von Mathias Brodkorb
   

Der wesentliche Mensch – Über den „Waldgang“ im Jahre 1933

„Der Waldgang“ (1951) von Ernst Jünger gilt echten Konservativen noch heute als politischer Schlüsseltext. Dass Jünger dabei seinerzeit mehr als eine konservative Nachkriegsstimmung, sondern das ambivalente Verhältnis der Konservativen zu Moderne und Massengesellschaft zum Ausdruck gebracht hat, belegt ein Blick auf Hans Zehrer und das Jahr 1933.

Jünger beschreibt in seiner kleinen Schrift „Der Waldgang“, die im Jahr 2008 ihre nunmehr 13. Auflage erlebt hat, die neue Qualität der modernen Massengesellschaft und vor allem ihre Konsequenzen für den einzelnen Menschen: „Der Anblick großer, leidenschaftlich erregter Massen ist eines der wichtigsten Zeichen dafür, daß wir in ein neues Zeitalter eingetreten sind. In einem solchen Bannkreis herrscht, wenn nicht Einhelligkeit, so doch gewiß Einstimmigkeit, denn wo hier eine andere Stimme sich erhöbe, würden sich Wirbel bilden, die ihren Träger vernichteten.“ (7) Dieser heute als political correctness apostrophierte Mechanismus zwinge die Menschen letztlich in den Konformismus. Die offene politische Diktatur ist für Jünger dabei nur eine besonders zugespitzte Form der Massengesellschaft. Eine Tendenz zur Nivellierung der Unterschiede und Abschleifung der Besonderheiten wohnt ihnen nach seiner Meinung allen inne. Im Ergebnis wird der Mensch in den Kollektiven dabei nicht nur in besonders ausgeprägter Weise schwach – weil es nicht mehr auf die individuellen Qualitäten, sondern das geräuschlose Funktionieren im Getriebe der Gesellschaftsmaschine ankommt – sondern verfehlt vor allem das eigene Ich im Sinne einer Nichtentfaltung der Potenzen, die prinzipiell allen Menschen zu Gebote stehen (35).

Dieser Tendenz der Modernen Welt zu entrinnen ist dabei nach Jünger nur einem besonderen Typus Mensch möglich. Neben den Arbeitern, das Werkzeug der großen Maschine, und den unbekannten Soldaten, der als „Opfergänger“ in den „großen Feuerwüsten“ (28) fungiert, tritt als dritte Figur der Waldgänger: „Waldgänger (...) nennen wir jenen, der, durch den großen Prozeß vereinzelt und heimatlos geworden, sich endlich der Vernichtung ausgeliefert sieht.“ (ebd.) – und sich zum Widerstand entschließt. Der „Wald“ markiert dabei keinen konkreten äußeren Ort, sondern ist ein Bild für die einsame „Begegnung mit dem eigenen Ich“ (81). Es geht also nicht darum, sich als Eremit der Welt abzuwenden, sondern in sich selbst die Gesetze des eigenen Handelns aufzusuchen: „Menschliche Größe muß immer wieder erkämpft werden. Sie siegt, indem sie den Angriff des Gemeinen in der eigenen Brust bezwingt. Hier ruht die wahre historische Substanz, in der Begegnung des Menschen mit sich selbst, das heißt: mit seiner göttlichen Macht.“ (55)

In dieser Auseinandersetzung mit sich selbst werde der Mensch zugleich auf das überzeitliche Grundproblem seiner Existenz zurückgeworfen: die Furcht. Im Verbund mit dem automatischen Zeitalter werde diese sogar größer statt kleiner, weil „der Mensch zugunsten technischer Erleichterungen sich in der Entscheidung beschränkt“ (30) und gerade deshalb – ungeübt im Umgang mit der Furcht – leicht zur „Panik“ neigt. Ihren Urquell findet die Furcht dabei stets in ein und demselben Grund: „Menschliche Furcht zu allen Zeiten, in allen Räumen, in jedem Herzen ist ein und dieselbe, ist Furcht vor der Vernichtung, ist Todesfurcht.“ (52f) Jede Form der Furcht sei letztlich auf das Problem der eigenen Vergänglichkeit verwiesen. Die Überwindung der Todesfurcht wird somit zur wichtigsten Aufgabe des Waldgängers. Erst, indem der Waldgänger die Todesfurcht in sich eliminiert, entstehe die wahre innere Freiheit, dem eigenen Gesetz zu folgen: „Der Waldgang ist daher in erster Linie Todesgang.“ (ebd.)

