entgegen aller Gleichmacherrhetorik zur systematischen Begabten- und Elitenförderung übergegangen war, und das recht erfolgreich.

"Das führt natürlich zu einer immensen Heuchelei, einem Kitsch des "Unterprivilegierten", was analog ist zum Kitsch des "Volkes" bei den braunen Kameraden."

Beides ideologische Zerrbilder, wobei aber letzteres zu trennen ist von der nationalen Identität, die jede Nation, so auch die Deutschen, besitzt.
 
Xberg Dienstag, 21.Juni 2011, 08:54 Uhr:
"ist das bei den geisteswissenschaftler wirklich so ueblich, dass man begriffe wie rassismus und eugenik erstmal definieren muss, bevor man sie verwendet?"

Nein, und leider nein, denn solche Begriffe fallen, vermutlich zu Deiner großen Verblüffung, nicht unter "Allgemeingut".
 
bernardo Dienstag, 21.Juni 2011, 12:16 Uhr:
@b.c. "Es ist bekannt, dass der Anteil der angeborenen Behinderungen unter den türkischen und kurdischen Migranten weit überdurchschnittlich ist. Aber das Thema wird gern totgeschwiegen. Man könnte ja auf die Idee kommen, dass auch Erbfaktoren für das Versagen von Teilen der türkischen Bevölkerung im deutschen Schulsystem verantwortlich sind."

Warum zitieren Sie das genau? Wollen Sie es in der Sache bestreiten, oder finden Sie die zutreffende Feststellung einer tatsächlich erhöhten Zahl von Behinderungen bereits unzulässig?

Zum Ganzen: Brodkorb hat Recht. Sarrazin ist Sozialdemokrat mit protestantischer Arbeitsethik, sozialdemokratischem Bildungsstolz und einem Einsatzwillen für das Ganze, das er ohne Scheu "Deutschland" nennt.

Und weil das heute für die SPD politisch alles nicht mehr sein soll, aber schwer offen angegriffen werden kann, ist das in Wahrheit der Grund, warum man ihn mit Rassismusvorwürfen unmöglich machen will.
 
Atze Dienstag, 21.Juni 2011, 17:09 Uhr:
Sarrazins klassenhygienisches Züchtungsethos lautet ungefähr so:
1. Prämisse: Intelligenz ist zu 50 bis 80 % angeboren.
2. Prämisse: Intelligenz kommt vor allem in der Oberschicht vor, Unterschichten weisen eine unterdurchschnittliche Intelligenz auf.
3. Prämisse: Intelligenz ist vererbbar.
4. Prämisse: Die Geburtenrate der Unterschicht ist höher als die der Oberschicht.
5. Prämisse: In der Unterschicht trifft man überdurchschnittlich viele Migranten an.
Konklusion: "Deutschland" verdummt, wenn diese "Entwicklung" nicht aufgehalten würde...

Das ist nicht sozialdemokratisch, das ist einfach nur dämlich.
Das hat auch nichts mehr mit protestantischer Arbeitsethik oder sozialdemokratischem Bildungsstolz zu tun. Und am allerwenigsten dokumentiert hier ein Musterutilitarist seinen angeblichen Einsatzwillen "fürs Ganze".

Hier rotzt uns vielmehr ein Berufsbanker, dessen Berufsstand uns in eine desaströse Finanzkrise gemisswirtschaftet hat seine anspruchsverwahrloste Begründung dafür vor die Füße, warum man diesem Pack trotz seines katastrophalen Missmanagements, das uns Schulden in Billionenhöhe zuwachsen lässt, weiterhin ein Anrecht auf fette Sonderbonizahlungen hat...
Für "Rechte" genannte Einfaltspinsel wird das dann noch mit der "Deutschland" Zuckerglasur versüßt. Halleluljah...
 
Karl_Murx Dienstag, 21.Juni 2011, 19:34 Uhr:
@Alexander Geisler:
"Dennoch scheint es mir, als ob auf ER (vgl. die jüngste Nolte-Debatte) an die Kritiker der so genannten "Neuen Rechten" weitaus strengere argumentaive Maßstäbe angelegt würden, als an die eher rhetorisch orientierten Fans vornazistischen Nischenkünstler.

Falls meine Sichtweise hier erwogen werden sollte: Warum genau wird das eigentlich so gehandhabt? Teilt man seitens der Reaktion den Glauben an einen vermeintlich linken "Mainstream", der auch die Wissenschaft prägt und von ihrem erkentnisorientierten Ziel abbringt? Glaubt man evtl. deshalb dagegen halten zu müssen?"

Ich kann mir vorstellen, daß es für Sie ungewohnt ist, wenn hier, im Gegensatz zu vielen anderen Internetforen und zu den Antifa-Foren sowieso, auch andere Meinungen als der erwünschte (linke?) Mainstream zu Worte kommen und nicht zensiert werden wie dort. Das läßt mehr auf Ihre eigenen Vorstellungen von demokratischer Diskussion und öffentlicher Diskussionskultur schließen. Sie scheinen darunter zu verstehen, daß man sich gegenseitig der eigenen linken Gesinnung versichert und das alles, was sich nicht bedingungslos der eigenen Denk- und Sprachregelung unterwirft, unbedingt des bösen Adolf ist. Vielleicht sollten Sie Ihren Blickwinkel mal etwas weiten.

"Was die neurechten Claquere angeht:
Cui bono, Herr Murx? (Gruß an alle Verschwörungstheortetiker!)"

Könnte es sein, daß Sie hier Ihre eigene Verschwörungstheorie pflegen, indem Sie den unheilvoll dräuenden Begriff "neurechte Claqueure" ins Spiel bringen? Ich bin weder rechts noch neurechts, sondern verkörpere einfach die Normalität der Bevölkerung, die weder rassistisch noch nazistisch eingestellt ist.
 
B.C. Mittwoch, 22.Juni 2011, 06:26 Uhr:
@bernardo
"Wollen Sie es in der Sache bestreiten, oder finden Sie die zutreffende Feststellung einer tatsächlich erhöhten Zahl von Behinderungen bereits unzulässig?"

weder das eine noch das andere. einzig der wink mit dem erbgut scheint mir indiz fuer sarrazins eugenische grundhaltung. mich hatte verbluefft, dass brodkorb das fuer unbewiesen haelt.
 
Xberg Mittwoch, 22.Juni 2011, 09:56 Uhr:
Die Frage ist ja nicht, ob das "sozialdemokratisch" ist oder nicht, sondern ob das alles zutrifft.


(1. Prämisse: Intelligenz ist zu 50 bis 80 % angeboren.
2. Prämisse: Intelligenz kommt vor allem in der Oberschicht vor, Unterschichten weisen eine unterdurchschnittliche Intelligenz auf.
3. Prämisse: Intelligenz ist vererbbar.
4. Prämisse: Die Geburtenrate der Unterschicht ist höher als die der Oberschicht.
5. Prämisse: In der Unterschicht trifft man überdurchschnittlich viele Migranten an.)
 
