Claus Schenk Graf von Stauffenberg und der 20. Juli 1944

Die Mehrheit der Deutschen war in der Zeit des Nationalsozialismus entweder durch Propaganda verführt, versteckte sich vor Zwang und Terror oder war, zufrieden mit den Errungenschaften der nationalsozialistischen Herrschaft, dem „Hitler-Mythos“ verfallen. Einige hatten auch Vorbehalte, eine Minderheit der Regimegegner flüchtete in die „innere Emigration“ und zeigte  durch diskrete Verweigerung ihre Opposition und auch politische Opposition entwickelte sich. Etwa bei der kleinen Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, die den Versuch unternahm, Hitler durch einen Staatsstreich zu töten.

Freitag, 20. Juli 2012
Claudia Naujoks
Claus Schenk Graf von Stauffenberg und der 20. Juli 1944
Claus Schenk Graf von Stauffenberg und der 20. Juli 1944

Die von den Nationalsozialisten proklamierte Erneuerung des deutschen Reiches und Volkes waren viele in der konservativen staatstragenden Schicht bereit mit zu tragen. Auch Stauffenberg war dem NS-Regime zunächst nicht abgeneigt, so zeigte er unter anderem Sympathien für die Aufkündigung des Versailler Vertrages und die Wiederherstellung der Grenzen von 1914. Doch die grausamen Massenmorde beim Angriff auf die Sowjetunion und Hitlers teils „planlose“ Kriegsführung brachten Stauffenberg zu der Erkenntnis, dass der Führer beseitigt werden müsse.

Durch die Übernahme der Stellung des Chef des Stabes der Heeresrüstung und Befehlshaber des Ersatzheeres erlangte Graf von Stauffenberg die Möglichkeit, gelegentlich Zugang zu Hitlers Lagebesprechungen auf dem Obersalzberg oder im „Führerhauptquartier“ in Rastenburg zu erhalten. „Diese neue, relativ freie Zugangsmöglichkeit bestärkte v. Stauffenberg in seinem Entschluss, das Attentat selbst auszuführen“ (Ueberschär). Ein Risiko für den geplanten Staatsstreich war, dass v. Stauffenberg nicht rechtzeitig nach Berlin zurückkehren konnte, um den „Walküre“-Alarm auzulösen sowie die notwendigen Anordnungen zu betreiben und zu überwachen. Diese Verbindung von Attentat und Staatsstreichplanung und -umsetzung in der Person Stauffenberg führten unter anderem zum Scheitern der Umsturzpläne. Weiterhin wurde Stauffenberg wohlmöglich in seinem Entschluss, das Attentat selbst durchzuführen bestärkt, nachdem seine Mitverschwörer Julius Leber und Adolf Reichwein nach geheimen Kontakten mit kommunistischen Widerstandsleuten verhaftet wurden.

Die in den letzten Monaten erheblich schlechter gewordene militärische Lage für das Deutsche Reich ließ die Überlegung aufkommen, ob ein „Attentat auf Hitler überhaupt noch Sinn habe“. (ebd.). Daraufhin soll Generalmajor von Tresckow zu Stauffenberg gesagt haben, „das Attentat muß erfolgen, koste es, was es wolle. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig“ (ebd.). Nach dem Tode Hitlers sollten Umsturzpläne greifen, die schon von langer Hand vorbereitet wurden, unter anderem vom „Kreisauer Kreis“. Um das Land unter Kontrolle zu bringen, hatte Staufenberg gemeinsam mit seinen Freund Mertz von Quirnheim den Operationsplan „Walküre“ entworfen. Dazu wurde ein „Netz aus vertrauenswürdigen Offizieren in den wichtigen militärischen Schaltstellen“ geknüpft (Benz).

