von Oliver Cruzcampo
   

Demminer „Trauermarsch“ bekommt reichlich Gegenwind

Den Massensuizid in Demmin nutzen NPD-Kader, um jedes Jahr am 8. Mai durch die Stadt zu ziehen und die Vorfälle zu verklären. Die Punkband Feine Sahne Fischfilet gab am Dienstag ein Konzert und unterstützte so die Mobilisierung der Gegenproteste, denen sich 900 Personen anschlossen. Der rechtsextreme „Trauermarsch“ entlang Hunderter feiernder Menschen mutete skurril an.

Für gewöhnlich wirken die Abläufe in Demmin wie ein rechtsextremes Ritual. Seit Jahren organisieren NPD-Kader den sogenannten Trauermarsch in der Hansestadt. Auf der immer selben rund 1,5 Kilometer langen Strecke geht es durch den Ort, um am Ende anhand von revisionistischen Reden die Geschichte zu verdrehen und anschließend einen Kranz in die Peene zu werfen.

Bereits im Vorfeld wurde der Massensuizid in Demmin, der sich zwischen dem 30. April und dem 4. Mai 1945 ereignete, medial breit in Erinnerung gerufen. Der Regisseur Martin Farkas hatte für seinen Film „Über Leben in Demmin“ über mehrere Jahre Zeitzeugen interviewt und die „Trauermärsche“ begleitet. Seit Ende März ist der Film in Kinos zu sehen und hat in der Region erneut eine Diskussion entfacht.

Feine Sahne Fischfilet lockt Hunderte nach Demmin

Der angekündigte Auftritt der Band Feine Sahne Fischfilet dürfte zudem dazu beigetragen haben, dass am Dienstag deutlich mehr Gegendemonstranten in Demmin anzutreffen waren. „Da wir gerade einfach das Privileg haben sehr viele Menschen zu erreichen, wollen wir dies nutzen und solch Rassistenaufmärsche in unserer alten Hood nicht unkommentiert lassen“, schrieb die Band in ihrer Ankündigung.

Neonazi-Trauermarsch DemminFotogalerie der Neonazi-Demo und den Gegenprotesten

900 Personen schlossen sich nach dem Konzert einem Stadtspaziergang und den verschiedenen Mahnwachen entlang der Neonazi-Route an, ein deutlicher Anstieg gegenüber den 330 Teilnehmern im vergangenen Jahr. Auf Seiten der Geschichtsrevisionisten stagniert die Zahl der Anhänger seit Jahren, ist teilweise leicht rückläufig. 200 Personen folgten am Dienstagabend dem Aufruf der NPD, in dem vom „größten Verbrechen an unserem Volk“ die Rede ist. Man müsse „den Umerziehern zeigen, dass es noch mündige Deutsche gibt, die selbstbestimmt in die Zukunft schauen“, heißt es dort weiter.

Konfetti und Feuerwerk

Entlang der Route wurde der „Trauermarsch“ immer wieder mit Diskomusik beschallt, Menschen tanzten unter dem Motto „Tag der Befreiung“, Dutzende sogenannte Konfetti-Kanonen wurden Richtung der Neonazis abgefeuert, die den mit klassischer Musik unterlegten Aufmarsch absurd erschienen ließen. Später wurden auch Feuerwerk entzündet und mehrere Raketen in den Himmel geschossen – deutlich hörbar während der „Trauerreden“.

An der Peene angekommen, verlasen NPD-Landesvize David Petereit und Adrian Wasner, die zusammen im Kreistag des Landkreises Rostock sitzen, kurze Reden, im Anschluss wurde der Kranz abgeworfen. Auf Inszenierungen der letzten Jahre, wie etwa durch Laienschauspieler, das Zeigen mehrerer Kreuze oder das Entzünden von Fackeln, wurde diesmal verzichtet.

Der in Neonazi-Kreisen „Ehrendienst“ genannte Aufmarsch ist die derzeit einzig verbliebene Versammlung extrem rechter Kräfte in Mecklenburg-Vorpommern, die alljährlich durchgeführt wird. Selbst die traditionelle 1. Mai-Demo der NPD fand in diesem Jahr nicht statt, auch fehlten wie bereits im Vorjahr etliche Funktionäre, die seit dem Verlust der Landtagsfraktion öffentlich nicht mehr für die rechtsextreme Partei in Erscheinung treten. Etliche Teilnehmer waren dem subkulturellen bzw. Kameradschafts-Spektrum zuzuordnen, vor allem aus dem Raum Vorpommern.

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