Atze Mittwoch, 22.Juni 2011, 11:54 Uhr:
Ach Murx, das Einzige, was du verkörperst ist jene rechte Ungelenkigkeit, mit der man immer wieder über die eigenen Füße stolpert.
Wenn doch der gesellschaftliche Mainstream links ist und sich auch entsprechend wahlpolitisch niederschlägt - wie kann dann so ein rechter Rassist wie du die "Normalität der Bevölkerung" verkörpern? Die ist zwar wirklich nicht rassistisch und nazistisch, aber deshalb verkörperst du da auch nichts außer Tagträumereien.
 
Amtsträger Mittwoch, 22.Juni 2011, 12:08 Uhr:
Aber: Intelligenz korreliert nicht mit der Zuordnung zu einer sozialen Schicht. Es wird vernachlässigt, dass Bildung und Gesellschaft einen großen Einfluss auf den Werdegang eines Menschen haben. Die 2. Prämisse ist gerade im Hinblick auf Migranten nachweisbar falsch.

Bei den erfolgreichen Absolventen der Auswahlverfahren der Polizeien beispielsweise sind die Migranten in dem Anteil vertreten, in dem sie auch in der Gesellschaft vertreten sind.
Die Auswahlverfahren richten sich dabei lediglich nach den Ergebnissen der Tests und vernachlässigen jegliche persönliche Einflussnahme. Außenvor natürlich Einschätzung der charakterliche Eignung zum Polizeivolzugsdienst.

Durch eine fortschreitende Integration wird in Zukunft die Chancengleichheit wiederhergestellt werden.

Wer die Verdummung der Gesellschaft aufhalten will, muss nur mehr Geld in die Bildungssysteme leiten. Aber alles was Geld kostet und keine Steuersänkung ist, ist zur Zeit äußerst unbeliebt.
 
Karl_Murx Mittwoch, 22.Juni 2011, 17:35 Uhr:
@Atze:
"Ach Murx, das Einzige, was du verkörperst ist jene rechte Ungelenkigkeit, mit der man immer wieder über die eigenen Füße stolpert.
Wenn doch der gesellschaftliche Mainstream links ist und sich auch entsprechend wahlpolitisch niederschlägt - wie kann dann so ein rechter Rassist wie du die "Normalität der Bevölkerung" verkörpern? Die ist zwar wirklich nicht rassistisch und nazistisch, aber deshalb verkörperst du da auch nichts außer Tagträumereien."

Halt einfach die Klappe, Atze.
 
Xberg Mittwoch, 22.Juni 2011, 17:39 Uhr:
"Aber: Intelligenz korreliert nicht mit der Zuordnung zu einer sozialen Schicht."

Das widerspricht schon mal stark der Alltagserfahrung.

"Es wird vernachlässigt, dass Bildung und Gesellschaft einen großen Einfluss auf den Werdegang eines Menschen haben. "

Aber nicht auf seinen Intelligenzquotienten.
 
Karl_Murx Mittwoch, 22.Juni 2011, 18:16 Uhr:
@Xberg:
"Die Frage ist ja nicht, ob das "sozialdemokratisch" ist oder nicht, sondern ob das alles zutrifft."

Eben. Wenn es aber so ist, daß hier gewisse ideologische Prämissen am Werk sind, gemäß derer nicht sein kann, was nicht sein darf, dann werden die objektiven Fakten schlicht und einfach geleugnet.

"(1. Prämisse: Intelligenz ist zu 50 bis 80 % angeboren."

Ist keine Behauptung und keine Theorie, sondern wissenschaftlicher Erkenntnisstand und gesichertes Wissen.

http://www.faz.net/artikel/C30297/intelligenz-von-menschen-und-ethnien-was-ist-dran-an-sarrazins-thesen-30306026.html

"2. Prämisse: Intelligenz kommt vor allem in der Oberschicht vor, Unterschichten weisen eine unterdurchschnittliche Intelligenz auf."

Eine einfache Frage: Sind Menschen intelligent, weil sie in der Oberschicht sind, oder sind sie in der Oberschicht, weil sie intelligent sind? In einem sozial durchlässigen System wie dem deutschen, übrigens wie dem aller westlichen Länder, wo auch Kinder aus sozial schlechter gestellten Familien die Chance haben, sich höhere Bildung anzueignen und zu studieren sowie damit über eine erfolgreiche berufliche Karriere den sozialen Aufstieg zu schaffen, dürfte diese Frage eindeutig zu beantworten sein. Voraussetzung sind allerdings tatsächlich vorhandene Fähigkeiten und Begabungen, die eine entsprechende Intelligenz voraussetzen.

Es gibt in Deutschland seit über 150 Jahren ein System der Begabtenförderung, die es auch Kindern aus den unteren Schichten ermöglicht, durch Bildung in die höheren Schichten aufzusteigen. Somit findet bereits seit vielen Generationen eine systematische Suche und Auslese von Begabungen statt. Einmal aufgestiegen, bleiben die Angehörigen dieser bürgerlichen Schichten meist unter sich und heiraten vor allem untereinander. Somit reproduziert sich diese Pool an Intelligenz ständig selbst, auch über das entsprechende bildungsfördernde Milieu, das es in diesen Familien gibt.

Natürlich gibt es auch in den Unterschichten intelligente und begabte Kinder. Es sind prozentual allerdings, durch den oben geschilderten Prozeß, viel weniger als in den Mittel- und Oberschichten. Es mag dort den einen oder anderen geben, den sein soziales Umfeld an der Entfaltung seiner Talente hindert oder daran, den höheren Bildungsweg einzuschlagen. Der Normalfall ist das allerdings nicht. Vorhandene Talente werden üblicherweise sehr zeitig erkannt und herausgesiebt. Da soziale Gründe hier niemanden hindern, sich entsprechende Bildung anzueignen, steigen solche Leute, wo sie es denn gibt, dann sehr bald auf. Damit sind sie aber dann nicht mehr Teil der Unterschicht, selbst wenn sie eine Weile noch den verwandtschaftlichen Umgang pflegen.

"3. Prämisse: Intelligenz ist vererbbar."

Siehe Pkt. 1.

"4. Prämisse: Die Geburtenrate der Unterschicht ist höher als die der Oberschicht."

Ist rein statistisch feststellbar. Daran trägt zum einen das immer noch nicht kinderfreundliche Klima bei, das es hier gibt. Zum anderen aber ist es das Sozialsystem, das die falschen Anreize setzt. Damit werden vor allem Angehörige der Unterschichten ermuntert, sich durch viele Kinder ein Einkommen zu ermöglichen, das sie auf Grund geringer eigener Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt nie erzielen könnten.

http://www.faz.net/artikel/C30297/die-schrumpfvergreisung-der-deutschen-deutschland-verschlaeft-den-kampf-um-talente-30003872.html

"5. Prämisse: In der Unterschicht trifft man überdurchschnittlich viele Migranten an.)"

