Der Holocaust in Ungarn

Ab dem Frühjahr 1944, vor 70 Jahren, wurden die ungarischen Juden nach Auschwitz deportiert – im Juli war das Land mit Ausnahme der Hauptstadt Budapest „judenfrei“.

Donnerstag, 19. März 2009
Heiner Lichtenstein

In der letzten Phase des Zweiten Weltkrieges gab es nur noch eine große jüdische Gemeinschaft in Europa, die vom Völkermord der Nationalsozialisten weitgehend verschont worden war: die ungarische. Das Land hatte sich auf die Seite Deutschlands gestellt und gehörte mit seiner Armee zu den Okkupanten der UdSSR. Im SS-Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin wartete man ungeduldig auf den Augenblick, in dem es möglich sein werde, auch die ungarischen Juden der „Endlösung zuzuführen“. Als im Frühjahr 1944 die bevorstehende deutsche Niederlage nicht mehr schönzureden war, galt als oberstes Ziel der Kriegführung, die europäischen Juden ohne jedwede Rücksicht zu vernichten.

An oberster Stelle der Agenda stand für den Exekutor der „Endlösung“, Adolf Eichmann, die jüdische Gemeinschaft in Ungarn. Es waren nach der Volkszählung von 1941 rund 725.000 Männer, Frauen und Kinder. Das entsprach fast fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Sie lebten in einer zutiefst antisemitischen Gemeinschaft, die besonders von den Medien, also Zeitungen und Hörfunk, angeheizt wurde. Die zweite judenfeindliche Macht war die katholische Kirche in einem fast einhundertprozentig katholischen Land. Drittens muss die Armee genannt werden, die ebenfalls ein Hort des Antisemitismus war. Diese Stimmung und wirtschaftliche Interessen führten schließlich dazu, dass die ungarische Regierung sich auf die Seite des nationalsozialistischen Deutschlands stellte.

Im Mai 1938 wurde das erste judenfeindliche Gesetz erlassen. Es schränkte den jüdischen Einfluss in der Wirtschaft auf sechs Prozent ein. „Davon abgesehen lebten die ungarischen Juden einstweilen noch in Sicherheit, wenn auch unter beträchtlichen Beschränkungen ihrer bürgerlichen Rechte und wirtschaftlichen Möglichkeiten.“, wird deren Lage in der „Enzyklopädie des Holocaust“ (Band 3, Seite 1465) beschrieben. Als sich die ungarische Regierung im März 1944 immer noch weigerte, die „Endlösung“ zu vollstrecken, besetzte Deutschland kurzerhand das verbündete Land. Das war am 19. März 1944. Adolf Eichmann kam persönlich nach Budapest, um die Deportationen sozusagen vor Ort zu überwachen. Das war zugleich die Zeit, da der Schwede Raoul Wallenberg in Budapest seine berühmte Rettungsaktion in die Wege leitete. Die Deutschen als neue Herren setzten die ungarische Regierung ab, ein antisemitisches deutschfreundliches Regime unter Döme Sztojay übernahm die Macht.

Kurze Zeit später, am 15. April 1944, gründeten ungarische Antisemiten unter Laszlo Endre in Budapest das „Institut zur Erforschung der Judenfrage“. Das Institut entwickelte für die neue Regierung die Voraussetzungen für die systematische Erfassung und Vernichtung der ungarischen Juden. Zuerst mussten die Juden in örtlichen Synagogen hausen, dann wurden sie in die Bezirkshauptstädte verschleppt, schließlich kamen sie in große zentrale Sammellager. Längst mussten sie den gelben Fleck an ihrer Kleidung tragen.

Grausame Herrschaft der „Pfeilkreuzler“

Die Deportationen ins Gas von Auschwitz folgten „territorialen Prioritäten“. Das bedeutete, sie richteten sich nach dem Vormarsch der Roten Armee. Wo die in Kürze erwartet wurde, mussten die Juden verschwinden, wurden ins Gas geschickt. Mindestens 437.000 wurden in Auschwitz ermordet. Sie kamen zwischen dem 15. Mai und dem 9. Juli 1944 aus 55 größeren Ghettos oder riesigen Lagern. Die verplombten Güterzüge waren hermetisch verschlossen. Außer der Hauptstadt Budapest war Ungarn Anfang Juli 1944 „judenfrei“. Die Budapester Juden wurden zwar nicht in Birkenau ermordet, ihre schlimmste Zeit stand ihnen aber noch bevor. Das war die Herrschaft der „Pfeilkreuzler“. Sie begann nach Admiral Horthys gescheitertem Versuch, Ungarn aus dem Krieg herauszuziehen. Das war am 15. Oktober 1944. Die Pfeilkreuzler jagten, malträtierten und mordeten die Juden. Ihre Herrschaft endete mit der Befreiung Budapests durch die Rote Armee am 17. Januar 1945. An dem Tag verschwand auch der berühmteste Judenretter während des Holocaust, Raoul Wallenberg, in den Weiten der UdSSR.

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