Deutsch-tschechische Neonazi-Connection

Bei den Kommunalwahlen in Tschechien im Herbst kandidiert ein rechtskräftig wegen Mordes an einem Rom verurteilter landesweit bekannter Neonazi für die rechtsextreme Arbeiterpartei der sozialen Gerechtigkeit (Dělnická stranu sociální Spravedlnosti; DSSS).

Dienstag, 08. März 2016
Anton Maegerle

Der mehrfach vorbestrafte gewalttätige Neonazi und Skinhead Vlastimil Pechanec hatte im Juli 2001 den 30-jährigen Rom Otto Absolon in einer Discothek in seiner Heimatstadt Svitavy (Zwittau), im böhmisch-mährischen Grenzgebiet gelegen, rassistisch beschimpft und dann mit einem Messer niedergestochen. Das Opfer verstarb wenige Stunden nach der Tat. 2003 verurteilte das Oberlandesgericht in Prag den damals 23-jährigen Pechanec zu einer 17-jährigen Haftstrafe. Als Grund für das relativ hohe Strafmaß führte der Richter Martin Zelenka an, dass das Motiv für die Tat im Rassenhass des Angeklagten begründet sei.

Im Juni 2014 wurde Pechanec nach Verbüßung von zwei Dritteln seiner mehrjährigen Freiheitsstrafe vorzeitig auf Bewährung entlassen. Pechanec leugnet bis heute die mörderische Tat. Andere Skinheads, die am Tatort zugegen waren, sollen demnach für den Mord verantwortlich sein.

Alljährliche Demonstrationen gegen die Inhaftierung

In einem Interview mit dem deutschen Neonazi-Netzwerk „JVA Report“ behauptete Pechanec 2009, dass sein „Fall in Tschechien als Musterbeispiel im Kampf gegen Neonazis dargestellt“ werde. Er sei nach dem Mord an Absolon lediglich deshalb ins Visier der Polizei gekommen, da er „lokaler Führer“ der „Freien Kräfte“ war. Einen Tag nach dem Mord sei er festgenommen worden und die „Polizei fälschte die Beweise“. Sich selbst bezeichnete Pechanec im „JVA Report"“ als „loyalen Kameraden“.

Während seines Gefängnisaufenthalts demonstrierten tschechische Neonazis alljährlich gegen die Inhaftierung ihres Gesinnungskameraden. Dabei wurden Parolen wie „Zigeuner an die Arbeit!“ oder „Tschechien den Tschechen“ gebrüllt. An den Demonstrationen nahmen bis zu 220 Neonazis teil. Auch in deutschen Neonazi-Zines wie dem „Stahlhelm“ wurde über den Rom-Mörder berichtet.

Pechanec war bereits vor dem Mord mehrfach gewalttätig gegen Roma in Erscheinung getreten. So stach er im August 1997 einen Angehörigen der Minderheit vor dem Postamt in Svitavy in die Brust. Die Ärzte sagten damals, es sei ein Wunder gewesen, dass das Opfer überlebte. Pechanec wurde für diesen Angriff zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Kontakte zwischen DSSS und NPD

Bei den Kommunalwahlen im Herbst kandidiert Pechanec für die rechtsextreme Arbeiterpartei der sozialen Gerechtigkeit (Dělnická stranu sociální Spravedlnosti; DSSS). Die im März 2010 gegründete DSSS unter der Führung von Tomas Vandas instrumentalisiert als vermeintliches „Sprachrohr des Volkes“ den latent in weiten Kreisen der tschechischen Bevölkerung vorhandenen Antiziganismus. Offensiv wird der „Kampf gegen das System“ propagiert. Agitationsschwerpunkt der DSSS sind Demonstrationen gegen vermeintlich kriminelle Aktivitäten der Roma-Minderheit, wobei es wiederholt zu schweren Ausschreitungen kam. DSSS ging aus der 2010 verbotenen Arbeiterpartei („Dělnická Strana“; DS) hervor. Die DS sympathisierte mit der NS-Ideologie und ermunterte ihre Mitglieder zu Gewalt gegen Minderheiten wie Roma und andere Gegner, befand das Oberste Verwaltungsgericht Tschechiens.

DSSS und NPD pflegen seit Jahren intensive Beziehungen. Beim 6. DSSS-Kongress am 7. März 2015 in Prag überbrachte NPD-Bundesvorstandsmitglied Jens Pühse, vormals Mitglied der 1992 verbotenen „Nationalistischen Front “ (NF), ein Grußwort seiner Partei. Am 27. Februar dieses Jahres demonstrierten tschechische Neonazis vor der deutschen Botschaft in Prag gegen ein drohendes Verbot der NPD. Organisiert hatte den Aufmarsch die DSSS. Angaben des tschechischen Innenministeriums zufolge fanden im Jahr 2015 landesweit 119 rechtsextreme Aufmärsche, Kundgebungen und Veranstaltungen statt.

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