Man sollte endlich aufhören, von "den" Migranten zu reden, wenn man dieses Probleme diskutiert, und die Gruppen benennen, die in der Beziehung besonders große Probleme bereiten, sowohl was die "Integration", sprich also die "Eingliederung in die deutschen Lebensverhältnisse" betrifft, womit im Bürokratendeutsch die Deutschwerdung gemeint ist, als auch, was das Bildungs- und berufliche Qualifikationsniveau betrifft. Wenn man freilich vor allem Leute aus den Unterschichten kulturferner Ländern einwandern läßt, dürfte dieses Ergebnis nicht überraschen.

http://www.faz.net/artikel/C30923/auslaender-in-deutschland-einwanderungsland-wider-willen-30312148.html
 
bernardo Mittwoch, 22.Juni 2011, 19:25 Uhr:
@amtsträger "Bei den erfolgreichen Absolventen der Auswahlverfahren der Polizeien beispielsweise sind die Migranten in dem Anteil vertreten, in dem sie auch in der Gesellschaft vertreten sind.
Die Auswahlverfahren richten sich dabei lediglich nach den Ergebnissen der Tests und vernachlässigen jegliche persönliche Einflussnahme."

Nein und nein. Die Steigerung der Migrantenquote bei der Polizei ist ein politisches Projekt.

"Guckst du hier", wie man so sagt:

http://www.tagesspiegel.de/berlin/eine-frage-des-verstehens/1719238.html

Bemerkenswert übrigens, daß man das politische Ziel "Steigerung der Migrantenquote" ganz flott unter dem Label "neues Auswahlverfahren für Azubis, bei dem interkulturelle Kompetenzen (!) stärker berücksichtigt werden" verkauft. Schon hat man mit Migrationshintergrund Auswahlvorteile, ganz "objektiv" natürlich.
 
Salvatore G. Mittwoch, 22.Juni 2011, 21:52 Uhr:
"Welchen Sinn macht es, eine „Neue Rechte“ von Spengler (gestorben 1936!) bis Sarrazin zu postulieren und diese ernsthaft „neu“ zu nennen?"

Herrn Brodkorbs Kritik trifft hier den Falschen – ist der Begriff „Neue Rechte“ m. W. n. doch ursprünglich als eine Selbstbezeichnung (deutsch)nationaler, völkischer, antidemokratischer Intellektueller in den 60er Jahren entstanden, die eine ideologische und strategische Modernisierung des rechten Lagers anstrebten und sich zugleich von der stark am Nationalsozialismus orientierten „Alten Rechten“ (NPD + Co.) absetzen wollten. Vordenker dieser so genannten „Neuen Rechten“ waren Vertreter der so genannten Weimarer „Konservativen Revolution“ – wie z. B. Spengler, Jung, Schmitt. Auch der Rückgriff auf Faschismustheoretiker, die z. T. wiederum Beziehungen zur „Konservativen Revolution“ pflegten, findet sich in der „Neuen Rechten“ (z. B. Evola). Und wenn nun Herr Weiß den Versuch unternimmt, zentrale Topoi von Herrn Sarrazin mit zentralen Themen und Begriffen der „Neuen Rechten“ (und damit auch denen, die sich aktuell politisch-ideologisch in der Tradition dieser „Neuen Rechten“ selbst verorten würden – „Junge Freiheit“ + Co.!) analytisch in Beziehung zu setzen, ergibt sich logischerweise ein (ehrgeiziger und sicherlich auch diskussionswürdiger) Spagat über beinahe einhundert Jahre einer bestimmten Ideengeschichte.

„Man möchte Sarrazin ja wirklich nicht zu nahe treten, aber ist es nicht gar etwas bemüht, ihn ernsthaft in eine Reihe mit Oswald Spengler, Edgar Julius Jung, Friedrich Sieburg (…) zu stellen?“

Das „Deutschland schafft sich ab“ ein aus verschiedenen Gründen vollkommen überbewertetes - weil allenfalls drittklassiges und in vielen Punkten mangelhaft argumentierendes – Buch darstellt, ist eine Sache, die man m. E. ebenfalls nicht Herrn Weiß vorwerfen sollte. Herr Brodkorb erhebt auch hier Kritik, die mir nicht einleuchten will: Will man ernsthaft den Versuch einer geistesgeschichtlichen Einordnung des Buches von Herrn Sarrazin wagen, macht es doch ganz klar Sinn, einen analytischen Vergleich mit den bedeutendsten (und somit maß-gebendsten) Vertreterinnen und Vertretern dieser geistesgeschichtlichen Strömung zu unternehmen? Welche Plausibilität / Beweiskraft hätte es, den Vergleich und die Einordnung zu unternehmen, würde man sich dabei vor allem an drittklassiger Epigonenliteratur der „Konservativen Revolution“ aus den 20er / 30er Jahren orientieren?

Rund um Herrn Strauß und die Auffassung von Herrn Brodkorb dazu ist hier von anderen schon genug geschrieben worden …

… und weil die obigen Gegenargumente weder auf brandneuem Spezialwissen noch auf außergewöhnlichen Verstandeskräften meinerseits beruhen und wir alle hier Herrn Brodkorb schon öfters als klugen und mitdenkenden Kopf erleben durften, stellt sich für mich die Frage: Könnte es sein, dass in diesem Fall das „Problem einer vorgefassten Meinung, die sich vor allem dem eigenen politischen Standpunkt beugt“ ein Problem ist, das Herr Brodkorb mit dem Buch von Herrn Weiß hat?
 
B.C. Donnerstag, 23.Juni 2011, 09:25 Uhr:
@salvatore
"Könnte es sein, dass in diesem Fall das „Problem einer vorgefassten Meinung, die sich vor allem dem eigenen politischen Standpunkt beugt“ ein Problem ist, das Herr Brodkorb mit dem Buch von Herrn Weiß hat?"
ehrlich gesagt ist mir dieser verdacht auch gekommen. zu bemueht erscheinen manche punkte.
 
Atze Donnerstag, 23.Juni 2011, 10:35 Uhr:
Ach Murx,

wenn du dich nur ein wenig inhaltlich für das Intelligenzthema interessieren würdest, anstatt es zum papageienhaften Rezitieren rechten Ideologielödsinns zu missbrauchen, hättest du auch selber über jenen 2. Satz ff. aus der Wikidefinition zu "Intelligenz" stolpern können: "Es gibt keine von allen Psychologen geteilte, eindeutige Definition von Intelligenz. Stattdessen existieren verschiedene Intelligenzmodelle."

