von Mathias Brodkorb
   

Das Judentum und der kausale Nexus – Siegfried Gerlich über „Antisemitismus“

Einst sprach Ernst Nolte im Historikerstreit von einem „kausalen Nexus“, der zwischen dem Gulag-System und Auschwitz bestehe. Demnach müsse Auschwitz als chronologisch nachfolgende, „überschießende Reaktion“ auf den Bolschewismus verstanden werden. Der Nolte-Kenner und -Schüler Siegfried Gerlich geht nun in der aktuellen „Sezession“ (Nr. 37, August 2010) noch einen Schritt weiter. Demnach sei auch der Antisemitismus nicht ohne die jüdischen Selbstbilder verstehbar.

Ein Antisemit, der so richtig etwas auf sich hält, gibt sich nicht mit seiner eigenen Judenfeindschaft zufrieden, sondern schiebt diese auch noch den verhassten Juden selbst in die Schuhe. Das ist heute so und war auch im Nationalsozialismus nicht anders. Gottfried Feder bspw., einer der einflussreichsten Theoretiker des Nationalsozialismus, stellte 1933 gleich zu Beginn seiner Schrift „Die Juden“ klar, dass er sich selbstverständlich „nur die Auffassung der Juden selbst zu eigen“ mache und eben deshalb einen rassisch begründeten Antisemitismus vertreten müsse.

Genau wegen dieser Denkfigur gilt die Frage nach dem Anteil der Juden am Antisemitismus in Deutschland nicht nur als Tabubruch, sondern als genuiner Ausdruck von Antisemitismus schlechthin. Das musste vor ein paar Jahren auch Martin Hohmann feststellen, als er Juden im Jahre 2003 mit den Führungsetagen des Bolschewismus in Verbindung brachte und damit in den kausalen Nexus zwischen Gulag und Auschwitz einbezog.

Dieses verminte Gelände betritt nun eben auch Gerlich und zeichnet in einem Aufsatz das Wechselspiel zwischen jüdischen Selbst- und antisemitischen Fremdbildern in Deutschland nach. Die These, dass das Weltbild des Antisemiten reine Konstruktion sei und mit realen Juden schlicht nichts zu tun habe – einst von Jean-Paul Sartre in aller Zuspitzung formuliert –, weist Gerlich als methodisch fragwürdig und vor allem als eine Beleidigung der Juden selbst zurück. Denn dies setze ja die „Ausblendung der Eigenart und des Eigensinns des realen Judentums“ geradezu voraus. Daher wirft er der zeitgenössischen Antisemitismusforschung vor: „Indem sie von den Glaubens- und Lebensformen, vom National- wie vom Sozialcharakter der Juden weitgehend absieht und diese lediglich als schemenhafte Projektionsfläche bösartigen Vorurteils oder blinden Wahns in den Blick faßt, behandelt sie dieses Weltvolk methodisch abermals als jenes Pariavolk, zu dem ein hartes Schicksal es immer wieder verdammt hat.“

Für den Publizisten Henryk M. Broder beginnt der Antisemitismus allerdings genau dort, wo den Juden besondere Eigenschaften – und zwar egal welche – zugesprochen werden, weil sie dies gleichsam vom Rest der Menschheit abschneide und daher erst zu möglichen Projektionsflächen des Antisemiten stempele. Das gilt auch und gerade für die These, Juden hätten in der Geschichte aufgrund ihrer Kultiviertheit und Intelligenz eine besonders positive Rolle gespielt: „Zu den gemeinsten und beständigsten antisemitischen Erfindungen gehört die Behauptung, Juden seien besonders intelligent.“ Zuletzt hatte auch der Politikwissenschaftler Gideon Botsch den ehemaligen SPD-Politiker Thilo Sarrazin in einem eigens angefertigten Gutachten aus eben diesem Grunde des Rassismus überführt, weil er bei ihm u. a. mit Blick auf osteuropäische Juden wegen des Hinweises auf einen „um 15 Prozent höheren IQ“ eine „Hierarchisierung von Bevölkerungsgruppen entlang ‚ethnischer' Kriterien und ihre Unterscheidung in (...) 'intelligente' und nicht intelligente (...) Gruppen – nicht Individuen“ festgestellt hatte.

