Der SS-Mann. Josef Blösche – Leben und Sterben eines Mörders

Ein williger Vollstrecker des Naziterrors.

Donnerstag, 06. Mai 2004
Thomas Klaus
Das Foto mit dem kleinen Jungen aus dem Warschauer Ghetto, der voller Angst seine Arme in die Höhe hebt, ist zweifellos eines der bekanntesten aus der braunen Vergangenheit Deutschlands. Es entstand im Mai 1943. Im Hintergrund ist ein mitleidlos schauender SS-Mann mit einem Maschinengewehr im Anschlag zu sehen. Und um eben diesen SS-Mann geht es in dem Buch „Der SS-Mann. Josef Blösche – Leben und Sterben eines Mörders“, verfasst von dem Fernsehdokumentationen-Macher Heribert Schwan und der Diplom-Psychologin Helgard Heindrichs. Diese Kombination aus einem bekannten Verfasser mit einem journalistisch-schriftstellerischen Hintergrund und einer Familien- und Organisationsberaterin mit historischem Interesse ist der Dreh- und Angelpunkt des Werkes. Denn es erhebt den Anspruch, die Lebensgeschichte des Massenmörders und SS-Mannes Josef Blösche zu erzählen, aber auch über das Wieso und Warum dieser Biographie – wissenschaftlich unterfüttert – nachzudenken. Josef Blösche kommt 1912 in Friedland zur Welt, einer kleinen Stadt im Sudetenland. Seine Eltern besitzen neben einem landwirtschaftlichen Betrieb und einer Ziegelei mit zwei Angestellten eine Gaststätte, in der sich viele politisch rechts stehende Menschen treffen. Von denen ist Josef Blösche tief beeindruckt. Er engagiert sich unter anderem in der stramm rechten Deutschen Nationalen Jugend und im Bund der Deutschen Landjugend, einer Jugend-organisation des Bundes der Landwirte; für den betätigt sich auch Blösche senior. Die Deutsche Nationale Jugend ist die Nachwuchsschmiede der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (DNSAP), der NSDAP-Schwesterpartei in der CSR. Später wird Blösche aufgrund seines Einsatzes für die Deutsche Nationale Jugend sogar mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Hitler-Jugend ausgezeichnet. Als Mitglied der Sudetendeutschen Partei stößt er nach dem Einzug deutscher Truppen im Oktober 1938 quasi automatisch zur NSDAP. In dem Buch „Der SS-Mann“ wird Josef Blösche als ungemein pflichtbewusst beschrieben: „Er tut, was von ihm verlangt und erwartet wird. Er ist lieber still und unauffällig, aber er ist mit dabei.“ Als sein großes Vorbild nimmt sich Josef Blösche seinen Bruder Gustav, einen überzeugten NSDAP-Aktivisten und Hilfspolizeibeamten bei der Gestapo. Josef Blösche folgt dem Ruf der SS, wird ebenfalls Polizist und zwar zunächst bei der Grenzpolizei. Bald darauf erfolgt seine Zuordnung zu der SS-Einsatzgruppe B, die in der damaligen UdSSR wütet. Deren erster Kommandeur ist der Polizei-Generalleutnant und SS-Brigadeführer Artur Nebe. Von Juni bis September 1941 gehört Blösche dieser Mörder-Truppe an. Von September 1941 bis Mai 1943 beschäftigt ihn die Dienststelle des Kommandeurs der Sicherheitspolizei und des SD für den Distrikt Warschau unter der Leitung des SS-Standartenführers Ludwig Hahn. Von ihm erhält Blösche später das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse mit Schwertern. „Er war der Schlimmste von allen“ Im Sommer 1942 wird Blösche in die Außenstelle Warschauer Ghetto versetzt, geleitet von dem SS-Untersturmführer Karl-Georg Brandt. Welche furchtbaren Verhältnisse zu diesem Zeitpunkt im Warschauer Ghetto herrschen, geht aus Aussagen von Augenzeugen hervor, die in „Der SS-Mann“ zu finden sind. So erinnert sich Stanislaw Zawistowski: „Es sah gespenstisch aus. Denn auf den Straßen lagen Leichen, Leichen von Menschen, die den Hungertod gestorben sind.