Hört, hört. Offenkundig gibt es noch nicht einmal eine halbwegs einhellige, halbwegs geteilte begriffliche Beschreibung jenes Phänomens "Intelligenz" in der Wissenschaft. Spätestens an der Stelle hättest du uns mal damit verblüffen können, einen eigenen, praktischen Intelligenznachweis zu führen, indem du selber mal die Frage hättest aufwerfen können, wie man etwas, von dem "die Wissenschaft" noch nicht einmal eine allgemein geteilte begriffliche(!) Vorstellung hat, a. messen, b. in seiner Tradierbarkeit qualifizieren und c. das dann als "gesichertes Wissen" verkaufen kann.
Das hat an der Stelle nichts mehr mit seriöser Wissenschaft zu tun, da beschreitest du gemeinsam mit Sarrazin vielmehr den Irrweg von Hokuspokus und Abrakadabra...:-)
Lustig auch, wie in dem von dir verlinkten FAZ-Artikel die akademistischen Schwätzer beliebig austauschbar die Begriffe "Intelligenz" und "Bildung" (ein nun beim besten Willen eindeutig nicht genetisierbares "Phänomen") benutzen.
Überhaupt ist eine der traurigsten Kapitel der sogenannten "Intelligenzforschung" das sie in schöner Regelmäßigkeit noch nicht einmal zu einer methodenkritischen Reflextion ihrer Erhebungsdesigns unter dem Aspekt der "Bildung" fähig ist.
 
Karl_Murx Donnerstag, 23.Juni 2011, 14:23 Uhr:
Salvatore G.:
"… und weil die obigen Gegenargumente weder auf brandneuem Spezialwissen noch auf außergewöhnlichen Verstandeskräften meinerseits beruhen und wir alle hier Herrn Brodkorb schon öfters als klugen und mitdenkenden Kopf erleben durften, stellt sich für mich die Frage: Könnte es sein, dass in diesem Fall das „Problem einer vorgefassten Meinung, die sich vor allem dem eigenen politischen Standpunkt beugt“ ein Problem ist, das Herr Brodkorb mit dem Buch von Herrn Weiß hat?"

Wohl kaum, Salvatore G. Im Unterschied zu Weiß, der das zu Beweisende - nämlich die geistige Kontinuität der Thesen Sarrazins zu den Vertretern dieser "Neuen Rechten" - als feststehende Tatsache voraussetzt, analysiert Brodkorb den Inhalt von Weiß Buch, vor allem dessen ideologische und politische Intentionen, und zieht daraus seine Schlüsse.

@Zitat Mathias Brodkorb:
"Allerdings tut Weiß genau das. Seine Kernthese lautet, dass Sarrazins Text als Ausdruck einer elitären „Endzeitliteratur“ (11) verstanden werden müsse, die es im bürgerlichen Zeitalter von rechts bereits unzählige Male gegeben habe. Um diese These zu beweisen, geht er auf knapp 100 Seiten zahlreiche Texte genannter Autoren nach Zentralbegriffen wie Elite, Masse, Kulturverfall, demographische Krise, Dekadenz etc. durch und sucht letztlich nach inhaltlichen Übereinstimmungen mit Sarrazin. Keinesfalls eine wie auch immer geartete „Neue Rechte“ steht also letztlich im Fokus der Analyse, sondern einzig und allein Thilo Sarrazin selbst."

Mit anderen Worten: Es geht Weiß im tiefsten Grunde gar nicht um eine objektive Analyse des Inhaltes dessen, was Sarrazin tatsächlich gesagt oder geschrieben hat, sondern lediglich darum, ihm eine geistige Gefolgschaft oder doch zumindest Nähe zur "Neuen Rechten" nachzuweisen, die gemäß dem eigenen manichäischen Weltbild (links=progressivfarbenfrohlichtmultikulti bzw. rechts=dumpfdüsternationalistischrückwärtsgewandtböse) als die Verkörperung alles Schlechten zu gelten hat.

Unternimmt man mal den Versuch, diese ideologischen Prämissen zu hinterfragen, und untersucht den Inhalt sowohl von Sarrazins Buch (das im Grunde sowohl von seinen Absichten und seinem gesamten Aufbau her nichts mit einer gesellschaftlichen Analyse oder der Formulierung einer bestimmten Weltanschauung zu tun hat) wie auch der Schriften dieser tatsächlichen oder vermeintlichen Vertreter der "Neuen Rechten" genauer, dann geraten diese ehernen Fundamente von Weiß eigener Weltanschauung doch arg ins Wanken.

@Zitat Mathias Brodkorb:
"Weiß beschränkt sich keinesfalls darauf, Sarrazin als leistungsbesessenen und elitären Zeitgenossen zu analysieren, sondern amalgamiert diese produktive These unnötigerweise mit den seinerseits unbewiesenen Vorwürfen des Rassismus, der Eugenik und des Sozialdarwinismus. Überflüssig darauf hinzuweisen, dass Weiß – wie die meisten anderen Sarrazin-Kritiker auch – kein wirkliches Wort darüber verliert, was das eigentlich ist, Eugenik, Rassismus und Sozialdarwinismus. Allerdings kommt es einem Kampf gegen Windmühlen gleich, sich in einem Prozess verteidigen zu wollen, in dem nicht einmal die Anklageschrift verlesen wurde."

Warum sollte Weiß das auch genauer formulieren: Würden sich dann doch die in seinem enthaltenen Vorwürfe und Unterstellungen in Richtung Sarrazin als haltlos herausstellen. Es ist ja auch nicht seine Absicht, so etwas zu tun, sondern es geht Weiß, wie Brodkorb zutreffend schreibt, lediglich darum, zu "entlarven", also darum, den gesellschaftlichen Exorzismus weiterzuführen und die nächste Hexe namens Sarrazin öffentlich dem Scheiterhaufen zu überantworten. Und bei der Gelegenheit damit auch gleich genug öffentliche Resonanz zu erzielen, um die Verkaufszahlen seines Buches in die Höhe zu treiben, denn wahrscheinlich stechen nicht nur Weiß die enormen Verkaufszahlen des Buches von Sarrazins und der damit verbundene finanzielle und verlegerische Erfolg ins Auge.
 
B.C. Donnerstag, 23.Juni 2011, 18:46 Uhr:
@murx
offensichtlich treibt sie doch auch nur ihre vorgefasste meinung. mit beweisfuehrung haben sie es eigentlich gar nicht. stattdessen phantasieren sie und kommunizieren ihre phantasie als tatsache:

"Und bei der Gelegenheit damit auch gleich genug öffentliche Resonanz zu erzielen, um die Verkaufszahlen seines Buches in die Höhe zu treiben, denn wahrscheinlich stechen nicht nur Weiß die enormen Verkaufszahlen des Buches von Sarrazins und der damit verbundene finanzielle und verlegerische Erfolg ins Auge."
um diesen vorwurf zu entgegehen haette weiss wohl erst in 10 jahren veroeffentlich duerfen? was haben sie zur stuetzung ihrer these wirklich in der hand?

