Das Rollenspiel von Franco A.

Asylbewerber und Berufsoffizier in einer Person. Wie geht das überhaupt und was planten der rechtsextreme Soldat und seine mutmaßlichen Helfer? Die Bundeswehr bleibt Antworten bisher schuldig.

Freitag, 05. Mai 2017
Andrea Röpke

Auch über eine Woche nach Bekanntwerden des neuen Bundeswehrskandals um Franco A. herrscht völlige Unklarheit. Die ungewöhnlich heftige Kritik von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) an der eigenen Militärinstitution sowie deren nebulöse Andeutungen, die Enthüllungen um Oberstleutnant Franco A. aus Offenbach könnten erst der Anfang komplizierter, längerfristiger Ermittlungen sein, geben Anlass zu  vielerlei Spekulationen. Redaktionen berichten von einem braunen Netzwerk und Anschlagsplänen. Andererseits stellen Medienvertreter einen militärischen Skandal in Frage. Sie sprechen eher von „Entgleisungen“ der Ministerin und prophezeien,  die  „selbsterklärte Aufklärerin“ wolle mit  dem barschen Vorgehen  gegen die eigene Truppe nur die „eigene Haut“ retten.

Was steckt wirklich hinter den dubiosen Aktivitäten des Franco A.? Die Faktenlage sieht bisher wie folgt aus: Ein ehrgeiziger Offizier der Bundeswehr macht Karriere, trotz offenbarer rechtsextremer Einstellung. Der Mann zeigte zudem auffälliges Interesse an politischer Subversion. Seit Ende 2015 führte er ein Doppelleben als syrischer Flüchtling in Bayern. Eine schier unglaubliche Geschichte. Doch seit den Enthüllungen im NSU-Skandal ist nichts mehr undenkbar.

„Subversionsstrategie“ als Masterarbeit

Bisher scheint belegt:  Franco A. machte zunächst seinen Realschulabschluss in Offenbach, besuchte dann ein Gymnasium in Frankfurt am Main. In seiner Freizeit ruderte er  im Verein, sein Berufswunsch war Soldat. Nach dem Eintritt in die Bundeswehr 2008 in Idar-Oberstein nahm A. ein Studium an der französischen Militäruniversität Saint-Cyr nahe Rennes auf. Seine Masterarbeit wurde jedoch Anfang 2014 wegen Unwissenschaftlichkeit und völkisch-nationalistischer Inhalte abgelehnt. (Titel: „Politischer Wandel und Subversionsstrategie“). Das Studium der Staats- und Sozialwissenschaften konnte der dunkelhaarige Hesse jedoch abschließen. Danach wurde er  zum Ausbildungszentrum ins bayrische  Hammelburg versetzt und nahm dort an einem ersten Einzelkämpferlehrgang teil. Trotz Warnungen französischer Militärs wurde Franco A.  im Juli 2015  Berufssoldat.

Wie konnte es dazu kommen? Der Militärische Abschirmdienst (MAD) wurde dem bisherigen Kenntnisstand zufolge über den Hintergrund der Masterarbeit des Offiziers nicht eingeweiht. Disziplinarische  Vorermittlungen wegen einer möglichen rechtsextremen Gesinnung durch deutsche Bundeswehrorgane waren zuvor eingestellt worden. Anscheinend überwogen A.s sehr gute Leistungen. Die Zuständigen wiesen ihn darauf hin, in Zukunft „mehr Sorgfalt bezüglich seines Verhaltens als Offizier der Bundeswehr“ walten zu lassen. 

Vermeintlicher christlicher Asylbewerber aus Damaskus

Nur wenige Monate später, im Dezember 2015, nahm  Oberstleutnant Franco A. dann die Doppelidentität von David Benjamin an. Als vermeintlicher christlicher Asylbewerber  aus dem syrischen Damaskus, mit nur wenig arabischen Sprachkenntnissen, beantragte er Asyl.  Die Registrierung ging über  Offenbach nach Gießen und von dort ins bayrische Zirndorf.  Im Januar 2016 erhielt Benjamin einen Platz in der Erstaufnahmeeinrichtung in Erding. David Benjamins Asylantrag  war zum Teil bereits anerkannt und er im November 2016 in Zirndorf  angehört worden. Rund neun Monate zuvor, im Februar 2016, wurde Berufssoldat Franco A. ins entfernte französische Illkirch bei Straßburg  zum Jägerbataillon 291 versetzt.

