Das Gesicht des braunen Terrors

Die mordenden Zwickauer Neonazis scheinen schon vor ihrem Abtauchen in die Illegalität die Nähe zu Rechtsterroristen gesucht zu haben – zumindest einigen Mitstreitern in der Szene soll ihr späterer Verbleib nicht unbekannt gewesen sein.

Dienstag, 15. November 2011
Andrea Röpke

Mörder, Brandstifter, Waffennarren und Bombenbastler gehören zu den Kultfiguren im Innercircle der Neonazi-Szene. Mit Parolen wie „Solidarität für Kay Diesner“, den Polizistenmörder, „Freiheit für Sven Krüger“ den Waffenfreak oder auch nur dem zynischen Zahlencode „168:1“ auf Shirts zeigen viele Nationalisten ihre Zustimmung zum braunen Terror. (Beim Bombenanschlag auf ein FBI-Gebäude in Oklahoma City im Jahr 1996 kamen 168 Menschen ums Leben. Ein Neonazi wurde für die Tat hingerichtet). Verbotene rechte Terrororganisationen wie „Blood&Honour“ („28“ ) oder „Combat 18“ haben bei einschlägigen Versandhändlern als „Markenzeichen“ Konjunktur.

Ähnlichen Kultstatus werden sich wohl auch die thüringischen Bombenbastler Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt erhofft haben, als sie zunächst 1998 in den Untergrund verschwanden und im Laufe der Jahre ein äußerst makabres Video ihrer geheimen Untaten produzierten. Seit Sonntag schockiert das Bekennervideo das Land. Es offenbart nicht zuletzt den polizeilichen Ermittlern das ganze Ausmaß der rassistischen Blutspur, die das Neonazi-Trio nach seinem Verschwinden vor 13  Jahren hinterließ.

Motto: „Taten statt Worte“

Die braune Gruppe wird inzwischen mit einem Nagelbombenanschlag in Düsseldorf, zehn Morden an Migranten und diversen anderen rassistisch oder antisemitisch motivierten Anschlägen in Verbindung gebracht. Vier in den Trümmern ihrer explodierten Wohnung in Zwickau aufgefundene Kopien des Bandes belegen, dass sich die drei Jenaer Neonazis nun NSU – „Nationalsozialistischer Untergrund“ – nannten und scheinbar mit ihren Bluttaten berühmt werden wollten. Zwei Kopien des Videos sollen kurz vor ihrem Tod an „PDS“-Büros in Sachsen-Anhalt und Sachsen versandt worden sein. Eines der Postpakete wurde am heutigen Dienstag von der Polizei beschlagnahmt.

Seit dem durchaus mysteriösen Tod der beiden Männer in einem Wohnmobil in Eisenach am 4. November und der anschließenden Verhaftung der Neonazistin Zschäpe wird immer deutlicher, dass auch diese rechten Mörder weder Unrechtsbewusstsein noch Verdrängung gesucht haben. Im Gegenteil, sie scheinen sich eher als militante Avantgarde einer insgesamt radikalen „NS-Bewegung“ gefühlt zu haben. „Taten statt Worte“ lautete ihr Motto – und sie suchten die Öffentlichkeit.

Der Professorensohn Uwe Mundlos kannte viele Anführer der Szene. Beate Zschäpe war schon als junges Mädchen in den Plattenbausiedlungen gefürchtet. Sie galt als Hardlinerin mit Kontakten zu den Wortführern des damaligen „Thüringer Heimatschutzes“. „Die war immer dabei“, erinnert sich ein ehemaliger Jenaer. Sie war damals mit Mundlos liiert, der vor dem Abitur in Ilmenau stand. Hilfsarbeiter Böhnhardt kam erst etwas später hinzu. Die drei waren nicht isoliert. Sie gehörten zur Kameradschaftsszene und später zum Thüringer Heimatschutz (HTS), heißt es. Inwieweit ihr politisches Umfeld von damals von Morden und Anschlägen wusste, bleibt bisher unklar.

Sprengstoffanschläge der „Deutschen Aktionsgruppen“

Früh scheinen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt die Nähe auch zu Rechtsterroristen gesucht zu haben. Fotos zeigen die beiden jungen Männer 1996, gemeinsam mit den Thüringer Neonazis Ralf Wohlleben und Andre Kapke, beim Prozess gegen Manfred Roeder. Roeders „Deutsche Aktionsgruppen“ verübten 1980 sieben Brand- und Sprengstoffanschläge, zum Teil gegen Unterkünfte von Ausländern, aber auch gegen Ausstellungen. Dabei starben in Hamburg zwei Vietnamesen. Der unbelehrbare Altnazi Roeder wurde 1982 wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung verurteilt. Später trat er als Kandidat der NPD in Stralsund auf, reiste mit jungen Anhängern zu den Externsteinen oder hält unzählige Vorträge.

Der über 80-jährige Roeder lebt heute in Hessen und musste sich immer wieder vor Gericht verantworten. Den beiden damals jungen Neonazis aus Jena mögen seine Aktionen Inspiration für ihre späteren Gewalttaten gewesen sein. Denn auch deren Opfer waren Migranten, auch sie verübten wohl Anschläge auf kritische Ausstellungen.

