„Deutschlands Neue Rechte“ – Über Sarrazin als Elite-Anhänger

Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ hat ein wahres buchhändlerisches Erdbeben ausgelöst. Profitiert hat davon nicht nur der Multimillionär Sarrazin selbst, sondern eine stets größer werdende Zahl von Analytikern und Kommentatoren. Zu ihnen zählt auch Volker Weiß, der in einem neuen Buch gar eine geistesgeschichtliche Brücke von Oswald Spengler bis zum Ex-Bundesbanker schlägt.

Sonntag, 19. Juni 2011
Mathias Brodkorb
„Deutschlands Neue Rechte“ – Über Sarrazin als Elite-Anhänger
Schon der Titel von Weiß’ Buch macht skeptisch: „Deutschlands Neue Rechte. Angriff der Eliten – Von Spengler bis Sarrazin“. Daran ist mehrerlei fragwürdig: 1. Welchen Sinn macht es, eine „Neue Rechte“ von Spengler (gestorben 1936!) bis Sarrazin zu postulieren und diese ernsthaft „neu“ zu nennen? 2. Man möchte Sarrazin ja wirklich nicht zu nahe treten, aber ist es nicht gar etwas bemüht, ihn ernsthaft in eine Reihe mit Oswald Spengler, Edgar Julius Jung, Friedrich Sieburg, Ortega y Gasset, Arnold Gehlen, Botho Strauß, Hans-Jürgen Syberberg, Peter Sloterdijk und Carl Schmitt zu stellen? Allerdings tut Weiß genau das. Seine Kernthese lautet, dass Sarrazins Text als Ausdruck einer elitären „Endzeitliteratur“ (11) verstanden werden müsse, die es im bürgerlichen Zeitalter von rechts bereits unzählige Male gegeben habe. Um diese These zu beweisen, geht er auf knapp 100 Seiten zahlreiche Texte genannter Autoren nach Zentralbegriffen wie Elite, Masse, Kulturverfall, demographische Krise, Dekadenz etc. durch und sucht letztlich nach inhaltlichen Übereinstimmungen mit Sarrazin. Keinesfalls eine wie auch immer geartete „Neue Rechte“ steht also letztlich im Fokus der Analyse, sondern einzig und allein Thilo Sarrazin selbst. Und so wird man den Verdacht nicht los, dass nach einem besonders originellen Zugriff auf das Thema Sarrazin gesucht wurde, um noch rechtzeitig auf den publizistischen Zug aufspringen zu können. Ein besonders deutliches Beispiel für eine zu diesem Zweck zurechtgebogene Interpretation ist Weiß’ Auseinandersetzung mit dem Dichter Botho Strauß. Dieser hatte im Jahr 1994 für große Aufregung mit seinem Text „Anschwellender Bocksgesang“ gesorgt. Man muss sich heute noch einmal daran erinnern: Anfang der 1990er Jahren schlugen die politischen Wellen hoch. Zahlreiche Anschläge auf Asylbewerberheime waren Ausdruck einer zunehmend gewalttätiger werdenden rechtsextremen Szene, die ihrerseits auf Unterstützung durch nicht geringe Teile der Bevölkerung zählen konnte. In den zeitlichen Nachklang dieser aufgebrachten öffentlichen Stimmung platzierte Strauß seinen Text, der auch über die gewaltsamen Ausschreitungen reflektierte. Weiß, der darin mit Recht ein „Bekenntnis des Autors zur politischen Rechten“ (49) entdeckte, zitiert ihn mit den Worten: „Der Fremde, der Vorübergehende wird ergriffen und gesteinigt, wenn die Stadt in Aufruhr ist. Der Sündenbock als Opfer der Gründungsgewalt ist jedoch niemals lediglich ein Objekt des Hasses, sondern ebenso ein Geschöpf der Verehrung: Er sammelt den einmütigen Haß aller in sich auf, um die Gemeinschaft davon zu befreien.“ Weiß kommentiert diese Passage mit den Worten: „Das Deutungsangebot, den tobenden Mob als eine Art säkulares Ersatzritual zur nationalen Selbstbestätigung zu sehen, hatte mehr [!, M. B.] als nur affirmativen Beigeschmack. [...] Im barbarischen Akt des Opfers, vollzogen am gelynchten Fremden (und in Strauß’ Augen an der eigenen Jugend in Gestalt der verurteilten Neonazis), versuche sie [die moderne Gesellschaft, M. B.] nun, den Verlust des [nationalen, M. B.] Mythos wieder aufzuholen.“ (49f) Weiß’ simple Logik geht also ungefähr so:
