Der gute junge Broder und der "ewige Antisemit"

Henryk M. Broder, einer der bekanntesten Publizisten Deutschlands, fällt heutzutage vor allem durch Polemiken auf, bei denen die Sachargumente mit dem Elektronenrastermikroskop gesucht werden müssen. Vor knapp 25 Jahren war das eher andersherum. Sein damals erschienener Text "Der ewige Antisemit" jedenfalls hat an Aktualität kaum etwas eingebüßt.

Montag, 22. Februar 2010
Mathias Brodkorb
Auf knapp 300 Seiten hat Broder eine informative und kurzweilige Schrift zusammen getragen, die sich der Problematik des Antisemitismus im Deutschland der 1980er Jahre widmet. Freilich: Broder wäre nicht Broder, wenn er nicht auch hierbei bisweilen über das Ziel hinaus schösse. So schließt er sich einem Diktum Detlev Claussens an, dass "die deutsche Normalität gegenüber den Juden (...) antisemitisch" sei und versucht eben genau dies an allen möglichen Stellen nachzuweisen.

Broder lässt sich bspw. zu der These hinreißen, dass hinter dem Etikett "Antizionismus nur ein zeitgemäß kaschierter Antisemitismus steckt". Indem Broder nun so tut, als gäbe es nur einen Zionismus und folglich auch nur einen "Antizionismus", verfließen die Grenzen zwischen Antizionismus und Antisemitismus zwangsläufig. Und dennoch legt er eine ganze Batterie von Belegen dafür auf den Tisch, dass sich von links bis rechts hinter einem vermeintlichen Antizionismus bisweilen tatsächlich nichts anderes versteckt als ein "kaschierter Antisemitismus".

Eine Mischung aus Spott und Mitleid hat Broder dabei für diejenigen Juden übrig, die den Versuch unternahmen und noch heute unternehmen, den Antisemitismus zu widerlegen. Antisemiten gilt ja umgekehrt jeder Versuch der Verteidigung als zusätzlicher Beleg für die "jüdische Schuld". Denn weshalb sonst sollte man sich verteidigen, außer um von der eigenen Schuld abzulenken? Und wenn die Apologie besonders gut und durchgreifend gelingt, ist auch dies einem Antisemiten nur ein weiterer "Beleg" für die abgrundtiefe Gerissenheit des Juden: "Der Antisemitismus ist das einzige bekannte Perpetuum mobile, dessen Eigendynamik ausreicht, es in Bewegung zu halten. Die einzelnen Teile dieser sich selbst nährenden Apparatur sind so gut aufeinander abgestimmt, daß keine Reibungsverluste auftreten, sondern Energien übertragen, weitergegeben werden."

Und so interpretiert Broder den Antisemitismus mit Sartre als ein "beständiges Gefühl" - und eben nicht als ein mit rationalen Mitteln zu bewältigendes Phänomen -, das nach Befriedigung seiner Gelüste trachtet. Es werde immer dort sichtbar, wo "von Juden begangene Taten und Untaten (...) einen Reflex auslösen, der sich bei anderen Übeltätern nicht einstellt." Dabei beanspruchte Broder bereits vor 25 Jahren und nicht erst heute - eben offenbar aus diesem Grund - für den Judenhass einen Sonderstatus. Schon damals wollte er ihn fundamental von "Fremdenfeindlichkeit" abgegrenzt wissen: "Gemeinsam ist dem Antisemitismus wie der Fremdenfeindlichkeit, daß beide das Bedürfnis befriedigen, Sündenböcke und Prügelknaben für alles mögliche zu finden (...). Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit können also dieselbe Funktion haben, dennoch dürfen sie nicht gleichgesetzt werden. Der Antisemitismus hat als Ausdruck von Gefühlen oder Bedürfnissen eine ganz besondere Qualität."

Und so bleibt nach der Lektüre eines Buches, das aufgrund seiner Detail- und Perspektivenfülle noch heute Aufmerksamkeit verdient hat und überdies längst in aktualisierter Auflage erschienen ist, die Frage, auf die auch Broder keine Antwort gibt: Wenn der Antisemitismus mit rationalen Argumenten nicht außer Kraft zu setzen ist, da es sich bei ihm um ein "beständiges Gefühl" handelt - was können die Anti-Antisemiten dann eigentlich dagegen tun?


broder-antisemitHenry M. Broder
Der ewige Antisemit
Fischer-Verlag, 288 Seiten
ISBN: 3-596-23806-4
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