Den Rechten in die Suppe gespuckt

Ein kleines Dorf in Franken wurde über 50 Mal von Neonazis heimgesucht – doch den längeren Atem hatte die Zivilgesellschaft. Nun hat die bayerische SPD das „Bürgerforum Gräfenberg“ mit dem „Josef-Felder-Preis“ ausgezeichnet. Ein wichtiges Signal, denn die Organisatoren des Widerstands werden nach wie vor massiv bedroht.
 

Freitag, 16. März 2012
Christoph Ruf

Als Michael Helmbrecht am Tag vor Silvester aus seinem Haus trat, erlebte er eine böse Überraschung. Die Scheiben seines Opel Vectra waren eingeschlagen, die Reifen zerstochen, einige Schlösser mit Bauschaum versiegelt. Gut 4000 Euro Sachschaden haben die Täter damit angerichtet, die – mutig, mutig – auch noch mitten in der Nacht Buttersäure durch den Briefkasten in das Haus gekippt hatten, in dem Helmbrecht sowie seine Mitstreiterin Karin Bernhart mit ihren Familien leben. Die Gründer und langjährigen Sprecher des „Bürgerforums Gräfenberg“ wussten natürlich sofort, wem sie all das zu verdanken hatten: Den Neonazis, denen die Bürger von Gräfenberg über mehrere Jahre lang so kräftig in die Suppe gespuckt hatten, dass sie irgendwann klein beigeben mussten.

Der kleine Marktflecken Gräfenberg war im vergangenen Jahrzehnt zur Pilgerstätte von NPD und freien Kameradschaften geworden, weil die Nostalgiker des Dritten Reichs in dem malerischen 3800-Einwohner-Örtchen Anknüpfungspunkte an die Zeit gefunden hatten, die sie lieber heute als morgen wiederauferstehen sehen würden: Gräfenberg war während der Zeit des Nationalsozialismus Sitz der Gauleitung, die Wahlergebnisse der Nazis waren in der Region überdurchschnittlich gut. Zudem hatte bereits der Erste Weltkrieg seine völkischen Spuren hinterlassen. Ein Kriegerdenkmal thronte seit 1924, mit eisernem Kreuz, elf Meter hoch und auf einem Hügel über dem Städtchen.

Neonazistische Strukturen im Süden

50 Mal waren die Rechten seit 1999 in Gräfenberg aufmarschiert, 50 Mal hatten sich die Leute vom „Bürgerbündnis“ ihnen in den Weg gestellt. Jahr für Jahr stellten sie sich den Neonazis entgegen; hartnäckig und mit allerlei fantasievollen Aktionen. Antifa-Aktivisten aus Nürnberg waren dabei, vor allem aber die viel zitierte Mitte der Gesellschaft, die je nach politischer Konjunktur zu „Aufständen von Anständigen“ motiviert wird: der Handwerker, die Pfarrerin, der pensionierte Lehrer. Irgendwann gaben die Nazis auf.

Das ist vor allem in einer Region wichtig, in der sich in den vergangenen Jahren neonazistische Strukturen herausgebildet haben. Im Großraum Nürnberg gibt es eine aktive Neonazi-Szene, in Oberprex (Kreis Hof) hat ein führender Aktivist des „Freien Netz’ Süd“ jüngst eine ehemalige Wirtschaft erworben. Dort werden nun häufig „Kameradschaftsabende“ gefeiert.

In Fürth und Umgebung treibt der mehrfach verurteilte Neonazi Matthias Fischer sein Unwesen. Er war es auch, der als regelmäßiger Anmelder der Aufmärsche in Gräfenberg fungierte. Als die Aktivitäten in Gräfenberg gestoppt wurden, fanden die Organisatoren des Widerstandes Flugblätter in ihren Briefkästen, in denen die Braunen Rache ankündigten. Es gehörte schon damals Mut dazu, an vorderster Front gegen die Nazis zu agieren.

Das Problem wird nicht geringer

„Was die Leute vom Bürgerforum gemacht haben", sagt Bürgermeister Werner Wolf, „war die Kärrnerarbeit, die uns den Ruf als aufrechte Stadt eingebracht hat“, Wolf ist auch vor Ort, als das Bürgerforum Gräfenberg im NS-Dokumentationszentrum von der bayerischen SPD geehrt wird. Er sitzt in einer der hinteren Stuhlreihen. Sympathischerweise gibt es für ihn offenbar Wichtigeres als die Reichweite von Kameras.

Aufmerksam hört Wolf zu, was Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly („Lange haben wir gesagt: Wehret den Anfängen, obwohl es schon lange losgegangen war.“) zu sagen hatte. Auch Florian Pronold, bayerischer SPD-Landeschef, lobte in seiner Rede ausführlich den Mut der Leute vom Bürgerforum, ehe er den „Josef-Felder-Preis“ an Sprecherin Karin Bernhard übergab.

Die Auszeichnung wird seit 1995 zum Gedenken an den bayrischen SPD-Reichstagsabgeordneten verliehen, der 1933 gegen das Ermächtigungsgesetz stimmte. Pronold, der 1989 nach den Erfolgen der Republikaner bei der Europawahl (bundesweit bekamen sie 7,1 Prozent der Stimmen, in Bayern gar 14,6) in die SPD eingetreten ist, lobte die Gräfenberger vor allem für ihren langen Atem. Genau der sei notwendig bei einem Thema, das wie kein zweites Medienkonjunkturen unterliege: „Das Problem wird nicht geringer, nur die Aufmerksamkeit für die Gegner ist sehr konjunkturabhängig.“

Das findet auch Michael Helmbrecht, der sich schon vor einigen Jahren mehr Unterstützung durch die Landes- und die Bundes-SPD gewünscht hätte. „Ich habe aber schon registriert, dass in München in den vergangenen Monaten das Problembewusstsein deutlich gestiegen ist.“

Nach den jüngsten Ereignissen hat der Vorstand ein Unterstützerkonto für Opfer rechter Gewalt eingerichtet.
Kontoinhaber: Allianz gegen Rechts in der Metropolregion Nürnberg, 
Bankinstitut: Sparkasse Nürnberg
, BLZ: 760 501 01, 
Kto.-Nr.: 11 46 64 22

Der Text ist auch auf vorwärts.de erschienen

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