Neben Hitler sollten bei dem geplanten Attentat auch Himmler und Göring getötet werden. Aus diesem Grund wurde das Attentat auf Hitler dreimal verschoben, da die beiden bei den Lagebesprechungen auf dem Berghof bei Berchtesgarden am 6., 11. und 15. Juli nicht anwesend waren; sie sollten als gefährlichste und wichtigste Gefolgsleute Hitlers zusammen mit ihm getötet werden (Benz). Nach dem Haftbefehl der Gestapo gegen Stauffenbergs Mitverschworenen Goerdeler am 17. Juli war Stauffenberg zu Eile angehalten. Am 20. Juli 1944 wurde Stauffenberg in  Hitlers Hauptquartier „Wolfschanze“ geladen, um über die Aufstellung von Sperrdivisionen zu sprechen. Obwohl Himmler und Göring auch dieses Mal fehlten, zögerten Stauffenberg und sein Adjutant Oberleutnant Werner von Haeften nicht länger. In einer Pause bereitete Stauffenberg den Zeitzünder des Sprengstoffpaketes vor, wurde dabei aber gestört, so dass er nur die Hälfte des mitgeführten Sprengstoffes scharf stellen konnte. Die andere Hälfte ließ er bei von Haeften zurück.

Diese Handlung ließ in der historischen Nachbetrachtung die Frage aufkommen, ob von Stauffenberg Hitler wirklich habe umbringen wollen. Doch die von Stauffenberg und seinen Mitverschwörern ohne Zögern eingeleiteten Staatsstreichaktionen in Berlin nach dem Attentat zeigten, dass es ihnen mit Attentat und Umsturz ernst wahr.

Die Aktentasche mit dem Sprengstoff wurde am großen Kartentisch in der Nähe von Hitler abgestellt, der die Lagebesprechung bereits seit 12.30 Uhr leitete. Gleich im Anschluss verließ Stauffenberg unter dem Vorwand nochmals telefonieren zu müssen den Raum. Eine knappe Viertelstunde später detonierte das Sprengstoffpaket, war aber zu schwach, um Hitler zu töten. Der Diktator wurde nur leicht verletzt, wären beide Pakete Sprengstoff in der Tasche gewesen, hätte keiner der 24 Anwesenden im Saal überlebt. Da Stauffenberg gemeinsam mit Erich Fellgiebel, bei dem er die Zündung beobachtet hatte, die heftige Detonation und die starke Zerstörung der Baracke sah, gingen beide davon aus, dass Hitler tot sei (Ueberschär). Vier der Teilnehmer, die in unmittelbarer Nähe der Tasche standen, fanden den Tod, andere wurden leicht oder schwer verletzt.

General Fellgiebel verhängte kurz nach dem Attentat die vereinbarte Nachrichtensperre über das „Führerhauptquartier“. Mit der ersten Stufe des „Walküre“-Plans konnten aber nicht die der SS unterstehenden Telefonverbindungen unterbunden werden.

Trotz Alarmierung gelang es Stauffenberg und von Haeften, das „Führerhauptquartier“ zu verlassen und mit dem Flugzeug nach Berlin zu fliegen. Erst vier Stunden nach dem Attentat kamen die beiden in Berlin an. Durch eine Meldung Fellgiebels aus Ostpreußen, dass Hitler überlebt habe, erfolgte dort keine vollständige Alarmierung, wie es eigentlich der Umsturzplan vorgesehen hatte. Nach dem Erscheinen von Stauffenberg wurde die gesamte Alarmkette für „Walküre“ ausgelöst. Jedoch zeigte sich bald, dass die Verschwörer den Wettlauf um die rasche Übernahme der vollziehenden Gewalt im Reich immer mehr verloren. Gleichwohl versuchte von Stauffenberg „unablässig, den Umsturz doch noch voranzubringen“ (Ueberschär).

Da jedoch immer mehr Befehlshaber und Dienststellen vom Überleben Hitlers erfuhren, kam die Aktion der Verschwörer ins Stocken. Durch die widersprüchlichen Meldungen aus Berlin und von der „Wolfschanze“ zögerten viele der Eingeweihten und unterstellten sich wieder Hitler. Endgültig verloren galt der Staatsstreich, als über Rundfunk Goebbels um 18.30 Uhr verkündete, Hitler habe das Attentat überlebt. Letzte Zweifel wurden durch die Radioansprache Hitlers an das Deutsche Volk beseitigt. Nach der Meldung, Himmler sei zum Befehlshaber des Ersatzheeres ernannt, „entwickelte sich im Bendlerblock [Sitz der Verschwörer in Berlin, Anm. C.N.] eine hitlertreue Gegenbewegung von Stabsoffizieren [...]. Sie wollten sich ganz offensichtlich nicht den späteren Vorwurf der Duldung des Putsches sowie der Mitwisser- und Mittäterschaft aussetzen und machten deshalb, nachdem sie sich mit Waffen versorgt hatten, gegen die Verschwörer Front“ (Ueberschär).

