Der Geschichtsfälscher: Holocaust und historische Wahrheit im David-Irving-Prozess. (2001)

Die Holocaust-Leugner arbeiten mit einem einfachen Trick: Sie geben sich als Wissenschaftler und stellen mit Unschuldsmiene die "Schulwissenschaft" in Frage.

Freitag, 12. August 2005
F-P. Heller
Da die Judenvernichtung ein emotionsbelastetes Thema ist, machen sie mit ihrem "Revisionismus" so viel Wind, dass ihnen endlich jemand widersprechen muss. Eine Entgegnung müsste sich auf dieselbe vom Antisemitismus eingefärbte Ebene einlassen und beweisen, was ohnehin unbestreitbar ist. Deshalb hat die US-amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt den Ansatz gewählt, die Holocaust-Leugnung selbst zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung zu machen (Betrifft: Leugnen des Holocaust, Zürich 1994). In dem Buch nennt sie den Briten David Irving einen "Geschichtsfälscher und Holocaust-Leugner". Dagegen hat Irving 1994 in London Klage wegen Verleumdung eingereicht. Das Gericht nahm sich Irvings Vorträge und Bücher vor und musste sich, obwohl die Klage nicht direkt die historischen Ereignisse betraf, mit Fragen der historischen Wahrheit auseinandersetzen. Der Kläger Irving geriet während des Prozesses immer mehr in die Defensive und steckte mit dem Urteilsspruch vom April 2000 eine vernichtende Niederlage ein. Sein "akademischer Mantel hing nach dem Urteil in Fetzen". Da das internationale Medieninteresse groß war, war es zugleich eine Niederlage für die gesamte Holocaust-Leugnung. Irving brachte es allerdings fertig, aus dem verlorenen Prozess noch publizistischen Gewinn zu schlagen. Richard Evans, der als Gutachter vor dem Gericht auftrat, beschreibt in seinem Buch "Der Geschichtsfälscher", wie Irving den Gerichtssaal als Forum benutzte und fast täglich seine willkürlichen Versionen der Verhandlungen ins Internet setzte. Zu guter Letzt gab er sich als Justizopfer. Evans beschreibt im Detail Irvings schludrigen Umgang mit den Quellen. Nach britischem Recht musste Irving der Gegenseite alle seine Unterlagen überlassen. Evans untersucht Irvings Weglassungen, fehlerhaften Übersetzungen, Ausblendungen des Kontext, Falschdatierungen und Kombinationen von Textteilen verschiedenen Ursprungs, so dass der gewünschte Sinn zustande kommt. Irving manipuliere die Zahl der ermordeten Juden systematisch nach unten. Ein Kapitel über die Bombardierung Dresdens 1945 zeige, wie Irving die deutschen Opferzahlen willkürlich hochschraubt, womit er offenbar ein moralisches Gegengewicht zum Judenmord begründen will. Evans aktualisiert Lipstadts Anatomie der Holocaust-Leugnung. Welcher Wissenschaftler, welche Wissenschaftlerin hätte sich je träumen lassen, das umfangreiche Privatarchiv eines Holocaust-Leugners systematisch durcharbeiten zu können? Allerdings lässt Evans Buch vermissen, was man sich schon von Lipstadt gewünscht hätte: Eine Analyse der Holocaust-Leugnung für das Weltbild der Rechtsextremen. Die Holocaust-Leugnung war notwendig, um den Antisemitismus von der Belastung durch Auschwitz zu befreien. Nach Auschwitz war der Antisemitismus moralisch unmöglich. Man kann angebliche Weltverschwörer und Ausbeuter hassen, aber nicht die Toten und Überlebenden der KZs. Die Bewunderung Hitlers war eingeschränkt, solange dessen Verbrechen im allgemeinen Bewusstsein unwidersprochen als Verbrechen galten. Diese Verleugnungsarbeit ist inzwischen getan, und kein Aufklärungsbuch oder Gerichtsurteil kann den Antisemiten die Erleichterung darüber nehmen, dass der Holocaust immerhin ein kontroverses Thema sei. Darüber hinaus war der rechte Geschichtsrevisionismus Ausgangspunkt zu einer umfassenden Umdeutung des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. Evans gibt eine Reihe von Beispielen, wo Irving Quellen verfälscht, die mit dem Holocaust nichts zu tun haben. Er zeigt, wie Irving in seinen Texten und während des Prozesses seine eigenen früheren Äußerungen revidiert. Der holocaustleugnende Revisionismus ist selbstbezüglich geworden. Seine Argumente wiederholen sich schon lange und der provokative Stachel ist stumpf. Evans Buch handelt von einem Prozess wegen eines Buches über die Holocaust-Leugner. Die Holocaust-Leugnung ist also Gegenstand wissenschaftlicher und juristischer Auseinandersetzungen auf mehreren Ebenen und Reflexionsstufen und ihrerseits Gegenstand der Geschichtsschreibung. Damit könnte sie sich totgelaufen haben. Ihre Protagonisten sind zur praktischen Arbeit übergegangen. Russland und einige islamische Länder sind ein weites Feld, auf dem sie den "internationalen Feldzug für die wahre Geschichte" (Irving, zit. nach Evans 2001, S. 38) führen. Aus dem Englischen von Udo Rennert
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