“ Und Bronislaw Geremek, der ehemalige polnische Außenminister, blickt zurück: „Der wichtigste Bestandteil des Lebens im Ghetto war einfach Angst, die Angst vor dem Deutschen. Egal, welche Uniform er anhatte.“Besonders viel Angst verbreitet Josef Blösche, der seine Macht über Leben und Tod aus vollen Zügen zu genießen scheint. Der Zeitzeuge Sol Liber berichtet: „Ich bin ziemlich viel herumgekommen, in Majdanek, in Treblinka. Er aber war der Schlimmste von allen.“ Fest steht laut Helgard Heindrichs und Heribert Schwan: „Josef Blösche hat eigenhändig so viele und so brutale Morde begangen wie nur wenige andere gehorsame Vollstrecker des Naziterrors.“ Eine der Aufgaben von Josef Blösche ist es, Familien in ihren Verstecken aufzuspüren, die sich vor dem Vernichtungslager Treblinka in Sicherheit bringen wollten. Hier entwickelt er allerlei bösartige Tricks, die bei seinen Vorgesetzten positiv auffielen. Ein Grund dafür, dass Blösche mehrfach zum persönlichen Schutz von Jürgen Stroop abkommandiert wird und mit ihm Kontrollrunden im Ghetto unternimmt. SS-und Polizeigeneral Stroop hat den Befehl von Reichsführer-SS Heinrich Himmler, den Aufstand im Warschauer Ghetto niederzuschlagen und das Ghetto aufzulösen. Und er führt diesen Befehl ab April 1943 „erfolgreich“ und gnadenlos aus. Bis zum Ende des Warschauer Ghettos tut Josef Blösche seinen grausamen Dienst. Sein letzter Rang ist der eines SS-Unterscharführers. Nach dem Zusammenbruch des Naziregimes taucht Blösche in der DDR unter, ohne jedoch seinen Namen zu ändern. Er arbeitet als Bergmann und gilt als treu sorgender Familienvater. Im Januar 1967 wird Josef Blösche schließlich verhaftet. Am 30. April 1969 verurteilt ihn das Bezirksgericht in Erfurt wegen der Beteiligung an der Deportation von mehr als 300 000 Menschen und wegen Mordes in mindestens 2000 Fällen zum Tode. Das Urteil wird am 29. Juli 1969 durch Genickschuss vollstreckt. Die Persönlichkeit Josef Blösches spielt in dem Gerichtsverfahren naturgemäß nur eine untergeordnete Rolle. Doch in dem Buch „Der SS-Mann“ werden einige Wissenschaftler bemüht, um das Wesen Blösches zu ergründen. So kommt Rosemarie Gosemärker, Vorsitzende des Fachverbandes Deutsche Graphologen, in einer Schriftanalyse zu dem Ergebnis, dass es sich bei Josef Blösche um einen einfach strukturierten Mann mit einem sehr niedrigen Persönlichkeitsniveau handeln müsse. Und der Psychiater Michael Osterheider, Direktor des Westfälischen Zentrums für Forensische Psychiatrie in Lippstadt, formuliert in seiner Persönlichkeitsanalyse: „Josef Blösche war von seiner Natur, von seiner persönlichen Ausgangssituation her, ein eher emotionsarmer Mensch: wenig Gefühle, wenig Gemüt, fast gemütlos. Menschen, die so emotionsarm sind, sind das nicht nur anderen gegenüber, sondern auch sich selbst gegenüber.“ Ähnlich äußert sich auch Thomas Müller, Kriminalpsychologe im österreichischen Innenministerium. Die Frage nach dem konkreten Auslöser für die Mordgier und das Mordvergnügen von Josef Blösche bleibt im Dunkeln. Das Buch wirft allerdings ein erschreckendes Schlaglicht auf die Tatsache, wie leicht anscheinend der Weg zu einem kaltblütigen Mörder von vielen tausend Menschen sein kann.
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