Fromm nahm mit Hilfe der Gegenbewegung Generaloberst a. D. Beck, Generaloberst a. D. Hoeppner, General Olbricht, Oberst Graf von Stauffenberg, Oberst Merz von Quirnheim und Oberstleutnant von Haeften gefangen. Während er Beck und Hoeppner die Gelegenheit bot, sich selbst zu erschießen (Hoeppner lehnte ab), erklärte Fromm die Übrigen für „standgerichtlich“ zum Tode verurteilt und ließ die Offiziere nach Mitternacht durch ein Sonderkommando rechtswidrig und willkürlich im Hof erschießen. Stauffenberg starb mit einem Ruf auf Deutschland. „Wahrscheinlich lautete sein Ruf 'es lebe das geheiligte Deutschland'“ (Hoffmann).

Die Tat Stauffenbergs und seiner Mitverschwörer hat in der deutschen Geschichte ebenso wenig eine Parallele wie die Verbrechen Hitlers. Dies schmälert nicht die Verdienste eines Georg Elsers, der Geschwister Scholl und vieler anderer. Stauffenberg war für die meisten Strömungen seiner Zeit politisch nicht repräsentativ, weder für Konservative wie Goerdeler noch für Gegner aus dem kirchlichem Umfeld, noch für Gegner deutscher Machtpolitik wie Moltke und Bonhoeffer, noch für Sozialisten und Kommunisten. Jedoch trägt die Tat soviel ethische und politische Kraft in sich, dass beide Nachkriegsstaaten das Erbe pflegten und auf seine Ausstrahlung Anspruch erhoben (Hoffmann).


Literatur:

Peter Hoffmann: „Stauffenberg und der 20. Juli 1944“, C.H. Beck, München 2007

Gerd R. Ueberschär: „Stauffenberg und das Attentat vom 20.Juli 1944“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2006

Wolfgang Benz: „Geschichte des Dritten Reichs“, dtv, München 2008

Gerd R. Ueberschär: „Für ein anderes Deutschland. Der deutsche Widerstand gegen den NS-Staat 1933-1945“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Frankfurt a. M. 2005

Joachim Fest: „Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli“, btb, Berlin 2004


Claus Schenk Graf von Stauffenberg
- geboren am 15.11.1907 auf Schloss Jettingen, sein Zwillingsbruder Konrad starb schon am 16.11.1907
- gestorben am 20.7.1944 im Hof des Bendlerblocks auf Befehl von Generaloberst Fromm erschossen
- Stauffenbergs Familie zählte zum süddeutsch-katholischen Adel
- als Jugendlicher hatte Stauffenberg Kontakt zum Kreis um den Dichter Stefan George
- seit 1926 in der Reichswehr
- stand der Weimarer Republik reserviert gegenüber, begrüßte anfangs den Machtantritt der NS-Regierung aus nationalen Erneuerungsideen. Er hoffte auf einen nationalen Wiederaufbau
- am 26. September 1933 Nina v. Lerchenfeld geheiratet
- nahm am Polen- und Frankreichfeldzug teil, registrierte den Sieg über Frankreich mit großer Genugtuung
- Aus scharfer Ablehnung der ihm bekannt gewordenen Hitlerschen Ausrottungs- und Vernichtungspolitik wurde er ab 194 zum Gegner des NS-Regimes
- Mitte Februar 1943 in Nordafrika, dort schwer verwundet
- wieder zurück in Deutschland plante er an dem Einsatz der „Walküre“-Alarmierung als militärische Grundlage für einen Staatsstreich gegen Hitler entscheidend mit und hielt engen Kontakt zum „Kreisauer Kreis“
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