Der Freund des Terroristen

Im NSU-Verfahren muss am Donnerstag ein einflussreicher sächsischer Neonazi erscheinen. Er verfügt bis heute über Kontakte ins Helferlager.

In dem Justizgebäude findet derzeit der NSU-Prozess statt; Foto: Bubo, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Mit freundlicher Genehmigung des blick nach rechts übernommen

Obwohl Zeuge für Zeuge aus dem Chemnitzer Neonazi-Milieu im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht in München mit Erinnerungslücken und Ablehnung aufwarten, ist deutlich geworden, dass die braunen Helferseilschaften von einst den Kontakt untereinander bis heute halten.  Längst als das Jenaer Trio 1998 in Sachsen untertauchte, galt Chemnitz als „Mekka“ der rechten Musikszene. Internationale braune Szene-Stars spielten auf konspirativen Konzerten. Es ging nicht nur um viel Geld, sondern auch um Militanz, Waffen und Untergrund. Die meisten Neonazis, die Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe in der Illegalität halfen, gehörten zu „Blood&Honour“, der Chemnitzer Kameradschaftsszene oder mutmaßlich zum dortigen „Heimatschutz“. Bereits einige Jahre zuvor hatte vor allem Mundlos unter den führenden Chemnitzer Köpfen seine politischen Masterminds gefunden.

Routiniert sagen die damaligen Fluchthelfer heute nur das Nötigste aus. Für Donnerstag ist der 39-jährige Hendrik Lasch in den Zeugenstand geladen. Der smarte Bartträger mit Brille gilt als einer der einflussreichsten rechtsextremen Drahtzieher in Sachsen. Lasch stand nicht nur „Hammerskins“ und „Blood&Honour“ nahe, sondern auch der regionalen Rocker-Szene. Seit mindestens 1994 war er persönlich mit dem NSU-Terroristen Uwe Mundlos aus Jena befreundet. Gemeinsam mit Kameraden fuhren die beiden bereits 1994 zu einem Konzert nach Niederbayern.

200 T-Shirts von den Mundlos-Zeichnungen angefertigt

Lasch und Mundlos galten ebenso wie die Chemnitzer Neonazis Jan W. und Thomas Starke als „Macher“. Mundlos lebte im Untergrund seine zynische, menschenverachtende Kreativität weiter aus und die Chemnitzer hatten ihren Nutzen davon. Gemeinsam bastelte das abgetauchte Trio im Hinterzimmer das „Pogromly“-Spiel mit den Konzentrationslagern oder Mundlos zeichnete Comics wie die „Skinsons“, eine Mischung aus einem Skinhead und einem Mitglied der gelbhäutigen TV-Comicfamilie. Die erste Ausgabe des Chemnitzer „Blood&Honour“-Fanzines „White Supremacy“ im Jahr 1998 zierte ein keulenschwingender „Skinson“.

Hendrik Lasch, der seinen Freund etwa 1999 im nahen Unterschlupf in Chemnitz besuchte, fertigte von den Mundlos-Zeichnungen 200 T-Shirts an. Der Kaufpreis betrug 20 DM pro Stück. Die „Skinsons“ seien eine „Veralberung“ gewesen, gab Lasch 2012 gegenüber den NSU-Ermittlern zu Protokoll. Im aktuellen Sortiment seines „Backstreet Noise“-Ladengeschäfts ziert erneut ein Skinson-ähnlicher Polizist Verkaufsware. Daneben steht die Parole: „Selbstjustiz – Der Staat ist die einzige kriminelle Organisation“.

„Döner Killer“-Song bei PC Records

Während das abgetauchte Jenaer Trio Waffen, Unterkunft und Papiere von den Kameraden erhielt und in Chemnitz die ersten Geldüberfälle verübte, gründete Hendrik Lasch seine legalen Szene-Läden. Die endlosen Wohnblöcke rund um das Fritz-Heckert-Gebiet beherbergten damals zahlreiche rechte Wohngemeinschaften, zwischendrin thronen noch heute die beiden von Hendrik Lasch gegründeten Geschäfte: „PC Records“ und „Backstreet Noise“. Beide Firmen liegen noch Wand an Wand in der Salvador-Allende-Straße, obwohl Lasch das Musikgeschäft offiziell 2004 an seinen damaligen Angestellten Yves Rahmel abgab. 2010 veröffentlichte ausgerechnet dieses Label den „Döner-Killer“-Song der niedersächsischen Rechtsrock-Band „Gigi & und die braunen Stadtmusikanten“ über die Ceska-Mordserie.