Am 20. Januar 2017 reiste  Franco A.  dann zum  „Ball der Offiziere“  nach Österreich. Einer elitären Veranstaltung in der Wiener Hofburg. Vor dem Rückflug soll der deutsche Offizier daraufhin eine Pistole vom Fabrikat Walther in einem Luftschacht am Flughafen deponiert haben. Als der Bundeswehrangehörige am 3. Februar erneut zurück nach Wien flog, wurde er von den österreichischen Behörden beim Versuch die Waffe abzuholen, festgenommen –  anschließend aber wieder laufen gelassen. Nun endlich soll der Militärische Abschirmdienst (MAD) auf ihn aufmerksam geworden sein. Der Geheimdienst  übernahm die operative Fallbearbeitung.

Durchsuchungen an 16 Orten in drei Ländern

Trotz des Waffenfunds konnte sich Franco A. zwei Monate später erneut in Hammelburg an einem Einzelkämpferlehrgang beteiligen. Erst danach befragte der MAD ihn zum Waffenkomplex. Franco A. wird als Extremist eingestuft. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ist eingeschaltet. Am 26. April wird der 28-Jährige in Hammelburg von Polizisten verhaftet.

An insgesamt 16 Orten in drei Ländern finden Durchsuchungen statt. Es wird der Verdacht laut, A. könnte Anschläge geplant haben. Ein mutmaßlicher Mitstreiter, der 24-jährige Mathias F., Kumpel aus dem Ruderverein Hellas in Offenbach, ebenfalls Offizier in Illkirch,  könnte davon gewusst haben, bei ihm wird verdächtiges Material beschlagnahmt.  Am Bundeswehrstandort im hessischen Ort Schwarzenborn im Knüllgebirge wird bei einem weiteren Soldaten durchsucht, der in Kontakt zu A. stehen soll. Der kleine Ort gilt seit Jahren zudem als  Treffpunkt junger und alter Neonazis. 

Mutmaßliche Anschlagsnotizen im Kalender gefunden

Auch im niedersächsischen Munster tauchen Ermittler auf. Nach den Hausdurchsuchungen gerät der Reservesoldat Matthias (oder Maximilian) T. in Wien in Verdacht, als Teil des Netzwerkes für mutmaßliche Anschlagsnotizen mitverantwortlich sein. Handschriftliche Notizen, die in einem Kalender gefunden werden, erscheinen wie dahin geschmiert. Sie lauten unter anderem, die türkische Rockergang „Osmanen“ zu bekämpfen („Is nix anderes als von Türkei gesteuerte eingesickerte Armee“),  „Sprengung Rothschild-Stein in Frankfurt“ sowie „Gruppe Antifa: Granate Asylant werfen lassen, filmen.“ Und: „Polizeifunk abhören.“ Auch stand im Taschenkalender: „Wenn Frau Haverbeck ins Gefängnis, dann Befreiungsaktion“. Beim mutmaßlichen Komplizen in Wien wurde eine Liste handschriftlich aufgeführter Namen und Institutionen gefunden. Franco A. und der 24-jährige Mathias F. sitzen in Untersuchungshaft.

Das Verteidigungsministerium verbreitete Fotos aus dem letzten Standort A.s im Elsass,  an den Wänden seines Zimmers in llkirch prangen Wehrmachtsdevotionalien, Plakate mit Runen-Schrift. Das Gehäuse  eines  Sturmgewehrs G 36 ist akribisch mit einem eingeritztem Hakenkreuz verziert. Die Truppe liefert den Medien eine Bildmappe, die wirke, so ein Reporter des „Spiegel“,  als wenn in der Kaserne „ein ganzes Nest von rechtsextremen Bundeswehr-Soldaten seiner Gesinnung“  herumliefen.

Als deutscher Offizier beim elitären „Ball der Offiziere“ in Wien?

Doch dieser Fall geht tiefer. Franco A. war ein aufstrebender Offizier mit vornehmlich sehr guten Verbindungen auch ins Ausland. Die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe übernimmt  die Ermittlungen. Franco A. scheint mehr als nur ein durchgedrehter, sprachlich begabter Rechtsextremist in Uniform, dem seine Vorgesetzten „hohe Intellektualität“ bescheinigten, der sich aus völlig ungeklärten Gründen Zugang ins Flüchtlingsmilieu verschaffte.

