von Tim Schulz
   

Chronik des Hasses

Rechtsextreme Gewalt und die menschenfeindliche Ideologie, die dahinter steht, waren auch 2017 ein Kernthema. Die Zahl der Gewaltverbrechen mit einem entsprechenden politischen Hintergrund bleibt weiterhin auf einem hohen Niveau. Auch die Schlagzeilen über militante Neonazis, Reichsbürger und mutmaßliche Rechtsterroristen sollten nicht abreißen. Mit dem neuen „Jahrbuch Rechte Gewalt – Chronik des Hasses“ gibt Andrea Röpke nun einen Überblick über historische Kontinuitäten, aktuelle Entwicklungen und den Stand der extremen Rechten in Deutschland.

Zia Z. erlebte ganz konkret was passiert, wenn rechtsextreme Hetze in Gewalt umschwingt. Der Lehrer, der vor militanten Fundamentalisten aus Pakistan floh, wurde im sachsen-anhaltinischen Zerbst zuerst brutal zusammengeschlagen und dann bewusstlos in einem Gleisbett dem Tod überlassen. Dass er überlebte, ist eher dem Zufall geschuldet. Das Schicksal von Zia Z. ist eines von vielen, die Andrea Röpke in dem Buch vorstellt. Eine Perspektive, die sonst nur wenige beleuchten.

Biker, Terroristen und Neue Rechte

Neben dem umfangreichen Monitoring rechter Gewaltverbrechen, das die Autorin in Zusammenarbeit mit Opferberatungs-Organisationen zusammengestellt hat, geht die Fachjournalistin in ihrem Jahrbuch auch auf aktuelle Entwicklungen und die bedeutendsten Strukturen der rechten Szene ein. So liefert sie etwa fundierte Hintergrundanalysen zur Neuen Rechten, diskutiert deren Strategien und ideologische Bezüge und beleuchtet die teils internationalen Verbindungen von Götz Kubitscheks „Institut für Staatspolitik“, der Identitären Bewegung und der amerikanischen Alt-Right-Bewegung. Unterstützt wurde sie dabei von renommierten Journalisten und Experten, wie Jan Rathje, Heike Kleffner und Jan Raabe.

In anderen Kapiteln widmet Röpke sich ebenso akuten Themen wie der Reichsbürger-Bewegung, der wieder erstarkenden Rechtsrock-Szene oder analysiert am Beispiel des Bundeswehrsoldaten Franco. A. die gefährlichen Verbindungen rechter „Kameraden“ in Polizei und Militär. Die Journalistin begnügt sich allerdings nicht nur mit Phänomenen, die ohnehin im medialen Fokus stehen, sondern rückt auch Vorfälle in den Vordergrund, über die sonst nur wenige berichten: Etwa über die Engagierten, die die Aufarbeitung des NSU-Terrors begleiten und protokollieren. Zudem setzt sie sich in ihrem Buch kritisch und differenziert mit dem Umgang staatlicher Behörden und der Justiz mit dem Thema Rechtsextremismus auseinander.

Rechte Netzwerke wachsen

Eines wird dabei immer wieder deutlich: Die verschiedenen Akteure der Szene vernetzen sich zunehmend, werden immer anschlussfähiger und können sich teils unbehelligt in der Mitte der Gesellschaft bewegen. Rechte Verschwörerkreise aus Neonazis und Reichsbürgern, die zusammen mit fremdenfeindlichen Bürgerinitiativen agieren. Neurechte die im Rahmen von Pegida und Co. ihre Ideologie verbreiten. Und die Rocker-Szene, die sich gleichermaßen klassischen Rechtsextremisten und dem Milieu der rechtspopulistischen Bürgerbewegungen annähert – die Grenzen innerhalb der Szene verschwimmen, so Röpke.

Insgesamt ist das „Jahrbuch rechte Gewalt“ nicht nur für Szenekenner interessant, sondern bietet auch einem weniger fachkundigem Publikum ein übersichtliches Lagebild über die Situation der extremen Rechten in Deutschland. Andrea Röpke schafft dabei den Spagat zwischen der Darstellung der Perspektive von Betroffenen und der sachlichen Analyse aktueller Entwicklungen und Strukturen rechts der Mitte. Das „name dropping“, welches mit der Darstellung von Strukturen einhergeht, kann allerdings stellenweise Verwirrung stiften.

„2018 Jahrbuch rechte Gewalt. Chronik des Hasses“
Andrea Röpke
Droemer Knaur-Verlag, ISBN: 978-3-426-78913-1
384 Seiten, 12,99 Euro

 

 

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