Ganz anders argumentiert hingegen Prof. Christoph Stölzl in einem Beitrag für die „Jüdische Zeitung“. Er hebt umgekehrt die herausragende Bedeutung des Judentums für die Entwicklung der europäischen Moderne hervor: „Nicht nur in der Wirtschaft, sondern gerade in den Kulturberufen (Wissenschaften, Verlagswesen, Literatur, Presse, Medien) spielten die Juden in Deutschland eine herausragende, ihren relativen Anteil an der Gesamtbevölkerung weit übersteigende Rolle.“ Auf eben solche Charakterisierungen stützen sich seit jeher Antisemiten, um ihre Forderungen nach einer „Sonderbehandlung“ der Juden zu rechtfertigen. Und dazu bedurfte es keinesfalls eines Adolf Hitler. Bereits im Jahre 1881 beklagte der Sozialist Eugen Dühring in seinem antisemitischen Machwerk „Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage“, dass sich die Juden überproportional im gesamten Literaturbetrieb festgesetzt hätten und die Öffentlichkeit angeblich durch „raffinirte Literatur“ (sic!) steuerten.

Aber genau dies, dass das Judentum eine die moderne Welt außerordentlich befördernde historische Rolle gespielt habe, stellt auch die Kernthese des Nolte-Schülers Gerlich dar. Der Antisemitismus der Nationalsozialisten wird so letztlich in erster Linie als verzweifelte Abwehr einer Modernisierungsbewegung interpretiert, die durch das Judentum auf paradigmatische Weise verkörpert wurde. Dementsprechend charakterisiert Gerlich den Antisemitismus als „wahnhaft überschießende Reaktion auf das erklärtermaßen ‚jüdische Projekt der Moderne’“ und vergisst nicht hinzuzufügen, dass es sich hierbei um einen "fatalen kausalen Nexus" gehandelt habe. Wer jedoch einen solchen Zusammenhang anerkennt, nämlich dass die Juden ihrer Zeit kulturell voraus waren und gerade deshalb zum Feindobjekt regressiver Mörder wurden, kann das Postulat vom „kausalen Nexus“ jedenfalls nicht mehr in jeder Hinsicht als illegitim und antisemitisch verwerfen - es sei denn, er wollte zugleich eine ganze Reihe von Juden eines pathologischen „Selbsthasses“ überführen.

Dabei stellt Gerlichs Kernthese freilich nichts anderes dar als das Innerste von Noltes Transzendenzlehre, worüber er seine Leser allerdings nicht im Unklaren lässt. Nolte hatte bekanntermaßen in seinem gefeierten Werk „Der Faschismus in seiner Epoche“ (1963) die These aufgestellt, dass der Mensch stets nach der Überbietung seiner selbst strebe und sich hieraus jene historische Erscheinung erklären lasse, die wir mit dem Begriff „Fortschritt“ zu fassen versuchen. Indem Nolte schon damals den „radikalfaschistischen Nationalsozialismus“ als eben jene politische Bewegung begriff, die sich diesem Transzendenzstreben mit aller Macht und Rigorosität entgegen stemmen wollte und dabei in den Juden den Hauptfeind ausmachte, stiegen diese bei ihm gar zu Stellvertretern des anthropologischen Kerngehalts der ganzen Menschheit auf. Von Beginn an war somit in Noltes Faschismus-Theorie nicht nur die These angelegt, dass ein kausaler Nexus zwischen Gulag und Auschwitz bestehe, sondern auch, dass der nationalsozialistische Antisemitismus eine Reaktion auf die angebliche Eigenart des Judentums gewesen sei.

Indem Gerlich allerdings in diesem Zusammenhang lediglich davon spricht, dass der nationalsozialistische Antisemitismus eine „angst- und haßerfüllte Überreaktion auf die europäische Fundamentalrevolution der Moderne“ darstelle, macht er sich unkritisch Noltes Unterscheidung zwischen dem „Verstehbaren“ und dem „Verständlichen“ zueigen. Denn eine „Überreaktion“ ist nicht rundweg falsch, sondern zeichnet sich lediglich durch ein Übermaß aus. Nolte sprach in diesem Zusammenhang immer wieder davon, dass der Antisemitismus der Nationalsozialisten ein „Stück des Richtigen“ enthalte und eben deshalb nicht nur verstehbar, sondern sogar verständlich, also zustimmungswürdig sei.