Vieles in diesem Szenario ist unfassbar. Wie konnte es Franco A. trotz seiner Vollbeschäftigung bei der Bundeswehr überhaupt gelingen, immer wieder Auftritte als fiktiver syrischer Flüchtling in Bayern hinzulegen? Zuletzt lagen über 300 Kilometer Entfernung zwischen den beiden Wirkungsorten. Warum hinterfragten die zuständigen Behördenmitarbeiter nicht die nicht vorhandenen Arabisch-Kenntnisse des vermeintlichen syrischen Flüchtlings? Wie gelang es Franco A., in Frankreich und  sogar kurzzeitig in Cambridge zu studieren, und schließlich als deutscher  Offizier am elitären „Ball der Offiziere“ in Wien teilzunehmen? Gab es Protegés? Was verbirgt sich hinter der Person des Offenbachers?

Warum schließlich interessierte den Soldaten das Thema Unterwanderung so sehr – stand dieser Spleen in Zusammenhang mit seiner Zweitidentität als Flüchtling? Wozu dann der Waffenschmuggel am Wiener Flughafen, wenn es doch Waffen genug bei der eigenen Truppe gab? Auch bleiben die Behörden bisher eine der wichtigsten Erklärungen schuldig:  Welche Pläne hatten Franco A. und seine mutmaßlichen Mitstreiter tatsächlich?

Gutachter sieht Aufruf zum politischen Wandel

Erklärungen scheinen nur in der Truppe selbst zu finden zu sein. Das deutete auch Ministerin von der Leyen an. Bereits 2014 hätte die Bundeswehr Alarm schlagen und den MAD informieren können. Die Masterarbeit von Franco A. hätte genug Anlass gegeben. Nicht nur französische Vorgesetzte der Akademie in  Saint-Cyr  reagierten eindeutig ablehnend, auch ein als Gutachter beauftragter deutscher Historiker kam nach der Prüfung des Textes zu dem Fazit,  dass es sich bei dem Manuskript nicht um eine „geschichts- und politikwissenschaftliche Abhandlung zum politischen Wandel“ handele, sondern um „einen Aufruf dazu, einen politischen Wandel herbeizuführen, der die gegebenen Verhältnisse an das vermeintliche Naturgesetz rassischer Reinheit anpasst“.

Franco A. soll ein  Weltbild  zum Ausdruck gebracht haben, welches  an Veröffentlichungen der „Identitären Bewegung“ erinnere, heißt es im „Tagesspiegel“. Tatsächlich aber werteten Verantwortliche der Bundeswehr Franco A.s Masterarbeit letztlich nicht als „Ausdruck einer inneren Einstellung“ sondern als „missglückten, weil nicht hinreichend erläuterten Versuch“ lediglich „in die Rolle eines Protagonisten subversiver Tätigkeit“ zu schlüpfen.

„Zweifel an der erforderlichen Einstellung zur Werteordnung“ ausgeschlossen

Rollenspiele schienen A. zu liegen, so argumentierte er in einer  Anhörung im  französischen Fontainebleau am 22. Januar 2014,  bereits während eines Austauschsemesters an der Sciences Po habe er sich „anerkanntermaßen sehr gut in die ihm zugewiesene Rolle“ zum Thema „Atomgespräche des Iran mit den Vereinten Nationen“ versetzen können. Der französische Anthropologe Gustave Le Bon interessierte ihn. Er sei bei einem Aufenthalt im britischen Cambridge dann auf Literatur zum Thema „Religion und Subversion“ gestoßen, das Thema habe ihn animiert. Zur weniger wissenschaftlichen, als eher „essayistischen Schreibweise“ seiner Arbeit sei er durch das Buch eines „namhaften französischen Professors“ ermutigt worden, gab A. an, welches im vergleichbaren Stil als wissenschaftliche Abhandlung verfasst worden wäre. Der eingesetzte Gutachter der Bundeswehr schloss damals „Zweifel an der erforderlichen Einstellung zur Werteordnung“ aufgrund des gewonnenen „Persönlichkeitsbildes“ bei A. aus.

Kategorien
Tags