"Mit anderen Worten: Es geht Weiß im tiefsten Grunde gar nicht um eine objektive Analyse des Inhaltes dessen,"

mein gott, jetzt meinen sie den interessierten leser hier noch mit ihren interpretationen brodkorbs zu behelligen? nur weil sie einen geistesblitz der erkenntnis verspueren, heisst das nicht, dass alle hier solche spaetzuender sind.
 
Amtsträger Freitag, 24.Juni 2011, 08:50 Uhr:
"Nein und nein. Die Steigerung der Migrantenquote bei der Polizei ist ein politisches Projekt."

Aha. Und wo bitte ist dann diese Begünstigung festgeschrieben? In welcher PDV, die für alle Polizeien bindend ist, werden die Auswahlverfahren geregelt?
Der Artikel vergisst nämlich zu erwähnen, dass sich die soziale Kompetenz nicht nur auf Migrationshintergründe bezieht, sondern Probleme der gesamten Gesellschaft beinhaltet.
Außerdem prüft die interkulturelle Kompetenz Problemlösungen im Sinn der deutschen Kultur.

Damit wäre also eine von 18 Polizeien besprochen... Was ist mit den anderen? Können Sie zu den Auswahlverfahren etwas sagen? Z.B. aus der PDV 300 oder PDV202?
 
Atze Freitag, 24.Juni 2011, 09:30 Uhr:
B.C.,

Murx hat das Weiß-Buch doch noch nichtmal in den Händen gehalten, geschweige denn gelesen... :-) Das wäre ja durchaus noch lässlich, aber sich dann hier hinzustellen und über das Buch expertisenhafte Werturteile abzugeben - das zeichnet halt rechtes Maulheldentum aus! :-)
 
B.C. Freitag, 24.Juni 2011, 09:48 Uhr:
nochmal zu brodkorbs bemuehtheit, weiss in die parade zu fahren:

1. Welchen Sinn macht es, eine „Neue Rechte“ von Spengler (gestorben 1936!) bis Sarrazin zu postulieren und diese ernsthaft „neu“ zu nennen?

auszug aus weissens klappentext:
"Er (der autor) weist nach, dass dieses Bedürfnis nach "Elite" in direkter Tradition der republikfeindlichen Theoretiker der Weimarer Zeit steht und heute von einer "neuen" Rechten befeuert wird, der an einer konservativen Revolution gelegen ist."

behauptet weiss nun, das spengler zur "neuen rechten" gehoert? offensichtlich nicht.

brodkorb:
"Um diese These zu beweisen, geht er auf knapp 100 Seiten zahlreiche Texte genannter Autoren nach Zentralbegriffen wie Elite, Masse, Kulturverfall, demographische Krise, Dekadenz etc. durch und sucht letztlich nach inhaltlichen Übereinstimmungen mit Sarrazin. Keinesfalls eine wie auch immer geartete „Neue Rechte“ steht also letztlich im Fokus der Analyse, sondern einzig und allein Thilo Sarrazin selbst."

erst behauptet brodkorb, weiss wuerde alle genannten autoren der "neuen rechten" zuordnen. hier nun bleibt nur noch sarrazin uebrich? wenn weiss nun alle autoren nach uebereinstimmungen mit sarrazin durchsucht, dann gilt das doch auch umgedreht und untereinander - weiss hat also auch die vorgenannten autoren analysiert. was waere so verwerflich, wenn weiss seinen nachweis letztendlich besonders ausfuehrlich am aktuellsten beispiel fuehrt? ist der moralische zeigefinger und die unterstellung minderer (evtl. finanzieller) beweggruende durch brodkorb berechtigt? auch brodkorb nutzt das konterfei sarrazins recht haeufig. die beantwortung der frage nach brodkorbs beweggruenden faellt nicht einfach, handelt es sich bei sarrazin immerhin um ein SPD-mitglied und der blog hier heisst "endstation rechts".

im groessten teil des textes geht brodkorb dann auf weissens interpretationen von dichter strauss ein. auch das steht im widerspruch zu brodkorbs behauptung, weiss haette sich nur mit sarrazin auseinandergesetzt.

nach mehrmaligen lesen des satzes:
"denn Weiß beschränkt sich keinesfalls darauf, Sarrazin als leistungsbesessenen und elitären Zeitgenossen zu analysieren, sondern amalgamiert diese produktive These unnötigerweise mit den seinerseits unbewiesenen Vorwürfen des Rassismus, der Eugenik und des Sozialdarwinismus."
faellt mir auf, dass brodkorb gar nicht durchblicken laesst, ob er sarrazin fuer einen eugeniker haelt oder nicht sondern wohl nur weiss vorhaelt, dass er diesen vorwurf in seinem buch nicht beweist.
 
B.C. Freitag, 24.Juni 2011, 10:10 Uhr:
nachtrag zum artikel:
auch diese spitze scheint mir eher auf brodkorb zurueckzufallen, weil er nicht nachvollziehbar zeigen kann, worauf sich dieser anwurf bezieht (das wort "biologistisch" kann es doch wohl nicht gewesen sein):
"Glaubt Weiß wirklich, Sarrazin wäre ernsthaft der Meinung, die „Deutschen“ würden reihenweise auf den Straßen weggammeln?"

"Ist denn schon jeder Versuch, das biologische Potenzial von Menschen positiv zu beeinflussen, eine kritikwürdige Anleihe an den Nationalsozialismus?"
ob positiv oder negativ - der versuch ist doch relativ sicher eine anleihe an die eugenik. der nationalsozialismus ist eine pervertierte totalisierung dieses ansatzes, weshalb die begrifflichkeit eugenik im nachkriegsdeutschland in verruf geraten ist. wenn jetzt aber weiss sarrazin eugenik vorwirft (und dieser begriff ist ja eigentlich gut definiert), dann heisst das noch lange nicht, dass er ihn als nazi darstellt. dies ist eine brodkorbsche unterstellung ebenso wie das populistische mutterbeispiel. die verantwortung fuer derlei missinterpretation ist aber nicht weiss anzulasten, sondern brodkorb. wenn er nicht weiss, was eugenik ist, dann koennte er sich ja mal informieren, welche konsensdefinition es gibt und diese den ausfuehrungen zugrunde legen.
 
B.C. Freitag, 24.Juni 2011, 10:21 Uhr:
@atze
ich habs ja auch nicht gelesen. aber alleine der bei amazon einsehbare klappentext entzieht dem einen oder anderen vorwurf die grundlage.
und wenn man sich so manchen vorwurf genauer ansieht, dann entdeckt man, dass sich inkohärenzen auftun.
und murx scheint generell beim konterfei von sarrazin heisszulaufen. das nimmt bisweilen fanatisch religioese zuege an ;o)
 
Salvatore G. Samstag, 25.Juni 2011, 02:41 Uhr:
@ B.C.:

Vielen Dank für Ihre aufschlussreichen Funde an weiteren Widersprüchlichkeiten in der Argumentationskette von Herrn Brodrecht.