Heute wirbt der Chemnitzer Unternehmer Lasch häufig selbst als Model für seine Szene-Kleidung. Im viel frequentierten Ladengeschäft „Backstreet Noise“, in unmittelbarer Nähe einer Schule liegend, sind Shirts oder Hoodys mit Aufschriften wie „Selbsthilfegruppe Amok – du bist lustig, dich töte ich zuletzt“, verziert mit Messer, Handgranate und Maschinenpistole, erhältlich. Im vergangenen Dezember lud die Firma zum 14-jährigen Jubiläum mit Bratwurst.

Damals, Ende der 1990er Jahre zählte zum Chemnitzer Führungstrio von „Blood&Honour“ neben Jan W. und Thomas Starke auch der umtriebige Lasch. Enge Kontakte gab es ebenso zum Zwickauer Neonazi und Unternehmer Ralf Marschner, genannt „Manole“. Am 19. September 1998 beteiligten sie sich an einem Rechtsrock-Konzert der „Hammerskins“ Sachsen in Pölzig bei Leipzig. Ursprünglich sollte die Feier in der Schweiz stattfinden, wurde dort aber verboten. Während „Manole“ (Marschner) aus Zwickau mitorganisierte, verkauften Jan W. und Hendrik Lasch dort CDs und Kleidung.

Weitläufiges Spinnennetz der sächsischen Neonazi-Szene

Das nahe bei Chemnitz gelegene unauffällige  Zwickau wurde von 2000 an für elf Jahre der mutmaßliche Unterschlupfort für Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Auch hier halfen Kameraden, doch darüber ist bislang nur wenig bekannt. 2007, im Jahr des letzten Mordes des NSU, verschwand „Manole“, inzwischen auch als Verfassungsschutz-Spitzel enttarnt, aus Sachsen. Es gelang dem Mann, trotz  Drogen- und Geldproblemen 2007 in die wohlhabende Schweiz überzusiedeln.

Vorher war er ebenso wie ein weiterer Lasch-Bekannter Szene-Musiker. Während der schwere Glatzkopf aus Zwickau in der Band „Westsachsengesocks“ gespielt hatte, trat der stämmige Chemnitzer Andreas G. zunächst bei „AEG – Auf eigene Gefahr“auf, um dann, nach seinem Umzug nach Baden-Württemberg, bei der Kult-Band „Noie Werte“ mitzumachen.

Die  sächsische Neonazi- und Business-Szene um Hendrik Lasch  baute ihr Spinnennetz weitläufig aus und die Kontakte halten bis heute. Hendrik Lasch und Andreas G. treffen sich nach eigenen Angaben hin und wieder. Auch Jan W., den einstigen Chemnitzer „Blood&Honour“-Boss, verschlug es in den Südwesten Deutschlands. Zuletzt will Lasch ihn noch 2012 bei einem Konzert in Ludwigsburg angetroffen haben. Nach und nach schien sich der Chemnitzer Unternehmer auch für die Rockerszene zu interessieren. Gemeinsam mit dem mutmaßlichen NSU-Helfer und Mitglied der Chemnitzer Band „Blitzkrieg“, Jörg R., besuchte er im August 2011 ein Rechtsrock-Konzert in Eichow bei Cottbus, an dem auch Kuttenträger des MC „Bandidos“ und der „Hells Angels“ teilnahmen.

Pokal für Turnier der „Motorradstaffel Kreuzeiche“

Weitestgehend unbeleuchtet blieben bisher die möglichen NSU-Verbindungen nicht nur zu langjährigen Neonazi-Freunden in Baden-Württemberg sondern auch ins kriminelle Milieu. Mit dem Mord an der Polizistin Michele Kiesewetter in Heilbronn 2007 riss die Serie an Tötungsdelikten, die dem NSU zugeordnet wird, ab. Dabei war die junge Polizistin aus Thüringen vor ihrem Tod ungewöhnlich häufig für brisante Einsätze – auch als Lockvogel im Drogen und Rotlichtmilieu – ausgewählt worden.

Vor allem Mundlos und Zschäpe hatten seit den 1990er Jahren rechtsextreme  Freunde im Südwesten und besuchten sie häufig. Später spann sich auch das Chemnitzer Netzwerk dorthin. Ein weiterer Bekannter von Hendrik Lasch könnte durchaus eine Rolle spielen: Rico H., der Rocker ist. H. kannte sich nicht nur in Chemnitz aus, sondern war auch mit den Machern der Meppener Musikgruppe „Gigi & die braunen Stadtmusikanten“ bekannt. 2008 besuchte der Baden-Württemberger ein Volleyballturnier des Chemnitzer MCs „Motorradstaffel Kreuzeiche“, ein Club, der sich aus Kuttenträgern, Hooligans und Neonazis zusammengesetzt haben soll. Den Pokal für das Turnier spendete die Chemnitzer Firma „Backstreet Noise“.

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