"In der Ruhe liegt die Kraft", sagte mein Vater

"Mein Zeugnis soll als Warnung dienen" - Eine Überlebende erinnert sich.

Donnerstag, 06. Mai 2004
Rudolf Schwinn
Wer das Buch aufschlägt, sieht als erstes auf ein Photo, das denabgeschabten Deckel eines Koffers zeigt. Darauf stehen inDruckbuchstaben der Name Zdenka Fantl und die Registriernummer S 716.Seine Besitzerin hat ihn nach Jahrzehnten bei einem Besuch in derGedenkstätte Auschwitz entdeckt. Es ist nicht das einzige Photo inihrem Erinnerungsbuch, das sie 50 Jahre nach Befreiung und Rettungveröfffentlicht hat: Die Bilder am Schluß des Buches erinnern an ihreglückliche Jugendzeit, der der Nazi-Terror ein Ende setzte und an ihreFamilie, die in den deutschen Mordfabriken ausgelöscht wurde. DerTitel, den die gebürtige Tschechin bestimmte, ist eine Hommage: "\'Inder Ruhe liegt die Kraft\', sagte mein Vater".Zdenka Fantlova unterzog sich im Alter der Mühe der Erinnerung und derschriftlichen Fixierung dessen, was ihr widerfahren ist. Den Impulshierzu vermittelten ihr ehemalige Mitschülerinnen, die sie beim erstenBesuch ihrer Geburtsstadt, dem tschechischen Blatna, Mitte der 90erJahre fragten, was ihr nach der Verschleppung ins Konzentrationslagergeschehen, was aus ihrer Familie geworden sei. Im Vorwort zu ihremErinnerungsbuch sagt die Autorin: "Die Fragen machten michnachdenklich. Wenn schon meine Generation und meine nächstenFreundinnen nichts von unserem Leben zwischen 1942 und Mai 1945 wußten,wie sieht es dann bei den Jüngeren aus?". Jede Erinnerung, so fährt siefort, sei "ein Teil, ein nur sehr geringer Teil, der historischenWahrheit". Damit "Ähnliches" sich nicht wiederhole, wolle sie Zeugnisablegen - und "dieses Zeugnis soll als Warnung dienen".Die Autorin wuchs mit den Freuden und Sorgen auf, wie sie jedes Kindund jedes junge Mädchen kennt. Ihr Vater war ein erfolgreicherGeschäftsmann; die Familie litt keinen Mangel, lebte in bürgerlichemWohlstand. Das Leben nahm seinen normalen Lauf. Fragen nach derBedeutung des Geschehens in Deutschland, wo der braune Terroreingesetzt hat, werden vom Vater abgetan. Dies seien Ereignissejenseits der Grenze; für den tschechoslowakischen Staat und seineBürger drohe keine Gefahr. Später wird die schwindende Überzeugung vonBeschwichtigungen überlagert: Die Republik mit ihrer Armee sei starkgenug, den Feinden zu wehren. Der Verrat der Westmächte in München, die"Heimholung des Sudetengaus" und die anschließende Zerschlagung des"Restes" dieses Staates durch die Hitler-Armee sowie die Ausrufungeines "Reichsprotektorats" zerstören jede Illusion. Und bald sind dieJuden Objekte der nazistischen Rassengesetze, die über Diskriminierungund Verschleppung den Gang in die Vernichtung programmieren.Zdenka Fantlova beschreibt anschaulich, präzise und distanziert, wiesie Deportation und Zwangsarbeit im Konzentrationslager erlebte, wiesie mit Glück, Mut und List der ihr zugeordneten Vernichtung entkam undim Akt verzweifelten Aufbäumens überlebte. Sie schreibt dies sonüchtern, daß man meinen könnte, hier sei von einer dritten Person dieRede. Diese Abwesenheit von Pathos macht ihren Bericht zu einemgroßartigen humanen Dokument. Besonders deutlich wird dies in einerPassage, in der sie schildert, wie sie die Mitteilung aufnimmt, inAuschwitz - wo sie mittlerweile, getrennt von Mutter und Schwester,eingetroffen ist - würden Menschen vergast und ihre sterblichenÜberreste verbrannt. Es ist nicht Selbstschutz, der sie dieseInformation auf die geistige Verwirrung ihres Urhebers zurückführenläßt: "Das ist doch Unsinn. Der arme Ota ist jetzt schon zwei Jahrehier, und sein Verstand hat sich verdüstert. Kein Wunder bei all dem,was er mit ansehen und erleben mußte. Er tat mir in diesem Augenblickrichtig leid, und weil ich ihn nicht kränken wollte, widersprach ichnicht ...". Die junge Frau meinte in diesem Moment, Rauch und Flammendes Krematorium entströmten dem Schornstein einer Großbäckerei.Vor ihrer Deportation nach Auschwitz war Zdenka Fantlova nachTheresienstadt verschleppt worden, das von den Nazis zurPropagandakulisse aufgebaut wurde. Das Lager sollte gegenüber einerDelegation des Internationalen Roten Kreuzes unter dem Motto "DerFührer schenkt den Juden eine Stadt" als mustergültiges Ghettopräsentiert werden. Für diesen Zweck wurden die künstlerischenAktivitäten von berühmten tschechischen Theaterschaffenden mißbraucht,die in Theresienstadt eine provisorische Bühne eingerichtet hatten. DieAutorin setzt diesen Menschen ein Denkmal und entlarvt die Perfidie dernazistischen Propaganda. Kapitel um Kapital, Szene und Szene ruft sieaus ihrer Erinnerung auf, wie bürokratisch organisierterVernichtungswillen und individuelle Grausamkeit Menschenlebenzerstörten. Die Autorin erinnerte sich in Momenten der äußersten Gefahrdes Mottos ihres Vaters. Noch im Moment seiner Verhaftung - er war vonder Gestapo abgeholt worden, nachdem er als Hörer eines "Feindsenders"von Nachbarn denunziert worden war - hatte er ihr gegenüber beherzigt:"In der Ruhe liegt die Kraft".Die Autorin hat ihr Buch "jenem unbekannten Soldaten der britischenArmee" gewidmet, "der mir im April 1945 in Bergen-Belsen" - der letztenStation ihres Leidensweges - "mit seiner Menschlichkeit das Lebenrettete". Zdenka Fantlova hatte sich, mit ersterbender Kraft in dessenSprache an den Engländer gewandt; sie hatte sie an einemSpracheninstitut in Prag erlernt, nachdem ihr dienationalsozialistischen Rassegesetze den Besuch der Höheren Schuleverwehrt hatten. Jiri Grusa, Lyriker und ehemaliger Botschafter in derBundesrepublik Deutschland, schreibt in seiner Einleitung zu diesemBuch: "Wenn in der Ruhe die Kraft liegt, so birgt vielleicht die Suchenach der Wahrheit auch die Chance, einst Geschehenes nie wiedergeschehen zu lassen. Ruhe, Kraft und Mut werden dazu notwendig sein wieder Glaube an die Menschen". Zdenka Fantlova, die nach ihrer Rettungzunächst in Stockholm, später in Melbourne lebte und schließlich inLondon als Bühnenschauspielerin Erfolg hatte, ist für die Mühe ihrerErinnerungsarbeit zu danken. Dank gebührt auch dem Bonner VerlegerStefan Weidle, der das Buch in deutscher Sprache verfügbar macht.
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