Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Präventivschlagsthese

Seit Mitte der 80er Jahre stieg unter Beifall von rechts die Zahl derer, die Hitlers Überfall den von der Nazi-Propaganda behaupteten Präventivcharakter zusprechen. Nach der Öffnung der Moskauer Archive kann diese Auffassung nun fundiert zurückgewiesen werden. Im Sommer 1941 gab es auf sowjetischer Seite keine Angriffsvorbereitungen, die denen der Deutschen annähernd vergleichbar gewesen wären.

Donnerstag, 06. Mai 2004
Armin Pfahl-Traughber
Präventivkrieg oder Überfall - zwischen diesen beiden Bewertungen schwankt die Interpretation des deutschen Angriffs aufdie Sowjetunion von 1941 ("Unternehmen Barbarossa") in Öffentlichkeit und Wissenschaft hin und her. Mehrheitlich sahen Historiker lange Zeit das "Unternehmen Barbarossa" als klassischen Fall eines Angriffkrieges von Seiten Hitler-Deutschlands an. Seit Mitte der 80er Jahre mehren sich Veröffentlichungen von Publizisten und Wissenschaftlern, die unter dem Beifall von Rechtsextremisten ein anderes Bild zeichnen: Sie gehen davon aus, daß Stalin aufgrund einer langfristig angelegten Strategie einen Angriffskrieg plante und Hitler lediglich ein Faktor in dessen weltpolitischem Kalkül dargestellt haben soll. Der kritischen Auseinandersetzung mit diesen Auffassungen widmen sich die Autoren des von dem deutschen Historiker Gerd R. Ueberschär und dem russischen Historiker Lev A.Bezymenskij herausgegebenen Sammelbandes "Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese". Aufgegliedert ist der Band in drei Teile: Zunächst geht es um die militärisch-politische Entwicklung aus deutscher Sicht mit drei Beiträgen von Ueberschär selbst und zwar über die Entwicklung der deutsch-sowjetischen Beziehungen von 1939 bis 1941 und Hitlers Entschluß zum Überfall auf die UdSSR, die militärischen Planungen für den Angriff auf die Sowjetunion und die Bewertungen in der deutschen Geschichtsschreibung und bei den Anhängern der neueren "Präventivkriegsthese" zu Hitlers Überfall und Stalins Absichten. Ergänzt werden diese Aufsätze noch durch Ausführungen von Wolfram Wette über die NS-Propagandathese vom angeblichen Präventivkriegscharakter des Überfalls und von Wigbert Benz zur Darstellung des 22. Juni 1941 und seiner Vorgeschichte im Geschichtsunterricht der Bundesrepublik Deutschland. Der zweite Teil widmet sich der militärisch-politischen Entwicklung aus sowjetischer Sicht und enthält Beiträge von Michail I. Semirjaga über die sowjetisch-deutschen Beziehungen 1939-1941 aus der Sicht Moskaus, von Nikolaj M. Romanicevs über militärische Pläne eines Gegenschlages der UdSSR, von Lev A. Bezymenskij über die Erkenntnisse und das Wirken des sowjetischen Nachrichtendienstes zur Zeit des Kriegsbeginns 1941 und von Alexander I. Boroznjak über die gegenwärtige Debatte unter russischen Historikern zum Charakter des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion. Der dritte Teil präsentiert dann noch eine umfangreiche Sammlung von kommentierenden Dokumenten sowohl zu Hitlers als auch Stalins politischen Zielen, wozu u.a. auch die kontrovers diskutierte Rede Stalins vom 5. Mai 1941 gehört. Mit ihren Analysen nehmen die Autoren in den einleitenden Worten der Herausgeber wie folgt Stellung "zur Frage nach dem Charakter des deutschen Angriffskrieges und der unbewiesenen These vom Präventivschlag; denn das \'Unternehmen Barbarossa\' war für die NS-Führung kein Präventivkrieg, und es gab vor dem Juni 1941 auch keine konkreten Angriffsvorbereitungen der Moskauer Führung, die mit denen des deutschen Generalstabes vergleichbar sind. Es gibt somit - auch nach Öffnung der Moskauer Archive - keine konkreten Beweise, daß ein Angriff der Sowjetunion auf Deutschland im Sommer 1941 geplant war. Die Quellen dokumentieren eindeutig die Zurückweisung der Präventivkriegsthese. Sie zeigen zugleich, daß sich die Führung der Roten Armee angesichts des deutschen Aufmarschs seit Spätsommer 1940 sehr wohl um entsprechende Abwehrmaßnahmen und Verteidigungsvorkommen bemühte. Sie scheiterten allerdings an Stalins Ablehnung, was für die Sowjetunion insgesamt verhängnisvolle Folgen hatte" (S.IX). Mit dem Sammelband haben die Herausgeber ein informatives und materialreiches deutsch-russisches Gemeinschaftswerk von Historikern zu einem aktuellen und umstrittenen Thema vorgelegt. Während insbesondere die deutschen Autoren mehrheitlich Auffassungen und Darstellungen wiederholen, welche bereits in den vergangenen Jahren an anderen Orten publiziert wurden, gehen die russischen Historiker stärker auf aktuellere Diskussionen und Erkenntnisse ein. Dabei verdienen insbesondere jene Aspekte ein besonderes Interesse, die auch immer wieder von den Anhängern der Präventivkriegsthese vorgetragen werden. So verweisen etwa mehrere Autoren darauf, daß er in diesem Zusammenhang häufig erwähnte Präventivkriegsplan von Marschall Timosenko und General Zukov vom 15. Mai 1941 von Stalin abgelehnt wurde und somit als Beleg für deren Auffassungen überhaupt nicht herangezogen werden kann.
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