Eine solche Betrachtungsweise lässt es jedoch an einer sehr elementaren Sache fehlen, nämlich einer Theorie der Kausalität, die die simple Unterscheidung zwischen Ursache und Anlass nicht aus den Augen verliert. Dass ein Nexus zwischen jüdischen Selbstbildern und antisemitischen Fremdbildern besteht, ist bei einem gegnerschaftlichen Verhältnis so selbstverständlich, dass es verwundert, hierüber überhaupt diskutieren zu müssen. Jedoch ist nicht jeder Nexus gleich kausal, so wie ein Anlass oder begleitende Umstände eines Ereignisses nicht gleich identisch mit einer Ursache im eigentlichen Sinne sind.

Diese Unterscheidungen können folglich gleich vor einem doppelten Fehler bewahren: Mit ihnen ist es nicht länger nötig, die verteidigend-wohlmeinende, aber dennoch absurde These aufrechtzuerhalten, dass der Antisemitismus rein gar nichts mit Juden zu tun habe, aber sie bewahrt ebenso vor der falschen Schlussfolgerung, dass Juden in einem echten kausalen Sinne zum Antisemitismus beitrügen. Der Antisemitismus ist vielmehr eine abwertende und unzulässig verallgemeinernde politische Ideologie mit Kollektivhaftungsanspruch, deren kausaler Ursprung – will man nicht den Begriff der menschlichen Freiheit und damit auch Verantwortung aufgeben – allein im Bewusstsein des Antisemiten zu verorten ist.

 

Kommentare(9)

stimmviech Freitag, 20.August 2010, 05:42 Uhr:
Der kommende kausale Nexus heißt: 68-er-Selbstzersetzung- islamfaschistische Umma. Und kurioserweise baut dieser kausale Nexus auf dem vorigen auf und kurioserweise wird er von den " Kämpfern gegen Rechts" nicht erkannt. Die Erkenntnis wird später noch kommen, aber nichts mehr verändern.
 
B.C. Freitag, 20.August 2010, 06:48 Uhr:
@stimmviech
na dann brauchen wir ja nur die "68-er-Selbstzersetzung" aufzuhalten und die "islamfaschistische Umma" faellt aus ;o)
 
Xberg Freitag, 20.August 2010, 10:12 Uhr:
"na dann brauchen wir ja nur die "68-er-Selbstzersetzung" aufzuhalten und die "islamfaschistische Umma" faellt aus ;o)"

Euch Geistreichen wird das Lachen schon noch vergehen.
 
B.C. Freitag, 20.August 2010, 11:48 Uhr:
immer noch besser, als niemals gelacht, herr xberg.
ps: sie halten sich wohl fuer geistlos?
 
Xberg Freitag, 20.August 2010, 17:31 Uhr:
>ps: sie halten sich wohl fuer geistlos?

Nu, daß Sie sich selber zu den Geistreichen vor dem Herrn zählen, daran habe ich keinen Zweifel... ^^
 
B.C. Montag, 23.August 2010, 17:56 Uhr:
Vielleicht sollte Sie dann mit dem Lachen anfangen. Irgendwelche Ziele braucht man doch im Leben. Und erreichbar sollten sie ja auch sein.
 
ebook leser Sonntag, 29.August 2010, 11:39 Uhr:
Eine bessere und vor allem kostenlose Werbung für sein neues Buch kann sich Sarrazin gar nicht wünschen. Wenn das so weitergeht, dann kennt es auch der letzte in unserem Land. Zugegebenermassen habe ich es noch nicht gelesen und kann also nicht mitsprechen, allerdings wird man es lesen müssen um sich aus erster Hand eine Meinung zu bilden und das Buch entsprechend beurteilen zu können.
 
effibalci Mittwoch, 20.Oktober 2010, 08:42 Uhr:
Die Juden sind unser Glück!
 
Josef Hedelfiger Montag, 10.September 2012, 09:45 Uhr:
Die "Faschismen" der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts (Italien, Deutschland, Spanien) sind allesamt Reaktionen auf den Bolschewismus im eigenen Lande. Aber lediglich in Deutschland war der Faschismus nicht nur links, sondern auch antisemitisch. Franko hat die Juden Griechenlands nicht nur geschützt, sondern sogar aufgenommen und bei Mussolini (gestorben 1943) gab es keinerlei Deportationen.

Man sollte immer vorsichtig sein, wenn man Kategorien aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verwendet.
 

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