@ Murx:

Vielen Dank für Ihre Anmerkungen. Jedoch erscheinen mir Ihre Hinweise wenig plausibel.

Zitat Brodrecht:
„Seine Kernthese lautet, dass Sarrazins Text als Ausdruck einer elitären „Endzeitliteratur“ (11) verstanden werden müsse, die es im bürgerlichen Zeitalter von rechts bereits unzählige Male gegeben habe. Um diese These zu beweisen, geht er auf knapp 100 Seiten zahlreiche Texte genannter Autoren nach Zentralbegriffen wie Elite, Masse, Kulturverfall, demographische Krise, Dekadenz etc. durch und sucht letztlich nach inhaltlichen Übereinstimmungen mit Sarrazin. Keinesfalls eine wie auch immer geartete „Neue Rechte“ steht also letztlich im Fokus der Analyse, sondern einzig und allein Thilo Sarrazin selbst.“

Die Kritik an der von Herrn Weiss gewählten methodischen Vorgehensweise kann ich nach wie vor nicht nachvollziehen. Die vergleichende Textanalyse im Hinblick auf das Vorkommen bestimmter Topoi ist m. W. n. ein gängiges Analyseverfahren in Geisteswissenschaften – und das wird Herrn Brodrecht als studiertem Philosoph doch vielleicht bekannt sein?

Schaut man sich den von mir erwähnten „Spagat über beinahe einhundert Jahre einer bestimmten Ideengeschichte“ noch mal genauer an und differenziert, worüber Herr Weiss, Herr Brodrecht und wir hier reden:
1. Vordenker / Vorläufer der „Neuen Rechten“: „Konservative Revolution“, bestimmte Faschismustheoretiker u.a.m (Weimarer Republik)
2. Entstehungs- und Frühphase der „Neuen Rechten“ (60er / 70er Jahre)
3. „Neue Rechte“ aktuell: „Junge Freiheit“, „Institut für Staatspolitik“, „Blaue Narzisse“ etc.
4. Thesen Thilo Sarrazins als Untersuchungsobjekt mit der zentralen Untersuchungsfrage: Gibt es Bezüge zu Grundgedanken und zentralen Topoi der „Neuen Rechten“? Gibt es Hinweise darauf, dass das Sarrazinsche Denken in einer bestimmten Denktradition stehen könnte?

Wenn Herr Weiss nun den methodischen Vergleich zwischen Herrn Sarrazin und „Neuer Rechter“ im Hinblick auf das Vorhandensein bestimmter zentraler Themen nicht unmittelbar mit z. B. Autorinnen und Autoren der „Jungen Freiheit“ vornimmt, sondern mit Texten der Vordenker und Vorläufer der „Neuen Rechten“, erscheint mir das aus verschiedener Hinsicht ein gelungener Forschungsansatz, denn:

1. Die „Neue Rechte“ bezieht sich bis heute immer wieder auch ganz explizit auf ihre geistig-historischen Vordenker und Vorläufer (Beispiel: „Jedes Abo eine konservative Revolution!“).
2. Sind die meisten Autorinnen und Autoren der aktuellen „Neuen Rechten“ nicht maß-gebend für die Strömung an sich, sondern häufiger wohl eher drittklassige Epigonen dieser maß-gebenden Vordenker und Vorläufer.
3. Hat die aktuelle „Neue Rechte“ einen derartigen Hype um Thilo Sarrazin und seine Thesen veranstaltet, dass sich allein schon deshalb die Frage nach evtl. Gemeinsamkeiten im Hinblick auf zentrale Ideen / Gedankengänge / Topoi aufdrängt.
(vgl. z. B. hier: http://npd-blog.info/2010/11/09/prekare-partystimmung-bei-der-jungen-freiheit/)

Und dann stellt man u. a. fest, dass es im Hinblick auf bestimmte zentrale Topoi – Kulturverfall, Dekadenz – erstaunliche Parallelen gibt, beispielsweise im Hinblick auf die Diagnose einer totalen Krise (Spengler: „Untergang des Abendlandes“ / Jung: „Herrschaft der Minderwertigen“ (…) / Sarrazin: „Deutschland schafft sich ab“).

Wo das wissenschaftlich problematisch sein soll, erschließt sich mir nach wie vor nicht.

Auch das sich die Sarrazinsche These von „Fäulnisprozesse(n) im Innern der Gesellschaft“ ebenso wie andere seiner Thesen durchaus und mit einer gewissen Berechtigung als biologistisch lesen lassen – weil hier von Herrn Sarrazin (wie für biologistische Theorien und Argumentationsmuster typisch) sozialphilosophische Analogien aufgemacht werden, nach denen die Gesellschaft einen Organismus bildet, der dem menschlichen Körper ähnelt -, könnte Herr Brodrecht als studierter Philosoph wissen.

Typisch erscheint mir darüber hinaus aber auch, dass eine entsprechende Krisenliteratur übersteigerte Ängste und - damit im Zusammenhang stehend - Sehnsüchte nach einer „Errettung“ aus der Krise durch Lichtgestalten / Erlöserfiguren / starken Anführern … mitproduziert. Es wäre m. E. eine ebenfalls sehr spannende Untersuchung wert, warum und in welchem Ausmaß in der Sarrazin-Debatte der letzten Monate genau solche Zuschreibungen an die Person Sarrazins vorgenommen wurden – und das nicht nur von der „Neuen Rechten“ ... das meine ich dann u.a. auch, wenn ich auf das Missverhältnis zwischen der Qualität der Sarrazinschen Analyse einerseits und der öffentlichen Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wird, andererseits, hinweisen möchte: Beides steht m. E. in keinem Verhältnis zueinander. Natürlich wartet Deutschlands Rechte sehnsüchtigst auf den deutschen Haider, den deutschen Wilders, den deutschen Le Pen – kein Wunder, das z. B. in der „Jungen Freiheit“ im Bezug auf Sarrazin von einem „Prophet einer Wende“ die Rede war (Quelle s.o.). Doch auch viele andere Bürgerinnen und Bürger zeigten sich in Umfragen bereit, eine „Sarrazin-Partei“ zu wählen.