Ernst Niekisch, dem Jünger auch nach dessen Seitenwechsel zur SED verbunden blieb, konnte der Figur des Waldgängers allerdings nichts abgewinnen. Er sah hierin gar etwas „Überhebliches, ja vielleicht sogar Theatralisches“. Und dennoch brachte er den Kern der Argumentation in einem Anfang der 1950er Jahre verfassten und im Jahr 2008 durch die „Sezession“ der Öffentlichkeit zugänglich gemachten Text ganz richtig auf den Punkt, als er feststellte, dass der Waldgänger für Jünger „der Beschirmer des Wesentlichen und Eigentlichen, der ewigen Werte, der unvergänglichen Substanz, des Urgrundes, dem das Echte und Belebende entsteigt“, sei. Niekisch übersah dabei allerdings, dass Jünger hiermit mehr tat als nur seinen persönlichen Marotten zu frönen. Er brachte vielmehr ein konservatives Schlüsselmotiv auf den Punkt. Dies jedenfalls scheint nahe liegend, wenn man einen näheren Blick auf den Text „Die eigentliche Not unserer Zeit“ von Hans Zehrer wirft. Als ob es sich um ein bewusstes Zeichen handelte, veröffentlichte dieser als leitender Redakteur der konservativen Monatszeitschrift „Die Tat“ an der Schwelle der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der Errichtung der „Schinderhütten" in der Februar-Ausgabe der „Tat“ des Jahres 1933 eine ganz eigene Form des Waldganges.

Auch Zehrer kritisiert wie Jünger die Auswirkungen der Massengesellschaft auf die Menschen und hier insbesondere die Folgen der Industrialisierung. Die Arbeitsteilung habe die Menschen regelrecht gesichtslos gemacht, ihnen jegliches eigenes Gepräge entrissen und sie so zu „Treibholz der Geschichte“ (915) degradiert. Und als hätte man eine Einführung in die Entfremdungskritik Karl Marx’ in der Hand, kann man bei Zehrer lesen: „Das Maß aller Dinge ist der Mensch. Aber dieser Mensch weiß heute nicht mehr, wer er selber ist. Er hat sich verloren an die Dinge. Er hat den Mittepunkt und Kern seines Wesens aufgegeben. Und nun wird er durch das Chaos der Dinge gehetzt und gejagt, die plötzlich ein Eigenleben bekommen haben, er wird in ihren Rhythmus hineingerissen und durchgepeitscht, er hat den Boden verloren, auf dem er stehen kann, nämlich sich selber!“

Die „Flucht vor der Sinnlosigkeit“ (916) der modernen Welt scheint Zehrer nur möglich, wenn sich der Mensch wieder auf das Wesentliche konzentriert – auf die Einsamkeit und den Tod: „Einmaligkeit und Endlichkeit, Einsamkeit und Tod" sind die beiden Probleme, vor denen der Einzelne einmal gestanden haben muß oder stehen muß, wenn er erkennen will, was wirklich wesentlich ist. (...) An der Wiege der Individualität steht der Tod Pate.“ (918) Die Moderne Welt erscheint vor diesem Hintergrund als ein grandioses Ablenkungsmanöver. Die Hektik, der Leistungsdruck und die Gigantomanie der Industriegesellschaft werden von Zehrer als Mechanismen dechiffriert, die die eigentlichen Fragen des menschlichen Lebens von der Tagesordnung nehmen: „Denn diese Hetze kommt doch allein aus der Tatsache, daß sich der Mensch, auf der Flucht vor der Einsamkeit und dem Tod, in eine fieberhafte Aktivität und in ein dauerndes Handeln, Arbeiten und Wirken, in die Fülle von Scheinsensationen stürzt.“ (923) Als Gegenmodell zu diesem entfremdeten Wesen, das sich ständig auf der „Flucht vor sich selber“ (ebd.) befindet, fungiert für Zehrer „der wesentliche Mensch“ (921). Dessen Hauptaufgabe ist dabei die „Überwindung des Todes“ (919).

