Der nationalsozialistische Terror: Gestapo, Juden und gewöhnliche Deutsche (2001)

Deutsche denunzierten ihre Nachbarn Das Verhalten der "gewöhnlichen" Deutschen zur Zeit des nationalsozialistischen Terrorregimes ist von verschiedenen Seiten sehr unterschiedlich charakterisiert worden. Von der Rückzugsposition vieler Zeitgenossen, von Verbrechen nichts gewusst und nichts bemerkt zu haben, bis hin zu den Vorwürfen Daniel Goldhagens, das deutsche Volk sei von einem eliminatorischen Antisemitismus durchdrungen, reicht die Palette. Wichtige Aufschlüsse können hier von der Auswertung von Gestapoakten erwartet werden, die im letzten Jahrzehnt erfreuliche Fortschritte zu verzeichnen hat. Interessant ist vor allem die Beantwortung der Frage, inwieweit die Bevölkerung durch Denunziation mitgewirkt hat, die von den Machthabern verfolgten Minderheiten ans Messer zu liefern.

Freitag, 12. August 2005
Dieter Adam
Der amerikanische Historiker Eric A. Johnson hat nun die Ergebnisse einer sechsjährigen Forschungsarbeit veröffentlicht, die sich hauptsächlich auf über 1100 Akten der Gestapo und der Sondergerichte aus verschiedenen rheinländischen Städten stützt, darunter Köln und Krefeld. Hinzu kommt die Auswertung einer Umfrage unter älteren deutschen Bürgern und jüdischen Überlebenden des Holocaust, sowie die Lebensläufe von Gestapo- und anderen Polizeibeamten. Mithilfe dieses umfangreichen Materials will Johnson folgende Fragen beantworten: "In welcher Weise beeinflusste der Terror den Alltag deutscher – jüdischer und nichtjüdischer – Bürger in durchschnittlichen deutschen Gemeinden? In welcher Weise entwickelte sich der Terror im Lauf der Zeit? Wer hatte am meisten unter ihm zu leiden und wer am wenigsten? Wie funktionierte das zentrale Terrorinstrument, die Gestapo? Wie mächtig war sie, und wie weit reichte ihr Arm? ... In welchem Maße waren gewöhnliche Deutsche daran beteiligt, ihre Mitmenschen zu überwachen und zu kontrollieren?" Und er forscht nach, was der deutsche Durchschnittsbürger von den Deportationen gewusst hat, bis zu welchem Grad er sich sogar daran beteiligte und wie groß sein Handlungsspielraum war.Die neuere Gestapoforschung ist immer mehr vom Bild einer übermächtigen, alles wissenden Institution Gestapo abgewichen, die allein schon wegen des relativ knapp bemessenen Personals kaum in der Lage war, die Gegner des Regimes umfassend zu kontrollieren. Diese Schwäche sei weitgehend durch den weit verbreiteten Hang der Bevölkerung zur Denunziation wett gemacht worden. Diesem Bild widerspricht Johnson vehement. Allerdings gelingt es ihm kaum, seine Ansichten durch die Ergebnisse seiner Untersuchungen eindrucksvoll zu untermauern. So findet er zwar heraus, dass Denunzianten nur einen verschwindend kleinen Anteil an der Bevölkerung ausmachten. Auch stellt er klar, dass entgegen allgemeiner Überzeugung mehr Männer als Frauen unliebsame Nachbarn der Gestapo meldeten und kann keinen einzigen Fall nennen, in dem Kinder ihre Eltern denunzierten. Überhaupt waren die allermeisten Denunziationen nicht politischer Natur, sondern beruhten auf Streit und Missgunst unter Nachbarn.Dennoch kann Johnsons bedingter Freispruch der deutschen Bevölkerung nicht ganz überzeugen, stellt er doch an anderer Stelle fest, dass ein Viertel der in den Akten nachgewiesenen Fälle durch Denunziation ausgelöst worden seien. So rücken für den Autor die Gestapobeamten in die Hauptrolle der Täter. Für ihn sind sie alles andere als "ganz normale Männer", obwohl ihre Biografien kaum außergewöhnliche Nuancen aufweisen und ihnen nach dem Krieg nur in Ausnahmefällen Exzesstaten nachgewiesen werden konnten.Man kann Johnson vorwerfen, dass er sich zu sehr auf den Bereich Denunziation kapriziert hat und Themen wie Bereicherung bei der Arisierung, Terror gegen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, Lynchmorde an abgeschossenen alliierten Bomberpiloten unberücksichtigt lässt. Unerwähnt bleiben auch die Tausende von Blockwarten und Millionen von Parteigenossen, die schon durch ihre unmittelbare Präsenz wesentlich dazu beitrugen, die weitgehend politisch desinteressierte Durchschnittsbevölkerung zu domestizieren, ob es nun darum ging, an Feiertagen eine Fahne zu hissen oder das Hören von "Feindsendern" zu verhindern.Das voluminöse Werk ist sicherlich kein Endpunkt in der Erforschung des Nazi-Terrors. Festzuhalten bleibt aber, dass dem Autor eine umfassende Regionalstudie mit vielen aufschlussreichen Erkenntnissen gelungen ist.
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