Zur Projektion einer Lichtgestalt / Erlöserfigur gehört dann wie selbstverständlich auch die vermeintliche Bedrohung des „Erretters“ durch „böse Feinde“: Die „Hexe namens Sarrazin“ sehen beispielsweise Sie, Herr Murx, vom „Scheiterhaufen“ durch den „gesellschaftlichen Exorzismus“ bedroht – die „Junge Freiheit“ titelte beispielsweise „Treibjagd auf Sarrazin“, an anderer Stelle heißt es, er sei ein „Opfer der Denunziation“ (Quelle s.o.). Das ist natürlich völlig überzogen, denn wer derart unverschämt-provokant pöbelt wie Herr Sarrazin so manches Mal, der braucht sich eigentlich über ein heftiges Echo nicht zu wundern. Doch dies sehen viele aus seiner Anhängerschaft nicht so: Ihr Erlöser scheint ihnen von der Kreuzigung bedroht …

Die Erzählung von der angeblich totalen und totalitären Verfolgung des Herrn Sarrazin findet sich in meinen Augen ansatzweise auch in den Ausführungen von Herrn Brodrecht: „Überflüssig darauf hinzuweisen, dass Weiß – wie die meisten anderen Sarrazin-Kritiker auch – kein wirkliches Wort darüber verliert, was das eigentlich ist, Eugenik, Rassismus und Sozialdarwinismus. Allerdings kommt es einem Kampf gegen Windmühlen gleich, sich in einem Prozess verteidigen zu wollen, in dem nicht einmal die Anklageschrift verlesen wurde.“

Da wird aus einem kritischen Sachbuch auf einmal ein „Prozess“, in dem der „Angeklagte Sarrazin“ in einer einem „Kampf gegen Windmühlen“ (Hoffnungslos! Verzweifelt! Einsam! Dramatisch! Heroisch! Unfair!) ähnelnden Auseinandersetzung von Herrn Weiss angegriffen wird.
Hm. Hatten wir das Prozesse-Führen im „Fall Sarrazin“ nicht der SPD überlassen (die statt einem Prozess eine wahre Farce veranstaltet hat)??? Und amalgamiert nicht vielleicht Herr Brodrecht an dieser Stelle sein Bedürfnis nach einer Klärung der Frage, ob sich in Herrn Sarrazins Thesen Eugenik, Rassismus, Sozialdarwinismus finden lassen, mit seiner Unzufriedenheit an der Schrift von Herrn Weiss, dieser würde diese Klärung nicht leisten? Das Bild, das durch die Prozess-Analogie hervorgerufen werden soll, erscheint mir jedenfalls für die Realität der Debatte äußerst unzutreffend, weil realitätsverzerrend.

Und sind solche Verfolgungs-Opfer-Erlöser-Phantasien vielleicht einer von vielen Motoren für die Ausdauer und die Hitzigkeit der Sarrazin-Debatte? Und findet nicht umgekehrt von Seiten mancher Kritikerinnen und Kritiker - insbesondere von Links - eine Dämonisierung und Verteufelung der Person Sarrazins statt, die einen anderen wesentlichen Motor für die Ausdauer und Hitzigkeit der Debatte liefert?

Ich denke ja. Und ich denke, beides ist unangemessen, denn Herrn Sarrazin ist mit seinem Buch wahrlich kein intellektueller Geniestreich gelungen – sprich: Eigentlich entzünden und verschärfen sich an Herrn Sarrazin und „Deutschland schafft sich ab“ gesellschaftliche Konflikte, die bereits seit längerem geschwelt haben dürften und die offensichtlich der Analyse und Klärung bedürfen. Anders ist für mich die Heftigkeit der Debatte nicht zu erklären. Und ich denke, Bücher wie das von Herrn Weiss, die sich um interpretative Einordnung in gesellschaftlich-historische Zusammenhänge und Ideengeschichte bemühen, können da durchaus zur Klärung sinnvoll mit beitragen. Hat ja niemand hier behauptet, das Buch wäre der Gipfel aller Erkenntnis.
 
B.C. Samstag, 25.Juni 2011, 10:09 Uhr:
hallo savatore,
spannend zu lesender kommentar. einzig etwas irritierte mich: sie schreiben immer herr "brodrecht" - ist das gewollt oder ein versehen?
 
bernardo Samstag, 25.Juni 2011, 11:57 Uhr:
@amtsträger

Wo ist das Problem? Wollen Sie bestreiten, daß die Erhöhung der Migrantenquote bei der Polizei ein politisches Projekt ist?

Das wird doch nun wirklich durch alle Kanäle transportiert, auch durch die Werbekampagnen der Polizei selbst. Z.B.:

http://www.polizei-studium.de/interessierte_mit_migrationshintergrund,17.html?ws_session=9ta54p3vqi5j5tmmn93j96k8s5

Ob hier "im Sinn der deutschen Kultur" gearbeitet wird, wage ich mal zu bezweifeln. Es gibt zahlreiche Fälle, von Polizeiarbeit bis hin zu Gerichtsurteilen, wo "interkulturelle Kompetenz" auf das Dulden von Dingen herauslief, die gegenüber "Kulturdeutschen" nie geduldet werden würden.
 
Amtsträger Samstag, 25.Juni 2011, 14:34 Uhr:
Lieber Bernado,

was ist der Unterschied zwischen einem Ziel und einer Methode? Können Sie sich das vorstellen?
Natürlich ist es das Ziel einer jeden Polizei eine Quote von Kollegen mit Migrationshintergrund zu erreichen, die denen der gesamten Gesellschaft entspricht.

Die Polizeien haben seit jeher in diesem Bereich eine Vorreiterrolle. Ich habe bei mir Kollegen mit spanischen, russischen, türkischen und polnischen Migrationshintergrund. Sie alle sind deutscher als die übrigen hier schreibenden Nationalisten.

Was haben eigentlich Gerichtsurteile mit der ganzen Sache zu tun?
1. Die Judikative ist strikt von der Exekutive getrennt. Nennt sich Gewaltenteilung.
2. Um überhaupt beurteilen zu könne, ob und wann im Sinne einer interkulturellen Kompetenz ein Gerichtsurteil abgewandelt wird, sollten die die Regeln der Strafzumessung kennen. Tun Sie das?

Im übrigen ist dieses allgemeine rumargumentieren ziemlicher Mist. Werden Sie konkret und belegen die Thesen. Aber versuchen Sie es nicht mit ausgesuchten Einzelbeispielen, die keinerlei stochastische Relevanz haben... Das ist Björns Aufgabe!

P.S.: Die Arbeit der deutschen Polizeien i.S.d. interkulturellen Kompetenz wirkt sich insbesondere auf die Ausbildung der Kollegen aus. Oder in verschiedensprachige Formulare. Der Strafverfolgungszwang aus §163 StPO lässt sich natürlich nicht umgehen oder ändern.

Ach so: Die strafrechtliche Würdigung des Einzelfalles macht übrigens einen Vergleich von mehreren Strafverfahren obsolet...
 
Xberg Samstag, 25.Juni 2011, 16:06 Uhr:
"Natürlich ist es das Ziel einer jeden Polizei eine Quote von Kollegen mit Migrationshintergrund zu erreichen, die denen der gesamten Gesellschaft entspricht."

Blöd gefragt: Warum? Seit ist die personelle Zusammensetzung der Polizei eine repräsentative Frage? Und zu welchem Zweck?