Und an genau dieser Stelle wird auch plastisch, wie verschieden die Perspektiven Zehrers und Jüngers bei aller Übereinstimmung in der Fragestellung bleiben. Niekisch kritisiert an Jünger ja gerade dessen Vergötterung der Sezession: „Die ‚Waldgängerei’ ist ein Rezept, das allen Individualisten, Anarchisten, Nihilisten, allen jenen Eigenbrötlern und Sektenheiligen, die von ihrem Elite- und Auserwähltheitsbewußtsein nicht lassen können, allen bürgerlichen Europäern, die aus dem trotzigen Protest gegen unabwendbare Notwendigkeiten ihr Selbstgefühl nähren, wohl eingeht; unter ihnen wird sie unvermeidlich in Mode kommen. (...) Ihr Waldgang ist Flucht aus der Geschichte; sie haben gegen den Leviathan noch lange keine Schlacht dadurch gewonnen, daß sie ihm den Rücken zeigen.“ Tatsächlich bleibt das Verhältnis der Allgemeinheit zur Individualität, der Masse zum Waldgänger in Jüngers „Waldgang“ am Ende merkwürdig unbestimmt und vage. Ganz anders dagegen Zehrer: Die „Überwindung des Todes“ erhofft sich dieser geradezu von der „Überwindung der eigenen Individualität“ (919), vom Aufgehen des Individuums in der Kollektivität: „Denn nur, wenn die Einmaligkeit und Besonderheit der eigenen Existenz wieder überwunden worden ist, wenn im Eigenen das Allgemeine erkannt ist, ist auch der Tod unwesentlich geworden. Aber dies ist der Weg, den nur die Wenigsten gehen werden.“ (ebd.) Dass diese Kollektivität für Zehrer ganz selbstverständlich durch „Blutsgemeinschaft, Raum und historische Zeit“ (917) gekennzeichnet ist, bedarf dabei kaum einer näheren Erläuterung.

Dabei ist zumindest dem jungen Jünger auch dieses Motiv keinesfalls unbekannt. Im Jahr 1928 steuerte er Vor- und Nachwort zur Soldatenhuldigung „Die Unvergessenen“ bei. Die Aufopferung des Soldaten lebe demnach geradezu von dem Motiv, dass man „in einem lebendigen Bilde, das als Teil eines anderen Menschen noch lange Zeit durch diese Welt getragen wird”, weiter lebt. Da der Einzelmensch als „Abbild der wirkenden Kräfte einer Zeit, die auch in allen anderen lebendig ist“, verstanden werden müsse, gerate die Aufopferung des Soldaten für das Vaterland zugleich zu einer Verteidigung seiner selbst. Für Jünger sind die Toten am Ende sogar „lebendiger” als die Lebenden, weil Erstere das Äußerste gewagt hätten, wozu Menschen in der Lage wären. Wohl auch unter dem Eindruck der Tatsache, dass Deutschland im Zweiten Weltkrieg „unendliches Lehrgeld“ (63) bezahlen musste, bleibt der Ausweg eines Nationalismus mit mystischen Anklängen beim Nachkriegs-Jünger aus. Er sucht seinen Weg vielmehr in theologischen Motiven.

Literatur:

Ernst Jünger (2008): Der Waldgang, Stuttgart
Hans Zehrer (1933): Die eigentliche Not unserer Zeit, in: Die Tat, 24. Jahrgang, Heft 11, Februar 1933, S. 913-926

 

juenger_waldgangErnst Jünger
Der Waldgang

96 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-93249-2
Preis: 12,90

 

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