  1. Prämisse: Strauß ist ein Rechter.
  2. Prämisse: Rechte sind für die Verteidigung nationaler Identität.
  3. Prämisse: Einwanderer stellen die nationale Identität in Frage.
Konklusion: Also muss es Strauß zumindest gut finden, wenn gegen Einwanderer gewaltsam vorgegangen wird. Was sonst soll es heißen, dass Strauß’ Worte „mehr als nur affirmativen Beigeschmack“ gehabt hätten? Weiß verschweigt damit allerdings die Tatsache, dass die bei Strauß zitierte Stelle lediglich eine Paraphrase des Denkens René Girards darstellt, worüber Strauß seinerseits niemanden im Unklaren gelassen hat. Bei Girard wird allerdings diejenige Gruppe, die sich einen Sündenbock sucht, um sich an diesem abzureagieren und so in der eigenen Gruppe Ordnung und Sinn zu stiften, alles andere als verteidigt. Ihm geht es ja gerade umgekehrt um die Rehabilitation der „zu Unrecht verurteilten Sündenböcke“ (Girard), um das rationale Durchbrechen des säkularisierten Opfermechanismus. Wenn man die Passage Strauß’ vor diesem Hintergrund noch einmal liest, wird der zuerst zitierte Satz zum wichtigsten, obwohl Weiß ihn in seiner Argumentation komplett ignoriert: „Der Fremde, der Vorübergehende wird ergriffen und gesteinigt, wenn die Stadt in Aufruhr ist.“ Mit anderen Worten: Strauß geht es gar nicht um den Fremden, sondern um die Stadt, um die Masse eben. Nur wenn diese in Aufruhr ist, gerät der Fremde überhaupt in Schwierigkeiten. Die Quelle der gewaltsamen Auseinandersetzung ist also ganz ausdrücklich auch bei Strauß nicht der Fremde, sondern die Stadt, sind also die Autochthonen selbst. Nur wenn diese nicht mehr im Gleichgewicht, in innerer Ordnung befindlich sind, müssen die Fremden vor ihnen auf der Hut sein. Dies alles bedenkend und die zitierte Passage noch einmal lesend, gerät Strauß’ Text in Wahrheit zu einer Anklage gegen den Durchschnittsdeutschen. Kein Wunder daher, dass Strauß seine Kritik keinesfalls auf rechte Ersatzhandler beschränkt, sondern sie auch auf den „linke[n] Terrorismus“ ausweitet. So wie Nazis in „Fremden“ ihre Sündenböcke suchen, sich an ihnen abreagieren und Einheit in der eigenen Gruppe stiften, so richte der linke Terrorismus seinen „Haß ausschließlich gegen die Herrschenden“. Der Mechanismus bleibt nach Strauß und Girard in beiden Fällen derselbe. Aber nicht nur die Interpretation der Schriften Strauß’ vor dem Hintergrund der Theorien Girards hätte Weiß vor einem massiven Fehlurteil bewahren können, sondern bereits das Ernstnehmen der eigenen Kernthese. Denn Strauß ist nicht nur elitär, sondern sogar über-elitär. Wie man aus einer solchen Perspektive heraus Sympathien mit der enthemmten Masse empfinden können soll, bleibt rätselhaft. Anhaltspunkte für diesen einfachen Zusammenhang bietet nicht zuletzt Strauß in dem erwähnten Text selbst. Nur ein Beispiel von mehreren: „Rechts zu sein [...] von ganzem Wesen, das ist, die Übermacht einer Erinnerung zu erleben; die den ganzen Menschen ergreift, weniger den Staatsbürger [...]. Anders als die linke, Heilsgeschichte parodierende Phantasie malt sich die rechte kein künftiges Weltreich aus, bedarf keiner Utopie, sondern sucht den Wiederanschluß an die lange Zeit [...]. Der Rechte in solchem Sinn ist vom Neonazi so weit entfernt wie der Fußballfreund vom Hooligan [...].“ Zugegeben: Die Interpretation von Strauß’ zwischen Literatur und politischer Publizistik changierendem Text ist alles andere als einfach. Anstatt dies jedoch als Gelegenheit zur hermeneutischen Vorsicht und Zurückhaltung zu nehmen, will Weiß hieraus umgekehrt die Berechtigung für voreilige Schlussfolgerungen gewinnen: „Doch ist das Manöver Strauß’, der Aussage des Textes durch eine im Dunkeln gelassene Autorenposition die Brisanz zu nehmen, durchschaubar.