"Sie alle sind deutscher als die übrigen hier schreibenden Nationalisten."

Interessant, und woran machst Du das fest?
 
Karl_Murx Samstag, 25.Juni 2011, 18:23 Uhr:
@Xberg:
"Blöd gefragt: Warum? Seit ist die personelle Zusammensetzung der Polizei eine repräsentative Frage? Und zu welchem Zweck?"

Würde mich auch mal interessieren.

(Zitat Amtsträger)
"Sie alle sind deutscher als die übrigen hier schreibenden Nationalisten."

"Interessant, und woran machst Du das fest?"

An der Tatsache, daß er das so behauptet, Xberg. Das Wunschdenken prägt die Kommentare dieses Foristen nachhaltig, ebenso wie die anderer Gleichgesinnter.
 
Karl_Murx Samstag, 25.Juni 2011, 18:36 Uhr:
"Wo ist das Problem? Wollen Sie bestreiten, daß die Erhöhung der Migrantenquote bei der Polizei ein politisches Projekt ist?

Das wird doch nun wirklich durch alle Kanäle transportiert, auch durch die Werbekampagnen der Polizei selbst. Z.B.:

http://www.polizei-studium.de/interessierte_mit_migrationshintergrund,17.html?ws_session=9ta54p3vqi5j5tmmn93j96k8s5

Ob hier "im Sinn der deutschen Kultur" gearbeitet wird, wage ich mal zu bezweifeln. Es gibt zahlreiche Fälle, von Polizeiarbeit bis hin zu Gerichtsurteilen, wo "interkulturelle Kompetenz" auf das Dulden von Dingen herauslief, die gegenüber "Kulturdeutschen" nie geduldet werden würden."

Daß so etwas auf eine Diskriminierung der "Kulturdeutschen", sprich der autochthonen Bevölkerung hinausläuft, will Leuten wie Amtsträger nicht in den Kopf. Gemäß dessen ideologischer Axiome darf es Rassismus und Diskriminierung nur von deutscher Seite aus geben mit Migranten als Ziel. Ein einfacher Blick ins Grundgesetz, das von Amtsträger so gern und häufig zitiert wird, dürfte ausreichen, um sich von der Verfassungswidrigkeit eines solchen Vorgehens zu überzeugen. Dort steht nämlich klipp und klar und unmißverständlich geschrieben, daß Personen wegen ihrer Herkunft, ihres Geschlechts usw. weder benachteiligt "n o c h b e v o r z u g t" werden dürfen.

Der subtile Rassismus, der hinter einer solchen Anschauung steckt, kommt solchen Leuten überhaupt nicht in den Sinn. Im Umkehrschluß bedeutet das doch, daß bei Migranten niedrigere moralische und ethische Standards Anwendung finden, so als wären die dortigen Staaten noch im Urzustand und den Segnungen menschlicher Zivilisation noch nicht teilhaftig geworden.

Migranten sind eben weder edle Wilde noch unwissende Bimbos, die von den hiesigen ethischen und gesellschaftlichen Normen des Zusammenlebens noch nichts wissen können und denen man darum mehr durchgehen läßt. Es waren und sind vielmehr erwachsene, mündige Bürger, die genau wissen, was sie tun. Weil das so ist, wissen sie auch, was sie tun, wenn sie gegen die in der hiesigen (deutschen) Gesellschaft geltende Normen des menschlichen Zusammenlebens, unter anderem auch, was das Verhältnis von Mann und Frau und die geltende Gleichberechtigung der Geschlechter betrifft, verstoßen.
 
Salvatore G. Samstag, 25.Juni 2011, 19:02 Uhr:
Hallo B.C.,

ups, da hatte ich wohl einen nächtlichen Knoten im Hirn :-) - danke für den Hinweis.
 
bernardo Samstag, 25.Juni 2011, 22:49 Uhr:
@amtsträger

"was ist der Unterschied zwischen einem Ziel und einer Methode? Können Sie sich das vorstellen?"

:)

"Natürlich ist es das Ziel einer jeden Polizei eine Quote von Kollegen mit Migrationshintergrund zu erreichen, die denen der gesamten Gesellschaft entspricht."

Da frage ich mit Xberg und Murx: warum?

"Die Polizeien haben seit jeher in diesem Bereich eine Vorreiterrolle."

Nein. Das wüßten Sie, wenn Sie auch nur den verlinkten Artikel gelesen hätten.

"Werden Sie konkret und belegen die Thesen."

SIE sind hier mit der Behauptung reingeplatzt, daß Integration im Rahmen der Polizeiausbildung wunderbar gelingt. Einen Beleg dafür haben Sie nicht geliefert, da hilft auch kein patziges Getue.

"Aber versuchen Sie es nicht mit ausgesuchten Einzelbeispielen, die keinerlei stochastische Relevanz haben."

Genau, liefern Sie bitte seriöse Belege.

Und zuletzt:

"Ich habe bei mir Kollegen mit spanischen, russischen, türkischen und polnischen Migrationshintergrund. Sie alle sind deutscher als die übrigen hier schreibenden Nationalisten."

Arbeiten Sie ein bischen an Ihrer Beherrschung der deutschen Sprache.
 
Damien Thorn Mittwoch, 29.Juni 2011, 13:24 Uhr:
Ich als NPD - Mitglied lehne Gewalt gegen Menschen ab. Dazu gehören auch Anschläge auf Asylantenheime.
 
Amtsträger Mittwoch, 29.Juni 2011, 15:04 Uhr:
Lieber Bernado,

wissen Sie was unpersonalisierte Bewerbungen sind? Gab es zuerst bei der Polizei!

Nach und nach verbreitet sich diese Form der Bewerbungen auch auf die Privatwirtschaft, da so die besten Leute, ohne Anwendung von Vorurteilen, ausgewählt werden.

Sie wollen eine Quelle? Ich meine eine vernünftige und nicht einen simplen Zeitungsartikel?

http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/99440.html

Oder etwas leichtere Kost?

http://www.youtube.com/watch?v=qxHjtZABOJw


Sie wollen wissen, warum die Polizeien noch bunter werden sollen? Antworte ich doch mal mit den Worten des Kollegen Ocansey:

http://www.polizei.nrw.de/beruf/mit-auslaendischen-wurzeln/article/dass-die-polizei-noch-bunter-wird.html

Oder etwas polemisch:
"Wer nur einen Hammer hat, für den sieht jedes Problem aus wie ein Nagel."

Oder einfach nur, weil es eine sehr gute Form der Integration ist.

P.S.: Wenn Sie andere schon auf syntaktische Fehler hinweisen wollen, sollte der entsprechende Satz auch welche beinhalten... Aufzählungen von Adjektiven im Akkusativ...
Was ich mir nicht verkneifen kann: "bisschen"... wobei "bißchen" auch ok gewesen wäre ;)
 

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