Während dann Kameraden wie Ralf Wohlleben und Andre Kapke durch provokative Aktionen in der Öffentlichkeit auffielen, sich von der NPD distanzierten, das nationalistische „Fest der Völker“ mit hunderten von Anhängern organisierten sowie die Kneipe „Heilsberg“ besuchten oder das „Braune Haus“ in Jena aufbauten und sich dem radikalen „Freien Netz“ anschlossen, hatte sich das später nach Zwickau abgetauchte Trio längst für ein Leben in der Illegalität entschieden. Ihr Verbleib aber soll zumindest einigen Mitstreitern in Jena nicht unbekannt gewesen sein, berichten Insider in Jena. Politische Beobachter wunderten sich 2003, als die drei nach der fünfjährigen Verjährung ihrer Bombenexperimente abgetaucht blieben.

Im Umfeld der Hannoveraner „Kameradschaft 77“ agiert

Nun wurde bekannt, dass einer ihrer Helfershelfer Holger G. aus dem niedersächsischen Lauenau gewesen sein soll. Der hochgewachsene blonde Mann, aufgewachsen in Jena, wurde am Montag im Weserbergland als Komplize festgenommen. Der Generalbundesanwalt wirft dem 37-Jährigen vor, die untergetauchten Neonazis mindestens seit 2007 unterstützt zu haben. Er verkaufte ihnen demnach seinen Führerschein und Reisepass. Mit den Papieren wurde anscheinend unter anderem ein Wohnmobil für Überfälle angemietet. Der Name eines weiteren Kameraden taucht auf: Matthias D. aus Niedersachsen. Auch er soll dem Trio Dokumente überlassen haben. Die Ermittlungen dauern an.

In einer Pressekonferenz stellte das niedersächsische Landesamt für Verfassungsschutz den potenziellen Komplizen G. gestern als Randfigur der Szene dar. Der Mann aus Thüringen wohnte bislang unauffällig im Kreis Schaumburg, arbeitete in einer Logistikfirma in der Kleinstadt Lauenau und fuhr an den Wochenenden zurück in die thüringische Heimat. In Niedersachsen soll er Recherchen zufolge im Umfeld der Hannoveraner „Kameradschaft 77“ agiert haben

Sein aktueller Facebook-Account offenbarte jedoch auch Freundschaften zu Neonazis aus dem Umfeld der berüchtigten ehemaligen „Kameradschaft Weserbergland“. Einer von G.s Freunden trat beim Neonazi-Aufmarsch in Bad Nenndorf mit der Aufschrift „Combat 18 Group“ und einer schwarzen Fahne an. Eine seiner virtuellen Freundinnen nennt sich szeneintern „Lucky 18“. Wie das niedersächsiche Innenministerium bekannt gab, hatte G. auch Kontakte zum mehrmals verurteilten ehemaligen NPD-Vorstandsmitglied Thorsten Heise aus dem thüringischen Fretterode.

Die „Streiche von Max und Moritz“

Heise, heute Träger teurer Anzüge, galt lange als einer der militanten Köpfe in Norddeutschland, war Anführer der Kameradschaft Northeim. Bei einer der letzten Hausdurchsuchungen in dessen thüringischem Gutshaus fanden Beamte des Bundeskriminalamts Waffen. 

Immer wieder fallen Affinitäten ins Auge. So hat auch Heise scheinbar etwas für Comics übrig. Sein „Witwe Bolte“-Versand präsentiert sie auf der Homepage. Während der Rosarote Panther durch das gruselige Bekennervideo des Zwickauer Trios führt und von „Streichen“ die Rede ist, vermarkten Thorsten Heise und seine Mitstreiter politische Botschaften über die „Streiche“ der Wilhelm Busch- Figuren „Max und Moritz“. Das mag Zufall sein.

Längst gilt die thüringische Neonazi-Szene als eine der militantesten und Kontakte in ähnliche Lager in den Nachbarbundesländern werden seit Jahren gepflegt. So ist es wohl kaum ein Zufall, dass die Rechtsrock-Band „Eichenlaub“, die den drei damals abgetauchten Bombenbastlern einen Song widmete, auch ein konspiratives Konzert im Südwesten Niedersachsens gab.

Beschlagnahmtes Video verschwunden

Auffällig ist für Szenekenner: Obwohl viele der neonazistischen Wortführer aus dem Umfeld der Jenaer Andre Kapke und Ralf Wohlleben gerichtsbekannt sind, kamen sie doch meistens mit glimpflichen Strafen davon. Ein Insider, ehemaliges Führungsmitglied der Szene, freut sich noch heute, wie es damals „dank der Hilfe“ von Behördenangehörigen gelungen sein soll, belastende Beweise verschwinden zu lassen. Mal verschwand ein beschlagnahmtes Video von einer Schlägerei, behauptet er gegenüber Journalisten, mal endeten schwere juristische Anklagen in harmlosen Anschuldigungen.

Trotz aller Ausmaße des braunen Terrors scheinen sich die thüringischen Neonazis wohl zu fühlen. Ein ehemaliger verurteilter Brandstifter aus Eisenach ließ sich am Wochenende in den Bundesvorstand der NPD wählen, die von Führungskräften offen als „Kampfgemeinschaft“ präsentiert wurde. Ralf Wohlleben und Andre Kapke dagegen sollen sich auf einem nationalen Liederabend in Saalfeld amüsiert haben.

 

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