von Claudia Barlen
   

Demmin: “Untergang der kleinen Leute” – Missbrauch durch neue Nazis

In diesem Jahr jährt sich am 8. Mai der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus zum 70. Mal. In vielen Städten und Gemeinden finden Gedenkveranstaltungen statt. In der vorpommerschen Kleinstadt Demmin versuchen Neonazis seit einigen Jahren, einen der größten Massenselbstmorde der deutschen Geschichte für ihre menschenverachende Ideologie zu missbrauchen.

Neonazis am 8. Mai in Demmin. Vorne: NPD-Laienschauspieler Michael Grewe (Foto: Oliver Crzucampo, Archiv)

Zwischen dem 29. April und dem 4. Mai 1945 nahmen sich in Demmin rund 500 Menschen das Leben. In den vergangenen Jahren instrumentalisierten Neonazis die schrecklichen Ereignisse und führten sogenannte Gedenkmärsche “zum gemeinsamen Ehrendienst an unserem Volk” durch. Auch in diesem Jahr soll wieder ein “ehrenvolles Gedenken mit Fackelumzug” begangen werden. Für sie sei der 8. Mai 1945 ein “Tag der Trauer”, dazu passt auch das Motto des diesjährigen Umzuges: “8. Mai 1945 – Kein Grund zum Feiern. Vergessen wir Tod, Leid und Besatzung nicht”.

Viele Menschen aus Demmin und dem ganzen Bundesland stellen sich dieser Geschichtsverklärung entgegen. Das Bündnis “Demmin nazifrei” setzt sich für eine lebendige Erinnerungskultur “Weinen allein bildet nicht” ein. Es werde am 8. Mai ein Friedensgebet und eine Friedensdemonstration stattfinden.

Dass eine Aufarbeitung der Ereignisse aus den letzten Kriegstagen in Demmin solange in der Öffentlichkeit kaum stattgefunden hat, liege nach Auffassung des Publizisten Michael Hollenbach daran, dass es in der Aufarbeitung des 3. Reiches einen sehr starken Fokus auf Täter und Opfer gegeben habe. Die Selbstmörder in Demmin, aber auch in anderen deutschen Städten, waren größtenteils einfache Menschen. Diese hatten keine Lobby, die ihre Geschiche erzählen und aufklären wollten.

Das Ganze im Blick behalten

Florian Huber, Historiker und Publizist, beschäftigte sich mit den Gründen des Massenselbstmordes und grenzt sich stark von rechtsextremen Deutungsversuchen ab. In den letzten Apriltagen 1945 zog sich die deutsche Wehrmacht aus Demmin zurück, gab die Stadt auf und sprengte die Brücken über Peene und Tollense. Huber beschreibt in seinem neuesten Buch “Kind, versprich mir, dass du dich erschießt” auf Grundlage von Tagebucheinträgen der Demminer Bevölkerung die damaligen Ereignisse. So hätte es in Demmin “keinen Endkampf, kein gesonderten Rückzug [gegeben], sondern ein fluchtartiges Absetzen”. Die kampflose Räumung der Stadt habe seinen Preis gehabt, die Menschen seien dem Feind schutzlos überlassen worden. Für den Massenselbstmord habe es laut Huber zahlreiche Gründe gegeben.

Man müsse immer die ganze Geschichte erzählen, so Florian Huber weiter. Damit grenzt er sich von der Interpretation der Neonazis ab, die ausschließlich den Einmarsch der roten Armee als Auslöser für die Selbstmorde sehen. Laut Huber seien Zusammenbruch des Weltbildes, aber auch Furcht und Flucht vor dem Nichts, einige Gründe für einen der größten Massenselbstmorde der neueren deutschen Geschichte.

Die Menschen wussten damals genau, was die deutschen Soldaten getan hatten, Schuldbewusstsein und Angst vor Vergeltung seien ein Grund für den Suizid gewesen. Ende April zog die rote Armee in Demmin ein, durch die Zerstörung der Brücken saßen die sowjetischen Truppen einige Tage fest. Es kam zu Brandschatzungen, wobei nicht klar sei, ob durch die Besatzer oder die Hauseigentümer selbst, und auch zu vielen Gewalttaten und Vergewaltigungen. Diese erlebte Gewalt und bereits im Vorfeld, die Angst vor der Gewalt durch die Rote Armee, seien weitere Gründe für den Freitod. Für den Historiker kam aber auch Massenhysterie als Grund in Frage.

Wissen und Leid

Viele Menschen gingen nicht allein, sondern nahmen ihre Kinder mit in den Tod. Sie erhängten sich an den Balken im Kirchenstuhl oder an Bäumen am Stadtrand, erschossen sich, nahmen Gift oder gingen ins Wasser.

Anfang des Jahres 2015 erklärte Huber gegenüber Deutschlandradio Kultur: “Aus Scham, das NS-Regime unterstützt zu haben, Angst vor Racheakten und vor der heranziehenden roten Armee haben sich Tausende Deutsche umgebracht. Von Januar 1945 bis zur Kapitulation am 8. Mai hat es eine Suizidwelle in Deutschland gegeben. Allein in Demmin waren es Hunderte, die sich erschossen, erhängten oder ins Wasser gingen”.

Es gebe nicht “den einen Grund”, sondern man müsse den Gesamtkontext betrachten und auch die vielfältigen Beweggründe der einzelnen Menschen, die keinen anderen Ausweg sahen, als ihrem Leben eine Ende zu setzen.

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