“ (50) Das Dunkle ist also durchschaubar! Da wäre sie wieder einmal, die allseits bekannte und beliebte Superentschlüsselungsmaschine aus dem erfolgreichen und berühmten deutschen Industrieunternehmen „Mimikry“. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Weiß ist ein belesener, gut schreibender, analytisch potenter Autor. Seine Kernthese, dass in Sachen Sarrazin-Debatte der Eliten-Diskurs in den Vordergrund gestellt werden muss, ist bisher kaum formuliert worden und dennoch überzeugend. Man kann ja einmal mit folgender Frage die Probe auf’s Exempel machen: Mit wem würde Sarrazin abends wohl lieber in einem Restaurant essen gehen, mit einer deutschen „Hartz IV-Familie“ oder einem wirtschaftlich erfolgreichen Akademiker-Ehepaar mit Migrationshintergrund? Darüber, was Sarrazin hierauf zu antworten hätte, bestehen wohl nur wenige Zweifel. Aber genau diese Frage macht deutlich, worum es Sarrazin eigentlich geht. Er ist ein produktivistischer, leistungsbesessener Protestant. Und Weiß arbeitet dies im letzten Kapitel seines Buches in aller Deutlichkeit heraus: „Auf den ersten Blick ist Deutschland schafft sich ab eine protestantische Moralpredigt zur Mehrung von Gemeinwohl und Lebensglück durch Tüchtigkeit, Sparsamkeit und Ehrlichkeit – und damit tief sozialdemokratisch. Vor allem an jenen Stellen des Buches, an denen Sarrazin konkrete Schritte vorschlägt, steht er deutlich in der Tradition sozialdemokratischer Politik. [...] Die von ihm propagierten familien-, bildungs- und sozialpolitischen Maßnahmen unter ausgeprägt laizistischen Vorzeichen bedeuten sogar einen vollständigen Zugriff des Staates, speziell auf die Kinder. Vor allem für die Unterschicht sieht Sarrazin besondere Maßnahmen der institutionellen Abfederung pädagogischer Schwierigkeiten vor. Diese laufen letztendlich auf eine Übertragung der Erziehungsaufgaben auf den Staat hinaus, da er die Eltern eher als schädlichen Einfluss sieht. [...] An diesem Punkt befindet sich Sarrazin in offenem Widerspruch mit seinen [rechten, M. B.] Bewunderern [...].“ (110f) Allein schon wegen dieses analytisch scharfen letzten Kapitels lohnt sich die Lektüre des Buches. Und dennoch leidet auch der Schluss des Textes unter dem Problem einer vorgefassten Meinung, die sich vor allem dem eigenen politischen Standpunkt beugt, denn Weiß beschränkt sich keinesfalls darauf, Sarrazin als leistungsbesessenen und elitären Zeitgenossen zu analysieren, sondern amalgamiert diese produktive These unnötigerweise mit den seinerseits unbewiesenen Vorwürfen des Rassismus, der Eugenik und des Sozialdarwinismus. Überflüssig darauf hinzuweisen, dass Weiß – wie die meisten anderen Sarrazin-Kritiker auch – kein wirkliches Wort darüber verliert, was das eigentlich ist, Eugenik, Rassismus und Sozialdarwinismus. Allerdings kommt es einem Kampf gegen Windmühlen gleich, sich in einem Prozess verteidigen zu wollen, in dem nicht einmal die Anklageschrift verlesen wurde. Man wünscht sich also abschließend, ein neues Buch von Weiß zu lesen, bei dem das einleitende Kapitel eine bearbeitete Fassung des letzten Kapitels von „Deutschlands Neue Rechte“ ist:
  • Ein Buch, das mehr verstehen als entlarven will. In Sarrazins Buch findet sich gleich in der Einleitung der Satz: „Dieser Grundoptimismus [der Sarrazins, M. B.] und die Jahrzehnte des fast ungetrübten Erfolgs haben aber die Sehschärfe der Deutschen getrübt für die Gefährdungen und Fäulnisprozesse im Innern der Gesellschaft.“ Weiß wirft daraufhin Sarrazin einen „Rückfall in die unseligen sozialeugenischen Traditionen“ sowie ein „biologistisches Weltbild“ (118) vor. Muss man einem promovierten Literaturwissenschaftler wirklich erklären, was ein metaphorischer Gebrauch von Sprache ist? Glaubt Weiß wirklich, Sarrazin wäre ernsthaft der Meinung, die „Deutschen“ würden reihenweise auf den Straßen weggammeln?

  • Ein Buch, das selbstkritisch ist. So scheint für Weiß nicht nur klar, dass Sarrazin dem Elitismus huldigt, sondern auch, dass die politische Linke vehemente Gegnerin des Elitediskurses sein muss, weil andernfalls die „Fähigkeit aller Menschen zur Selbstbestimmung“ (14) in Frage gestellt wird. Was aber genau meint Weiß dann, wenn er selbst ausführt, dass die erfolgreiche Arbeiterbewegung „standpunktlose Massen“ erzeugt habe, die „zunehmend dem Rechtspopulismus anheim fallen“ (109)? Was meint er, wenn er selbst vor dem „Beifall des Mobs“ (128) warnt? Kann man vom „Mob“ schreiben, ohne selbst elitär zu sein?
  • Ein Buch, das Begriffe wie Rassismus, Sozialdarwinismus und Eugenik definiert und sauber analysiert, bevor sie als politische Waffen zum Einsatz kommen. Ist denn schon jeder Versuch, das biologische Potenzial von Menschen positiv zu beeinflussen, eine kritikwürdige Anleihe an den Nationalsozialismus? Falls ja, werden künftig zahlreiche Schwangere damit leben müssen, als Nazi-Frauen tituliert zu werden, wenn sie vor der Geburt ihres Kindes auf den Konsum von Tabak und Alkohol verzichten, um organische Schädigungen ihres Kindes zu vermeiden. Diese groteske Konsequenz zeigt, wie wichtig es ist, eine präzise Klärung der Begriffe an den Beginn einer jedweden Debatte zu stellen. Sie ist zugleich die unabdingbare Voraussetzung für einen ernsthaften Diskurs über Geltungsfragen.
  • Ein Buch, das eine solche notwendige Begriffsklärung ebenso für den Elite-Begriff vornimmt. Auch in dieser Frage lässt Weiß jede begriffliche Bestimmung vermissen. Nach der Lektüre seines Buches beschleicht einen lediglich das Gefühl, dass Elitenanhänger nach seiner Ansicht wohl politisch rechts verortet sind, weshalb dann offenbar Linke Elite-Diskurse völlig ablehnen müssen. Ob einem ein solcher Standpunkt plausibel vorkommt oder nicht, kann allerdings erst erwogen werden, sobald man weiß, was Weiß denn eigentlich unter „Elite“ genau versteht. Fasst man eine Elite als eine Gruppe von Menschen auf, die im Hinblick auf einige relevante Merkmale anderen Gruppen von Menschen überlegen sind und hieraus einen besonderen gesellschaftlichen Status beziehen, so wäre nicht recht einsichtig, was dagegen eigentlich von links gesagt werden könnte. Professorinnen und Professoren erwiesen sich dann z. B. gegenüber ihren Studierenden als eine „Elite“ – verbunden mit der gesellschaftlichen Erwartung, dass Letztere von Ersteren in der Regel im Hinblick auf den eigentlichen Lerngegenstand mehr lernen können als umgekehrt. Gegen eine solche Elitenbildung, die sich allein auf Leistung und sachhaltige Kriterien stützt, kann auch die politische Linke kaum etwas Sinnvolles einwenden. Die Arbeiterbewegung hat sich schließlich nicht gegründet, um „Eliten“ abzuschaffen, sondern um den Zugang zu diesen demokratisch zu öffnen und allein von individueller Leistung abhängig werden zu lassen – eben ganz im Gegensatz zum leistungslosen Einkommen eines Rentiers. Die Forderung nach Abschaffung des Erbrechts im "Manifest der Kommunistischen Paretei" (Marx/Engels) aus dem Jahre 1848 hat genau diesen Hintergrund.
Allein aus diesen wenigen Überlegungen sollte deutlich geworden sein, dass eine Verknüpfung der Thesen Sarrazins mit einem angeblich rechtslastigen Elite-Diskurs, in dem die Brücke von Spengler bis zum Ex-Bundesbanker geschlagen wird, analytisch zu kurz greift. Vielleicht ergeben Sarrazins sozialdemokratisch geerdete, vor allem auf Bildungsreformen abzielende Politikvorschläge und sein auf Leistung gestütztes Elitenbewusstsein ja am Ende sogar ein kohärentes Gesamtbild.

Foto: Nina Gerlach nach Creative Commons-Lizenz


volker-weiss-sarrazinVolker Weiß
Deutschlands Neue Rechte
Angriff der Eliten - Von Spengler bis Sarrazin
141 Seiten, 2011
Preis: 16,90 Euro
ISBN: 978-3-506-77111-7
 
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